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Die Wahrheit · 1931-05-15 · Heft 20 (15.5.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 20 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHCH Leidensgeschichte einer Wahlprüfung. Die folgende Schilderung der Praktiken der Berliner Jüdischnationalen, an der im November v.J. verlorenen Macht in der Gemeindestube zu bleiben, ist äußerst lehrreich. Sie beweist welch unglaublicher Mittel sich die Zionisten bedienen können, um die mit Höfe anderer gefügiger Parteien „eroberte" Position weiter zu behalten. Das Wiener Judentum wird aus diesem interessanten Bericht unseres Berliner Korrespondenten die richtigen Schlüsse für seine eigene Gemeinde ziehen müssen. D. Red. Wer geglaubt hatte, daß nach dem unerhört heftigen Wahlkampfe und dem eindeutigen Wahlsiege der Liberalen am 30. November 1930 eine feste Hand das Ruder in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde der deutschen Hauptstadt werde ergreifen können, um den Nöten dieses Winters abzuhelfen und nach festen Richtlinien zu arbeiten, sah sich schwer enttäuscht. Nach dem trotz aller inzwischen vollzogenen Umwälzungen noch geltenden preußischen Judengesetz von 1847 (!) unterliegen Satzungsänderungen und die Repräsentanten- und Vorsteherwahlen in den jüdischen Gemeinden obrigkeitlicher Bestätigung. Nach den Wahlen von 1926, bei denen die Liberalen nur 10 von 21 Mandaten erlangen konnten, obwohl ihnen nur wenige Stimmen für das elfte fehlten, waren von liberaler Seite die Wahlen bei der Aufsichtsbehörde angefochten worden. Es kam dann zu unliebsamen Weiterungen, und erst nach Jahresfrist wurden die Wahlen bestätigt Auch nach den letzten Wahlen wurde der Polizeipräsident als Aufsichtsorgan mit Protesten bemüht, und zwar von zionistischer Seite. Also doch wohl ein einfacher Parallelfall. O nein! Grundsätzlich nämlich hatten bisher die Zionisten die staatlichen Aufsichtsbefugnisse unter Berufung auf die Reichsverfassung (Art 137) für obsolet und erloschen erklärt, im Gegensatz zu den Liberalen. Die Liberalen waren aber damals auch so offen, von Partei wegen oder doch durch ihre Führer zu intervenieren, die Zionisten jetzt dagegen so — geschickt in der Oeffentlichkeit unbekannte Parteigänger vorzuschicken. In einer der letzten Repräsentantensitzungen lehnte zwar der Fraktionsführer die Verantwortung offiziell ab, deckte aber mittelbar die „Protestanten" und verteidigte ihr Vorgehen. 1926 stand ferner das Ergebnis auf des Messers Schneide, jetzt aber war ein Zweifel an dem jüdisch-politischen Willen der großen Mehrheit der Wähler füglich nicht erlaubt 1926 endlich stand die Gemeinde innerlich und äußerlich gefestigt da, während die Begleitmusik zum letzten Wahlkampf antijüdische Terrorakte der zur zweitgrößten Partei emporgewachsenen Nazis und der Schrei von mehreren Millionen Arbeitsloser, darunter tausende Berliner Juden, nach Brot und Arbeit bildete. Damit auch das Komische nicht fehle: Der für die Wahlvorbereitung zuständige Dezernent war in der entscheidenden Zeit und bis zum Herbst 1930 der zionistische Führer Peuitteton Das Israelitische Altenheim in Karlsbad. (Zu der am Sonntag, den 10. Mai. stattgefundenen Einweihung.) Ein monumentaler Bau. Imposant in seiner Einfachheit, in seiner vornehmen, dem Auge wohltuenden Gliederung: ein Meisterwerk des Karlsbader