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Die Wahrheit · 1931-05-08 · Heft 19 (8.5.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 19 (8.5.1931)
Date
1931-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Judentums die längst erwünschte endgültige Klarheit scharfen. Doch sind sich die Herren Revisionisten auch bewußt, in welche entsetzliche Situation sie durch die öffentliche Propagierung ihrer Ideen die jüdische Bevölkerung in und außerhalb Palästinas bringen? Sind sie sich darüber klar, in welche Siedehitze der Leidenschaft und Erbitterung die arabische Bevölkerung Palästinas dadurch geraten muß, darüber klar, was es für die Millionen Juden in der Diaspora, die zum Teil auf Gnade und Ungnade ihren Regierungen und nichtjüdischen Mitbürgern ausgeliefert sind, bedeutet, wenn Juden Gewalt predigen, von der Waffengewalt, von englischer und jüdischer Waffengewalt die Unterdrückung der einheimischen arabischen Bevölkerung erhoffen und erwarten? Wahrlich, wir hätten schon an der gemäßigten nationaljüdischen Bewegung genug und übergenug, sie allein bedeutet ja schon eine beängstigende Gefährdung unserer Bestrebungen, die Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit der Juden immer fester zu verankern. Doch der Kämpf um die Macht im zionistischen Heerlager, das wechselseitige fiinauflizitieren ihrer Versprechungen, die Ueberradikalisierung großer Teile der jüdischen Jugend durch soziale und nationale Politik können, so fürchten wir, all unseren schwer erkämpften Errungenschaften des letzten Jahrhunderts den Todesstoß versetzen. Gott schütze uns vor unseren Freunden! M. L. ■ Am toten Punkt angelangt.. . Bekanntlich sollten kürzlich in London und Jerusalem Verhandlungen zwischen Vertretern der englischen Regierung einerseits und den Juden, bzw. Arabern anderseits aufgenommen werden. Wir haben in unserer vorwöchentlichen Nummer ausführlich dargelegt; wie merkwürdig die diesbezüglichen Verhandlungsmethqden angelegt waren, und schwere Bedenken geäußert, ob diese Verhandlungspraxis zu einem Erfolg führen kann. Unsere Bedenken sind leider nur zu rasch bestätigt worden. Es ist zunächst fraglich, ob in Jerusalem, wo uie Verhandlungen mit den Arabern hätten stattfinden sollen, überhaupt, zumindest offiziell verhandelt wurde. Die Palästina-Regierung hüllt sich in ein auffallendes Schweigen, die palästinensischarabische Exekutive aber hat eine Erklärung veröffentlicht, in der sie es i n A b r e d e s t e 111, daß die arabischen Führer der Abhaltung offizieller Besprechungen mit der Regierung zugestimmt hätten, und an dem Standpunkt festhält, daß keinerlei Beratungen stattfinden können, solange nicht die Regierung die Bedingungen erfüllt habe, die in dem von der arabischen Exekutive dem High Commissioner vorgelegten Memorandum gestellt wurden. Es besteht also bestenfalls die Wahrscheinlichkeit, daß Verhandlungen, wenn sie überhaupt gepflogen worden sind, nur einen inoffiziellen Charakter trugen. In London wieder sind die Verhandlungen zwischen der englischen Regierung und den Zionisten nach zwei Besprechungen auf einen toten Punkt angelangt. Es bestehen doch zu große Differenzen. Die ursprünglich im Vordergrund der Verhandlungen stehende Frage der Zusammensetzung der Landentwicklungskommission ist auf der zweiten Besprechung vollständig hinter die Erörterung der grundsätzlichen Frage, welches das Ziel des Landentwicklungsplanes sein soll, zurückgetreten. Die Regierungskommtssion nahm den Standpunkt ein, daß die Araber in erster Reihe, wenn nicht ausschließlich, Nutznießer des Planes sein sollen. Sie machte ferner geltend, daß es gegenwärtig