Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Die Wandlung des Antisemitismus. 60 Jahre Anglo-Jewish Association. Am 3. Mai fand in London die Jahresversammlung der Anglo-Jewish Association unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Leonard Q. Montefiore statt. Im Anschluß an den Jahresbericht der Vereinigung wurde von den Referenten der Tagung ein Ueberblick über die Lage der Juden in den Ländern Ost- und Mitteleuropas und in der Türkei gegeben und die Rolle der Anglo-Jewish Association als einer Institution gekennzeichnet, die berufen ist, die das jüdische Leben in aller Welt betreffenden Vorfälle moralisch zu beurteilen. In seiner Eröffnungsansprache führte Leonard G. Montefiore aus, der einleitende Satz.des Jahresberichtes der Anglo-Jewish Association: „Die jüdische Lage in vielen europäischen Ländern gab im Verlauf des letzten Jahres Anlaß zu gesteigerter Besorgnis", spiegle sehr präzis die seelische Verfassung all derer, die an jüdischen Angelegenheiten interessiert sind, wieder. Montefiore wies darauf hin, daß die Vereinigung im Juli d. J. das sechzigste Jahr ihres Bestandes vollenden werde. Die Gründer der Association, die vor 60 Jahren von der Bildung einer Vereinigung sprachen, deren Aufgabe es sein solle, „jedermann Wohltaten zu erweisen", seien wohl von dem Optimismus der Viktorianischen Epoche beseelt gewesen. Sie waren ihrer politischen Gesinnung nach zum größten Teile Liberale, die der Meinung waren, sobald nur die anderen Länder Freihandel und eine parlamentarische Regierung einführen würden, würde das Goldene Zeitalter nicht mehr fern sein. Demokratie schien ihnen gleichbedeutend zu sein mit Freiheit, Gleichheit und Toleranz. Die Lage der Juden in den Ländern, die eine parlamentarische Regierungsform besaßen, war damals ebenso durchwegs gut, wie sie in den autokratisch regierten Ländern Osteuropas durchwegs schlecht war. Wenn nur erst überall die parlamentarische Regierungsform eingeführt sein würde — so argumentierten diese Männer —, würde sich alles zum Guten wenden. Heute, fuhr Präsident Montefiore fort, ist der Absolutismus verschwunden, aber der Zar wurde durch eine Regierung ersetzt, die von dem Ideal der Gründer unserer Vereinigung weit entfernt ist. In Deutschland ist an die Stelle der liberalen Partei im Reichstag, die seinerzeit eine Macht darstellte, mit der selbst Bismarck zu rechnen hatte, die Partei der Nationalsozialisten getreten, eine neue furchtbare Erscheinung. Ihre 107 Abgeordneten repräsentieren eine Bewegung, die weit bedrohlicher ist als der offizielle und Hofantisemitismus der damaligen Zeit mit seinen wenigen isolierten Vertretern im Reichstag. Die alten Ideale von 1848, die Ideale von Brüderlichkeit, Frieden und gegenseitigem Wohlwollen unter den Bürgern sind verschwunden und haben einem streitbaren Nationalismus Platz gemacht, der alle jene auszuschalten bestrebt ist, deren, wenn auch ferne, Ahnen fremden Ursprungs waren. Der Hitlerismus stellt ein ernstes und völlig neues Problem dar, das meiner Meinung nach weitaus schwieriger ist, als irgend eines der Probleme, denen unsere Vorgänger vor 60 Jahren gegenüberstanden. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz führte aus: Um Ihnen ein Bild von der Atmosphäre zu geben, in der heute unsere Glaubensgenossen in Deutschland leben, will ich Ihnen in Erinnerung bringen, daß dort ein Kampf nicht nur gegen die Lebenden, sondern auch gegen die Toten geführt wird. 114 Friedhöie wurden in Deutschland geschändet, trotz der eifrigsten Bemühung der Regierung, diese unmenschlichen, mehr als barbarischen Handlungen, die schlimmer sind als das Zerreißen von Thorarollen, wie dies in Rumänien vorkam, zu verhindern. In einem Ueberblick über die Ereignisse der letzten Jahre seit 1924 bezeichnete Chief Rabbi Hertz als erfreuliches