Architekten Rudolf Wels. Auf einem die Straßenfront um 5 m überragendem Felsengelände erhebt sich das 44 m lange und nur 12 m tiefe Haus. Scheinbar unsymmetrisch, aber dieser Unsymmetrie, die dem Beschauer auch sonst gar nicht auffällt, ist es zu danken, daß fast sämtliche Wohnräume buchstäblich sonngebadete Räume sind, für alte Menschen besondere Freude und die Gesundheit fördernd. Der vom Zollamt nach der Panoramastraße fahrende Kraftwagen der Autobus-Gesellschaft erreicht in wenigen Minuten das Haus und hält nach Bedarf beim Tore des Altenheims. Eine sanfte Steigung führt von da zum Souterrain, bequeme Stufen zum Vestibül und den Parterreräumlichkeiten. Um den Heimwohnern und den Besuchern selbst diese kleine Treppe zu ersparen, steht ihnen der Lift schon im Untergeschoß zur Verfügung. Im Erdgeschoß des Hauses befinden sich Küche, Spülraum, die Wohnung der Oberin, das Büro, der Bibliotheksraum, das Schreibzimmer und ein großer Saal zur Abhaltung von Vorträgen und geselligen Veranstaltungen. Im Halbstock führt eine kleine Brücke zum Garten, der mit seinen Bänken abseits vom lärmenden Getriebe des Ortes friedliche Ruhe den Heimbewohnern bieten wird. Wenige Stufen führen dann vom Halbgeschoß in das erste Stockwerk. Wie schon erwähnt, liegen fast sämtliche Wohnräume in der Längsfront des Hauses: von den Kareski, der vor allem den für die Einsprüche maßgebenden Zustand der Wählerlisten zu verantworten hat. Während inzwischen die alte Gemeindeverwaltung im Amte blieb und nichts Entscheidendes auf sachlichem Gebiet mehr in Angriff nehmen konnte, die Arbeit am Etat ruhte und niemand wußte, welche Stellung die „neuen Männer" zu drängenden Fragen einnehmen würden, vor allem das gegenseitige Mißtrauen und die Unruhe in der für die Verwaltung so wichtigen Beamtenschaft wuchs, mußte sich der Polizeipräsident in die Wahlakten vertiefen. Nach so manchem Schriftwechsel erging eine Verfügung, nach der der Wahlprüfungsausschuß, bestehend aus den Vorsitzenden der mehr als 100 Wahlbezirksvorstände, nochmals das Wahlergebnis zu ermitteln hatte. Die Sitzung fand am 4. Mai statt und zeitigte das folgende nun hoffentlich endgültige Ergebnis: Stimmen Mandate Liberale......... 41.736 24 Jüdische Volksparteil _. . 1_ 25.811 14 Poale Zion } Zionisten 1930 l Mittelpartei........ 1.787 1*) Konservative....... 1.410 — „Deutsche Liste" (dem Verband Nationaldeutscher Juden nahestehend) ........ 1.335 — Ueberparteiliche Vereinigung (Dr. Ismar Freund) .... 2.336 1 3 kleinere Gruppen zusammen 947 — 77.302 41 An der Mandatsverteilung hat sich also gegenüber der ersten amtlichen Feststellung nichts geändert. Nun wird wahrscheinlich die Staatsbehörde in wenigen Tagen die Wahl bestätigen, nachdem alle weiteren Einspruchsgründe offenbar für unbegründet erachtet sind. Inzwischen hat man sich entschlossen, den Etat noch von der alten Gemeindevertretung wenigstens in Angriff nehmen zu lassen. Bezeichnend ist hierbei, daß, obgleich das Etatjahr am 1. Jän- *) An Stelle des inzwischen verstorbenen Kommerzienrats Gerson Simon wurde als auf der Liste der Mittelparte.i gewählt Dr. Alfred Wiener, Syndikus des Centrai-Vereines, festgestellt Bebördl. antor. Hauseradministration £ ADOLF KRALL! IV., SchlelfmOhlgasse 11! Talaphon B 29-1-4« : empfiehlt sich zur Ober- : nähme von Verwaltungen j Erstklassige Referenzen i 11, respektive 12 