Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 19 (8.5.1931)
- Date
- 1931-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT ckr Union deutsch österreichischer Juden Telephon A 19-2-77. IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 stischen Studentengruppen vereinigt sind, vor kurzem in der Absicht, die Propaganda für die Wiederherstellung des Studentenrechts auf breitere Basis zu stellen, mit der Aufforderung zur Mitarbeit herangetreten war, hat jedes Zusammengehen mit den rassenantisemitischen Studenten mit der Begründung abgelehnt, daß die Anwendung des Arierprinzips bei der Aufnahme in die Einzelstudentenschaften dem Gedanken einer allgemeinen großdeutschen Studentenschaft widerspreche. Die katholischen Verbände werden sich an dem Kampf um die Wiederherstellung des Studentenrechtes nicht beteiligen, „solange die ,Deutsche Studentenschaft* ein loyales Verhältnis zum heutigen Staat und seinen Symbolen nicht hergestellt hat und solange der innere Widerspruch, der sich aus der Anwendung des arischen Prinzips in Oesterreich und des Staats bürgerprinz i p s in Reichsdeutschiand ergibt, nicht ausgeräumt ist". Das Urteil gegen Göbbels. Der Berliner Gauführer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei Dr. Goebbels hatte sich in der Vorwoche vor dem Schöffengericht Berlin-Charlottenburg wegen Beleidigung verschiedener republikanischer Persönlichkeiten, unter anderen des Polizeivizepräsidenten Dr. W e i ß, in acht Fällen« sowie wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu verantworten. Da er sich konsequent vor der Gerichtsentscheidung drückte, wurde er in München, wo er sich gerade aufhielt, verhaftet und dem Gericht in Berlin überstellt. Er weigerte sich aber, Aussagen zu machen, so daß die Verhandlung in seiner Abwesenheit zu Ende geführt wurde. Staatsanwaltschaftsrat Stenig beantragte gegen Goebbels wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft, v/egen öffentlicher Beleidigung in Tateinheit mit übler Nachrede in fünf Fällen, wegen öffentlicher Beleidigung in einem Fall eine Gesamtstrafe von einem Jahr Gefängnis und 200 Mark Geldstrafe. Das Gericht verkündete folgendes Urteil: Doktor Goebbels wird insgesamt zu einem Monat Gefängnis und 1500 Mark Geldstrafe verurteilt, und zwar wegen Beleidigung des ehemaligen Polizeipräsidenten Zörgiebel, des ehemaligen Innenministers Grzesinski und des Polizeiwachtmeisters Busse in Potsdam, ferner wegen öffentlicher Beleidigung und übler Nachrede gegenüber dem Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß in zwei Fällen und schließlich wegen übler Nachrede gegen die Beamten des Bezirksamtes Schöneberg, den Polizeikommandeur Heimannsberg und den Kriminalkommissär Busdorf. Wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft wurde Dr. Goebbels freigesprochen. In der Urteilsbegründung zu diesem Freispruch führte Landgerichtsdirektor R a m b k e aus, daß der Angeklagte von der Anklage nach § 166 freigesprochen worden sei. weil nach Ansicht des Gerichtes in dem inkriminierten Artikel des „Angriff" nicht erkennbar war. daß die Beschimpfung sich gegen die jüdische Religionsgemeinschaft als solche richtete, sondern weil offenbar der Artikel lediglich deren Mitglieder, bzw. Vertreter treffen sollte, die in dem Artikel als Fanatiker bezeichnet worden waren. Außerdem sei der Hinweis darauf, daß es Ritualmorde gegeben habe, keine Beschimpfung, sondern eine Feststellung h i s t o r i s c h e r T a t s a c h e n (!) Es sei nur darauf hingewiesen, daß es in Deutschland und in Oesterreich mehrere Kirchen gebe, die Heiligen geweiht seien, welche durch Religionsgegner ermordet und deshalb heilig gesprochen worden seien. Es ist nicht bekannt, ob der Staatsanwalt gegen