Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 16 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT £$ fehlt das Vertrauen.... Weizmann ist aus Palästina abgereist, bevor die Schüsse bei Haifa, durch die drei jüdische Arbeiter getötet wurden, gefallen sind. Er hat diese Schüsse nicht selbst gehört, aber er hat während seines Aufenthaltes in Palästina eine Stimmung kennengelernt, die es erklärlich macht, daß feige arabische Mordbuben zum Revolver gegen unschuldige jüdische Arbeiter gegriffen haben. Wenn es auch immer wieder geleugnet wurde, der Zweck der Reise Weizmanns nach Palästina war vor allem der, wenn möglich, ein Einvernehmen mit den über den MacDonald-Brief furchtbar empörten Arabern herzustellen. Weizmann ist abgereist, ohne diesen Zweck seiner Reise erfüllt zu haben. Und das mag vielleicht eine der größten Enttäuschungen im Leben dieses zionistischen Politikers geworden sein. Aus den Erklärungen, die er für das Versagen seiner Absichten zu geben versucht, geht diese Enttäuschung klar hervor. Es spricht aber auch eine gewisse Naivität aus diesen Erklärungen, die die Schuld für das Nichtzustandekommen eines Einvernehmens zwischen Weizmann und der arabischen Exekutive nicht der geladenen Haßatmosphäre, sondern — wie gewöhnlich — der Palästina-Verwaltung geben. Die arabische Exekutive hat die von der Palästina-Verwaltung im Auftrage der englischen Regierung vorgenommene Sondierung der Möglichkeit eines Zusammentreffens Weizmanns mit den Führern der arabischen Exekutive unberücksichtigt gelassen, obwohl der arabischen Exekutive zu verstehen gegeben wurde, daß man es in London sehr gerne sehen würde, wenn es zur Einleitung von Verhandlungen käme. Weizmann meint nun, daß die Palästina-Verwaltung bei der Ausführung dieses Auftrages sehr unklug zu Werke gegangen sei, indem sie einfach den Wunsch der Londoner Regierung an die arabische Exekutive weiterleitete. Die Palästina-Verwaltung hätte vielleicht wirklich geschickter vorgehen können, aber selbst dann wäre Ihrem Unternehmen wahrscheinlich ein Erfolg versagt geblieben. Der wahre Grund für die arabische Zurückhaltung liegt nämlich in dem Umstand, den Weizmann selbst im Verlaufe seiner weiteren Erklärungen angab, daß nämlich „der MacDonald- Brief viele Araber (man kann schon sagen, alle Araber; D. Red.) tief enttäuschte." Dies sei, sagte Weizmann — und der muß es ja wissen — eine Folge der englischen Zickzackpolitik. Es ist also zu Verhandlungen zwischen Weizmann und der arabischen Exekutive nicht gekommen, konnte nicht dazu kommen, denn die Haltung der arabischen Exekutive war eine durchaus ablehnende. Das ergibt sich auch aus einer Verlautbarung der arabischen Exekutive, die wie folgt lautet: „Wir freuen uns, mitteilen zu können, daß sich niemand von Dr. Weizmanns Friedensvorschlägen täuschen ließ. Wir würden nicht zögern, den Namen jeder Persönlichkeit, die in Verhandlungen mit Weizmann eintreten sollte, ohne Rücksicht auf ihre Stellung zu veröffentlichen. Weder offizielle noch inoffizielle Verhandlungen können den Arabern nützen. Sie könnten nur zur Annahme führen, daß die Araber die Balfour-Deklaration und das Mandat anerkennen." Und gleich ablehnend wie die Haltung der arabischen Führer ist auch die Stimmung unter der arabischen Bevölkerung Palästinas, ein neuerlicher Beweis dafür, daß die tendenziösen Nachrichten, daß die arabische Exekutive nicht die