Zimmern der einzelnen Stockwerke gehen nur 3 nach dem Garten, die anderen alle nach der sonnigen Fahrstraße mit köstlichem Fernblick, der mit jedem Stockwerk schöner und genußreicher wird. Der geräumige Speisesaal im L Stock mit seiner Warmküche, in der sich der Speisenaufzug befindet der Gesellschaftssaal im II. Stock mit Radio und Grammophon soll an den Winterabenden den Heimbewohnern, denen uneingeschränktes Kommen und Gehen freigestellt bleibt genügende Zerstreuung bringen, während die großen Balkons an der Ost- und Westseite des Hauses, wie auch nach dem Garten mit ihren bequemen Sitzgelegenheiten in den Sommermonaten würzige Höhenluft den Ruhenden bieten. Wie selbstverständlich bei jedem modernen Bau. fehlt in keinem Wohnzimmer Zentralheizung, fließendes warmes und kaltes Wasser, wie ja auch für alle Behelfe der Hygiene bestens vorgesorgt ist in diesem von Luft und Licht durchströmten, von Behaglichkeit erfüllten Hause. Einige kurze Mitteilungen über die Entstehungsgeschichte des Altenheims dürften nicht ohne Interesse sein. Im Jahre 1907 spendeten die Söhne des Salomon Löbl laut testamentarischem Wunsch ihres Vaters 700.Kronen als ersten Baustein für eine dereinst zu erbauende Altersversorgung. Am Versöhnungstage des Jahres 1911 hielt Herr Rabbiner Dr. Ziegler seine erste Predigt zugunsten des Baues eines Altenheims, auf Grund welcher fast 90.000 Kronen von den Mitgliedern der Gemeinde aufgebracht wurden und eine Akademie veranstaltet wurde, durch die das Interesse der Gemeindemitglieder an dem Projekte wesentliche Hebung fand. Aber erst das Jahr 1926 brachte den Plan zur Reife, als Frederick Brown, einer der größten Philanthropen New Yorks, in Erinnerung an seine Eltern, die in Karlsbad lebten, Herrn Doktor Ziegler einen Scheck auf 1,000.000 Kronen übergab zum Bau des Altenheims. Nun ging es mit Riesenschritten vorwärts. Eine Effekten- Lotterie brachte 250.000 Kronen Reinerträgnis, größere Spenden gingen ein, es sei nur vorläufig erwähnt ner beginnt, der Etat jetzt erst als „Referentenvorlage" dem Gemeindevorstande vorliegt. Uebrigens war es kaum jemals in den letzten Jahren anders. Die Folge: Mangels Richtlinien wirtschaftet man „großzügig" und der Voranschlag wird überschritten. Alsdann wird der nächste Etat, da doch bei vorgerückter Zeit die Schlußrechnung für das letzte Jahr schon vorliegt, auf Grund der letztjährigen Ausgaben aufgestellt, denen noch einige „kulturpolitische" — lies zionistische — Auslandssubventionen, als bloße „Anerkennungsgebühren" (dies die Beruhigungsmedizin für die störrischen Liberalen) frisiert, angehängt werden. Das Ende: Der Etat für 1930, der die Ausgaben auf 12 Millionen Reichsmark fixierte, ist um % Millionen Reichsmark überschritten. Verständlich — wenn auch nicht verzeihlich — wird dies, wenn man weiß, daß — um ein Beispiel zu geben — Mittel für Einrichtungsgegenstände u. a. m. häufig angefordert werden, wenn sie schon beschafft, und bewilligt werden, wenn sie schon wieder erneuerungsbedürftig sind. Daß anderseits die sozialen und kulturellen Gemeindeaufgaben ständig wachsen und eine Betreuung jüdischer Menschen und Interessen nach immer mehr Richtungen erforderlich wird, ist gar nicht zu leugnen. Auch dürfen lebenswichtige und -fähige Einrichtungen nicht verfallen, deren Verschwinden wiederum jüdisches Interesse abtöten und so mittelbar