unmöglich sei, die Zahl der von ihrem Boden verdrängten Araber festzustellen, es handle sich aber jedenfalls um viele Tausende, etwa 29 Prozent der Bevölkerung. Augenblicklich könne nur die Art der Zusammensetzung der der Palästinaregierung anzugliedernden Landentwickiungskommission erörtert Werden. Dagegen müsse die Bestimmung über die Verwendung der zur Durchführung des Landentwicklungsplanes bestimmten Gelder der künftigen Landentwicklungskommission selbst überlassen bleiben. Demgegenüber bestanden die Zionisten darauf, daß die Richtlinien der Landentwicklungspolitik in den: gegenwärtigen Verhandlungen festgelegt werden. Sie erklärten, daß die Zahl der unmittelbar durch jüdische Bodenkäufe von ihrem Landbesitz : verdrängten Araber, die allein auf Grund der Bestimmungen des MacDonald-Briefes Anspruch darauf haben, bei der im Landentwickluhgsplan vorgesehenen Bodenzuweisung berücksichtigt zu werden, nur w enige Hundert betrage. Die Mittel des Landentwicklungsfonds müßten daher zur Hälfte zugunsten der verdrängten Araber und zur Entwicklung der arabischen Landwirtschaft im allgemeinen, sowie zu Krediten für arabische Siedler, zur anderen Hälfte aber zur Förderung der jüdischen Kolonisation und zur Erteilung von Krediten an die bestehenden jüdischen Kolonien verwandt werden. Die arabische Exekutive hat anderseits an die Regierung die Forderung gestellt, daß die Bestimmungen des MacDonald-Briefes völlig außer acht gelassen und daß die Mittel des Entwicklungsfonds zunächst zur Ansiedlung aller landlosen Araber verwandt werden. Im Hinblick darauf, daß ihre Pläne sowohl bei den Arabern als auch bei den Juden auf Opposition stoßen, wird die Regierung wohl ihre Absicht, der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes auf ihrer Tagung im Juni d. J. einen von beiden Parteien gebilligten Landentwicklungsplan vorzulegen, aufgeben müssen.. Damit ist der „Plan" erledigt, die Engländer sind wieder einmal — außer Obligo. Katastrophale Lage der Juden im ostpolnischen Überschwemmungsgebiet. Die katastrophalen Ueberschwemmungen, von denen Ostpolen mit Wüna betroffen worden ist, haben die Not unter der jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes ins Ungeheure gesteigert In Wilna und in mehreren meist von Juden bewohnter. Städten und Städtchen der Umgebung wurden mehrere hundert von jüdischen Familien bewohnte Häuser und zahlreiche von Juden betriebene Gewerbe und Industrieanlagen, darunter große Gerbereien, die zahlreiche jüdische Arbeiter beschäftigen, überschwemmt und zum großen Teil vernichtet Die meisten der betroffenen Familien konnten nur das nackte Leben retten. Die Not ist unbeschreiblich groß. Seit dem Jahre 1888 hat Ostpolen eine solche Hochwasserkatastrophe nicht erlebt Infolge der Hochwasserkatastrophe ist in Wilna eine Typhusepidemie ausgebrochen. Zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung der Epidemie haben die Behörden die Schließung und Siegelung der Brunnen in den äußeren Stadtbezirken angeordnet. Die Bevölkerung wurde vor dem Genuß ungekochten Wassers gewarnt. Am meisten unter dem Hochwasser gelitten hat das hauptsächlich von Juden bewohnte Städtchen Dzisna am Flusse Dzwina in der Nähe von Wilna, das vollkommen überflutet ist Hier konnten die Einwohner nicht das geringste von ihrem Hausrat und ihrer Habe retten, die Wasserflut hat alles fortgeschwemmt und vernichtet. Die jüdische Bevölkerung dieser Stadt, die auch sonst in großer Armut lebt ist jetzt ganz und gar Achtung „Union"-Delegierte! Mittwoch, den 13. Mai, V28 Uhr abends, im Festsaale des Restaurants Tonello, IL, Lilienbrunngasse 2 9. ordentliche Delegiertenversammlung