Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kidtusgemeinde Wien Die HMirkeif M Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVH. Jahrgang Wien, 15. Mai 1931 Nummer 20 Das neue Spanien und die Judenfrage. Die staatsbürgerliche Stellung der Juden. Möglichkeit einer jüdischen Einwanderung nach Spanien. Der Standpunkt der neuen spanischen Regierung bezüglich der staatsbürgerlichen Stellung der Juden und der Möglichkeit einer jüdischen Einwanderung nach Spanien, kam in einem Interview zum Ausdruck, das die Minister für Justiz, Finanzen und Inneres einem Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gewährten. Die Mitglieder der neuen spanischen Regierung erklärten, es würde binnen kurzem eine Verordnung erscheinen, durch die die nunmehr verkündete Gleichberechtigung aller spanischen Bürger festgelegt werden soll. Die Minister ersuchten den JTA-Vertreter, die einmütige Entschlossenheit der spanischen Regierung, den Juden die gleichen Rechte wie allen anderen Bürgern ohne jeden Unterschied zuzuerkennen, sobald als möglich der Oeffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Der Verlauf des Gesprächszeigte deutlich, daß es der lebhafte Wunsch der Minister ist, die jüdische Welt von den freundschaftlichen Gefühlen, die das neue Spanien der Judenheit gegenüber hegt, zu überzeugen. Einer jüdischen Einwanderung nach Spanien, erklärte der Innenminister, werde innerhalb der Grenzen der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes kein Hindernis in den Weggelegt werden, Der Unterstaatssekretär für Arbeitswesen, mit dem der Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur sodann eine Unterredung hatte, erklärte, er würde eine Einwanderung von Juden nach Spanien lebhaft begrüßen. * Der spanische Finanzminister Indalecio Pr i o t o hat dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Madrid, Ignacio Bauer, mitgeteilt, daß die spanische Regierung bereits Schritte unternommen hat, um die Naturalisierung der spanisch sprechenden Juden zu erleichtern. Der Finanzminister bezog sich bei dieser Mitteilung auf eine Rede, die der Innenminister Miguel Maura vor kurzem in Bilbao gehalten hat und in der er die religiöse Intoleranz verurteilte, die bisher in Spanien hinsichtlich der Behandlung der Marrannen oder heimlichen Juden bestand. Der Finanzminister erklärte, Spanien werde die Garantie dafür übernehmen, daß der Glaube dieser verfolgten Menschen künftighin respektiert werde und daß sie nicht wie in früheren Zeiten der der Verachtung ausgesetzt seien. Bezüglich der sephardischen Juden, der Abkömmlinge der aus Spanien geflüchteten Juden, die jetzt in anderen Ländern leben, erklärte der Minister, der Regierung sei es bekannt, daß es viele sephardische Juden in Nordafrika gibt und daß eine noch viel größere Anzahl von ihnen im weiteren Orient, sowie in vielen Ländern Europas lebt. Diese Juden sprechen bis auf den heutigen Tag ein altes Kastilianisch und haben ihre Liebe zu Spanien bewahrt. AU diesen, führte der Minister weiter aus, garantieren wir persönliche Sicherheit; wir verbürgen uns dafür, daß sie nicht wie Pestkranke an abgesonderten Plätzen isoliert gehalten werden sollen. Eine offizielle Kundmachung seitens der Regierung bezüglich der Wiederzulassung der sephardischen Juden nach Spanien ist bisher nicht erfolgt. Die Regierung hat sich bis jetzt auf allgemein gehaltene Aeußerungen der Sympathie beschränkt, in denen sie die Versicherung abgab, daß sie das zugestandene Unrecht, das den spanischen Juden durch ihre Vertreibung aus Spanien im Jahre 1492 zugefügt wurde, wieder gutmachen wolle. Doch wurde bis jetzt noch nichts über die Grundsätze und Bedingungen verlautbart, die für die Wiederzulassung der sephardischen Juden nach Spanien maßgebend sein sollen. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde von Madrid, Ignacio Bauer, erklärte in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter, er habe bei der Unterredung mit den Mitgliedern des neuen Kabinetts die Ueberzeugung gewonnen, daß es die a u frichtige Absicht der Regierung sei, den Juden die Einwanderung nach Spanien zu ermöglichen. Von einer Masseneinwanderung könne wohl keine Rede sein, doch würden die Tore des Landes Juden mit Kapital und Initiative und hochqualifizierten Arbeitern offen stehen. Die Jüdische Gemeinde, erklärte Senor Bauer weiters, wurde von der neuen Regierung anerkannt, während ihr unter dem alten Regime keine offizielle Anerkennung zuteil wurde. Am vergangenen Freitag fand die offizielle Eröffnung der vor kurzem errichteten Synagoge statt, die erste Synngogeneröffnung seit der vor 400 Jahren erfolgten