Symptom das Erwachen der Marranen. Demgegenüber aber stehe die systematische Verfolgung des Judentums in Sowjetrußland, wo es noch immer keine Freiheit der religiösen Unterweisung der Jugend gibt und die freie Religionsübung im allgemeinen schwer behindert ist. Die Zukunft der russischen Juden sei, was die Religion betreffe, falls nicht eine Aenderung der Verhältnisse eintrete, sehr düster. Schwere Verstimmung müsse auch die völlige bürgerliche Entrechtung der türkischen Juden nach 400 Jahren gerechter Behandlung hervorrufen. Chacham Dr. Moses Gaster wies darauf hin, daß die Juden außerhalb Englands durch _dje Emanzipation, die dem Kriege folgte, gelernt haben, ihre Kämpfe selbst durchzufechten und daß iniolgedessen in der Funktion der Association eine Aenderung eingetreten sei. Sie sei nicht mehr die „Pflegemutter". die für die Rechte der Juden im Auslande einzutreten hat. Wir sollen uns, erklärte Dr. Gaster, nicht in die Politik der verschiedenen Länder einmengen. Die Juden Polens, Rumäniens und Ungarns erklären, daß sie ihre Kämpfe selbst austragen können. Aber es muß eine Vereinigung geben, die das, was den Juden im Auslande geschieht, moralisch verwirft oder billigt. Wir als Vertreter der englischen Judenheit können gegen jede den Juden zugefügte Unbill vor der Welt Protest erheben. Der Präsident des Jewish Board of Deputies, O. E. d'Avigdor Goldsmid, gab der Hoffnung Ausdruck, daß das von den ungarischen Juden gegebene bewunderungswürdige Beispiel von Einigkeit von den Juden anderer osteuropäischer Länder werde nachgeahmt werden. Das Ministerium Jorga in Rumänien. Wir haben in der vorletzten Nummer i unseres Blattes die Erklärungen des neuen rumänischen Ministerpräsidenten Professor Jorga über das Verhältnis seiner Regierung zur jüdischen Bevölkerung des Landes wiedergegeben. In der Berliner „Jüdisch- Liberalen Zeitung" schreibt J. L. über die Haltung Prof. Jorgas zur Judenfrage in Rumänien folgenden interessanten Aufsatz: Die Bildung der neuen rumänischen Regierung unter dem Vorsitz von Prof. Nikolaus Jorga ist eine Tatsache, die auch für das Judentum von großer Bedeutung ist wegen der Haltung Jorgas zur Judenfrage in Rumänien. Man kann in dieser Haltung zwei Abschnitte rung des Altenheims ist der Verein „A11 e n h e i m" gegründet worden, dessen vornehmste Aufgabe die Beschaffung des jährlichen Betriebskapitals sein wird. Anfragen über Aufnahme In das Altenheim sind an das Kuratorium des israelitischen Altenheims in Karlsbad zu richten. So möge denn das Heim, gefördert von den Mitgliedern der Gemeinde, von den städtischen und staatlichen Behörden, wie auch von edeldenkenden Besuchern der Heilquellen seinen wahrhaft humanen Zweck immer segensreicher erfüllen zur Freude aller, die Freude haben an allem, was gut und edel ist Mag das Edle, das geschieht, noch so geringfügig sein, es bleibt ein Schatz der Menschheit für alle Zeiten. * * * Mit der Eröffnung des Altenheims wird auch ein Herzenswunsch zahlreicher Mitglieder der Karlsbader Judenschaft in Erfüllung gehen: Die Gründung einer Gemeindebibliothek. Herr Rabbiner Dr. Z i e g 1 e r hat seine nahezu 1000 Bände umfassende Bibliothek der jüdischen Gemeinde in Karlsbad zum Geschenk gemacht als Zeichen seines Dankes an die Mitglieder seiner Gemeinde für die Förderung seines Lebenswerkes des israelitischen Altenheims. Damit ist die jüdische Gemeindebibliothek ins Leben gerufen, die allen Bewohnern Karlsbad, die sich in irgend einem Punkte über das Judentum orientieren wollen, zur Verfügung stehen wird, worüber rechtzeitig weitere Mitteilungen erfolgen werden. Die Gemeinde-Bibliothek wird aber nicht nur Hebräica und Judaica umfassen, sondern auch hervorragende Werke der allgemeinen Weltliteratur, der wissenschaftlichen und belletristischen. Die Gemeinde wird dankbar Bücher Schenkungen annehmen und bittet ihre Freunde, bei passender Gelegenheit an der Bereicherung der Gemeindebibliothek mitzuarbeiten, .!.:.