die Gemeinde schädigen würde, statt ihr zu helfen. Hier Ausgleich zu schaffen, wird Aufgabe der neuen Verwaltung sein, deren Exponenten durchaus keine „Bilderstürmer" und „Notabein" alten Stiles sind, sondern jüdisch verwurzelte und aus jüdischer Arbeit emporgewachsene, verantwortungsbewußte Männer und Frauen. Bei der Arbeit gilt abgewandelt für sie mehr als für irgend eine andere Epoche jüdischer Geschichte der Satz in den vor dem Wochenfest so aktuellen „Sprüchen der Väter": Die Zeit, die noch bleibt zu retten, ist kurz, die Arbeit übergroß, das Material zähe und die Menschen indolent, aber ein Höheres drängt, und der Lohn für jüdische Tat ist groß, mag er auch auf anderer Ebene liegen als gewöhnlichen Werkes Lohn. Frucht tragen kann aber jüdische Gemeindearbeft hier nach allem, was vorausgegangen, nur, wenn sie beruht auf den Grundlagen, die nach R. Schimon ben Gamaliel das Fundament der Welt überhaupt sind, nämlich auf Wahrhaftigkeit gegen die Gemeinschaft, deren Treuhänder .die. Gewählten sind, auf dem Gesetze ■— dem äußeren, dem jüdischen und dem selbst gegebenen — und auf dem Willen zum Frieden. Ist dies die Losung, dann darf auch jetzt, und gerade jetzt, die Prognose für jüdische Zukunftsarbeit in Berlin günstig lauten. Referendar James Rosenthal, Berlin. BeziehBt flBdwrbPBitBt DiB Nahrheif! die Spende des Herrn Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, des Herrn A. S. Herrmann und der Brüder Kohnstamm aus New York, des Herrn Ignaz Petschek und des Herrn Hans Weinmann aus Aussig, wie auch die des Herrn Oberfinanzrat Julius Petschek aus Prag. Stiftungen wurden gezeichnet zum größten Teil von Karlsbadern, im Betrage von 1,000.000 Kronen. Im Sommer 1929 wurde auf dem von der Stadtgemeinde gespendeten, neben dem Israelitischen Kurhospitale liegendem Areale an den Bau des Altenheims geschritten, den die Herren Ingenieure Paul Fischer & Co. durchführten. Als zum Schlüsse des •Baues ein Fehlbetrag von ungefähr 600.000 Kronen sich ergab, haben die Mitglieder der Gemeinde in geradezu bewundernswerter Opferwilligkeit die fehlenden Beträge fast zur Gänze gezeichnet Nun wurde das Haus, wie eingangs erwähnt am 10. Mai feierlich eingeweiht und wird am 17. Mai seiner Bestimmung übergeben. Wie alle Altenheime, die in letzter Zeit,, namentlich in Deutschland, entstanden sind, hat auch das israelitische Altenheim in Karlsbad einen doppelten Zweck: es soll bedürftigen braven Menschen, die in Karlsbad selbst oder in seinem engeren Umkreise ehrlich und fleißig ihrem Erwerbe nachgegangen sind, doch für ihre alten Tage zu sorgen nicht in der Lage waren, teils unentgeltlich, teils gegen einen minimalen Regiebeitrag einen glücklichen, sorgenfreien Lebensabend schenken. Das ist der Hauptzweck des Heims, den es finanziell erstarkend immer mehr und mehr anstrebt und anstreben wird. Aber auch jenen Männern und Frauen, die in trauriger Verlassenheit wenn auch nicht ohne die notwendigsten Mittel ihre alten Tage gebrechlich und ängstlich verleben müssen, öffnet das Altenheim willig seine Tore, um sie vor Vereinsamung zu schützen, vor diesem düsteren Geschick des Alters. In solchen Fällen wird das Kuratorium des Altenheims auch Nichtkarlsbader gegen einen jeweils zu bestimmenden Regiebeitrag in das Altenheim aufnehmen. Zur Erhaltung und Förde-

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