Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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OIE WAHRHEIT Seile 5 heit schlummernden Funken des Guten und Edlen, den Geist der Schaffenslust, der Opferfreudigkeit und der Nächstenliebe zu entzünden, das ist der Keim der Zukunft, das sind Bausteine für eine Kultur, deren Bestand von unvergänglicher Dauer sein wird. Die wichtigste Quelle einer derartigen Erziehung ist für uns Juden stets die Bibel gewesen, die sittlichen Grundsätze unserer heiligen Schrift weisen auf höhere göttliche Ideale hin, die der rein menschlichen Erziehung vorschweben sollen. Und wie sich von dem Ziele des öffentlichen jüdischen Gemeinschaftslebens der Wert srttfich-religiöser Erziehung mit seinen unvergleichlichen Beispielen brüderlicher Verbundenheit und selbstlosen Opfersinns ganz übersehen läßt, so kann das Gemütsleben und die Charakterbildung in einem wahrhaft jüdischen Hause, das auf religiöse Erziehung Wert legt, günstige Resultate zeitigen. Daß hierzu ein zweiter nicht zu unterschätzender Faktor durch die Unterweisung durch Exegese und Exhorte tritt, ist selbstverständlich, denn was das Kind unter der Führung eines geschickten Lehrers erfaßt, was sein innerstes Wesen weitet und bereichert, ist gerade das rein Menschliche an den biblischen Gestalten. Wecken wir doch dadurch vor allem die sympathetischen Gefühle des Kindes, sein Mitleid, seinen Wahrheitssinn und sein Rechtsgefühl. Wir entwickeln im Kinde die Fähigkeit, sich fremde Gemütszustände an Hand biblischer Gestalten vorzustellen, fremdes Leid und fremde Freude nachzufühlen, seine Fähigkeit, sich an die Stelle anderer zu versetzen und die Dinge als unparteiischer Beurteiler zu betrachten, was für das spätere Leben des Kindes besonders wichtig ist. Zur Wiederbelebung des religiösen Sinnes soll, soweit es in das Schulbereich gehört, das lebendige Interesse des Schülers hierfür gewonnen werden. Man führe die Jugend gleichsam durch die Gemäldesammlungen ihrer großen Vorfahren, man lenke ihr Augenmerk auf die erhabenen, von aller Welt angestaunten Epochen Israels in der Vorzeit, man schildere ihnen das herrliche Altertum mit all seinen ausgezeichneten Gestalten und zur Nachahmung auffordernden Vorbildern, man führe der Jugend in lebhaften Farben die Ereignisse aus der Vergangenheit, den prächtigen Gottesdienst im Heiligtume, Szenen aus dem Leben der Richter, Propheten, Könige und Feldherren deutlich und plastisch vor Augen und suche auf diese Weise die Jugend in eine gewisse Begeisterung für die Religion des Judentums zu versetzen. Es mag sein, daß Kinder die volle Tragweite und Bedeutung der religiösen Begriffe noch nicht vollauf zu erfassen und zu würdigen verstehen. Wenn aber diese Dinge der Jugend gehörig expliziert worden sind, so bilden sie einen festen Rahmen, den das spätere Leben mit persönlichem Inhalte erfüllt, einen Komplex von Gedanken, der eine vertiefte Auffassung des Menschen und seiner Pflichten gewährt und so mächtige Stützen im Lebenskampfe bildet, wie es eine bloß moralische Anschauung nimmermehr vermag. Allerdings muß es eine Hauptaufgabe dieser Art des Unterrichtes sein, zwei Klippen zu vermeiden: Einerseits durch Massenhaftigkeit des Stoffes und oftmalige Wiederholung den Ueberdruß, die Gleichgültigkeit der Schüler hervorzurufen, anderseits im Unterrichte selbst trocken, lehrhaft oder rein imperativisch zu wirken. Ein solch ewiges Moralisieren würde nur dazu führen, den Schülern die religiöse Ethik zu verleiden. Diese Religionsstunde soll vielmehr auf einem ganz anderen Boden stehen und nach einer ganz anderen Methode erteilt werden als die übrigen Lehrgegenstände. Sie soll herausgehoben aus dem Werktag der Schule eine Feierstunde sein, in der das Herz zum Herzen spricht, die Seele des Kindes über die Verhältnisse des Alltags hinweggetragen und dem jugendlichen Gemüte das Walten und Wirken einer höheren Macht verständlich wird. Darum müssen alle sittlich-religiösen Begriffe durch möglichste Anknüpfung an das vom Kinde unmittelbar zu Erlebende gebildet und durch Erzählungen, Zitate und ethische Normen der heiligen Schrift erhärtet, sowie durch geschichtliche Beispiele lebendig vor Augen geführt werden. Auf diese Weise gelangt das heranwachsende Kind zur Erkenntnis, daß ein Ineinandergreifen und Zusammenwirken von Leben und Religion zu einem wichtigen Resultate führt: Zur Arbeit und Verantwortlichkeit.. Zwischen diesen beiden Begriffen stellt die