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Die Wahrheit · 1931-05-01 · Heft 18 (1.5.1931) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 18 (1.5.1931)
Date
1931-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 DarofFantlichungan <Ur Union deu+scKös+erralchiscber Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Philosemitismus und Antisemitismus. HO M LRflb MERRENHObE WIEN II., PKflTERSTR. TELEFON R 49-4-99 39 Ueber dieses gerade in der Jetztzeit hochaktuelle Thema sprach Dienstag, den 21. v. M. im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines Herr Ing. Joseph Lazarus aus Fiume. Die Veranstaltung stand unter der Patronanz der „Union deutschösterreichischer Juden" wie auch hervorragender jüdischer Männer der Wiener Kunst und Wissenschaft. Dem Rufe der „Union" und dieser bekannten Kapazitäten war ein zahlreiches Publikum aus allen Kreisen der Wiener jüdischen Gesellschaft gefolgt, aber auch zahlreiche Nichtjuden waren erschienen, denn für die bedeutsame Veranstaltung gab sich auch in den Kreisen unserer christlichen Mitbürger ein reges Interesse kund. Trotz des schlechten Wetters an diesem Abend war der große Saal des Gewerbevereines bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und alle Zuhörer lauschten gespannt den bemerkenswerten Ausführungen des Redners, den der Vorsitzende, Präsident Dr. Jakob Ornstein, herzlichst begrüßt und in warmen Worten der Versammlung als einen Mann vorgestellt hatte, der stets Sinn für die Fragen des Judentums, insbesondere bezüglich seiner Beziehungen zur christlichen Umwelt, bekundet hatte. Ing. J. Lazarus entwickelte an der Hand zahlreicher Beispiele aus einer Reihe von Ländern und •verschiedenen Zeiten den Gedankengang, daß dort, wo die Juden die Gesetze und die ethischen Grundsätze der Bibel kennen und nach ihnen leben, die Geistlichkeit der andersgläubigen Bevölkerung und damit zugleich auch diese selbst judenfreundlich eingestellt sind. So oft das Judentum sich als theologische Einheit betätigte, fand es theologisches Interesse bei der andersgläubigen Geistlichkeit des Landes und dadurch auch bei der Mehrheit der Einwohner. Der Redner zeigte dies an Episoden aus der Perserzeit, aus der Zeit Alexanders des Großen, der Ptolemäer, der römischen Herrschaft, aus der Zeit der spanischen Kalifen, der Provencalen, der Ostgoten und insbesondere durch Schilderung der wechselvollen Lage der Juden in England. Als interessantes Moment hob er hiebei hervor, daß die Blütezeit der sogenannten Wirtsvölker mit jenen Epochen zusammenfällt, in denen zwischen diesen Wirtsvölkern und den Juden Tiarmonische Eintracht bestand. Dieser Wohlstand berge aber auch gleichzeitig Gefahren in sich, denn im Wohlstande verflachen die Charaktere, die Bibel und deren Ethik verlieren an dominierendem Einfluß auf die Menschen. Und gleichsam gesetzmäßig ändert sich damit auch die Haltung der andersgläubigen Geistlichkeit; ihr Interesse an Juden, die sich von ihrer Religion abwenden, schwindet. Die Judenfreundlichkeit der Bevölkerung wird vom Judenhasse abgelöst, vom wirtschaftlichen Antisemitismus, dieser Begleiterscheinung der wirtschaftlichen Not. Der Vortragende legte die Quellen des Antisemitismus dar, insbesondere seine wirtschaftliche Triebfeder und seine Eignung als Mittel zur Aufstachelung der Volksleidenschaften für politische Zwecke. Das wirksamste Mittel der antisemitischen Verhetzung war zu allen Zeiten und ist heute noch die methodische Bibelfälschung, denn nichts erscheint geeigneter zur Diffamierung des Bibelvolkes. Die mittelalterlichen Diffamierungsmethoden waren so grausam, daß gar mancher rechtdenkende Christ sich dagegen empörte und daß sich schon im Mittelalter geheime humane Gesellschaften bildeten, um unter dem Motto „Los von der Kirche" den Gedanken der Menschlichkeit auch gegenüber den Juden Geltung zu verschaffen. Die Kirche selbst erkannte gleichfalls die Schädlichkeit des Antisemitismus, in dem sie eine Förderung der Konfessionslosigkeit