Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 16 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seit» i Der Ueberfall bei Haifa. Der am Ostersonntag abends auf jüdische Arbeiter in der Nähe von Haifa verübte Ueberfall hatdieJudenheitPalästinasinBestürzung und tiefe Trauer versetzt. Die Erregung ist allgemein. An dem Begräbnis der drei Opfer des Ueberfalles nahmen über 10.000 Menschen teil. Unübersehbare Menschenmassen folgten den drei Särgen, die durch die jüdische Gartenvorstadt Hadar Hakarmel bei Haifa bis in die A r b e itersiedlung Yadjur getragen wurden, wo die Getöteten ansässig waren und wo auch die Beerdigung stattfand. Am Grabe sprach der Präsident der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas David Ben Gurion. Er wies darauf hin, daß bereits im ganzen Lande intensive Nachforschungen nach den Tätern im Gange sind. Die Leitung des Jüdischen Nationalrates für Palästina (Waad Leumi) hat beim High Comissioner Sir John Chancellor vorgesprochen, um im Hinblick auf den Ueberfall bei Yadjur die Probleme der öffentlichen Sicherheit in Palästina zu erörtern. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency in Palästina Colonel K i s c h hat sich im Zusammenhang mit den Arbeiten zur Ausforschung der Mörder nach Haifa begeben. Eine Deputation des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Haifa hat gegenüber dem Distriktsgouverneur von Nordpalästina C o 1 v i 11 e die Forderung nach energischen Maßnähmen zur Verfolgung der Täter gestellt. Die Deputation gab dem Gouverneur zu bedenken, daß es sich hier um einen offenkundig sorgfältig vorbereiteten Anschlag gehandelt hat und daß mit einer Ausbreitung des Terrors im ganzen Lande gerechnet werden müsse, falls es nicht gelingen sollte, der Täter habhaft zu werden und sie vor Gericht zu stellen. Ein Arbeiter der Zementfabrik Nescher gab dem Haifaer ITA-Vertreter folgende Schilderung des Vorfalls: Unmittelbar nachdem der Wagen mit den jüdischen Arbeitern das Gebiet der Zementwerke verlassen hatte — es war 10 Uhr abends — wurde er von Gewehrsalven empfangen, die von beiden Seiten der Straße kamen. Es war zweifellos ein wohl vorbereiteter und organisierter Ueberfall. Das Schießen aus dem Hinterhalt setzte auch, als bereits einige Arbeiter verwundet auf dem Boden lagen, nicht aus. Hinda Fishman und Samuel Dishel waren auf der Stelle tot, von den übrigen fünf Verletzten starb der Arbeiter Jacob Zamir bald nach seiner Einlieferung ins Spital. Mit aller Entschiedenheit trat der Gewährsmann des ITA-Vertreters der in gewissen Kreisen verbreiteten Meinung entgegen, daß der Schießerei ein Streit zwischen den jüdischen Arbeitern und den Arabern vorangegangen sei. Der Ueberfall, erklärte er, erfolgte ohne jegliche Provokation. Wir haben die Angreifer, die im Dunkeln das Weite suchten, gar nicht zu Gesicht bekommen. Die Stellungnahme der hebräischen Presse Palästinas. Alle hebräischen Zeitungen Palästinas fordern die Regierung auf, im Hinblick auf den Ueberfall bei Haifa schleunigst ausreichende Maßnahmen im Interesse der öffentlichen Sicherheit zu ergreifen. Das Organ der Revisionisten „Haam" fordert die Bestrafung der arabischen Drahtzieher, deren verhetzender Tätigkeit die Bluttat zuzuschreiben sei. „Haarez" erklärt, die Bürger des Landes besäßen, solange es der arabischen Presse gestattet bleibe, ihre aufreizende Schreibweise fortzusetzen, kein Vertrauen zum Willen und zur Fähigkeit der Regierung, Verbrechen und Aufwieglung im Lande zu unterdrücken. Das Arbeiterblatt „Dawar" schreibt: Wie kann an eine Wiederherstellung des Gefühls von Sicherheit im Lande gedacht werden, wenn es möglich war, daß die Mörder von Yadjur unbemerkt entkommen konnten, und die Behörden keine Spur von ihnen zu entdecken imstande sind? Ueber die Motive der Tat sind in Palästina die verschiedensten Ansichten verbreitet Am meisten ist man geneigt, jener Version Glauben zu schenken, derzufolge das Verbrechen von einer Bande geübter Schützen begangen wurde, die zu der Tat entweder von Kommunisten oder von arabischen Politikern gedungen wurde. Die hinter den Tätern stehenden politischen Faktoren wollten offenbar den