religiöse Erziehung eine unauflösliche Verbindung her. Die Darstellung und Darbietung des Unterrichtsstoffes muß, wie der Vortrag selbst fesselnd und interessant sein und durch Gleichnisse und Geschichten belebt werden. Midrasch und Hagada bieten hierzu reichliches Material. Anregend für den Schüler ist die Dialogform, welche Schüler und Lehrer einander näherbringen. Referate aus jedem Wissenszweige, aus Kunst und Literatur, sofern sie irgend einen Zusammenhang mit dem Judentum aufweisen, abgestuft nach Individualität und Auffassung einerseits, anderseits nach Altersklassen geordnet, tragen in Verbindung mit einer darauffolgenden Diskussion wesentlich zur erhöhten fruchtbringenden Mitarbeit der Schüler bei. Hierzu kommen in den höheren Klassen religionsphilosophische und psychologische Erörterungen. In der äußeren Form verkörpert die jüdische Ethik den höchsten sittlichen Lebensgehalt und die Ideale des jüdischen Volkes, im Gottesbegriffe erblickt das Judentum die Vollendung, in der religiösen Praxis, im Kultus und Gebet ersehnt es sich Verwirklichung menschlicher Wünsche und Hoffnungen. In bezug auf das Wesen und die kulturgeschichtliche Bedeutung der religiösen Ethik dürfte Einigkeit herrschen unter denen, welche sich überhaupt auf dem Boden der Wissenschaft befinden, einerlei ob sie Freunde oder Gegner der Religion sind. Das Bestreben, ihren inneren Wert auch in der Gegenwart zu erhalten und mit allen Mitteln auf die gegebenen Verhältnisse unserer jüdischen Jugend anzuwenden, ist Pflicht der jüdischen Familie. Mit einer Mahnung an die Eltern, den Kindern mit bestem Beispiele voranzugehen und insbesondere selbst mit Achtung von der Religion und ihren Institutionen zu sprechen, keine Gelegenheit im jüdisch-religiösen Leben verstreichen zu lassen um ein Vorbild dem Kinde zu bieten, schloß der Redner seinen Vortrag. ,Wi&* VORNEHME FAMILIEN - PENSION |Hntaflntioi,Haffuliiis täglich 5-Uhr-Tee [SErMEMNti TELEPHON 11 [Hochstraße 43 neben Hotel Panhans 3 Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts ( Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser || in jedem Zimmer. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer i -.u^^sä^^' An die mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Redners schloß sich eine überaus lebhafte Debatte an. Zunächst sprach Sekretär Oskar Hirschfeld als Obmann der Jugendgruppe, in deren Namen er Herrn Prof. Baumgarten für sein interessantes Referat herzlichst dankte. Er entwickelte hierauf das Programm der Jugendgruppe, deren Bestrebungen allseitigen Anklang fanden, so daß auch an diesem Abend zahlreiche Neuanmeldungen erfolgten. Nach kurzen Ausführungen des Herrn Dozenten Dr. Hugo Stern erörterte Dr. L e n k, ausgehend von der Bedeutung des Lag b'omer, in einer groß angelegten Rede die Probleme der jüdischen Großstadtjugend. Ing. Hugo Koditschek sprach über Beobachtungen, die er bei dem jetzt ganz ausgezeichneten Jugendgottesdienst der Kultusgemeinde anzustellen Gelegenheit hatte. Der Leiter der kulturellen Sektion der Jugendgruppe, cand. jur. Max Mark, befaßte sich mit dem Verhältnis der Jugend zu den Religionslehrern und stellte die Forderung auf, daß auch diese Lehrer, entsprechend den modernen pädagogischen Prinzipien, in freier Diskussion mit den Schülern alle jüdisch-ethischen Probleme erörtern sollen. Frau Fischer-Treu betonte die Notwendigkeit der Ergänzung des Schulunterrichtes durch die religiöse Erziehung im Hause, in welcher Beziehung insbesondere der jüdischen Mutter eine verantwortungsvolle Aufgabe zukommt Nach einem eindrucksvollen Schlußwort des Referenten, der als erste Voraussetzung eines gedeihlichen Zusammenarbeitens eine ideale Gesinnung seitens des Lehrers verlangte, schloß Obmann Direktor Gustav Kol min die Versammlung. Bezirksorganisation X. Unter dem Vorsitze des Obmannes Kommerzialrat Carl Weis fand am 11. d. M. eine Mitgliederversammlung des Bezirkes statt in der Dr. Lenk über das Thema: „Was soll die Kultusgemeinde uns und was sollen wir der Kultusgemeinde leisten", sprach. An der Hand des Rechnungsabschlusses für das abgelaufene Jahr und des Voranschlages für 1931 erörterte der Referent die weit über das ursprünglich gesteckte Ziel hinausgehenden Leistungen der Kultusgemeinde für Kultus, Unterricht und soziale Zwecke und legte die Ursachen des immer mehr anschwellenden Defizits klar, dem man nicht durch kleinliche Abstriche, sondern nur durch systematischen Neuaufbau der