Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 19 (8.5.1931)
- Date
- 1931-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ME WAHRHEIT Satt« s Zwei traurige Jahrestage. Am 27. April waren es 50 Jahre, seitdem durch den Pogrom in Jelisawethgrad die Reihe jener schrecklichen Judenmassakers eröffnet wurde, die den Anstoß zur Massenauswanderung der osteuropäischen Juden und zum Entstehen des neuen großen jüdischen Zentrums in den Vereinigten Staaten und geschlossener Niederlassungen osteuropäischer Juden in England, Deutschland, Frankreich. Südafrika und anderen Ländern gegeben haben. Zar Alexander II., der eine Reihe großzügiger Reformen, die vielfach auch der jüdischen Bevölkerung zugute kommen sollten (zum Beispiel Zulassung der Juden zu den Hochschulen, Aufenthaltsbewilligung außerhalb des Ansiedlungsrayons für jüdische Akademiker, Großkaufleute und Fabrikanten) in Angriff genommen hatte, war einem nihilistischen Anschlag zum Opfer gefallen. Die Tatsache, daß einige wenige jugendliche Elemente unter den Juden in der nihilistischen Bewegung tätig waren, wurde zum Vorwand genommen, um die Juden als Gesamtheit für das Attentat auf den Zaren verantwortlich zu machen. Obwohl die jüdische Bevölkerung, die von tiefer Dankbarkeit für den Reformator erfüllt war, stets zu den loyalsten und treuesten Untertanen des ermordeten Zaren, dessen Tod sie tief betrauerte, gehört hatte, fand die Legende, die Ermordung Alexander II. sei das Werk einer jüdischen Verschwörung gewesen, vielfach Glauben. Kurz nach der Thronbesteigung Alexander III. kam es am 27. und 28. April 188t zu den Pogromen in Jelisawethgrad, denen innerhalb der nächsten sechs Monate 160 Pogrome in verschiedenen Städten Südrußlands folgten. Die planmäßig vorbereiteten Ausschreitungen fanden unter wohlwollender Duldung, mitunter auch Förderung, seitens der Behörden statt. Eine große Zahl von Juden kam in diesen Pogromen um, tausende Häuser und Wohnungen wurden geplündert oder zerstört. Manche jüdische Familie wurde gänzlich ausgerottet. Die Pogrome riefen eine stürmische Empörung in ganz Europa hervor. In allen großen Städten Westeuropas und Amerikas wurden Versammlungen abgehalten, in denen im Namen der Zivilisation gegen die mittelalterlichen Verfolgungen in Rußland Einspruch erhoben wurde. Die einzige Antwort der russischen Regierung auf diese Kundgebungen der öffentlichen Meinung war der Erlaß der „provisorischen Regeln vom 3. Mai 1882", durch die die Lage der russischenJudenheitbiszurUnerträglichkeit verschlechtert wurde. Eine Denkschrift, die auf Grund eines Beschlusses eines Massenmeetings in der Guildhall zu London dem Zaren überreicht wurde, wurde von diesem dem Lordmayor von London uneröffnet zurückgesandt. Mit den Pogromen setzte die fluchtartige Auswanderung jüdischer Massen nach den überseeischen Ländern, vor allem nach den Vereinigten Staaten, ein. In den letzten 50 Jahren ist die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten, die im Jahre 1881 250.000 Seelen in einer Gesamtbevölkerung von 45 Millionen ausmachte, auf annähernd 4% Millionen in einer Gesamtbevölkerung von über 120 Millionen gestiegen. * Am 1. Mai waren zehn Jahre nach dem Ausbruch des ersten PogromsinPalästina verflossen, der eine volle Woche hindurch wütete und bei dem zahlreiche Juden, unter ihnen der hebräische Dichter J. Ch. B r e n n e r, den Tod fanden. Zur Untersuchung der Ursachen dieses Pogroms wurde vom High Commissioner Sir Herbert Samuel eine Kommission unter dem Vorsitz des damaligen obersten Richters Palästinas, Sir Thomas Haycraft, eingesetzt. Der Kommission gehörten außerdem H. C. L u k e, der später während