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Die Wahrheit · 1931-05-08 · Heft 19 (8.5.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 19 (8.5.1931)
Date
1931-05-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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State 6 DIE WAHRHEIT Baden lehnt ein Schächtverbot ab. In der letzten Sitzung des badascEen Landtages berichtete der Zentrumsabgeordnete Kuhn über den nationalsozialistischen Antrag auf Erlaß eines Schächtverbotes. Der Ausschuß hatte die Ablehnung des Antrages beschlossen und damit eni Gesuch des Oberrates der Israeliten Badens für erledigt erklärt Abg. Kraft (Nat-Soz.) begründete seinen Antrag mit der Behauptung, die badäsche Sozialdemokratie sei deshalb Gegner des Schächtverbotsantrages, weil sie Angst vor den Juden und dem Zentrum habe (große Heiterkeit). Die förmliche Anfrage wird von Ministerialrat Jung beantwortet. Abg. Ewald (Evangelische Volksparte}) wendet sich gegen das Schächten und verlangt zum mindesten eine scharfe Kontrolle. Abg. Dr. Mattes (Deutsche Volkspartei) setzte sich für ein allgemeines- Schächtverbot ein. Abg. Dr. Wolfhard (Demokrat) spricht gegen den nationalsozialistischen Antrag. Der sozialdemokratische Abgeordnete .Kurz meint, die Schächtfrage müsse vom Reichstage geklärt werden. Die Frage des Schächtens sei schon vor 20 Jahren hier behandelt worden, als es noch keine Nationalsozialisten gab. Sie sei eben keine Parteiangelegenheit. Wenn sich die Nationalsozialisten mit dieser Frage beschäftigen, so beherrsche sie nur ihr Haß gegen die Juden oder ihre Angst vor den Juden. Ein einzelner Landtag sollte sich überhaupt mit dieser Frage nicht beschäftigen. Wenn die Nationalsozialisten von Humanität reden, so könne man ihnen nicht glauben, denn sie seien die unbedingtesten Anhänger des Krieges. Im Grunde sei jede Tötung unhuman. Wenn die orthodoxen Joden auf dem Schächten beständen, so wolle man sich nicht dagegen wenden. Nürnberg habe durch das Schächtverbot großen Schaden gehabt. Orthodoxe Juden seien die bayerischen Kunden gewesen. Die Heeresverwaltung habe vor dem Kriege nur geschichtetes Fleisch für die Konserven verwandt, weil ausgeblutetes besser, baltbar sei. Kontrolle durch Gendarmerie sef unnötig. Der Fleischbeschauer sei Kontrolle genug. Die Sozialdemokraten lehnen den Antrag ab. Der Antrag des Ausschusses auf Ablehnung des nationalsozialistischen Antrages wurde schSeßlich angenommen, weil sich die große Mehrheit des Landtages auf den Standpunkt stellte, daß d i e S.cnächtfrage nur reichseinheitlich gelöst werden könne. Ungarn and die Kalenderreform. Die Ungarische Gesellschaft für Auslandspolitik hat zum Studium der Frage der Kalenderreform, die bekanntlich vom Völkerbunde im sogenannten Verkehrsausschuß schon seit längerer Zeit geprüft wird, vor einiger Zeit ein Nationalkomitee organisiert, dem Vertreter der einzelnen Konfessionen, auch der jüdischen, angehören. An der Spitze steht Hofrat Dr. Oliver V. Eöttevenyi. Es wurde ein Unterausschuß eingesetzt der das Gutachten des Referenten des Problems, des Direktors der Schwabenberger Sternwarte Dr. Anton Tass, allen Interessenten zwecks Meinungsäußerung zuleiten sollte. Daraufhin sind 17 Fachäußerungen eingelangt Schließlich behielt das Tass'sche Elaborat die Oberhand, das als offizieller Standpunkt des ungarischen Nationalkomitees dem Völkerbund unterbreitet werden wird. In der diesbezüglich erbrachten Resolution wird unter anderem hervorgehoben, daß der kön. ung. Regierung nur eine solche Kalenderrefortn zur Annahme empfohlen werden kann, die die Ruhe und die Stabilität des Landes nicht gefährdet, d i e religiösen Anschauungen keiner Glaubensgemeinschaft verletzt Die radikale Modifizierung des Kalenders sei keineswegs aktuell, höchstens die Fixierung des Osterfestes und der übrigen beweglichen Feiertage. Friedhofschändung auch