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Die Wahrheit · 1931-04-17 · Heft 16 (17.4.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 16 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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T Seite 4 DIE WAHRHEIT zunächst berücksichtigt werden, ob die beiden Parteien Ehre und Würde der völkischen und staatlichen Gemeinschaft vertreten oder geschädigt haben; die Frage, ob berechtigte Eigeninteressen verletzt wurden, kommt erst in zweiter und dritter Linie. Wenn also Herr Cohn Herrn Müller auf Zahlung verklagt, wird Herr Müller antworten, daß er zwar die Ware bekommen und nicht bezahlt hat daß er aber auch nicht bezahlen will, erstens weil Herr Cohn ein Jude ist, was an und für sich schon genügt, weil er sich aber auch zweitens bei einer ähnlichen Gelegenheit geäußert hat, daß eine solche Rechtsprechung ein Hohn und ein Unsinn wäre, und durch diese Worte hat er entschieden die Ehre und Würde des deutschen Volkes gekränkt. Hiernach wird der blonde Herr Müller recht bekommen und die Ware nicht zu bezahlen brauchen, und der Herr Cohn wird wegen seiner Aeußerung aufgehängt werden. Daroffantlicfiunaan 3er Union dau+scn österreichischer Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Die Lage der österreichisch'jüdischen Jugend. Auf einem der letzten der so rasch beliebt gewordenen Diskussionsabende der Jugendgruppe der „Union", die jeden Dienstagabends im Klubheim (Grand Cafe Central, IL, Taborstraße 8) stattfinden, hielt der Leiter derkulturellen Sektion der Jugendgruppe, stud. jur. Max Mark, folgendes einleitendes Referat über die Situation der jüdischen Jugend: Zwiespältig ist die Lage der Juden, da sie einerseits Bürger eines Staates, anderseits differenziert sind gegenüber der Majorität des Staatsvolkes. Dieses Anderssein schafft Reibungen mit der Umwelt, die in ihrer Primitivität alles Fremde als feindlich ansieht Diese Differenziertheit nun ist im Altertum vornehmlich religiöser Natur und findet ihren Ausdruck unter anderem auch im Antisemitismus des verinnerlichen; der äußere Druck trug also zur Steigerung ihrer Individualität bei und vertiefte auch die kritische und analytische Anlage der Juden, ein Wesenszug, dem die Juden bis in unsere Tage, der Zeit Siegmund Freuds, die hervorragendsten Leistungen verdanken. Als nun die Ghettomauern gefallen waren, stehen Völkern, die eine normale Entwicklung durchgemacht hatten, die hochgezüchteten Juden gegenüber, deren Einfluß jenen dämonisch und zersetzend erscheinen mußte. Dazu kommt noch, daß die Juden, im Mittelalter auf den Handel beschränkt, im Zeitalter des Kapitalismus auf Grund ihrer erworbenen Erfahrung führend werden. Als Ausfluß eines Minderwertigkeitsgefühles der Völker den Juden gegenüber tritt in diesem Stadium der Kulturantisemitismus auf, der versucht, mit geistigen Waffen die Juden zu bekämpfen. DIE UNION DEUTSCHOSTERREICHISCHER JUDEN wie auch Prof. Dr. LUDWIG BRAUN Prof. Dr. HERBERT ELIAS Hofrat Dr. SIEGMUND FUCHS Prof. Dr. MARKUS HAJEK Hofrat Prof. Dr. ADOLF LAST Prof. Dr. HEINRICH NEUMANN Prof. MAX EISLEpi * Prof. JEHUDO EPSTEIN Hofrat SIEGFRIED GERSTMANN Prof. Dr. WILHELM KNÖPFLMACHER Prof. Dr. LUDWIG MANDL Prof. Dr. EDMUND PARNES Hofrat Prof. Dr. JULIUS SCHNITZLER beehren sich, zur Vorlesung des Herrn Ing. JOSEPH LAZARUS aus FIUME über das Thema: „JUuiosemüsmus und Antisemitismus in den Amscfdedenen £ändexn~" ~ ~ ~ höflichst einzuladen, welche am Dienstag, den 21. April im Festsaale des Niederösterr. Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, nm 8 Uhr abends stattfinden wird. tolerantesten Volkes des Altertums, der Römer, die sonst gegenüber Göttern fremder Völker Verständnis besitzen, da sie sie ihren eigenen subsumieren können, der jüdischen Gottesauffassung und der damit verbundenen theokratischen Staatseinrichtung aber fremd gegenüberstehen. Im Mittelalter als Gottesmörder und als Objekte vergeblicher Bekehrungsversuche verfolgt sind die Juden in der Gegenwart psychisch gegen ihre Umwelt differenziert und damit Objekt des Hasses. Es ist ganz klar, daß die jahrtausendalte Leidensgeschichte der Juden nicht spurlos an ihnen vorübergegangen ist. In ihrer äußeren Entwicklung gehemmt, waren die Juden gezwungen, sich zu;Sj|«ggjC fOBNCnPIC fAMUlEN- PENSION | |BEStflipatioD,BaffCBuaas | täglich 5-Uhr-Tee M ISEMFIEßlNGl TELEPHON 11 ff iHochstrafie 43 g neben Hotel Panhans m Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—a ufwärts jg Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser g in jedem Zimmer. {= Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer m "^'^"^ tlilllliL^if^1 In der jüngsten Gegenwart wurde der Rassenantisemitismus zur Parole erhoben, der den Vorteil besitzt, die Minderwertigkeit der Juden nicht konkret beweisen zu müssen, sondern sie a priori in die Abstammung verlegt. Wenn nun in Deutschland und bei uns der Judenhaß in akademischen Kreisen besonders stark ist, so hat dies seine Ursache, daß diese Intelligenzkreise infolge der Wirtschaftskrise ihre frühere Position verloren sehen und für ihre Mißstimmung eine Ableitung brauchen, die ihnen die Juden als ein differenzierter Körper bieten. In dieser Lage, die ich hier kurz skizziert habe, befinden sich die Juden und sie muß für jeden, der nicht gefestigt ist, ein unlösbares Dilemma bieten. Das gilt besonders für die Jugend. Wie sehen nun die Lösungsversuche der Jugend aus. Ihrem Wesen adäquat bewegen sich dieselben in Extremen. Das eine Extrem ist das offenkundige oder stillschweigende Abwenden vom Judentum, das andere die Ueberspannung der eigenen Differenziertheit zum Nationalismus. Im ersteren Falle schließen sich diese Jugendliche, da die Menschen nun einmal sozial veranlagt sind, Gemeinschaften mit außerjüdischen Tendenzen an, müssen aber bald erkennen, daß sie von den Nichtjuden nicht als voll angesehen werden, und der Zwiespalt, dem sie entgehen wollten, ist wieder vorhanden und sogar noch in größerem Maße als zuvor. Der zweite Weg, der des Zionismus, ist sicherlich konsequent, aber ungangbar. Schon seine Voraussetzungen sind unrichtig. Er nimmt nämlich eine Gleichsetzung von Volk und Schicksalsgemeinschaft vor, erhebt damit etwas Negatives, da die Schicksalsgemeinschaft nur durch den Antisemitismus zusammengehalten wird, zum Inhalt des Volksbegriffes. Dabei hat der Antisemitismus aufgehört, eine gleichförmig internationale Angelegenheit zu sein. Ich möchte geradezu betonen, daß der Antisemitismus nicht nur eine Frage der Juden, sondern auch ein Problem des Volkes ist, das ihn betätigt. Schon Nietzsche hat den besonderen Haß der Deutschen gegen die Juden damit erklärt, daß die Deutschen selbst viel zu wenig in ihrem Volkstum gefestigt sind, als daß sie das starke Element der Juden verdauen könnten. Der rein