„:-.i.i uiilsiiii | rar wenig nahe nnd Geld, | die besten Kantoren der Welt I können Sie hören, wenn Sie Ihre H Grammophonplatten mit jiddischen und hebräischen Aufnahmen bei I PAUL PLANER, 1 Wien II-, Pratersirafie Nr. 17 H besorgen. unterscheiden, von denen der erste, ein ausgesprochen feindseliger, bis zum Weltkrieg dauert, und der zweite, ein weit mehr ruhiger und neutraler, sich in den Nachkriegsjahren bemerkbar macht. Prot Jorga ist ein sehr bekannter rumänischer Geschichtsschreiber, der nrit Recht einen europäischen Ruf als hervorragender Gelehrter genießt Er hat eine kaum übersehbare Menge von wissenschaftlichen Werken, hauptsächlich über rumänische Geschichte, veröffentlicht. Im Katalog der preußischen Staatsbibliothek nimmt das, lange nicht vollständige, Verzeichnis seiner Werke mehrere enggedruckte Seiten ein. Jorga, der in Paris, Berlin und Leipzig Geschichte studierte, und seit 1894 Professor für algemeine Geschichte an der Universität hi Bukarest ist, schreibt nrit gleicher Leichtigkeit in einigen europäischen Sprachen. Die Zahl der von ihm in den Anmalen der rumänischen Akademie der Wissenschaft veröffentlichten Dokumente zur Geschichte Rumäniens, übersteigt 20.000. Es gibt wenige Gelehrte, die ihm an Produktivität gleichkommen. Infolge dieser ganz außergewöhnlichen wissenschaftlichen Produktivität übt noch jetzt Jorga einen sehr starken Einfluß auf die rumänische Intelligenz ans. von welcher einige Generationen unter dem Einfluß seiner geschichtlich-politischen Ideen aufgewachsen sind. Nun ist Jorga aber nicht mir Geschichtsschreiber, sondern auch Politiker, und zwar ein sehr scharf ausgeprägter nationalistischer Politiker. Er war einer der Gründer und Führer der rumänischen nationalistischen Partei, Herausgeber der nationalistischen Zeitung „Neamul Romanesc". Nach der Entstehung des neuen Rumäniens nach dem Weltkrieg vereinigte sich seine Partei mit der rumänischen Nationalpartei Siebenbürgens zu einer national-rumänischen Partei, die später in der national-zaranistischen (nationalen Bauern-) Partei aufging. Gegen diese nationalistische Einstellung Jorgas wäre vom jüdischen Standpunkt selbstverständlich nichts einzuwenden, wenn sie nicht, in seinen vor dem Weltkrieg veröffentlichten Werken von einem sehr stark betonten Antisemitismus begleitet wäre. Ueber seine Beurteilung des Judentums in Rumänien können folgende Zitate aus einem seiner Werke Aufschluß geben. Im zweiten Band seiner in deutscher Sprache erschienenen „Geschichte des rumänischen Volkes im Rahmen seiner Staatenbüdung" (Gotha 1905) kommt Jorga wiederholt auf die Juden in Rumänien zu sprechen, wobei'sie von ihm stets eine äußerst abfällige Beurteilung erfahren. So sagt er z. B. bei der Schilderung des Verfalls des rumänischen Bauerntums in der Moldau um die Hälfte des 18. Jahrhunderts u. a.: „Die ersten Juden, welche die rumänischen Donauländer m beherbergten, waren aus der Türkei gekommen, als Händler, aber auch als Gläubiger der Fürsten» Die meisten kehrten bald nach dem ihnen günstigeren Konstantinopel zurück, wo ihnen die türkische Faulheit und die türkischen Laster eine ausgiebige Geldernte versprachen. Bald nach 1550 bereits beschwerten sich die Landesfürsten bei der Pforte über die Juden. Im 17. Jahrhundert trifft man hier und da Juden verschiedener Herkunft, die allerlei Einkünfte in Pacht nehmen, ohne oft das Geld dazu zu haben. Im 18. Jahrhundert waren die Juden, die dem Schatz eine besondere Steuer, eine Rupta, infolge eines Vertrages lieferten, als Orindari bekannt, d. h. sie nahmen kleinere Stücke von den Gütern der Bojaren in Orinda in Pacht, da jene nur selten ihren Grund selbst bebauten. Auf ihren Gütern hatten die