Ueberfall zum Ausgangspunkt allgemeiner Unruhen machen. Der eine der beiden getöteten Arbeiter, Jacob Zamir, war erst im vorigen Jahre aus Polen nach Palästina gekommen. Er war in den Steinbrüchen von Athlit im Zusammenhang mit dem Hafenbau in Haifa beschäftigt und hatte sich am Ostersonntag zum Besuch von Freunden in die Kwuza Yadjur begeben. Auch Hinda Fishman stammte aus Polen und hatte sich erst vor einer Wochen der Kwuza Yadjur angeschlossen. Die Suche nach den Mördern. Die Regierung hat auf die Ergreifung der Mörder von Yadjur eine Prämie von 200 Pfund gesetzt. Die Kriminalbehörden neigen immer mehr der Annahme zu, daß die Tat von einer von Politikern bezahlten Bande verübt wurde, vermutlich derselben, die nach den Unruhen im August 1929 im Safeder Distrikt ihr Unwesen trieb. Unbekannte Täter haben durch Durchschneidung der von dem arabischen Dorfe Schafaram, unter dessen Bewohnern die Teilnehmer an dem Ueberfall auf die jüdischen Arbeiter vermutet werden, nach der Garnisonsstadt Acco führenden Telephonleitungen den Fortgang der polizeilichen Nachforschungen zu behindern versucht. Im Zusammenhang mit dem Ueberfall bei Yadjur wurden bisher etwa 50 Araber in das Gefängnis von Haifa eingeliefert. Die polizeilichen Ermittlungen im arabischen Dorf Schafaram wurden fortgesetzt. In Jerusalem ist das Gerücht verbreitet, daß die Polizei bereits drei Anführer der Bande festgestellt hat. Das allgemeine Gefühl der Unsicherheit begünstigt das Entstehen unbegründeter Gerüchte über räuberische Anschläge in verschiedenen Teilen des Landes. DAS SILBER VON OESTERREICHER Künstlerische Handarbeit aus eigener Werkstatt. Formvollendet in jedem Stück und jeder Einzelheit — Geschenke von unvergänglichem Wert. I. WIPPLINGERSTRASSE 19 Die bei dem Ueberfall Verwundeten liegen im Hadassah-Spital zu Haifa; sie sind außer Lebensgefahr. Der polnische Konsul hat die Verwundeten im Spital besucht. Es verlautet, daß Polen eine Entschädigung für die bei dem Ueberfall Verletzten verlangen wird. Psychologie des Nationalsozialismus und seine Bekämpfung. Vortrag, gehalten in der „U n i 0 n" von Frau Luise Fischer- Treu. (Fortsetzung.) Wir haben' bisher darüber gesprochen, wie die nationalsozialistische Bewegung und vor allem ihr Rassen- und Judenhaß aus vielen Quellen zusammengeflossen ist, wir haben auch schon wichtige psychologische Grundlagen dieser Bewegung enthüllt, dazu gehört die unbedenkliche Machtgier der Führer, dazu gehört der suggestive Einfluß einer Propaganda, die nicht nur außerordentlich geschickt, sondern auch außerordentlich zäh geführt wird. Wenn Zähigkeit und Rührigkeit Eigenschaften der jüdischen Rasse sind, dann muß man sagen, daß die Nationalsozialisten die Rasse der Ueberjuden darstellen. Für sie gibt es keine Ruhepause nach der Wahl. Sofort setzen sie wieder mit einem Trommelfeuer von Versammlungen und Reden ein. Aus dem großen Kreis der nationalsozialistischen Literatur und Presse tritt einem das Bild Hitiers als eines völlig unproduktiven Kopfes, aber als eines ausgezeichneten Propagandisten und Organisators entgegen. Gedanken hat Hitler keine, aber wie man eine Organisation schafft, davon weiß er im kleinen Finger mehr, als die meisten ihn geistig weit überragenden Nichtjuden und Juden. Bezeichnend für seine Denk- und Wesensart ist seine Begründung, warum bezahlte Funktionäre besser sind als ehrenamtlich tätige. „Ehrenamtliche Funktionäre", so sagt er dem Sinne nach, „haben oft eigene Gedanken und wollen nicht immer so, wie der Führer will, aber bezahlte Funktionäre müssen sich nolens volens an das halten, was man ihnen aurträgt" Geistige Gemeinschaften sind desto lebendiger, je mehr eigene Köpfe darin sind; aber Zweckverbände sind desto schlagkräftiger, je mehr sich alle Kraft in einem Willen vereinigt. Und dieses Gefühl der Einigkeit und Einheit pflegen die nationalsozialistischen Führer mit allen nur erdenklichen Mitteln. Es sind eigentlich ein paar Grundstimmungen — Grundgedanken wäre gar nicht das richtige Wort — die die ganze nationalsozialistische Presse durchziehen: das deutsche Volk ist das wertvollste auf Erden, das „dritte Reich", nämlich das