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Die Wahrheit · 1931-05-08 · Heft 19 (8.5.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 19 (8.5.1931)
Date
1931-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tDcmrneil mit den Veröffentlichungen der . „Union deutschösterreidasdier Juden" '.' •'v^\ and den t^^^ Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag ^f^^ KlÜtllSgemeinde W!en Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 8. Mai 1931 Nummer 19 Jabotinskys Appell an die Gewalt: Wladimir Jabotinsky macht immer volle Hänser. Und dies mit Recht. Er ist nicht nur ein mächtiger Rufer im Streite, nicht nur ein gewaltiger Redner, der die Leidenschaften zu entfachen versteht, er ist auch ein Politiker von großem Format. Auch diesmal rief die Ankündigung des Vortrages Jabotinskys große Massen in den Konzerthaussaal, der buchstäblich bis aufs letzte Plätzchen gefüllt war. Nicht von Anhängern, die, wie ein Rundblick in Momenten des Beifallsklatschens zeigte, im Parkett nur spärlich, dagegen stärker auf den Galerien durch jugendliche Elemente vertreten waren. Die Gegner vor allem aus dem nationalen und dem antinationalen Lager waren gekommen, um ihn zu hören. Ihn, den Führer der zionistischen Opposition, auf den in der gegenwärtigen Krise des Zionismus die Augen eines Großteils der jüdischnationalen Welt gerichtet sind. Der Eschec des Zionismus ist nun in aller Welt klar geworden, nicht nur der Weizmannschen Politik, wie Jabotinsky nun den in ihren Hoffnungen und Erwartungen getäuschten offiziellen Zionisten weiszumachen versucht. Wie wurden wir, die wir die ganzen Jahre her diese Entwicklung vorausgesagt hatten, von den Jüdischnationalen aller Schattierungen geschmäht und verhöhnt, wie wurden wir belächelt, wenn wir meinten, auf Englands Diplomatie sei kein Verlaß. Fern von uns ist jetzt jeder Hohn, fern jede Spur etwa einer Schadenfreude in einer Sache, in der es um Lebensfragen unserer Glaubensgenossen geht. Für uns gibt es keine Unterscheidung zwischen Juden* und Juden, zwischen Juden des Ostens und des Westens, zwischen Gesetzestreuen und Liberalen, zwischen Juden der Nationalität und dem Stamme nach, für uns gibt es nur die Einheit des Judentums, wenn es sich um Probleme handelt, die, wie das Palästina-Problem, uns alle berühren. Aus dieser Einstellung der nichtzionistischen Judenschaft erklärt sich auch ihr unter Vorbehalten erfolgter Eintritt in die Jewish Agency, dieser jüdischen Körperschaft, deren Aufgabe es sein soll, bei dem Aufbauwerke Palästina den englischen Verwaltungsorganen beratend zur Seite zu stehen. Die Grundlage der zionistischen Palästinapolitik bildet die Balfour-Deklaration und das Völkerbundmandat an England. Mag sein, daß es in dem Geburtsjahre dieser Magna Charta der Jüdischnationalen und in den ersten Nachkriegsjahren Anhänger der Herzl'schen Idee gab, die aufrichtig an die Verwirklichung ihres Traumes dachten und arbeiteten, aber seit dem Jahre 1922, seit der deutlichen und nicht mißzuverstehenden Interpretation des Begriffes „Nationale Heimstätte" durfte und konnte es keinen mit der Materie und der Sachlage vertrauten Jüdischnationalen geben, der noch irgendwelche Hoffnungen auf die Verwirklichung des Judenstaates in Palästina erwecken durfte. Weizmann und seine Anhänger hatten aber all die Jahre her nicht den Mut, ihrer Gefolgschaft die ganze Wahrheit zu sagen und den Zusammenbruch ihrer weit gesteckten Ziele einzugestehen. Erst im September des Vorjahres, nach der klaren ablehnenden Haltung der englischen Regierung, wurde sich Weizmann seiner vollen Verantwortung gegenüber dem Gesamtjudentum bewußt, und schrie in die Welt hinaus: »Nie wird es einen Judenstaat geben! Im Nebel der Kriegsjahre und der ersten Nachkriegsjahre haben Balfour, Lloyd George und ich an den Judenstaat geglaubt. Damals habe ich gesagt: Palästina soll so jüdisch werden, wie England englisch! Die Nebel sind verflogen. Ich sehe klar und habe den Glauben an den Judenstaat verloren! Er wird nie sein. Im Mandat steht: Nationalheim in Palästina, uicht Palästina als Nationalheim! Das ist kein Judenstaat Vom Judenstaate zu reden ist nur gefährlich. Ichglaubenichtandenjudenstaat!" „Die Nebel sind verflogen — ich glaube nicht an den Judenstaatl" Das waren mutige Worte, Worte aus dem Munde eines Wissenden, eines Mannes, der durch seine Verhandlungen und Beziehungen im Jahre 1917 die Erklärung Balfours erwirkte, der seither ununterbrochen als Führer der zionistischen Weltorganisation die Verbindung mit der englischen Regierung unterhielt, der die Mentalität des englischen Volkes genau kennt, die wahren Triebkräfte der englischen Diplomatie richtig einzuschätzen weiß. Konsternation und Kleinmut lösten dieses aufrechte Eingeständnis Weizmanns in den Reihen seiner Anhänger auf dem ganzen Erdenrunde aus. Mag sein, daß die