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Die Wahrheit · 1931-05-01 · Heft 18 (1.5.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 18 (1.5.1931)
Date
1931-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Prachtvolle echte Perserteppiche durchwegs selten günstige Gelegenheitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlaf- und Herrenzimmer werden zu ganz außerordentlich billigen Preisen abgegeben. Besichtigung ohne jeden Kaufzwang im WIEDNER HÖBELHEIM INH. JULIUS GOTZL H&adelsger. beeil. Sachv. u. Schitmeister IV.,SCHLEIFMÜHLGASSE 1. TELEPHON B 24-1-62 Die Jaden in Ungarn. Ein Interview mit dem Ministerpräsidenten Graf Bethlen. Ministerpräsident Graf Bethlen empfing jüngst den Präsidenten der Jüdischen Telegraphen- Agentur, Herrn Jacob Landau aus New York, und äußerte sich ihm gegenüber über die Gestaltung der Lage der ungarischen Judenheit im Verlauf der zehn Jahre seines Regimes. Die Beziehungen zwischen Juden und Christen in Ungarn, erklärte Ministerpräsident Graf Bethlen, sind heute annähernd die gleichen wie vor dem Kriege. Der Umstand, daß Juden in der bolschewistischen Revolution des Jahres 1919 eine Rolle gespielt haben, hat der antisemitischen Bewegung einen kräftigen Ansporn gegeben; im Verlauf der letzten zehn Jahre hat aber der Antisemitismus allmählich seinen Einfluß auf die Oeffentlichkeit eingebüßt Der Numerus clausus verdankt seine Einführung jener Epoche. Mag er auch heute noch in Kraft sein, so wurde er doch modifiziert und seines off ensiven Charakters entkleidet Die Einrichtung des Numerus clausus war nicht allein auf antisemitische Einflüsse, sondern auch auf Bedingungen zurückzuführen, die es als geboten erscheinen ließen, die Zahl der Hörer an den Universitäten zu begrenzen. Ungarn hat drei Viertel seines Gebietes verloren. 300.000 bis 400.000 Beamte, Rechtsanwälte und Aerzte wurden in einem stark verkleinerten Lande, das nicht allen Betätigungsmöghchkeiten bieten konnte, zusammengedrängt. Der Numerus clausus soll künftig gegen die Juden weniger streng angewandt werden, doch scheint es mir, daß alle jene, Juden wie Nichtjuden, die heute einen freien Beruf ergreifen wollen und die Universitäten bevölkern, doch nur die Reihen des intellektuellen Proletariats verstärken. Wenn ich auch den Ehrgeiz, einen akademischen Beruf zu ergreifen, verstehe, muß ich doch sagen, daß unter den gegenwärtigen Umständen ein solches Streben, von einem praktischen Gesichtspunkt aus betrachtet kaum wünschenswert erscheint. Ich zweifle nicht daran, daß der Numerus clausus, sobald sich die Verhältnisse gebessert haben werden, vollständig abgeschafft werden wird. Die Wirtschaftskrise hat die Juden schwerer getroffen als irgend einen anderen Bevölkerungsteil, da die Juden vorwiegend im Handel, der in Zeiten wirtschaftlicher Depression am stärksten leidet, tätig sind. Vor mir liegt ein Buch, das höchst interessante statistische Angaben über den Anteil der Juden an verschiedenen Berufen und Erwerbszweigen enthält. 40% aller Kaufleute, 25% der Bankiers, Advokaten und Aerzte sind Juden. Die jüdischen Landwirte machen nur einen sehr kleinen Prozentsatz aus. In einein kleinen Ausmaß sind die Juden auch unter den Beamten und Angestellten des Landes vertreten. Es ist unvermeidbar, daß sich der jüdische Kaufmann in einer besonders schwierigen Lage befindet. Die Abtrennung weiter Gebiete, die daraus sich ergebende Verminderung der Bevölkerung, die Weltwirtschaftskrise, die auch Ungarn erfaßt hat, alle diese Faktoren haben sich vereinigt, um das Betätigungsfeld des jüdischen Kaufmanns äußerst einzuengen. Doch muß anerkannt werden, daß die Juden einen konstruktiven und leistungsfähigen Faktor darstellen und daß sie in hohem Maße zur Entwicklung Ungarns beigetragen haben. In Literatur und Wissenschaft, in Handel und Industrie des Landes spielen sie in der Tat eine hervorragende Rolle. Ich kenne eine Anzahl führender Juden, so z. B. Hof- Tat Stern, den