Anschauungen der arabischen Bevölkerung repräsentiere, eben nicht den Tatsachen entsprechen. Ein Stimmungsbild von der Nebi Musa-Prozession in Jerusalem kennzeichnet die haßgeschwängerte Atmosphäre, die eine explosive Entladung nur zu verständlich macht. An der anläßlich des Nebi Musa-Festes veranstalteten Wallfahrt zu der bei Jericho gelegenen Stätte, an der die Mohammedaner das Grab Mosis vermuten, nahmen viele Tausende Araber teil. Der Zug bewegte sich in feierlicher Prozession durch die Straßen Jerusalems, , in denen über 10.000 Zuschauer, vorwiegend schwarz gekleidete und verschleierte mohammedanische Frauen, das Schauspiel verfolgten. Es wurden wilde judenfeindlicheRufe laut, dieandieTagedes Massakers im August 1929 erinnerten. Viele Püger riefen: „Schlagt, verwundet und tötet ohne Furcht." Andere beschränkten sich darauf, „Nieder mit der B a 1 f o u r- Deklaration und dem Mandat" zu rufen. Die Behörden hatten außerordentliche Maßnahmen zur Verhütung des Ausbruches von Unruhen getroffen. Ein Heer von Polizisten war auf den Beinen, Panzerwagen versperrten den Zugang zur Jaffastraße und starke berittene Polizeikräfte eröffneten und beschlossen den Pilgerzug, |iiiiinwmtMMiMmttnrmtniMiMm» mr. j Bebördl. autor. Häuseradministration! ADOLF KRALL! IV., Schleifmühlgasse 11 | I Telephon B 28-1-48; ( empfiehlt sich zur Ober- : I nähme von Verwaltungen | | Erstklassige Referenzen : um vor allem die tanzenden Derwische, die den verdächtigsten Teil der Prozession bildeten, im Auge zu behalten. Nur der Wachsamkeit der Behörden ist es zu danken, daß es nicht zu den befürchteten Zusammenstößen kam. Wie da Weizmann in einem Gespräch mit dem Jerusalemer Korrespondenten der „Reichspost" sagen kann: „Es gibt viele Araber, die bereit sind, mit uns einen Modus vivendi zu beraten", ist uns unerfindlich. Glaubt er wirklich, daß die Erklärung, daß „diese Araber fürchten, durch die Exekutive und die Presse als Verräter des Vaterlandes denunziert zu werden", ihre Zurückhaltung genügend verständlich macht? Gott erhalte Weizmann seinen Optimismus, „daß die Juden und die Araber sich einmal verständigen und zusammenarbeiten werden, wenn die Engländer diese Entente nicht verhindern", vorderhand merkt man von einer Verständigung und Zusammenarbeit herzlich wenig. Aus dem Schlußsatze des Gespräches mit dem Korrespondenten der „Reichspost" merkt man, daß Weizmann momentan wieder auf England sehr schlecht zu sprechen ist. Sein Gespräch enthielt auch sonst einige scharfe Ausfälle gegen die englische Palästinapolitik, die in bemerkenswerter Weise das mangelnde Vertrauen der Judenheit zu dieser Politik zu erklären versucht. Dr. Weizmann sagte nämlich u. a.: „Was die Juden der Diaspora und besonders jene von Amerika noch mehr als die Wirtschaftskrise verhindert, ihre Kapitalien nach Palästina zu senden, ist der Umstand, daß sie zu England kein Vertrauen mehr haben. Das Weißbuch der Londoner Regierung vom Oktober 1930 erweckte bei den Juden den Eindruck, daß sie nur für die Araber arbeiten, wenn sie die Entwicklung Palästinas begünstigen. Der letzte Brief Mac Donalds hat diesen Eindruck noch nicht genug verwischt." Auf England sind also die Zionisten böse, die Araber wieder wollen mit den Zionisten nichts zu tun haben und England begünstigt ganz auffallend die Araber; die Situation des Zionismus wird immer schwieriger. Dabei steht die zionistische Exekutive vor