Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Jüdischer und arabischer Nationalismus. Im „Dortmunder Generalanzeiger" veröffentlicht der bekannte Pazifist und Demokrat eine Aufsatzreihe über seine Eindrücke von einer Palästinareise. Seine Ausführungen müssen in jüdischen Kreisen stark beachtet werden. Die Zionisten insbesondere dürfen es sich nicht erlauben, diese Stimmen zu überhören. D. Red. Vor fünf Jahren schrieb ich als Ergebnis meiner ersten Palästinareise, die Einigung zwischen Juden und Arabern sei auf gutem Wege. Drei Jahre später veranstalteten fanatisierte Araber im Lande Pogrome, denen weit über 200 Juden zum Opfer gefallen sind. Mein Irrtum ist verzeihlich, denn sogar der englische Oberkommissär und alle diplomatischen Vertreter waren damals vollkommen überrascht. Diese betrüblichen Ereignisse sind sowohl durch die Mandatskommission des Völkerbundes wie durch die englische Mandatsregierung selbst eingehend untersucht worden, drei der Hauptschuldigen Araber sind in Akkon hingerichtet und weitere 20 sind zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Man könnte daher einen Strich darunter machen, wenn sich nicht die Frage aufdrängte, ob mit einer Wiederholung zu rechnen ist. Einer der grausigsten Fälle aus jenen Pogromtagen möge einen Fingerzeig geben. In Hebron lebten Juden und Araber seit undenklicher Zeit ganz friedlich nebeneinander. Eines Tages drangen fanatisierte Araber in jüdische Häuser ein und erschlugen Menschen, mit denen sie niemals Streit gehabt hatten. Diejenigen, die entkommen konnten, flüchteten in das Haus eines auch bei den Arabern hochangesehenen jüdischen Bankiers. Kurze Zeit darauf wurde auch dieses Haus umzingelt und 60 Juden einschließlich des Bankiers wurden erschlagen und das Haus angezündet. Die Behauptung, der Mufti sei der Drahtzieher des Pogroms gewesen, ist in diesemaFalle wenig wahrscheinlich, denn zwischen ihm und den Arabern von Hebron bestand seit langem ein scharfer Gegensatz. Wir stehen hier vor einem Rätsel, das nur dadurch zu erklären ist, daß die Seele des Orientalen für den NichtOrientalen ganz unerforschlich ist und unerforschlich bleiben wird. Wer heute im Lande Palästina Juden und Araber wieder friedlich miteinander handeln und verkehren sieht, wird eine Wiederholung dieses Pogroms für wenig wahrscheinlich halten. Der vorsichtige Politiker muß aber nach jenen Vorgängen doch damit rechnen. Die englische Mandatsregierung hat daher starke Truppenabteilungen über das ganze Land verteilt. Das Gesamtergebnis aber ist sowohl auf arabischer wie auf jüdischer Seite ein so starkes Anwachsen des Nationalismus, daß auch die versöhnungswilligen Kreise beider Parteien sich von Verhandlungen zurzeit keinen Erfolg versprechen. Sie setzen ihre Hoffnung darauf, daß eine Besserung der Wirtschaftslage eine günstigere Atmosphäre dafür schaffen werde. Die jüdischen Nationalisten, Revisionisten genannt, ähneln unseren Nationalsozialisten ganz außerordentlich. Sie glauben, der englischen Regierung durch energischeres Auftreten für die Juden günstigere Bedingungen abzwingen zu können. Kürzlich sind sie sogar ganz nach dem Vorbild unserer Nazis in den Pariamentsstreik getreten. Auf arabischer Seite sind die Dinge schwieriger zu durchschauen. Sicher ist aber, daß die Araber den Brief Mac Donalds an Professor Weizmann als offene Kampfansage auffassen. Wer, wie ich, sich einmal in dieser Frage geirrt hat, muß natürlich in Voraussagungen besonpu^^ j VORNEHME FAMILIEN - PENSION | |REStanpatioDlRaffBthaDs | täglich 5-Uhr-Tee M [SEMMERINti 1 TELEPHON 11 H |Hochstraße 43 | neben Hotel Panhans 3 B Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser M in jedem Zimmer. §1 m Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer:m Von Dr. h. c. Freiherr von Schoenaich. ders vorsichtig sein. Sicher ist, daß Engtand das östliche Anliegerland seiner Hauptverkehrsstraße, des Suez-Kanals, in absehbarer Zeit nicht aus der Hand geben wird und daß eine innere Befriedung dieses Landes durchaus in Englands eigenem strategischen Interesse liegt. Fraglich ist, wie weit bei dieser Lage England jüdischen und wie weit es