in Polen. Am vergangenen Sonntag wurde der jüdische Friedhof in Diwin, Kreis Kobrin. von unerkannt gebliebenen Tätern geschändet 14 Grabsteine wurden umgeworfen, Jl Grabdenkmäler, darunter 6 von Rabbinergräbern, wurden vollkommen zertrümmert. Die antireligiöse Propaganda in Sowjctnißland. Wie aus Charkow gemeldet wird, hat die antireligiöse philosophische Fakultät am Charkower Institut für kommunistische Volksbildung eigene Kurse zur Ausbildung antireligiöser Propagandisten eingerichtet Die Graduierten dieser Kurse sollen Lehraufträge für Ameismus und dialektischen Materialismus an den sowjetrussiseben Mittelschulen erhalten. Zu den Kursen werden nur Mitglieder der kommunistischen Partei zugelassen, die mindestens 35 Jahre alt sind, da man sich von der besonnenen Tätigkeit und dem repräsentativen Auftreten gcreifterer Persönlichkeiten größere Erfolge verspricht als von dem aggres- ■ siven Vorgehen der jugendlichen Elemente bei ihren antireligiösen Kundgebungen. * Das Organ der Freidenkerbewegung in der Sowjetunion „Besboschnik" (Der Gottlose) veröffentlicht in seiner letzten Nummer einen Artikel, in dem der Regierung nahegelegt wird, eine Reihe der dem Klerus in der Sowjetunion auferlegten Beschränkungen aufzuheben. Der Regierung wird der Rat erteilt, den Popen, Rabbinern usw.. ohne daß ihr politischer Status irgendwie geändert werden soll, die Erlaubnis zur Verrichtung von Arbeiten rein technischer Natur wie Buchhaltung oder Traktorführung in den kollektiven oder An der von der israelitischen Kultusgemeinde in Graz erhaltenen israelitischen Privatvolksschule mit OefJentlichkeitsrecht in Graz (Steiermark) gelangt die Stelle eines Volksschullehrers oder einer Volksschullehrerin mit Beginn des Schuljahres 1931/32 (1. September 1931) zur Besetzung. Bewerber und Bewerberinnen wollen ihre mit Zeugnisabschriften und Schilderung ihres Lebenslaufes und ihrer bisherigen Verwendung und mit Angabe ihres Alters und Familienstandes versehenen Gesuche richten an die Leitung der israelitischen Volksschule in Graz, Grieskai Nr. 58. anderen staatlichen und öffentlichen Unternehmen zu geben. Eine solche Aenderung der bisher gegenüber dem Klerus angewandten Politik sei", so wird in dem Artikel weiter ausgeführt, im Hinblick darauf notwendig geworden, daß die allzu große Strenge, mit der die religiösen Elemente bisher behandelt wurden, bewirkt hat, daß diese ihre bisherigen Berufe nicht aufgeben konnten. Da die Kleriker zu den deklassierten Elementen gehören und politisch, sozial und wirtschaftlich keinerlei Kontakt mit der übrigen Bevölkerung haben, sind sie gezwungen, durch heimliche oder halb offene Fortführung ihrer bisherigen Berufsarbeit ein elendes Dasein zu fristen. Wenn ihnen aber die Möglichkeit geboten würde, andere, sei es auch schwerste körperliche Arbeit zu tun, so würden viele von ihnen mit ihrer Vergangenheit und mit dem Glauben vollständig brechen. Die Kleriker müßten aber auch weiterhin von der Beschäftigung in Erziehungsanstalten ferngehalten werden. Auch die Aufnahme als Schüler in die technischen Schulen müsse ihnen verwehrt bleiben. Ihre Arbeitskraft müsse in solchen Gebieten Verwertung finden, auf denen sie keine Gelegenheit haben, ihre Ideologie zu verbreiten und religiösen Einfluß irgendwelcher Art auszuüben. Wirtschaftsantisemitismus in Amerika. In einer New Yorker Sitzung des vom American Jewish Congress eingesetzten Landeskomitecs zum . Studiumdes Wirtschaftsantisemitismüs berichtete Rabbi J. Cohen von der New Yorker Free Synagogue u. a„ eine antisemitische Woge überflute augenblicklich die großen Industriezentren der Vereinigten Staaten. Für jüdische Arbeitslose sei es so gut wie ausgeschlossen, in einem christlichen Hause Stellung zu finden. Eine Reihe von Arbeitsvermittlungsbüros hat in ihren Warteräumen Anschläge folgenden Inhalts angebracht: .Arbeitsangebote von Juden