gewaltigen Entscheidungen, insbesondere über die Frage der gesetzgebenden Körperschaft in Palästina. Weizmann hat im Jerusalemer Waad Leumi ausdrücklich erklärt:. „Man muß den Tatsachen ins Gesicht sehen; der Plan des Legislative Council wird in der einen oder anderen Form aufgestellt werden." Nun sollen in London die weiteren Beratungen mit der britischen Regierung darüber erfolgen und gerade in diesem Zeitpunkt befindet sich der Zionismus in einer so eklatanten Krise. Feuilleton Sport und Politik in Oesterreich. Von Regierungsrat Dr. Emil Weinberg. Vor kurzem ist das "Buch erschienen: Grundriß des Deutschen Turnens, unter Mitwirkung zahlreicher Fachleute bearbeitet von Dr. Erwin Mehl, Leiter der Wiener Universitätsturnanstalt 2. Auflage, mit 198 Abbildungen, Wien 1930. Aus dem Vorworte ist zu ersehen, daß es im Auftrage des „Deutschen Turnerbundes" in Oesterreich herausgegeben wurde und ein Leitfaden für Vereinsturnwarte und Vorturner ist Es ist in rem sachlicher Beziehung auf wissenschaftlicher, besonders geschichtlicher Grundlage aufgebaut und faßt „Turnen" im weitesten Sinne auf, indem es darunter jede Art körperlicher Tätigkeit versteht Der Inhalt des Buches ist geradezu ein unerschöpflicher. Er umfaßt u. a.: Eine allgemeine Geschichte der Leibesübungen bei den Natur- und Kulturvölkern (auch bei den Juden in biblischer Zeit), Uebungsbedürfnisse (Lungen, Herz, Stoffwechsel, Haut usw.), Uebungswerte, Massage, Erste Hilfe, Ordnungs- und Freiübungen, Handgeräte (Hantel usw.), Bodenübungen, Geräte, Volksübungen, Spiele, Schwimmen, Rudern, Schneelauf, Eislauf, Wandern und Bergsteigen, Faustkampf, Ringen, Waffenlose Selbstverteidigung, Kinder-, Frauen- und Mädchenturnen, Angewandtes Turnen. Das Werk ist aber zugleich eine politische Schrift Zwei Grundsätze beherrschen seinen Inhalt: Der Gedanke der Heranbildung des Wehrturners und der der Rassenreinheit der sich jedoch hauptsächlich gegen die Juden richtet Das Turnen sei als Ersatz für die militärischen Uebungen zu betrachten. Es erfülle nur dann seinen Zweck, wenn die männliche Jagend so erzogen werde, daß sie im geeigneten Augenblicke wehrfähig sei (Wehrturner), wenn es gilt das Unrecht das dem deutschen Volke durch die Friedensschlüsse zugefügt wurde, wieder gutzumachen. Es ist dies die alte Auffassung von dem Krieg, die den Siegern und den Besiegten soviel Unheil zugefügt hat. Vollkommen unbeachtet bleibt die durch den Weltkrieg erhärtete Tatsache, daß nicht die Tapferkeit und körperliche Eignung des Einzelnen, sondern die Führung, die Organisation, die Vorsorge für die Ernährung, die technischen Hilfsmittel, wie Flugzeuge, T^ks, Giftgase die Entscheidung herbeigeführt haben. Selbstverständlich würden diese Vorkehrungen der Sieger in einem Zukunftskriege noch weit mehr als im Weltkriege eine Entscheidung herbeiführen. Daß ein Kampf auch mit geistigen Waffen erfolgreich geführt werden kann, bleibt unerwähnt Man denke nur an den großen Erfolg, den vor kurzem die Bewohner Indiens gegen England im unblutigen Kampfe errungen haben. Der Grundsatz der sogenannten Rassenreinheit wird als arisches Weistum bezeichnet obwohl er. erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit ausgesprochen wurde. Darüber berichtet das Buch Folgendes: Erst im Jahre 1886 wurde Eugen Dührings Rassenantisemitismus in die Tat umgesetzt indem eine Anzahl österreichischer Turnvereine den Ariersatz in