wirtschaftliche Weltkrise zum Teile die Finanzkrise des Zionismus mit sich gebracht hat. Doch es steht außer Zweifel, daß vor allem die nüchternen Worte Weizmanns auch die Ernüchterung unter den freigebigen Nichtzionisten, vor allem unter den reichen amerikanischen Juden ausgelöst hat. Weizmanns die wahre Sachlage und das Kräfteverhältnis zwischen England und den Zionisten enthüllende Erklärung hat wohl seine Anhänger kleinmütig, seine radikalen Gegner, die Revisionisten aber größenwahnsinnig gemacht Sie wollen sich dem Diktate Englands nicht fügen, sie wollen es auf die Knie zwingen, es ihrem Willen beugen. Nicht England trifft die Schuld, daß es mit der Errichtung des Judenstaates nicht vorwärts geht, sondern einzig und allein Weizmanns schwächliche politische Haltung, seine Verzagtheit und seine Energielosigkeit sind schuld daran. Nicht die Idee des Judenstaates hat Schiffbruch gelitten, sondern nur die Politik Weizmanns. Eine andere, eine feste, entschiedene Politik — und die Verwirklichung der nationalen Heimstätte ist gesichert. Mit diesen Gedankengängen macht Jabotinsky auf seiner gegenwärtigen Tournee Propaganda, um die Führung der Palästina-Politik den radikalen Revisionisten in die Hände zu spielen. — Und die jüdischen Kinder, sie hören es gerne . . . Doch mit welchen Mitteln will er sie ins gelobte Land führen? Wie will Jabotinsky die englische Regierung zwingen, ihm zu Willen zu sein. Oh. nicht durch Künste der Verführung, auch nicht durch jüdische Kanonen (die nicht zu besitzen, er wohl bedauert), nein, einzig und aliein durch Beeinflussung der öffentlichen Meinung Englands. Weizmann, so sagt Jabotinsky, hat das englische Volk irregeführt, er hat immer wieder die Verhältnisse in Palästina als befriedigend bezeichnet, der englischen Regierung jederzeit ein Wohlverhaitungszeugnis ausgestellt. Er aber, Jabotinsky, meint, man brauche der englischen Bevölkerung nur die wahre Sachlage zu schildern, man brauche ihr nur zu sagen, daß die englische Regierung ihr Wort, die Errichtung des Judenstaates zu fördern, nicht gehalten habe und — das englische Volk werde nicht zulassen, daß man seine Regierung des Wortbruches zeihe, und werde sie zwingen, Palästina den Juden als autonomes Staatswesen zu geben. Gewiß, Herr Jabotinsky, wenn Sie oder einer der Ihren als zukünftiger Führer der zionistischen Organisation über die nötigen, allerdings recht beträchtlichen Mittel verfügen werden, dann können Sie es versuchen, in Wort und Schrift an das Gewissen des englischen Volkes zu appellieren und Gönner und Freunde zu gewinnen, aber wissen Sie nicht, über welch mächtigen Apparat die englische Regierung verfügt, um die öffentliche Meinung Englands und der Welt in dem ihr genehmen Sinne zu beeinflussen? Hand aufs Herz, Herr Jabotinsky, steckt hinter Ihren entschlossenen, leidenschaftserfüllten Worten auch wirklich die Ueberzeugung, daß Sie und die Ihren in diesem ungleichen Kampfe nicht den Kürzeren ziehen werden? Doch wir konzedieren: Das unmöglich Scheinende wird zur Tatsache, die englische Regierung entschließt sich unter dem Drucke der öffentlichen Meinung — im Gegensatze zu ihrer bisherigen Politik und ihren rückhaltslosen Erklärungen — den Judenstaat aufzurichten. Wie hat dabei England — nach der Irrlehre Jabotinskys — vorzugehen? Mit Gewalt, mit allen Mitteln, auch mit Waffengewalt. Denn, so sagt Jabotinsky, England, das so reiche, jahrhundertalte Erfahrungen auf kolonisatorischem Gebiete besitzt, das weiß, daß die eingeborene Bevölkerung den Eindringling noch niemals freundlich begrüßt hat, sondern mit Gewalt niedergehalten werden mußte, dieses England weiß auch, daß die erste Voraussetzung der Errichtung des Judenstaates die Schaffung einer jüdischen Majorität in Palästina ist, es weiß, daß dieses Ziel nicht durch Unterhandlungen mit den Arabern, nicht durch Verträge zwischen gleichgestellten Partnern, sondern nur und ausschließlich durch Gewalt gegenüber den Arabern zu erreichen ist. England hat, um nach Jabotinsky sein Wort einzulösen, mit allen, aber auch mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die arabische Bevölkerung Palästinas zu einer Minorität im Lande zu machen. Daß die jüdische Majorität dann nach gewährter Autonomie die arabische Minorität glimpflich behandeln werde, darauf könne sich diese verlassen. So verkündet Jabotinsky in allen jüdischen Zentren, urbi et orbi. in aller Oeffentlichkeit. vor Juden und Nichtjuden seine Heilsbotschaft zur Rettung Palästinas. Die besonnenen Elemente unter der zionistischen Judenschaft wird er hoffentlich vergebens zu radikalisieren versuchen. Und die englische Regierung sowie die arabische Exekutive wissen, wessen sie sich zu versehen hätten. Das hat vielleicht sein Gutes. Denn es kann für alle Teile und im Interesse des Gesamt-

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