Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 17 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 OIE WAHRHEIT 99Oäs Symbol der Ewigkeit". Ein neuentdeckter Brief Tolstois über die Juden und über das Judentum/ In der literarischen Beilage des jiddischen „M om e n t" wird folgender interessante Brief des großen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi über die jüdische Frage veröffentlicht. Dieser Briei wurde unlängst im Archiv des verstorbenen jüdischen Politikers F. Gabai in Bulgarien gefunden. ■Er bildet ein um so charakteristischeres Dokument, als die Meinungen über das Verhältnis und die Ansichten Tolstois über das Judentum strittig sind. Was ist der Jude seiner Wesensart nach? Klingt diese Frage nicht komisch? Wer sollte nicht wissen, was die Juden sind? Wer von den Menschen, welche noch nie im Leben einen Juden gesehen haben und keinen Begriff von dem Schicksal und der Abstammung dieses eigenartigen Volkes haben, könnte nicht auf diese Frage selbstbewußt antworten, selbstverständlich im Tone unserer zeitgenössischen Publizistik: Ein Jude, das ist doch der Schmarotzer, welcher die Säfte des Landes und seiner Bewohner aussaugt. Ein Jude, das ist jenes Scheusal, das den Boden nur im Interesse eigener Raffsucht pachtet, das ist der, welcher Geschäfte zu dem Zwecke macht, um soviel als möglich Vorteile aus ihnen herauszuholen, ohne sich um das Wohl seiner Konsumenten zu kümmern usw. Versuchen wir aber, diese Frage ein wenig anders zu formulieren. Geben wir ihr folgende Form: Was für ein Gespenst ist es, welches alle Herrscher und alle Völker gequält, niedergemetzelt, aufgehängt, vertrieben, mißhandelt und beraubt haben, angefangen von den ägyptischen Königen bis zum rumänischen Ministerium Bratianu, von den alten Verfolgern Judäas bis zu den modernen Judenfressern in der Publizistik, von der Inquisition Torquemadas bis zu den Polizisten und subalternen Beamten aller Regierungen? Was ist denn das für ein Gespenst, welches trotz alledem durchgehalten, seine repräsentativen Menschen in allen Kulturvölkern der Welt hat, welches in der Politik, im Finanzwesen, in der Jurisprudenz, in der Verwaltung, im Heerwesen, sowie in allen Zweigen der Wissenschaft und Kunst vertreten ist? Wer ist dieser Jude, welcher sich nach allen Gemetzeln und Erniedrigungen mit immer neuem schöpferischen Schwung aufrichtet, um ein leibhaftiger Vorwurf für seine Verfolger und Vernichter zu werden? Werist jener Jude, der nach Verlust seiner politischen Selbständigkeit kulturelle Werte zu schaffen und zu behaupten vermochte und ohne Waffen und Armee seinen Verfolgern die Anerkennung seiner politischen Gleichberechtigung abzutrotzen wußte? Wer ist jener Jude, von dem man behauptet, daß er über alle Maßen geld- und raffsüchtig ist, der aber für die gleißendsten und freigebigsten Versprechungen der Verfolger seinem Glauben und seiner überkommenen Lebensform nicht abtrünnig wird? Das ist jener Jude, jener Prometheus, der uns vom Himmel das ewige Feuer gebracht und der ganzen Welt zugänglich gemacht hat. Der Jude, der jahrtausendelang der Wächter des göttlichen Gedankens war, ist auch der Urquell jenes Glaubens, dem alle anderen Religionen ihre Entstehung verdanken. Hätte es den Juden nicht gegeben, wären alle Völker bis auf den heutigen Tag Götzenanbeter geblieben. Der Jude ist von Gott auserwählt worden, um die Lehren seiner Thora zu verbreiten; er war auch Fahnenträger dieser Mission — dem Feuer und Schwert der Götzendiener, den Peinigungen und Autodafes der katholischen Inquisition zum Trotz. Der Jude ist der Pionier der Freiheit Noch in jenem grauen Altertum, als die Menschheit in Herren und Sklaven geschieden war, verbot der Gesetzgeber Moses, Sklaven länger als sechs Jahre zu halten. Nach Ablauf dieser Zeit mußte er ohne Lösegeld befreit werden. Der Jude ist