negativen Bindung der jüdischen Schicksalsgemeinschaft steht aber das positive Verbundensein der Juden mit dem Lande, in dem sie wohnen, gegenüber. Wir, um konkret zu sprechen, sprechen Deutsch, leben in Kulturgemeinschaft mit den Deutschen, wobei unser jüdisches Wesen, das ich oben aufgezeigt habe, nur in der spezifischen Erlebens- und Gestaltungsform des deutschen Külturinhaltes zum Ausdrucke kommt. Die deutschen Juden stellen eine Form des Deutschtums dar, wie etwa Bayern, Preußen usw., die physisch und psychisch tief differenziert sind. Nach diesen theoretischen Bemerkungen möchte ich die praktischen Auswirkungen des Zionismus erörtern. Eine nationale Bewegung, die auf den Erwerb eines Landes gerichtet ist, kann nicht mit dem Wohlwollen einer ganz anders interessierten Großmacht und auch nicht mit Geld gemacht werden, sondern nur mit physischer Gewalt. Dabei ist unsere Zeit der Auflockerung der Nationen durch überstaatliche Verbände der Arbeiter und Industriellen für nationale Bewegungen ganz ungünstig. Aber selbst wenn es gelänge, den Judenstaat, der bestenfalls zwei Millionen Einwohner umfassen könnte, zu errichten, würde die Judenfrage für die übrigen 14 Millionen Juden weiterbestehen. Die Auswirkungen des Zionismus liegen aber noch auf einer ganz anderen Basis. Denn seiner Ideologie entsprechend müßten sich die Juden innerhalb der Länder, in denen sie leben, als nationale Minorität konstituieren, ein naives Paradoxon, wenn man erfährt, daß beispielsweise in Deutschland und Oesterreich die Juden ein Drittel aller Dichter und Schriftsteller und vielleicht sogar die repräsentativsten stellen, was, relativ gerechnet, auf diesem Gebiete eine 33fache Ueberlegenheit der Juden bedeutet. Diese Konstituierung der jüdischnationalen Minoritäten hieße im Geistigen die Errichtung von Ghettomauern, in politicis den Verzicht auf die nach langem Leiden erlangten Rechte. Denn es wäre doch unbillig, auf der einen Seite nationaljüdische Institutionen, die nur mit Juden besetzt würden, zu verlangen, auf der anderen Seite aber freie Konkurrenz im Staate. Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, daß im Zionismus die jüdische Missionsidee geleugnet erscheint und mit Recht muß sich die Frage erheben, was für einen Sinn die Renaissance eines Volkes hat, das keine Mission für sich in Anspruch nimmt. Nicht Völkisches im nationalistischen Sinne, nicht die gemeinsame Sprache, nicht der gemeinsame physische und psychische Habitus bildeten das Wesen der Juden. Charakteristisch für sie war und äst nur die Thora und die daraus fließende Mission zur Versittlichung der Welt. Das Judentum ist vor allem eine Gemeinschaft der Idee und das neumodische nationale Ideal bedeutet eine Verfälschung des Judentums, das seine Aufgabe nur darin sehen kann, seine Thora zu realisieren. In dieser Zeit des Radikalismus und der Verrohung sollen sich die Juden ihrer Pflicht bewußt werden, mit modernen Mitteln für die ewigen Wahrheiten des Judentums, für die Idee der Sittlichkeit und des Friedens zu kämpfen: Alle Aufgaben^ und mögen sie von den Juden infolge ihrer durch die Verhältnisse geschaffenen Eigenart noch so glänzend gelöst werden, treten hinter dieser Aufgabe zurück. Die Jugend zu Streitern für Frieden und Gerechtigkeit zu erziehen, soll mit eine Aufgabe der Jugend-„Union" sein! rtireiil i

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