diesen merkwürdigen Freispruch, insbesondere auch im Hinblick auf dessen noch merkwürdigere Begründung durch das Gericht, Berufung eingelegt hat. Radio nnfl Orammoplionc Radio, neueste Typen, auch Umbau und Tausch alter Apparate. Schallplanen hervorragendster Künstler and neaesterSchloger.audiTausch.Zahlungserleidilening. Radiohaus „ELPHORA" 1., Oomlnliunerbastel 22. Tel. R 24-4-16 «h K«l 7« „ Union"-Jugendgruppe. Die Veranstaltungen der vor kurzem reorganisierten Jtigendgruppe der „Union" erfreuen sich steigender Beliebtheit. Die kulturellen wie auch die sportlichen und geselligen Veranstaltungen genießen immer lebhafter werdenden Zuspruch, bei jeder Gelegenheit werden von den zahlreichen Mitgliedern neue Gäste eingeführt, die rasch an den Bestrebungen der Jugendgruppe Gefallen finden und als Mitglieder in ihrem Kreise verbleiben. Der kürzlich neu gewählte Ausschuß der Gruppe ist bemüht, allen Wünschen der Mitglieder gerecht zu werden, und diese Bemühungen sind bisnun von den schönsten Erfolgen gekrönt. Besonders ernst nimmt die Leitung die Veranstaltung der kulturellen Abende, die jeden Dienstag, 8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe Central, IL, Taborstraße 8, stattfinden. Diese Abende sind von dem Gesichtspunkte geleitet, der heranwachsenden Wiener jüdischen Jugend dabei behilflich zu sein, das in der Schule vielleicht nur mangelhaft erworbene Wissen um Judentum und jüdisches Sein zu ergänzen, um der Jugend die Möglichkeit zu bieten, dem AHtagskampfe als aufrechte jüdische Menschen trotzen zu können. Vor allem soll der Jugend die Kenntnis von der Ethik des jüdischen Schrifttums und der jüdischen Einrichtungen vermittelt werden, damit sie auch unter Hinweis auf die Erhabenheit dieser Anschauungen unseren Gegnern mit Geisteswaffen entgegentreten kann. Diese Richtlinien schweben der kulturellen Sektion der „Union'-Jugendgruppe vor und die bisherigen Abende derselben waren denn auch diesen Zwecken gewidmet. Einen einführenden Vortrag über „Die Ethik der Bibel" hielt Herr cand. phil. et theol. S. M a rg u 1 i e s, der mit seinen auf hohem Niveau stehenden Ausführungen lebhaften Beifall fand. In der Debatte, die sich wie immer auch an diesen Vortrag anschloß, war die Frage aufgeworfen worden, ob einige Strafen des Alten Testaments nicht eine gewisse unsittliche Härte beinhalten. Die Beantwortung dieser Fragen nahm in groß angelegter Weise Dr. Karl Steiner auf dem nächsten D i skussions-Abend der Jugendgruppe vor, auf dem er äußerst fesselnd über „Das Strafrecht der Bibel" sprach. Einen Höhepunkt der kulturellen Abende der Jugendgruppe bildete der in der Vorwoche gehaltene Vortrag des Herrn S. Taubes über „Shylok oder Das jüdisch-christliche Problem". Den Lesern der „Wahrheit" ist der Inhalt dieses Vortrages wohl noch bekannt, denn unser Blatt hat vor einiger Zeit diesen Aufsatz des begabten jungen jüdischen Schriftstellers in Fortsetzungen veröffentlicht Herr S. Taubes kommt auf Grund kritischer Analyse des „Shylok" zu dem Schlüsse, daß Shakespeare trotz der Verlockungen christlicher Dogmatik, die Wirklichkeit in die Theorie zu pressen, unbefangen genug geblieben ist, in Shylok die elementare Macht eines Volkes, seine Erfülltheit von heiliger Berufung lebendig zu gestalten. Darin liegt für uns der tiefe Gehalt und die Aktualität von Shyloks Persönlichkeit. Denn nicht die Verkörperung einer Allegorie, in der die lebende Person zur Marionette einer bloßen Idee herabgedrückt wird, ist Shylok, sondern — darüber hinaus — erhebt sich mit ihm das innerste Wesen eines ganzen Volkes. Dem geistreichen Vortrage folgte lebhafter Beifall und schloß sich eine intensive Debatte an, Dr. F. J. W e i ß beschäftigte sich eingehend mit dem Problem der jüdischen Gerechtigkeit und christlichen Gnade, der Leiter der kulturellen Sektion der Jugendgruppe stud. jur. Max Mark ergänzte diese Ausführungen durch interessante Vergleiche mit Lessings „Nathan". Besonderen Anklang fand die Rede des Präsidenten der „Union" Herrn Dr. J. O r n s t e i n, der über die ethische Mission des Judentums sprach. Reg.