das Symbol absoluter Gleichheit. Der Talmud gebietet unter Hinweis auf verschiedene Quellen der heiligen Schrift, daß der Mensch nicht sagen darf: Mein Vater war achtliarer als dein Vater. An einer anderen Stelle weist der Talmud darauf hin, daß in der heiligen Schrift weder von diesem noch jenem Volke, weder von einem Bekenntnis noch einer Klasse die Rede ist; sondern der allgemeine Ausdruck „Menschen" verwendet wird. Der Jude ist Pionier der Kultur, denn noch lausend Jahre vor Christi, als die ganze Welt in Finsternis versunken war, war es eine strenger als im heutigen Kultur-Europa beobachtete Pflicht, der Jugend Wissen zu vermitteln. Ein uneheliches, somit, nach damaliger Auffassung nicht vollberechtigtes Kind war im Sinne des Talmud mehr als der Hohepriester geschätzt, soweit er Ignorant .war, wenn dieses Kind sich überragendes Wissen erworben hat. In jener grausamen und barbarischen Epoche, als das Menschenleben noch keinen Wert hatte, stand Rabbi Akiba, einer der größten Weisen, nicht an, sich offen gegen die Todesstrafe auszusprechen. Das Synhedrion — sagt der Talmud — welches einmal in siebzig Jahren ein Todesurteil fällte, trug den Namen eines Mordgerichtes. Der Jude ist in seinen bürgerlichen und religiösen Beziehungen das Symbol der Gerechtigkeit. „Du wirst die Fremden lieben" — sagt Moses — „denn du selbst warst fremd im Lande der Aegypter". Diese Worte wurden in einer Zeit gesprochen, als die Tendenz der Völker Raubsucht und Unterjochung anderer war. Diese Worte mögen komisch klingen: die Aegypter rächten sich an den Juden, welche ihnen Frondienste leisteten, und zwangen sie unter Peitschenhieben zu den schwersten Arbeiten. Dieselben Aegypter haben das Gebot erlassen, jedes neugeborene jüdische Kind ins Wasser zu werfen. Und obwohl Moses seinem Schicksal nicht entgangen ist, ließ er die Fremden in gleicher Weise wie die Juden lieben. Dieser Charakterzug weist auf eine hohe ethische Weltanschauung Moses' hin, welcher aus dem jüdischen Herzen jede Spur von Rachsucht austilgen und das Gefühl der Dankbarkeit für die Aegypter dafür einpflanzen wollte, daß sie die Juden in ihr Land aufgenommen haben. Was religiösen Seelenfang anbetrifft, so ist den Juden diese Prozedur fremd, vielmehr gebietet der Talmud, jedem, der dem jüdischen Glauben beizutreten wünscht, alle jene Schwierigkeilen ins Bewußtsein zu rufen, mit denen die Ausübung dieser Religion verbunden ist. Und doch kann sich einer derart geläuterten Bescheidenheit keiner der modernen Religionsstifter rühmen. Der Jude iit das Symbol der Ewigkeit, jener Ewigkeit; die weder durch Schwert und Feuer, weder durch Verfolgungen noch durch Peinigungen und Gemetzel vernichtet wird. Unter allen Völkern war es dem Juden allein beschieden, die göttliche Idee zu entdecken, deren Wächter er so viele Jahrhunderte iang gewesen und die er für die Völker der Welt bewahrt hat. Der Jude var und wird bleiben Vorkämpier und Sämann der Freiheit, der Gleichheit, der Kultur und der Toleranz. Leo T o I s t o;. Psychologie des Nationalsozialismus und seine Bekämpfung. . Vortrag, gehalten in der ,U n i o n" von Frau Luise Fischer- Treu. (Schluß.) Wenn man an die Frage herangeht, was man zur Bekämpfung der gefährlichen nationalsozialistischen Bewegung tun kann, da findet man nicht wenige Juden, die sagen: „Gar nichts tun. Ablaufen lassen. Das Judentum hat schon so viel überstanden, es wird auch die Herren Hitler und Goebbels noch überstehen". So empfindlich der einzelne Jude ist, wenn ihm persönlich Antisemitismus entgegentritt, so ungern läßt er sich in seiner. Ruhe stören, wenn anscheinend weiter nichts geschieht, als daß an der Wiener Universitätsrampe randaliert wird oder weit draußen — in Deutschland — 107 Sitze von einer extrem-antisemitischen Bewegung besetzt werden. Aber eine solche Gleichmütigkeit, um nicht zu sagen