der Massakers des Jahres 1929 stellvertretender High Commissioner war, und Richter S t u b b s an. In dem von dieser Kommission erstatteten Bericht wurde als tiefere Ursache der Unruhen das Gefühl der Unzufriedenheit unter den Arabern und ihre aus politischen und wirtschaftlichen Gründen im Zusammenhang mit der jüdischen Einwanderung und ihrer Auffassung von zionistischer Politik entstandene Feindschaft gegen die Juden angegeben. Als unmittelbarer Anlaß der Unruhen in Jaffa am 1. Mai wurde eine unerlaubte Kundgebung der palästinensischen Kommunisten bezeichnet. In einem Artikel in der Berliner „Jüdischen Rundschau" bespricht Dr. Robert W e 11 s c h die politischen Folgen, die sich an die Palästinaunruhen vom Mai 1921 knüpften. In dem Artikel wird unter anderem ausgeführt: Die Regierung, die an den antizionistischen Motiven des Ausbruches nicht zweifelte, versuchte zunächst, die Araber zu beruhigen, indem sie die jüdische Immigration verbot... Dies LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖNII WIEN, 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicbeningsbestand per Mitte 1930 ........ Prämiennnd Zinseneinnahmen im lahre 1929 ...... Garantiemittel per Ende 1929 - Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 30'/, 2450 Millionen Schilling 125 300 war nicht nur für die direkt Betroffenen ein schwerer Schlag, sondern die zionistische Bewegung empfand diese Handlungsweise der Regierung als ein Attentat aui die durch die Balfour-Deklaration festgelegte Politik. Am 3. Juni 1921 hielt Herbert Samuel seine berühmt gewordene Rede, in der er zum ersten Male eine offizielle Erklärung des bis dahin umstrittenen Begriffes „Jüdisches Nationalheim" gab. Er verurteilte die politische Verhetzung im Lande, die auf ein „unglückseliges Mißverständnis" der Balfour-Deklaration zurückzuführen sei... Der Sinn der Balfour-Deklaration bedeute, daß den Juden die Möglichkeit gegeben wird, in Palästina ihre Heimat zu finden und daß „eine Anzahl von ihnen — innerhalb der Grenzen, weiche durch die Zahl und Interessen der gegenwärtigen Bevölkerung gegeben, sind — nach Palästina kommen soll, am durch iure Mittel and Kräfte dazu beizutragen, das Land zum Vorteil aller seiner Bewohner zu entwickeln". Herbert Samuels Rede hat damals im palästinensischen Judentum und in der ganzen zionistischen Bewegung die größte Bestürzung hervorgerufen. Aber die Formel, die er im Einvernehmen mit dem Staatssekretär für die Kolonien (Churchill) und dem Londoner Kabinett Lloyd George verkündete, ist seitdem von England festgehalten worden____ AHIIHIIIUIIIINHI Gegen die Hochschalreaktion. Die deutsche Liga für Menschenrechte veranstaltete am 27. April im Langenbeck- Virchow-Haus zu Berlin eine Massenkundgebung gegen die Reaktion an den deutschen Hochschulen. Die Versammlung war in erster Linie dem Protest gegen die Haltung des Vorstandes des Verbandes der deutschen Hochschulen, der Organisation der Hochschullehrer Deutschlands, gegenüber der von der reaktionärantisemitischen . deutschen Studentenschaft gegen Professor E. J. Gumbel in Heidelberg wegen seiner pazifistischen Einstellung entfesselten Hetze gewidmet. Es wurden jedoch auch von einzelnen Rednern die Verhältnisse an den deutschen Hochschulen im allgemeinen geschildert und in diesem Zusammenhang die antisemitischen Exzesse der die Hochschulen terrorisierenden nationalistischen Studenten gebührend gebrandmarkt Nachdem der Vorsitzende Dr. Kawerau in seinen einleitenden Worten einen Vergleich zwischen der freiheitlichen Haltung der Studentenschaft vor 100 Jahren zur Zeit des aufstrebenden Bürgertums und der heutigen Einstellung eines großen