Ausgabenwirtschaft beizukommen vermöge. Eine beträchtliche Einnahmensteigerung sei — ohne Schaden für die Sache selbst — weder aus einer Erhöhung der Steuerskala noch aus einer Erhöhung der Taxen und Gebühren zu erwarten. Angesichts der Finanzlage des Staates könne man auch nicht daran denken, daß der Bund etwa in der allernächsten Zeit bereits seinen gesetzlichen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde nachkommen werde. — An die beifällig und verständnisvoll aufgenommenen Ausführungen des Referenten schloß sich eine angeregte Debatte, an der sich unter anderen die Herren Strassberg, Berger, Knie und Grünspan beteiligten. Im Laufe der Debatte wurde insbesondere auch der von gegnerischer Seite systematisch gemachten Ausstreuung entgegen getreten, als ob die „Union" und deren Vertreter sich in ihrer Einstellung in irgendwelcher Hinsicht von Antipathien gegen das ostjüdische Element leiten ließen. Schließlich wurden die Neuwahlen in den Ausschuß der Bezirksorganisation vorgenommen. Mit Dankesworten an den bisherigen verdienstvollen Obmann, Kommerzialrat Carl Weis, der das Versprechen abgab, auch in Zukunft seine Kraft der „Union" zur Verfügung zu stellen, wurde die Versammlung geschlossen. Philosemifismus und Antisemitismus. Löbliche Redaktion! Nach meinem, über obiges Thema in Ihrem geschätzten Blatte vom I. Mai erwähntem Vortrage erhielt ich so zahlreiche Anfragen, in denen auf Judenverfolgungen zu Zeiten höchster jüdischer Religiosität hingewiesen wird, daß ich außerstande bin, jedem einzelnen zu antworten, weshalb ich um Veröffentlichung dieser Antwortzeilen bitte» was ja auch im Interesse der allgemeinen Aufklärung heget) würde. Die vcn mir aufgestellte Behauptung, daß dort, wo die Juden die Gesetze und die ethischen Grundsätze der Bibel kennen und nach ihnen leben, die Geistlichkeit der andersgläubigen Bevölkerung und damit zugleich auch diese selbst judenfreundlich eingestellt sind, läßt sich — wie in meinem Vortrage gezeigt — aus einer großen Zahl von Beispielen aus den verschiedensten Ländern und Zeiten erhärten. Wie keine Regel, so ist auch'diese Tatsache nicht ohne Ausnahmen, deren Beweggründe immer in der geistlichen Sphäre der Kirche lagen. Die kirchliche Politik — an sich — hat immer eine theologische Interessengemeinschaft mit dem Judentum: das Hüten des gemeinsamen Kulturschatzes des Alten Testamentes und seiner Anwendung im praktischen Leben. Diese, zu philosemitischen Zeiten erfolgte gemeinsame Arbeit der Juden und Christen wurde des öftern von unerbetenen Mitläufern der Kirche unterbrochen ---zur Not der Juden, und (letzten Endes) zum Schaden der Kirche. Denn der Antisemitismus (als genereller Name für alle Drangsalierungen der Juden) ist „eine Macht, die das Böse will und das Gute schafft"---allerdings erst in seiner dritten Auswirkungsphase. Denn seine gewaltsamen Exaltationen (Diffamierende Conzilienbeschlüsse, Inquisition, Pogrome, Güterkonfiskationen seitens habgieriger Machthaber oder heutzutage das Nichtanstellen von Juden gleichviel, ob gläubig oder ungläubig usw.) brachten in zweiter Phase ein protestierendes Freidenkertum hervor, dessen Übertreibung in Konfessionslosigkeit mündete, welche Maschinenmenschen, bar aller ethischen Hemmungen züchten würde — wenn nicht in dritter Phase, das Oberhaupt der Kirche die Wurzel all dieser Verirrungen ausheben, den Antisemitismus öffentlich verdammen und jede Gelegenheit benützen würde, um dem religiösen Judentum Achtung zu bezeugen. In dieser dritten Phase beiinden wir unsgegenwärtig. Nun heißt es, die Lage zu erkennen, die gebotene Hand zu ergreifen, damit die von höchster Kirchenstelle ausgesprochenen Worte sich zu Taten verdichten könnten, der Antisemitismus durch den Philosemitisraus (wie so oft in der Geschichte) verdrängt werde, um das bürgerliche Leben und Wirken der Juden und Christen auf den gemeinsamen Nenner biblischer Ethik zu bringen, einer Lehre, die der heutigen Generation vielfach unbekannt worden ist. einer Generation, welche bestenfalls biblische Geschichten, nicht aber den ethischen Inhalt derselben kennt, der ihr wieder zum Bewustsein für ihr ganzes Leben und Wirken gebracht werden müßte! Um diese ethische Verbindungsbrücke zwischen Juden und Christen wieder aufzubauen, müßten auf beiden Ufern solide Pfeiler aufgemauert werden, durch gemeinsame jüdische und christliche Arbeit zur Wiederauf richtung biblisch-ethischen Wissens — in Schule und Haus. lug. Josepa Lauras.