Gleichgültigkeit, ist es nicht, die das Judentum in allen Gefahren erhalten hat; und wir sind auch nicht mehr die geduckten, geduldigen Ghetto-Juden, die sich alles gefallen lassen konnten, weil sie sich sagten: „Ihre Ehre ist nicht unsere Ehre". Wir haben gewiß nicht den äußerlichen Ehrbegriff, den die Nationalsozialisten besitzen; wir wissen, daß nur unser eigenes Verhalten uns ehren oder entehren kann, nicht aber die Märchen, die gegen uns gedichtet werden. Aber welcher Mensch von natürlichem Temperament wird sich faustdick mit Schmutz bewerfen lassen und sich damit trösten, daß das seine Seele nicht beschmutzen kann? Viel Gutes und Kluges und Gescheites und Richtiges ist schon gegen die Hakenkreuzler-Perversität, gegen die Lügen und Entstellungen gesagt und geschrieben worden, aber wenn doch nur unsere Männer einmal die richtige, natürliche Empörung packen würde? Wir wollen nicht, daß das Zusammenleben Echtej>en^ durchwegs günstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER MÖBELHEIM Ulli. JULIUS GÖTZL Handle, beeid. Sachv. u. Schatzmeister IV..SCHLEIFMÜHLGASSE1B TELEPHON B 24-1-62 billigst abgegeben; daselbst sind auch elegante Schlaf- und Speisezimmer, Herrenzimmer, teüs neu, teils gebraucht,, zu verkaufen. unserer Kinder mit ihren christlichen Alterskameraden vergiftet wird, wir wollen nicht, daß unsere zu allem Guten bereiten Kinder in eine Atmosphäre der Lüge und des Hasses hineinwachsen und vergiftet werden durch die Flut von abscheulichen Anwürfen, denen sie in ihrer Unschuld hilf- und ratlos gegenüberstehen. Wir wollen uns nicht mehr verteidigen, wir sollten uns nicht darauf beschränken, zu beweisen, daß all diese blödsinnigen Hirngespinste nicht der Wahrheit entsprechen, nein; sondern wir sollten dem Lügner ins Gesicht sagen, daß er ein Lügner ist, ein Verleumder, ein Ehrabschneider, wir sollten ihm die Maske des falschen Idealismus von der Stirn reißen, wir sollten ihn hinstellen als das, was er ist, als einen Anhänger des ödesten Naturalismus, als einen Kulturzoologen. Man glaube nur ja nicht, daß man mit solchen philosophischen Argumenten „keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken" kann. Es ist ja wahr, daß der nationalsozialistische Spuk in dem Augenblick zur Bedeutungslosigkeit herabsinken würde, in dem die schreckliche Arbeitslosigkeit beendet wäre. Diese Not bei den Menschen, die keine Arbeit haben, dieser Druck auf die Menschen, die noch Arbeit haben — es ist ja kein Wunder, daß sie alle wahnsinnig werden. Und ein Sünder ist — vom jüdischen Standpunkt aus — jeder jüdische Unternehmer, der den Druck auf die arbeitenden Massen unnötig verschärft und für seine Person der Not auch noch den Haß hinzufügt, der sich dann auf die ganze jüdische Gemeinschaft entlädt. Man weiß, wieviel Groll in weite Kreise — weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus — ein unsozialer jüdischer Arbeitgeber tragen kann, und wie sehr das praktische Beispiel des sozial denkenden, humanen und großzügigen jüdischen Arbeitgebers weite Kreise gegen die nationalsozialistische Ansteckung immunisiert. Aber leider — leider sind wir Juden nicht die weltwirtschaftlichen Hexenimeister, als welche uns unsere Gegner ausgeben. Leider können wir nichts dazu tun, um die Arbeitslosigkeit im großen zu beenden. Aber man glaube nicht, daß nur solche praktische Aenderungen auf die Menschen Eindruck machen. Das gerade Gegenteil ist richtig.-Wessen Einfluß ist gegenwärtig wohl größer als der von Marx, dessen Werke so abstrakt wie nur möglich sind. Wie populär ist Einsteins Relativitätsgedanke, den . in seinem eigentlichen Sinn überhaupt nur Fachgelehrte verstehen können. Der Nationalsozialismus predigt das Ideal der Rassenüberheblichkeit — wir, die verleumdeten Juden, wir werden nicht aufhören, ihre verstiegene Selbstsucht zu bekämpfen. Die Na- *