Teiles der Studentenschaft, der sich nur mehr als Hüter bedrohter Privilegien der herrschenden Klassen fühlt, gezogen hatte, ergriff Professor Martin Hobohm das Wort. Er schilderte die nationalsozialistischen Ausschreitungen anläßlich des Bach-Festes in Kiel, die sich gegen den verdienten Führer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, den Theologen Geheimrat Otto Baumgarten, richteten. Professor Hobohm legte bei dieser Gelegenheit ein Bekenntnis seines aufrechten Philosemitismus ab. Im Weltkriege habe er als Frontsoldat die patriotische Hingabe vieler Juden bewundert, die in bemerkenswertem Gegensatz zum Verhalten mancher übereifriger Nationalisten stand. Die Haltung der deutschen Juden, die ungeachtet des Martyriums, dem ihre Feinfühligkeit heute auf Schritt und Tritt ausgesetzt sei, unbeirrt ihre Pflicht als Menschen und Bürger erfüllen, verdiene aufrichtige Bewunderung. Den Juden rufe er zu, des Satzes eingedenk zu sein: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Die hochwertigen Elemente unter den Juden würden zweifellos aus diesem Sturm der Anfeindungen gestärkt hervorgehen. Die Angriffe gegen Emil Gumbel seien hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß er der Historiker der Fememorde und ein Vertreter jenes neuen deutschen Idealismus ist. der sich gegen die Gewalt wendet. Das Verhalten der nationalsozialistischen Studenten, die oft aus nichtigstem Anlaß gewalttätige Kundgebungen veranstalten, erkläre sich daraus, daß sie obligatorisch Mitglieder der nationalsozialistischen Schutzstaffeln sind und daher auf höheren Befehl handeln müssen. Ein Zusammenschluß der freiheitlichen Elemente gegen den nationalsozialistischen Terror sei dringend notwendig, denn „jedes Volk habe die Universität, die es verdient". Namens der jungen Akademiker sprach Referendar Kurt Berlowitz, der unter anderem gegen die Ausführungen des völkischen Delegierten Schmadel auf der Studentenkonferenz in Nyon polemisierte. Schmadel hatte bekanntlich erklärt. Amerika sei nicht berechtigt, gegen den deutschen Antisemitismus Stellung zu nehmen, da es selbst sein Rassenproblem, das Negerproblem, habe. Die Hochschulreaktion, führte Referent Berlowitz weiter aus, sei im wesentlichen auf wirtschaftliche Motive zurückzuführen. Charakteristisch sei, daß die „Deutsche Studentenschaft" gegen den Plan des hessischen Unterrichtsministeriums, bei der Besetzung höherer Lehrstellen nur Bewerber zu berücksichtigen, die ihre Prüfungen mit Auszeichnung abgelegt haben, mit der Begründung Stellung nahm, durch eine solche Maßnahme würde eine Verjudung der Lehrerschaft Platz greifen. Als Professor Albert Einstein auf der Rednertribüne erschien, um in kurzen Worten für Professor Gumbel einzutreten, wurde ihm von der Versammlung eine minutenlange Ovation dargebracht Weitere Ansprachen hielten Geheimrat Holde, Prof. Arthur Rosenberg, Prof. Konrad Z i e g 1 e r-Greifswald und als letzter Redner Professor Gumbel. der erklärte, es handle sich gar nicht um einen Kampf gegen ihn, sondern um einen Kampf gegen Pazifismus und freiheitliche Gesinnung, die in seiner Person getroffen werden sollen. * Die katholischen Studentenverbände gegen das Arierprinzip. Die katholischen Studentenverbände, an die die „Deutsche Studentenschaft", in der die naiionalij»i»nnmim^ YORNEBflE f AHMEN - PENSION |HnfaopaffaD,HaffBBbaBS täglich 5-Uhr-Tee ISErIrf EBING TELEPHON 11 |Hochstrafie 43 neben Hotel Panhans §j Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts m Zentralheizung, fließendes Wärm- und Kaltwasser gl in jedem Zimmer. §§f m Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer S^-ä^P**? mMim '^i^mm^A