-Rat Dr. Emil Weinberg streifte in markanten Sätzen das Rassenproblem. Der Obmann der Jugendgruppe Sekretär Oskar Hirschfeld beleuchteie einige ethische Abwehrmaßnahmen des deutschen Judentums in seinem Kampf gegen den Antisemitismus. Dr.L e nk betonte die Gefährlichkeit der politischen und gesellschaftlichen Absonderung des österreichischen Judentums. Herr S. Taubes dankte in seinem Schlußworte für das rege, Interesse und Verständnis, das seine Ausführungen gefunden. Verständnis, führte er weiter aus, ist überhaupt Voraussetzung für jedes menschliche Zusammenleben, und so wie wir Juden auch Verständnis für unsere Art von unserer christlichen Umwelt verlangen, so müssen wir auch Verstehen für unsere Brüder, aus welchem Lande immer sie kommen, bekunden. (Lebhafte Zustimmung.) Der nächste kulturelle Abend findet Dienstag, den 12. d. M., 8 Uhr abends, im Klublokal des Cafe Central, II., Taborstraße 8, statt. Dr. Ernst Feldsberg spricht über „Die Ethik jüdischer Gebräuche". Von Mitgliedern eingeführte Gäste sind herzlich willkommen. Die geselligen Abende, die jeden Samstag, 8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe City. IX., Porzellangasse 1, stattfinden, sind ebenfalls sehr rasch beliebt geworden. Die stets zahlreich anwesende Jugend erfreut sich bei S p i e 1 undTanz, auch Vorträge heiterer Natur werden von den Mitgliedern der Gruppe selbst zum besten gegeben. In dem angrenzenden Räume sind zwei Ping-Pong-Tische aufgestellt. Für das Gelingen des nächsten Abends am 9. d. M. sind besonders umfassende Vorbereitungen getroffen worden. Die Sportsektion unter Leitung des Herrn Leo G r o p p hat mit den Sonntags-Ausflügen bereits begonnen, die stets reichen Zuspruch finden und immer sehr gemütlich verlaufen. In der nächsten Zeit wird mit dem Tennis-Spiel begonnen, außerdem ist ein großer Pfingst-Ausflug in die Oetschergräben geplant. Alles in allem, die Jugendgruppe der „Union" befindet sich in einer recht erfreulichen Aufwärtsentwicklung, allenthalben besteht der Wunsch nach ihrer Vergrößerung und Ausbreitung und so wird die Wiener jüdische Jugend, die auf dem Boden des angestammten Judentums und des österreichischen Vaterlandes lebt, sehr bald wissen, wo sie ihr geistiges und gesellschaftliches Zentrum findet, in der Jugendgruppe der „Union". Bezirksorganisation XVI/XVIL Am 4. Mai 1. J. fand unter dem Vorsitz des Herrn Medizinailrat Dr. Jakob Deutsch eine Versammlung der Mitglieder der Bezirksorganisation XVI/XVII statt Herr Medizinalrat Dr. Deutsch eröffnete die überaus zahlreich besuchte Versammlung, begrüßte insbesondere den erschienenen Präsidenten der „Union". Herrn Dr. Jakob Ornstein. ferner Herrn Kultusrat Hof mann, die Präsidentin der Frauengruppe Frau Regierungsrat Doktor Lenk sowie die Bundesstaatliche Fürsorgerätin Frau Ottilie Politzer, ferner die erschienenen Mitglieder des Zentralvorstandes. Vor Eingehen in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende in warmen Worten des heimgegangenen Bezirksobmannes Ottomar Katz, mit dem eine Säule des Bezirkes, eine Stütze des Judentums, ein aufrechter und wackerer Mann für immer von uns gegangen ist. Die Versammlung beschloß, diese Echt^Jersei^Dpiche durchwegs günstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER MÖBELHEIM Inh. JULIUS GÖTZL Handig. beeid. Sichv. u. 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