werden derzeit nicht entgegengenommen." In dem Büro einer Stadt im Westen der Vereinigten Staaten war die merkwürdige Aufschrift zu lesen: „Buchhalter und Juden werden ersucht, wegzubleiben." Von den jüdischen Arbeitsuchenden, erklärte Rabbi Gohen, wird die Frage nach dem Glaubensbekenntnisse am meisten gefürchtet. Anscheinend sei für die christlichen Arbeitgeber nicht Ausbildung und Erfahrung eines Angestellten, sondern sein Glaubensbekenntnis von ausschlaggebender Bedeutung. Gewisse Arbeitsvermittlungsbüros verwenden Ziffern zur Kennzeichnung der Religion des Arbeitssuchenden: 1 bedeutet Protestant, 2 Katholik, 3 Jude; mitunter wird auch die Konfession des Arbeitsuchenden durch ein Geheimzeichen in einer Rubrik des Fragebogens angedeutet. „Hinausstoßung der Juden aus Handel, Industrie und Handwerk." Der vor etwa einem Jahre mit Hilfe der Regiejung begründete Verband litauischer K a u f 1 e u t e. der sich die „Hinausstoßung der Juden aus Handel, Industrie und Handwerk" in Litauen zum Ziele gesetzt hat, hielt soeben seinen ersten Kongreß ab. Der Kongreß faßte eine Resolution, die besagt: „Handel, Industrie und Handwerk müssen den jüdischen Händen entrissen werden." Der Kongreß beschloß, die Regierung zu ersuchen, einen speziellen Fonds zur Unterstützung der litauischen Kaufleute in ihrem Kampfe gegen die jüdische Konkurrenz zu schaffen und alle Aufträge des Staates und der autonomen Verwaltungsinstitutionen nur christlichen Kaufleuten und Gewerbetreibenden zukommen zu lassen. Der Verband fordert ein vollkommenes Verbot von Handel und Arbeit am Sonntag. Kindererzieherin Religiöse, erfahrene Kindererzieherin, die unterrichtet, gesucht zu einem 10jährigen Knaben und 8jährigen Mädchen. Offerte mit Zeugnisabschriften, Gebaltsanspruch und Photographie an Sternberg. Bundapest, V., Bälvänyutea 23. rormosa-Gommisfrümpfe verleiben unschönen Füflen die ersehnte schöne Form und verhüten Ober" dies Krampfadern) Venenentzündungen nnd viele andere Fnßleiden Strumpfe per Paar S 13.50 Fesseiform 6.10 6aDmisfrnmpf Spezfalba» „FORHOSfl" EfUMdi Kft, I., SiBflCfStf. 3, ttl.B 294:33 VonWöcfkezu Wodke Das jüdische Bildungsideal in moderner Beleuchtung. Vortrag des Herrn Dr. Leo Deutschländer, gehalten bei der Generalversammlung des „Talmud-Thora-Vereines". Pädagogik ist die planmäßige Einwirkung auf die Seele des Kindes, die ihren Höhepunkt in ihrer Harmonie findet. Unter dieser Harmonie versteht man in methodischer Beziehung hauptsächlich das Zusammenwirken der einzelnen Fächer des Unterrichtes. Dieses Zusammenwirken kann aber nur erreicht werden, wenn alle Gegenstände auf eine Basis gebracht, nicht der Profandem Religionsunterricht vorgezogen wird und umgekehrt, wenn also jedem Unterrichtsfach seine Wichtigkeit beigelegt wird. Eine wichtige Errungenschaft der modernen Pädagogik ist der Arbeitsunterricht, der nicht nur materielle Arbeit, sondern Erarbeitung in sich begreift. Er bedeutet, daß alles mit dem lebendigen Leben in Verbindung gebracht werden muß. Alfred Adler lehrt, daß die biblische Vorstellung von der angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen Ausgangspunkt für falsche Erziehungstoinst war und) ist. Man müsse also die Minderwertigkeitskomplexe bekämpfen, d. h. die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft beheben. Auf die Erziehung angewendet, ist dies nur dann möglich, wenn das Kind in ein ihm eigenes Milieu kommt. Dann gibt es keine Spannung und das Kind fühlt sich in der gewohnten Umgebung nicht fremd und minderwertig. Die methodische Technik des Unterrichtes machte in den letzten Jahren große Fortschritte. Sie betont besonders die harmonische Erziehung und beharrt auf dem Prinzip des Gemeinschaftsunterrichts. Auch wir bejahen fremde Kulturen, soweit sie dem Judentum nicht schädlich sind. Wir können in einem jüdischen Programm AUgemeinkultur und Judentum gut