Vertreibung der Juden aus Spanien. Zum erstenmal wurde jetzt auch den Juden von der Stadtgemeinde Madrid ein Grundstück für einen jüdischen Begräbnisplatz zur Verfügung gesteint. * In den der republikanischen Regierung nahestehenden Kreisen herrscht die Ansicht vor, daß eine ausdrückliche Annullierung des bisher de jure in Kraft gewesenen Vertreibungsedikts von 1492 unnötig sei. Da es schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von keiner Behörde je erwähnt worden ist und jüdischer Einwanderung seither keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, hält man eine feierliche Aufhebung für überflüssig. Das um so mehr, als ja ohnedies der Großteil aller bourbonischen Gesetze überhaupt mit dem Tage des Umsturzes seine Gültigkeit verloren hat. Von maßgebender Seite ist aber geäußert worden, daß die Regierung, wenn die ausländischen Juden es wünschen, gleichsam als Demonstration für die neue Epoche gerne eine feierliche Annullierung des Gesetzes vornehmen würde. Der neue spanische Ministerpräsident Alcala Z a m o r a und der Innenminister Miguel M o r a sind führende Mitglieder einer im Jahre 1924 unter dem Vorsitze von Senator Angel P u 1 i d o gegründeten Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Niederlassung von Nachkommen der im Jahre 1492 vertriebenen spanischen Juden in Spanien vorzubereiten. Auch andere bekannte spanische Republikaner haben sich für die Rückkehr der Juden nach Spanien eingesetzt. In einer im Jahre 1925 gehaltenen Rede sagte der inzwischen verstorbene Dichter Blasco I b a n e z voraus, „es werde leicht sein, die Juden wieder zurückzubringen, sobald die republikanische Regierungsform in Spanien eingeführt sein würde. Die Monarchie sei die stärkste Stütze der katholischen Kirche und lasse daher die Rückkehr der Juden nicht zu." Es wird erst jetzt, da alle Phasen der Lebensgesehichte der heutigen Führer der neuen spanischen Republik Interesse gewinnen, bekannt, daß drei von ihnen Marraneniamilien angehören. Sowohl der Ministerpräsident Alcala Z a m o r a, als auch der Innenminister Miguel Maura und der Justizminister Fernando de-los-Rios haben also eine mehr oder weniger weitreichende blutsmäßige Verbindung mit der Judenheit. Am stärksten ist sie bei Maura, dem Minister des Innern. Ihm wurde erst vor kurzem im spanischen Parlament offen seine Abstammung von den „Chuetas", den Marranen der Insel Mallorca, vorgeworfen. Sein Vater, der berühmte Politiker Antonio Maura, ist noch in der letzten Marrauengemeinde von Spanien aufgewachsen und hat also die wenigen jüdischen Gebräuche, die sich hier, im kleine Ghetto von Palma, erhalten haben, noch selbst in seiner Kindheit beobachtet. Wenngleich die „Chuetas" („Schweineiresser") offiziell sämtlich zum Katholizismus übergetreten sind und ihre Treue zur katholischen Kirche mit allen Mitteln beweisen, so haben sie sich doch verschwommene Vorstellungen und Traditionen von Pessach, Jörn Kippur usw. erhalten. Z a rn o r a und de-los-Rios entstammen Familien, die selbst in den letzten zwei Generationen keine betätigte Verbindung mit dem Judentum mehr gehabt haben. Beide aber tragen, auch in den weit zurück veriolgbaren Linien ihrer Vorfahren, rein spanisch-jüdische Namen und es ist anzunehmen, daß bei der in diesen Kreisen allgemein üblichen Inzucht nur wenig nichtjüdisches Blut in ihren Adern rollt. De-los-Rios hat wiederholt, schon vor dem Umsturz, Gelegenheit genommen, für jüdische Interessen einzutreten, die Madrider Gemeinde und der Referent des Außenministeriums, Don Diomenez Caballero, der die spezielle Aufgabe hatte, sich mit jüdischen Angelegenheiten zu befassen, sind von ihm häufig unterstützt worden. Der jetzige Justizminister rühmt sich seiner Abstammung von bekannten Rabbinern und Gelehrten. Er gehört einem Intellektuellenkreis an. von dem zuerst die Initiative dazu ausging, die spanische Oeffentlichkeit, Presse und Regierung dazu zu bewegen, daß sie sich mit der modernen Judenirage befassen. Alcala Z a m o r a ist von diesen dreien der katholischen Kirche auch innerlich am engsten verbunden. Lieber seine Familie läßt sich insbesondere nur sagen, daß sie noch im letzten, ihm vorangegangenen Geschlecht nur Verbindungen von ausgesprochenen Marranen-Namen untereinander zeigt. Es erscheint aber, so lose der Zusammenhang mit dem Judentum beim Führer und Sieger der spanischen Revolution auch sein mag. doch als eine merkwürdige Fügung, daß gerade in dem Land, das Jüdisches und Juden wie kein anderes je ausgemerzt hat, der Sturz des hieriür verantwortlichen Königshauses von späten Nachfahren jener Märtyrer verkündet worden ist. «