der „Union". Näheres in den Einladungen. ruiniert. Das Elend ist unbeschreiblich. Das Büro des Joint Distribution Committee in Warschau erhielt vom Rabbinat und der Jüdischen Gemeinde von Dzisjia ein Telegramm, in welchem mitgeteilt wird, daß die ganze Stadt unter Wasser steht daß der Fluß Dzwina sämtliches Land im Umkreise von 8 Kilometern überflutet und alles in diesem Umkreis vernichtet hat. Die Menschen konnten nichts mehr als ihr nacktes Leben retten. Zelte und Baracken fehlen ganz, die Einwohner drängen sich bis zu 40 in einer Dachkammer zusammen. Zur Linderung der dringendsten Not benötigt man 1500 Zloty täglich, die Regierung hat aber bloß 100 Zloty täglich bewilligt. Aus dem Städtchen Danilowicz wird das erste Todesopfer der Katastrophe gemeldet. Frau Rifka Rifkowska wurde bei dem Versuch, eine von den Fluten überschwemmte Straße zu überschreiten, fortgespült und ist ertrunken. In der Stadt Drue stehen mehr als die Hälfte der Häuser und sämtliche Synagogen, Kirchen und Regierungsämter unter Wasser. Mehrere aus Holz gebaute Häuser wurden von den Fluten fortgetragen, andere von der Flut bedrohte Holzhäuser mußten mit Stricken an Bäumen festgebunden werden, damit die Fliit sie nicht mit sich reißt. In der alten Synagoge, die eine künstlerisch und kulturhistorisch sehr wertvolle 486 Jahre alte Thoralade birgt steht das Wasser vier Meter hoch.. Nur mit äußerster Mühe und zum Teil unter Lebensgefahr konnte die jüdische Einwohnerschaft 170 Thorarollen retten. Dagegen aber wurden mehr als 3000 Talmudfolianten und andere religiöse Bücher von den Fluten fortgetragen. In Drue sind 800 Familien ohne jede Nahrung. 30 Personen sind infolge des Hungers an Typhus erkrankt. Wie „Nasz Przeglad" meldet, wurde in Wilna unter dem Vorsitz des Wojwoden ein Hilfskomitee gegründet, unter dessen 70 Mitgliedern sich bloß zwei Juden befinden. In den jüdischen Kreisen Wilnas herrscht tiefe Verstimmung darüber, daß die jüdischen Organisationen und die jüdische Gemeinde nicht eingeladen wurde, Vertreter in dieses Hilfskomitee zu entsenden, obwohl die jüdische Bevölkerung von der Hochwasserkatastrophe am stärksten betroffen wurde. * Aufruf! Erschütternde Details langen aus Wilna ein. Die jüdische Bevölkerung im ganzen Ueberschwemmungsgebiet ist furchtbar heimgesucht Ihre Häuser und Hütten sind zerstört, ihre Habe verloren, bar aller Mittel sind sie dem Verderben preisgegeben. Von dem dort eingesetzten Hilfs-Komitee kann sich die jüdische Bevölkerung angesichts der allgemeinen Notlage nicht viel erwarten. Schon greift Hungersnot und in ihrem Gefolge Typhus um sich. Wir müssen helfen! Es ist Ehrenpflicht,der österreichischen Judenschaft, die zu allen Zeiten ihr warmes Mitgefühl mit notleidenden Brüdern, in welchen Ländern auch immer bekundet hat, auch hier trotz ihrer eigenen schweren wirtschaftlichen Lage den von der Katastrophe heimgesuchten Glaubensgenossen im Osten hilfreich beizustehen. Jeder spende nach seinen Mitteln, rasch und opferbereit! Die Redaktion der „Wahrheit". Die Redaktion der „Wahrheit" ist gerne bereit. Spenden entgegenzunehmen, sie im Blatte auszuweisen und dem gedachten Zwecke zuzuführen. Kleider sofort Zahlung später Herrenand Dunenkleider nick M»fl and fertig nur erstklassige Stoffe, bis 12 Honate Kredit Klelderhaus Werter, Wien XVI., ottakriiigersir. II Tel. A21-501 Dr. I. H. Körner gibt in seinem, sowie im Namen der Verwandten bekannt, daß seine Mutter Frau KAROLINE KORNER am 3. Hai in Preratt gestorben ist Das Leichenbegängnis fand am Dienstag, den 5. d. M., um 3 Uhr nachm. dortselbst statt.

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