Besitzer ausschließlich das Recht, Wein und geistige Getränke zu verkaufen; nun nahmen die Juden dieses Schankrecht in Pacht Sie bildeten in den Dörfern das Element, welches gerade noch fehlte, um den moldauischen Bauern von Grund aus zu verderben. Deshalb ergriffen die sanarrotischen Fürsten (d. h. die von der Türkei aus dem griechischen Phanar im Konstantinopel ernannten Fürsten der Moldau und Walachei) Maßregeln, um diese wesentlichen Träger der Landeslasten aus den Krallen seiner Ausbeuter und Vergifter zu retten. Der gute Gregor Alexander Chica verfuhr gleich radikal, indem er den Juden den Aufenthalt in den Döriern völlig verbot und der ebenso väterliche griechische Fürst Alexander Moruzi bestätigte diese Maßregel. Trotzdem blieben eben in der Tat die fremden Gekileute in den armen, gerdentblößten Dörfern und waren auch später die gewöhnlichen Orindari des Landes. Deshalb mußte man die Verfügung treffen, daß die Bauern, nach ihrem Vermögen in drei- Abteilungen gegliedert, nur bis zu einem gewissen Betrag bei Juden ohne Bezahlung trinken dürften." (S. 168—171.) Die Rolle der damaligen jüdischen Pächter war in der Tat keine solche, auf die die Juden etwa mit Recht hätten stolz sein können. Sicher beuteten sie die Bauern aus, sie waren aber nicht die einzigen Ausbeuter, ihre christlichen Gewerbegenossen, Griechen und Rumänen, taten das auf nicht weniger gründliche Weise. Dazu war die Rolle dieser Pächter in Wirklichkeit nur eine sekundäre. Die Hauptschuld an der elenden Lage des Bauern trugen die Gutsbesitzer, die Bojaren, die alleinigen Herren über Grund und Boden, die Pächter waren nur die Vermittler in diesem Ausbeutungsprozeß. Jorga selbst sagt im selben Kapitel, am ganzen Elend des Bauerntums in Moldau „waren die moldauischen Bojaren schuld, wie auch im übrigen der elende Zustand des Vaterlandes den Bojaren beider Fürstentümer (d. h. der Moldau und der Walachei) auf die Rechnung zu setzen ist. Sie hatten den Bauern das Vermögen, die Freiheit und alle Rechte entrissen, kurz, sie zu Parias gemacht. Den Grund und Boden aber hatten sie sich ausschließlich zur Ausnützung vorbehalten. Es drohte eine ewige Trennung der Nation in verhungerte Bauern und überfütterte, schläfrige, hirnlose Bojaren." (S. 172.) Obwohl also aus der Darstellung Jorgas selbst folgt, daß die Rolle der ausbeutenden Pächter durchaus nicht den Ausschlag bei der Ausbeutung gab, die primäre Ursache eben die „überfütterten, schläfrigen und hirnlasen Bojaren" und ihre Behandlung der Bauern war. wird bei ihm aber doch die Tätigkeit der jüdischen Pächter viel weiter in den Vordergrund gerückt als es die objektive Beurteilung zulassen müßte. An einer anderen Stelle desselben Buches kommt Jorga auf den Beschluß des Berliner Kongresses im Jahre 1878 über die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien zu sprechen. Bekanntlich faßte der Kongreß, der nach dem russisch-türkischen Krieg 1877—78 die Balkanangelegenheiten ordnete, den Beschluß, daß den Juden in Rumänien die Gleichberechtigung zu gewähren sei, und stellte die Erfüllung dieser Forderung als eine der Bedingungen für die Anerkennug der Selbständigkeit Rumäniens durch die europäischen Mächte auf. Es ist ferner bekannt, daß Rumänien diese Gleichberechtigung seinen Juden dennoch nicht gewährte, sondern zu einem Kniff griff, indem in die rumänische Verfassung neben dem allgemeinen Grundsatz, daß alle Rumänen ohne Unterschied von Religion gleiche Rechte genießen müssen, eine Anmerkung aufgenommen wurde, wonach dieser Grundsatz nur auf Rumänen, nicht aber auf „Fremde" anzuwenden sei, was weiter so gedeutet wurde, daß Wer skh rastn nnd gradükn verehelichen will, wende sich vertrauensvoll an die auSMfelleftlldl jüdische Ehevermittlung 9 9 HA-ES ER Wien II., Forstergasse W/18 Auf Wunsch Gratisprospekt! «* äSfii