vereinbaren, indem beispielsweise im Rechnen Aufgaben jüdischen Inhalts gestellt, Geographie und Geschichte in Verbindung mit jüdischen Wissenselementen dieser Disziplinen gelehrt wird. Im Kinde soll kein Gefühl der Minderwertigkeit vor dem Judentum aufkommen, sondern harmonische Verbundenheit aller Fächer erweckt werden? Die konfessionelle jüdische Schule harmoniert also mit der Ansicht Adlers, und wenn man vor hundert Jahrein gegen die konfessionelle Schule war. so bedeutete das den Wunsch nach Loslösung vom Ghetto. Heute aber wissen wir materielle und formale Bildung zu unterscheiden. Heute lehnt man totes Wissen ab und legt das Hauptgewicht auf das Formale. Man hält es für wichtiger, daß die logische Fähigkeit zur Lösung einer Aufgabe vorhanden ist, als die Kenntnis der Formeln. Verständnis für die Schönheit eines Gedichtes steht höher als Memorieren. Und gerade dazu bietet das jüdische Schulprogramm reiches Material. Es darf vor allem keinen Gegensatz zwischen Naturkunde und Religion geben. Tiefes Eindringen in die Materie ist erforderlich, wenn die Verbindung zwischen Natur und Religion dargestellt werden soll. Aber nur Zusammenarbeit der Eltern, der politischen und der geistigen Führer kann vollwertige Bürger des Landes und der jüdischen Gemeinschaft in solchem höheren Sinne heranbilden. Ein trauriger Rekord. Die Zersplitterung der Wählerschaft bei den Ende Mai stattfindenden Wahlen in den 50gäiedrigen Rat der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat ein bisher noch nie verzeichnetes Ausmaß erreicht Es Hegen nicht weniger als 30 Kandidatenlisten (!) vor. Es kandidieren die Nichtzionisten unter Führung von Rechtsanwalt Julian Cohn und dem Mitglied der Jewish Agency Endelmann. die linke Poale Zion unter Führung von Serubal und Lev. die rechten Poale Zion unter Führung von Ing. Reis und Ritow. Anf der zionistischen Liste kandidieren unter anderen die Mitglieder der Et Libnoth Feldstein und Gottlieb, die Vertreter von AI Hamischmar Ellenberg und Schipper und die Revisionisten Dr. Dralitscher und Dr. Ziegelmann. Weitere Listen wurden von der Agudah, den Demokraten, dem Misrachi, der Vereinigung der Wohlfahrtsorganisationen, der regierungsfreundlichen Gruppe, den Kozenitzer Chassidim, den Poale Agudah und eine Reäe von Splitterparteien eingereicht. Der Termin zur Einbringung von Wahlvorschlägen ist am 28. April abgelaufen. Palästinensische Volkszählung. Mit der Leitung der im Jahre 1932 durchzuführenden Volkszählung in Palästina wurde der Hilfssekretär der Palästina-Regierung Mills betraut Im Laufe der nächsten Zeit wird ein Büro für die Vorbereitung der Volkszählung eröffnet. Die erste Volkszählung fand in Palästina im Jahre 1922 statt. Es wurden damals insgesamt 757.182 Einwohner gezählt, unter ihnen 590.890 Moslems, 33.794 Juden, 73.024 Christen, 7028 Drusen, 163 Samaritaner, 265 Bahais, 156 Metawallis. 1454 Hindus und 408 Kikhs. Am 1. Juli 1927 wurde die jüdische Bevölkerung Palästinas vom Gesundbeitsdepartemept der Palästina-Regierung mit 147.687 Seelen angenommen. Am 31. März 1929 umfaßt die Bevölkerung Palästinas nach einer in den Londoner „Times" veröffentlichten Statistik 557.649 Mohammedaner, 149.554 Juden, 78.463 Christen und 8850 Angehörige anderer Glanbensbekenntnisse. Professor Einstein hält treu zu Berlin. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wurde Professor Albert Einstein, der sich in diesen Tagen nach Oxford begeben hat um an der dortigen Universität im Monat Mai Vorlesungen zu halten, noch während seiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten von der Universität Pasadena in Kalifornien ein außerordentlich günstiges Angebot für den Fall seines Verbleibens in Pasadena gemacht Die Universität erklärte sich bereit, ihm in weitestem Maße seine Forschungsarbeit zu erleichtern

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