arabischen Interessen entgegenkommen wird. "•'■^Z'^V - ■■" '''fc^^L ■TiT iir f ';fTT>**ür wil1-j| Jii^g^c: iiÄSM Heute wohnen in Palästina etwa 700.000 Araber und 160.000 Juden. Da die Regierung in Volkshygiene vorbildlich arbeitet, vermehrt sich die Bevölkerung stark, die arabische aber wesentlich stärker noch als die jüdische. Zur Türkenzeit waren die kräftigsten Araber 10 Jahre lang als Soldaten von ihrer Famflie getrennt. Die Hälfte davon starb infolge der türkischen Mißwirtschaft Heute bleiben die Leute zu Hause und zeugen Kinder. Man rechnet mit einer natürlichen Volksvermehrung von 5 Prozent jährlich. Bei den Juden kommt zu einer natürlichen Vermehrung von 2 Prozent eine jährliche Einwanderungsquote von 2000. Ein einfaches Rechenexempel zeigt, daß auf diesem Wege die Juden in Palästina dauernd in der Minderheit bleiben werden. Daran kann auch alles Auftrumpfen der jüdischen Revisionisten nichts ändern. Hier handelt es sich um eine Frage der Weltanschauung. Wer sich darüber klar ist, daß es weder den Arabern gelingen wird, durch Pogrome die Juden aus dem Lande zu treiben, noch den Juden, die absolute Mehrheit im Lande zu bekommen, der kann nur zu dem Ergebnis kommen, daß die gütliche Einigung zwischen Juden und Arabern eine Lebensfrage für beide ist. Ich persönlich halte das in der ganzen Welt deutlich erkennbare Anwachsen des Nationalismus für einen Widersinn und eine vorübergehende Verirrung. Wirtschaft und Verkehr rücken die Interessen der Völker immer näher aneinander und die nationalistischen Gehirne wollen immer neue Barrieren dazwischen errichten. Wer täglich beobachtet, wie die wirtschaftlichen Interessen der Juden und Araber in diesem kleinen Lande ineinander laufen, der muß hoffen, daß auch diese zur Zeit unüberbrückbar erscheinenden Gegensätze durch die Wirtschaft endlich doch überbrückt werden können. Ich glaube, daß Palästina geradezu ein Schulbeispiel werden kann für alle Länder mit stark gemischter Bevölkerung. Nach jenen bedauerlichen Pogroms hat ein kluger Araber wörtlich folgendes gesagt: „Ich schäme mich meiner Landsleute, weit sie sich als schlechte Moslems gezeigt haben. Der Prophet hat uns befohlen, den Nachbarn zu helfen." Und ebenso widerspricht der Nationalismus, der sieb heute anter den palästinischen Juden breit macht, durchaus der mosaischen Ethik. Aber auf der anderen Seite weiß ich, daß die Welt nicht immer nach sittlichen Regeln regiert wird. Ich habe eingangs gesagt, daß die Wirtschaft den Nationalismus hoffentlich abdrosseln werde. Die wirtschaftlichen Fortschritte, die das Land in den 5 Jahren, die seit meinem letzten Besuch ver-, flössen sind, gemacht hat, sind auf Schritt und Tritt' fühlbar. Ein Land, das Jahrhunderte lang unter der türkischen Mißwirtschaft gelitten hat, wird noch für lange Zeit einen Kapitalzufluß von außen brauchen. Dieser Kapitalzufluß ist aber zur Zeit durch die wirtschaftliche Not in anderen Ländern stark zurückgegangen. Die Lage der faden in Ostand Mitteleuropa. \iLl' IM-^iH DieAngloJewishAssociation, deren diesjährige Hauptversammlung am Sonntag, den 3. Mai, unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Leonard O, Monteiiore stattfindet, hat soeben ihren 59. Jahresbericht veröffentlicht. Der Bericht unterstreicht besonders die Auswirkung der Weltwirtschaftskrise auf die Juden in allen Ländern. Durch die Krise wurden nicht nur. die zahlreichen Juden, die in Handel und Industrie tätig sind, schwer betroffen, sondern auch die Lebensbedingungen jener breiten jüdischen Schichten erheblich verschlechtert, die sich schon vorher den ökonomischen Verhältnissen der Nachkriegszeit nur schwer anpassen konnten. Die Verschlechterung der Wirtschaftslage hat auch politische Unruhe und damit eine Verstärkung der judenfeindlichen Propaganda bewirkt, die nicht bloß zu Beleidigungen und gesellschaftlicher Zurücksetzung der Juden, sondern in einigen Ländern auch zu gewalttätigen Exzessen führte. Schließlich hat die U n g e w i ßheit, die das ganze Jahr hindurch bezüglich der Lage in Palästina bestand, das Ihre dazu beigetragen, den Aspekt der jüdischen Gesamtlage zu verdüstern. Aus dem im