hingebungsvollen Führer der Budapester Jüdischen Gemeinde, einer der größten jüdischen Gemeinden Europas, den Baron Adolf Könne r, die Oberrabbiner Hevesi und Fr an kl, das langjährige Mitglied des Parlaments Paul S a n d o r, Josef V e s z i, einen der bekanntesten Publizisten Europas, der den in deutscher Sprache geschriebenen „Pester Lloyd" zu einem hervorragenden Organ für die ungarischen Interessen ausgestaltet hat Die ungarische Judenheit besitzt zur Vertretung ihrer religiösen Interessen ein eigenes Organ, den unter der Leitung von Herrn Szabolcsi stehenden „EgyenlösSg", der kürzlich sein 50jähriges Jubiläum gefeiert hat Die Juden unseres Landes sind in zwei religiöse Gruppen geteilt, die Majorität gehört der ne'ologen Gruppe an. Beide Gruppen sind vom Staat offiziell anerkannt und werden von der Regierung bei ihren verschiedenen erzieherischen und religiösen Tätigkeiten unterstützt. Die neue rumänische Regierung und die Juden. Ministerpräsident Prof. Jorga warnt die antisemitischen Hetzer. Der neue rumänische Ministerpräsident Prof. Jorga, der hervorragende Historiker und R e ktorander BukaresterUniversität, der kürzlich eine unparteiische Regierung der Fachleute gebildet hat, hat Gelegenheit genommen, bei dem am 20. April, abends, stattgefundenen Empfang der ausländischen Pressevertreter sich auch über das Verhältnis der neuen Regierung zu der jüdischen Bevölkerung des Landes zu äußern. Ministerpräsident Prof. Jorga sagte im Verlauf seiner Ausführungen: Die Juden sind Menschen genau so wie wir. Wir werden uns ihnen gegenüber menschlich benehmen, wenn sie sich uns gegenüber menschlich benehmen werden. (?) Gerade im heutigen Ministerrat haben wir Maßnahmen getroffen zur Unterdrückung jedweder anarchischen Manifestationen gegen irgend eine Bevölkerungsschicht. Alle jene, die solche Bewegungen inszenieren, werden auf die strengste Weise bestraft werden. Es ist auch unstatthaft, daß gewisse Leute sich als Vertreter der gesamten Nation aufspielen und dabei nur Verhetzung predigen. (Professor Jorga tritt seit vielen Jahren im Parlament und in der Presse, zuletzt auch in Amtshandlungen als Rektor der Bukarester Universität, der cuzistischen Hetze, die er als kulturlos und den rumänischen Interessen schädlich bezeichnet, entgegen. Erst vor kurzem hat er in einem Zwiegespräch mit dem antisemitischen Apostel. C u z a im Parlament dessen völkisch-antiseinitisches Programm ad absurdum geführt.) Jüdisthe ttkrentafel Rom. Der berühmte jüdische Mathematiker Prof. Federico Enriques wurde zum Ehrenmitglied der Wissenschaftlichen Akademie in Stockholm ernannt. In italienischen Gelehrtenkreisen sieht man in dieser Ernennung ein Zeichen dafür, daß Prof. Enriques für den diesjährigen Nobelpreis für Physik und Mathematik in Aussicht genommen ist. Rom. Luigi Cesana. der hervorragende jüdischitalienische Politiker und Publizist, Begründer der römischen Tageszeitung „Messaggero", feierte in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag und war aus diesem Anlaß Gegenstand von Begrüßungen und Huldigungen seitens der führenden Persönlichkeiten des italienischen öffentlichen Lebens. Er hat sich vor Jahren vom politischen Leben zurückgezogen. Warschau. Der Regierungskommissär für Warschau Herr Jaroszewicz hat dem Pressereferenten für jüdische Angelegenheiten beim Warschauer Regierungskommissariat Herrn Daniel Steinbock das ihm von der Regierung wegen seiner Verdienste um die jüdische Presse verliehene silberne Ehrenkreuz feierlichst überreicht Hamburg. Am 29. April wurde der berühmte Psychologe William Stern, Professor der Philosophie an der Universität Hamburg, 60 Jahre alt William Stern gehört mit zu den Begründern des kritischen Personalismus und gilt als einer der hervorragendsten Vertreter der angewandten Psychologie. Sein oft aufgelegtes Standardwerk „Psychologie der frühen Kindheit" ist für jeden, der sich mit der Psychologie, insbesondere mit der des Kindes, befaßt, unentbehrlich. Sein