nationalsozialistische, wird dafür sorgen, daß es allen Deutschen gut geht, bis dahin muß man sich auf Opfer an Gut und Blut bereit machen — aber dafür sind wir ja idealistische Deutsche. Es ist nicht so klar, wie ich es hier ausgesprochen habe, die Aussicht auf persönliches Wohlergehen, mit welcher der Nationalsozialismus seine .Anhänger, und vor allem die jungen unter ihnen, anzieht. Das steht wohl dahinter, und man soll es nicht verlästern. Wir Juden wissen doch, ein wie schreckliches Lebensgefühl es bringt, unter allen erdenklichen Schwierigkeiten zu stuideren und dahinter dann noch die Frage: „Und was soll werden, wenn du nun fertig bist? Was willst du mit deiner Ausbildung und deinen ganzen jungen Kräften, die niemand braucht dann anfangen? Wird es dir gelingen, dich bei dem Geraufe um die paar vorhandenen Plätze durchzusetzen?" — Wie anders, wenn einem gesagt: „Lerne etwas Tüchtiges, das ganze Deutschland und Oesterreich ist dein Erbteil, du kannst deine Zukunftshoffnungen gar nicht zu hoch spannen, denn der größte Teil deiner Mitstrebenden, alle Juden und Judengenossen, alle, die uns nicht anhängen, haben kein Anrecht in unseren Landen." Und wenn dann von den „Idealen", von den „Opfern an Gut und Blut" gesprochen wird, die bis dahin noch gebracht werden müssen, dann stimmt die Jugend gern zu und keiner fragt: „Ist das in Wirklichkeit, was man .ideal' nennt? Kann diese Haltung übereinstimmen mit dem, was die großen Menschen aller Zeiten als Idealismus verkündet haben?" Wenn ein Rudel Wölfe jagen geht, glaubt man, die Tiere wüßten nicht ganz genau, daß viele von ihnen das Fressen der anderen mit dem Leben bezahlen werden. Und doch jagen sie alle — mit der Hoffnung, daß ihnen Erfolg beschieden sein wird, mit der Gewißheit, daß es Opfer an Leben und Blut kosten wird — und mit der Möglichkeit, daß sie zu den Ueberlebenden gehören werden. Solche Vergleiche liebt der Nationalsozialismus sehr. Wenn er menschliche Verhältnisse erklären will, bezieht er sich immer auf das Tierreich, und das ist kein Zufall. Für ihn sind die geistigen Kräfte des Menschen völlig vom Blut abhängig. Es gibt für den Nationalsozialisten infolgedessen auch kein Sittengesetz, das für jeden Menschen verbindlich ist, sondern auch Sittlichkeit und das sittliche Gesetz des Handelns entstehen für ihn aus dem Blut, für jede Rasse anders. Es gibt für ihn keine objektiven Rechtsinid Sittlichkeitsverpilichtungen, sondern diese wachsen aus den Trieben, die bei jedem Volk, jedem Blut anders sind. Wohl redet der Nationalsozialismus von Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit, aber nur, nachdem diese Begriffe völlig entleert worden sind jeden geistigen Gehalts, und angefüllt worden sind mit naturhaften Vorstellungen. Es ist die Freiheit des Steppenwolfs, der im eng verbundenen Rudel jagt: es ist die Gerechtigkeit der Natur, die ein Wesen dem andern zur Nahrung bestimmt hat; es ist nicht die Spur von Idealismus — ganz weit, himmelweit davon entfernt — es ist ein ausgesprochener Naturalismus, oder nach Müller-Lyer ausgesprochene Kulturzoologie. Ich will ein ganz klares Beispiel geben, das außerdem von großer praktischer Bedeutung ist Das ist die Rechtspflege. Lassen wir uns einen Augenblick überlegen, wie es jetzt in der Rechtspflege zugeht Der Herr Cohn hat dem Herrn Müller für 100 Schilling Ware verkauft und der Herr Müller bezahlt nicht Also klagt der Herr Cohn und Herr Müller wird zur Zahlung verurteilt und eventuell zwangsgepfändet Dieser Kleinkram der täglichen Gerichtsbarkeit ist sehr wichtig für die Erhaltung geordneter Beziehungen zwischen den Menschen, aber dahinter steht noch etwas ganz anderes. Dahinter steht, daß Herr Cohn ein moralisches Recht darauf hat, daß er für seine Lieferung die ausbedungene Zahlung bekommt In der Strafrechtspflege ist es noch anders. Da tritt der Staat direkt als Vertreter der höchsten sittlichen Mächte auf. Der Mörder wird bestraft weil er das Sittengesetz „Du sollst nicht morden" übertreten hat Im dritten, nationalsozialistischen Reich soll das anders werden. Da wird nicht nach Recht und Gerechtigkeit gerichtet sondern bei allen Prozessen soll ' l I t f