Bericht der Anglo Jewish Association mit enthaltenen Bericht des Joint Foreign Committee ist zu ersehen, daß die ungünstige Wirtschaftslage vor allem in Polen katastrophale Folgen gezeitigt hat, so daß die politischen Sorgen der jüdischen Bevölkerung gegenüber der erhöhten Sorge um die nackte Existenz in den Hintergrund traten. Die Judenheit Ungarns hat sich zum erstenmal an die ausländischen Glaubensgenossen um wirtschaftliche Hilfe wenden müssen. Dagegen hat sich ihre politische Lage verbessert Das Numerus clausus-Gesetz wurde im Jahre 1928 modifiziert und obwohl noch immer Klage darüber geführt wird, daß der Numerus clausus faktisch in Kraft steht erfreuten sich die ungarischen Juden in der Berichtsperiode doch größerer Freiheit als in irgend einer anderen Epoche der Nachkriegszeit. Der Bericht beiaßt sich sodann mit den Folgen der Einschränkung der Einwanderung in den überseeischen Ländern und der Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten. In einem langen Ueberblick über die Lage in Rumänien werden zunächst jene Verhältnisse hervorgehoben, gegen die sich in erster Reihe die Klagen der rumänischen Juden richten: die Nichtdurchführung einer Novellierung des Nationalitätengesetzes, durch das viele Tausende von Juden in den annektierten Provinzen als „Staatenlose" behandelt werden; weiters die Verweigerung angemessener Staatssubventionen für die jüdischen Gemeinden und Schulen; schließlich die Schwierigkeiten, die der Anstellung jüdischer Lehrer in jüdischen Schulen unter dem Hinweis darauf in den Weg gelegt werden, daß diese Lehrer nicht die rumänischen Normalschulen (zu denen sie nicht zugelassen worden waren) besucht hätten. Es werden weiters die antisemitischen Ausschreitungen im letzten Sommer, der Brand in Borscha und die im Hinblick Der Jahresbericht der Anglo Jewish Association. auf diese Ereignisse erfolgte Intervention des Joint Foreign Committee bei der rumänischen Regierung erwähnt Die rumänische Regierung hatte in ihrer telegraphischen Antwort auf die Beschwerde des Joint Foreign Committee erklärt die antisemitische Propaganda sei das Werk vereinzelter Pseudostudenten, und ihre Verteidigung auch auf der Behauptung aufgebaut die Unruhen seien eine Folge wucherischer Behandlung der bäuerlichen Bevölkerung durch jüdische Banken gewesen. Diese Legende wurde trotz' ihrer nachweisbaren Unrichtigkeit in offiziellen Kreisen eifrig verbreitet In Wahrheit liegen die Verhältnisse so, daß der Zinsfuß von den Großbanken, von denen kaum eine in jüdischen Händen ist, festgesetzt wird. In Suczawa, wo die antisemitische Bewegung besonders drohende Formen angenommen hatte, stehen bloß zwei von den zwölf Banken der Stadt unter jüdischer Leitung und auch diese befassen sich nicht mit dem Hypothekengeschäft. Bezüglich Deutschlands wird im Bericht gesagt daß der gewaltige Erfolg der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen im September 1930 große Beunruhigung unter den deutschen Juden hervorgerufen habe und daß es im Oktober auch tatsächlich zu judenfeindlichen Kundgebungen in Berlin gekommen sei; doch hätten die Behörden die Situation jederzeit vollkommen beherrscht Der Bericht streift sodann die Verhältnisse in Oesterreich und die dortige Heimwehrbewegung, die deutschfeindlichen Ausschreitungen in Prag, unter denen hauptsächlich Juden zu leiden hatten, die Frage der Staatenlosen in der Tschechoslowakei und die Einführung der Zwangssonntagsruhe in Bratislava. Weiters wird über eine Intervention des Joint Foreign Committee beim griechischen Außenministerium wegen der Schädigung der Juden von Saloniki durch das griechische Zwangssonntagsruhegesetz berichtet Schließlich gibt der Bericht einen Ueberblick über die Lage in der Sowjetunion und die von jüdischer Seite gemeinsam mit den Vertretern der anderen Konfessionen unternommenen Schritte gegen die Religionsverfolgungen in Rußland. REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TA BORSTRASSE Nr. 20a TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HIBRAIKA UND JUDAIKA Ip englischer und frinzSalscher Literatur MONATSGEBUHR NUR 3.— KEINE BANDGEBÜHR 1 TÄGLICHER UMTAUSCH!