philosophisches System hat er in dem dreibändigen Werk „Person und Sache" niedergelegt, seine bahnbrechenden psychologischen Forschungen, namentlich auf den Gebieten der Aussagepsychologie, der Kinder- und der Berufspsychologie, in zahlreichen größeren und kleineren Werken. William Stern, der auch Direktor des psychologischen Laboratoriums an der Universität Hamburg ist hat namentlich aus den angelsächsischen Ländern, wo seine Arbeiten sich besonderer Beachtung erfreuen, mannigfache Ehrungen erfahren. In der „Philosophie der Gegenwart" hat er eine Selbstdarstellung gegeben. Ein „jüdischer Patriot". Am 3. Mai d. J. vollendet Siegmund Schönau sein 80. Lebensjahr. Die Jahre seines Mannesalters waren der wirtschaftlichen Arbeit, die Jahre des Alters der Verteidigung der Rechte und des Ansehens des Judentums gewidmet. Er zählt zu der immer seltener werdenden Auslese von jüdischen Persönlichkeiten, die ohne Amt und Auftrag, nur aus ihrem jüdischen Fühlen und Denken heraus mit Leidenschaft und Energie unentwegt und uneigennützig die Sache ihres Volkes vertreten. Die ersten Kriegsjahre waren es, die ihn auf den Plan riefen. Da galt es, für jüdische Kriegsinvaliden und die polnischen Flüchtlinge zu sorgen, und Schönau gehörte zu dem erfreulicherweise so großen Kreise Wiener Juden, der in diesen Jahren des furchtbarsten jüdischen Elends deji Flüchtlingen helfend zur Seite stand. In den ersten Kriegsjahren, da gemeinsame Gefahr und gemeinsame Not den Haß gegen die Juden wohl nicht schwinden machten, aber dennoch bis zu einem gewissen Maße schwächten, da hatte Siegmund Schönau, in richtiger Erfassung der Situation, den Plan gefaßt, eine Organisation zu schaffen, die, wenn auch vorläufig im Stillen arbeitend, alle jene Vorsorgen treffen sollte, die geeignet sind, die Stellung der Juden und deren faktische Gleichberechtigung nach abgeschlossenem Kriege zu sichern. Schönau entfaltete eine stille, aber energische Propaganda zur Verwirklichung seines Planes, er fand fast allen Ortes Verständnis und die Zusage der Förderung, doch die besonderen Kriegsverhältnisse geboten auch besondere Vorsicht und die in Betracht kommenden maßgebenden Faktoren hielten es im Interesse der österreichischen Judenschaft für opportun, die Verwirklichung der an sich begrüßenswerten Idee zu vertagen. Trotz dieser großen Enttäuschung erlahmte Schönaus Energie und initiativer Elan nicht Schon im dritten Kriegsjahre, da Nahrungsmangel und Verzagtheit die breiten Massen der Bevölkerung ergriffen, schwoll auch die antisemitische Hetze wieder an. Einzelne Zeitschriften und Blätter, allen voran die „Reichspost" und die damalige „Ostdeutsche Rundschau",, ergingen sich wieder in antisemitischen verleumderischen Artikeln und in Ausfällen gegen die jüdischen Schieber und Drückeberger. Siegmund Schönau zählte damals wie noch heute wohl zu den aufmerksamsten Lesern der antisemitischen Presse und fand immer wieder Wege, um durch befreundete Zeitungen diese antisemitischen Verunglimpfungen tiefer hängen zu lassen. Mit berechtigtem Stolze zeigt er noch heute seinem Besucher die schriftlichen Beweise dafür, daß er es war, der durch die von ihm erwirkten Interventionen im Jahre 1917 ein vatikanisches Verbot gegen die damals in einzelnen Kirchen gehaltenen antisemitischen Hetzpredigten veranlaßt hat. Peinlichst genau registriert verwahrt Herr Schönau all die vielen, vielen Zeugen seiner jahrzehntelangen unermüdlichen Tätigkeit im Dienste der Verteidigung jüdischer Ehre und jüdischen Ansehens. Mit Wehmut verweist er. auf seine Streitschriften gegen den nationalen Zionismus, in denen er die schädlichen Folgen desselben für die Stellung und die Einheit der Judenheit vorausgesagt hatte. Möge dieser „jüdische Patriot", wie ihn Rabbiner Dr. Josef Bloch einst ehrend nannte, noch viele Jahre sich seiner körperlichen Rüstigkeit und geistigen Frische erfreuen! L.

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