erblickte. Dieser Erkenntnis entspringt auch das Verdammungsurteil, das das heutige Oberhaupt der katholischen Kirche über den Antisemitismus aussprach. Es wäre zu wünschen, daß auch die sogenannten „Realpolitiker" diese Stellungnahme des obersten Hüters der Kirche bei ihrer Politik nicht außerachtlassen. Der Vortragende warf nun die Frage auf, ob die heutige jüdische Generation befähigt sei, die Angriffe unserer Gegner mit geistigen Waffen abzuwehren, ob sie also jenes Wissen, jene Kenntnisse besitze, die notwendig sind, um im täglichen Zusammenleben mit ihrer andersgläubigen Umgebung verleumderische Bibelfälschungen zu entlarven. Die Kenntnis des Bibeltextes allein genügt hiezu nicht. Denn die Bibel ist bloß eine Aufzählung von Gesetzen und historischen Begebenheiten, deren Sinn und Zweck, deren ethischer Inhalt in den klassischen Kommentaren, im Midrasch, Onkelos, Ramban, Raschi, Abravanel, erläutert wird. Ein verhängnisvoller Fehler des neuzeitigen Schulprogrammes ist, daß bloß der biblische Text mit Weglassung der antiken Kommentare gelehrt wird. Der Vortragende ist daher für die Vertiefung des Religionsunterrichtes nach dieser Richtung, denn durch Weglassung dieser Kommentare ist heute eine Generation herangewachsen, welche das 3000jährige Wunderwerk der Bibel nicht versteht, so daß die Fälscher und Agitatoren leichtes Spiel haben. Da das Schulprogramm dieser Aufgabe nicht entsprach, mußte Selbsthilfe eingreifen. Die Selbsthilfe stammt von einer Frau! In der Not der polnischen Kriegsflüchtlinge in Wien sammelte Frau Sarah Schenierer 500 jüdische Mädchen um sich, und schuf — ohne pekuniäre Mittel, ohne pädagogische Hilfe — ein Erziehungswerk, weil im Kriege ein Erziehungswerk geschaffen werden mußte. Bald schloß sich ihr Dr. Leo Deutschländer Veranstalf ungskalender der »UNION** Samstag, den 2. Mai, 8 Uhr abends, im Klublokal des Cafe City, IX., Porzellangasse 1, Gesellige Zusammenkunft der Jugendgruppe. Montag, den 4. Mai, ^8 Uhr abends, im Gschwandner-Stüberl des Etablissement Gschwandner, XVII., Hernalser Hauptstraße 41, Mitgliederversammlung der Bezirksorganisation XVI/XVÜ. Dr. Ernst Feldsberg, „Die nächsten Aufgaben der Wiener Judenschaft". * Dienstag, den 5. Mai, 8 Uhr abends, im Klublokal des Grand Cafe Central, IL, Taborstraße 8, Mitgliederversammlung der Bezirksorganisation II. Prof. Dr. Camillo Baumgarten, „Der ethische Wert religiöser Erziehung". Achtung, „Union"-Delegierte! Die Delegiertenversammlung findet Mittwoch, den 13. Mai, statt Näheres in den Einladungen. an und übernahm die pädagogische Leitung. Aus dem primitiven Beginnen derselben ist das große „Beth-Jacob-Schulwerk" entstanden, welches heute (mit dem Hauptsitze in Wien) in 147 eigenen über die ganze Welt verbreiteten Schulen 16.000 Schülerinnen in den staatlich vorgeschriebenen profanen Gegenständen, wie auch in den jüdisch-religiösen Disziplinen unterrichtet. Die durch Frau Schenierer entflammten Mädchenherzen begeisterten sich für ihre kulturelle Doppelaufgabe derart, daß sie Prüfungen aus profanen Gegenständen vor staatlichen Funktionären, gleichzeitig aber auch aus Thorah und den Kommentaren vor orthodoxen Rabbinern ablegten, zum größten Erstaunen der orthodoxen Herren, denn bis dahin war das Thorah-Studium den Mädchen verschlossen. Pekuniäre Hilfe brachte auch der „Keren-Hathorah Verein", der unter Oberleitung des orthodoxen Rabbiners Dr. Pinchas Kohn, mit dem Hauptsitze in Wien, 430 über die ganze Welt verbreitete Schulen mit 72.500 Schülern subventioniert, um ihren Religionsunterricht nach besagter Richtung zu vertiefen, ohne ihren profanen Studien Abbruch zu tun. Diese „Beth-Jacob"- und diese „Keren-Hathorah'-Schulen sind solide Bausteine zum Aufbau des Philosemitismus; denn sie werden Generationen von ethischen Juden und Jüdinnen erziehen, weiche die Ethik der Bibel verstehen werden, um nach ihr zu leben und zu handeln. Der Weg zum Philosemitismus beginnt mit dem Schulprogramm. „Kürzet nicht", schloß der Referent, „den