ihre Satzungen aufnahmen und Juden die Mitgliedschaft verweigerten. Die leitenden Kreise der „Deutschen Turnerschaft", des größten alldeutschen Turnverbandes, hätten jedoch kein Verständnis für die völkische Notwendigkeit dieser Maßnahme gehabt (Völkische Turnerfehde). Es kam nach verschiedenen Wechselfällen und Auseinandersetzungen mit der Deutschen Turnerschaft zur Gründung des Deutschen Turnerbundes 1919 in Oesterreich, der den Ariersatz angenommen hat und in keinem Verhältnis mehr zur „Deutschen Turnerschaft", die ihn ablehnt steht. Der Deutsche Turnerbund in Oesterreich geht sogar so weit daß er sich an den vom Deutschen Reichausschuß für Leibesübungen für alle Deutschen der Erde offenen Kampfspielen wegen Teilnahme von Juden nicht beteiligt. An einer einzigen Stelle des Buches ist der Versuch gemacht, den Ariersatz zu begründen. Es heißt dort: „Die schwere Lage der Deutschen im alten Oesterreich gegenüber der Bedrängung in geistiger und geldlicher Hinsicht durch die verhältnismäßig zahlreichen Juden führte zu einer Abwehr der Deutschfühlenden gegen die Bedrohung der völkischen Güter." Tatsachen irgend welcher Art werden hiefür nicht angeführt In Ermanglung einer anderen Begründung wird jedoch bemerkt daß nach dem Beispiele des Deutschen Turnerbundes andere österreichische Sportvereine nachher den Ariersatz angenommen haben, so der Regattaverein, der Oesterreichische Touristenklub, die Mehrzahl der Zweigvereinc des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereines, der Oesterreichische Skiverband, der Austriaschwimmklub usw. Als wissenschaftliches Buch kann der in Rede stehende Grundriß die Leistungen anderer Völker nicht unbeachtet lassen. So werden u. a. bei Höchstleistungen der Frauen im Laufen die einer Japanerin erwähnt die des Finnen Nurini, des Wirkens des italienischen Fechtmeisters Cav. Luigi Barbasetti in Wien. Auch die jüdische Turnerschait wird erwähnt Sie umfaßt in Oesterreich 7000 Mitglieder, in Deutschland bloß 3000 Mitglieder. (Die geringe Mitgliederzahl in Deutschland dürfte auf das Fehlen des Ariersatzes in der Deutschen Turnerschaft zurückzuführen sein.) Beim Schwimmen werden unter österreichischen Bestleistungen von Männern erwähnt: H. Goldberge r, von Frauen F. Löwy und H. Bienenfeld. Ein ganzer Abschnitt ist der von den Japanern übernommenen waffenlosen Selbstverteidigung, dem Dschiu- Dschitsu, gewidmet Im Abschnitte über Faustkampf heißt es: Als besonders abstoßend und verächtlich müssen die Kämpfe zwischen Weißen und Negern in Amerika bezeichnet werden. Hier wird also wieder eine gewisse Einheitlichkeit der ganzen weißen Rasse ohne Einschränkung auf Arier angenommen. Schon aus diesen wenigen Andeutungen geht hervor, daß Turnen und Sport in keinen Zusammenhang mit Rasse und Völkern gebracht werden kann. Ein Werk, das als rein wissenschaftlich gelten will, darf keinen Zusammenhang mit politischen Fragen herstellen. Es gerät in eine Reihe von Widersprüchen. Was aber den Ariersatz in den österreichischen Sportvereinen anbelangt hätten die Verfasser des Werkes, wenn sie sich nur einigermaßen vom Gerechtigkeitssinne hätten leiten lassen, sagen müssen, wozu Sport und Ritterlichkeit verpflichtet Trotzdem der Ariersatz der jüdischen Jugend in Oesterreich die Teilnahme am Sport sehr erschwert hat, hat sie sich nicht abhalten lassen, alle Zweige des Sportes zu betreiben und erfolgreich zu Pflegen.