biblischen Unterricht um die klassischen Kommentare, denn in ihnen liegt die Kraft, welche Menschen verschiedenen Glaubens vereint!" Den Ausführungen des Vortragenden folgte lang anhaltender lebhafter Beifall und der Vorsitzende Präsident Dr. Ornstein gab in seinem Schlußworte dem Danke der „Union" sowie des Auditoriums herzlichen Ausdruck. Wahrheiten vom finge Hakenkreuzexzesse in Danzig. Der Danziger polnische Generalkommissar Straßburger ist zum Protest dagegen, daß der Danziger Senat eine Reihe von polnischen Bürgern, gegen die Gewaltakte verübt worden waren, keine Genugtuung verschafft hat, von seinem Posten zurückgetreten. In der Begründung seines Rücktritts führte Generalkommissar Straßburger auch an, daß Hakenkreuzler Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Danzig ungestraft belästigen konnten. Palästinensische Justiz. In jüdischen Kreisen Jerusalems herrscht lebhafte Empörung über ein Urteil des jüdischen Polizeirichters Zuckermann. Der aus Kurdistan stammende Israel Esra, der mit Frau, Tochter und einem 12jährigen Knaben auf Grund eines Touristenvisums nach Palästina gekommen war, hatte die ihm bewilligte dreimonatige Aufenthaltsfrist überschritten. Vor dem Polizeirichter verantwortete sich Israel Esra damit, daß er ein Gesuch um dauernde Aufenthaltsbewilligung und Registrierung als Einwanderer eingebracht habe. Der Richter verurteilte Israel Esra, seine Frau Zilba und seine Tochter zu Geldstrafen von je einem Pfund, den 12jährigen Knaben, dem nichts zur Last gelegt werden konnte, als daß er bei seinen Eltern verblieb, zu drei Stockstreichen. Außerdem wurde in dem Urteil dem High Commissioner nahegelegt, gegenüber der Familie von seinem Ausweisungsrecht Gebrauch zu machen. Verurteilungen von Personen, die die Aufentbaltsfrist überschauten, sind in Palästina keine seltene Erscheinung. Die Verhängung einer Prügelstrafe über den völlig unschuldigen Knaben aber hat, wie kaum ein anderes Ereignis in den letzten Jahren, die Entrüstung der palästinensischen Judenheit hervorgerufen. Das Mitglied der Palästina- Executive der Jewish Agency, Colonel K i s c h, hat beim High Commissioner Sir John Chancellor energischen Protest gegen dieses empörende Urteil eingelegt. Der Ueberfall bei Yadjur. In dem Dorfe Sassa bei Safed wurde der Araber Ali Sassami verhaitet, der unter dem Verdacht steht, an dem während der Pessachfeiertage auf eine aus dem Zementwerk Nesher in die jüdische Arbeitersiedlung Yadjur heimkehrende Arbeitergruppe aus dem Hinterhalt verübten Anschlag, bei dem zwei Arbeiter und eine Arbeiterin getötet wurden, teilgenommen zu haben. Die Polizei glaubt, daß Sassami ein Mitglied der Terrorbande ist, die nach den Massacres vom August 1929 im Safeder Distrikt unter der Führung von Achmed Tapisch ihr Unwesen trieb. Achmed Tapisch ist ein berüchtigter Räuberhauptmann, der nach den August-Unruhen des Jahres 1929 nachTransjordanien entfloh und im Mai 1930 mittels Aeroplans ausgeliefert wurde, um wegen der Ermordung des Leiters des Hadassah-Spitals in Safed, Dr. Isaac M a m a a n, vor Gericht gestellt zu werden. Tapich wurde zwar von der Anklage des Mordes an Mamaan freigesprochen, jedoch wegen Teilnahme an der Ermordung von Hanna Cohen während des Massacres von Safed zu 15 Jahren Kerker verurteilt. Israel und Hitlers Schwager. Adolf Hitler hat einen Schwager Ernst Gölnik. Von seiner Existenz hatten wir bisher keine Kenntnis. Er ist zweifellos auch ein Antisemitenführer Deutschlands oder noch ein Unterführer. Und er hat einen Cousin in Bukarest, zu dem er auf Besuch fährt. Bei dieser Gelegenheit will er Fühlung mit den Cuzisten nehmen und in Rumänien für das Hitlerische Programm werben, als ob dies noch nötig wäre. Nun wäre das Inkognito des berühmten Herrn Gölnik nicht gelüftet worden, wenn nicht zufällig in demselben Zuge Herr Desiderius Israel, ein junger Journalist von der „Jüdischen Presse" in Sziget sich befunden und das Bedürfnis ge-

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