Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 15 (7.4.1931)
- Date
- 1931-04-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die „ Große jüdische National-Biographie" von S. Winingerm Czernowitz ist nach Ueberwindung von unsagbaren Schwierigkeiten bis zum Schluß des fünften Bandes gediehen, der die Artikel Pereira bis Steinhaus Hugo umfaßt. Im Hause keines jüdischen Gelehrten, keines mit öffentlich jüdischen Dingen befaßten Mannes und insbesondere in keiner Redaktion eines jüdischen Blattes sollte dieses nützliche, ja nachgerade unentbehrliche Werk fehlen. Oft wird bei uns geklagt, daß wir keine schnell orientierende Nachschlagwerke besitzen, und unsere viel beschäftigte und raschlebige Zeit kann nur mit solchen Werken ihr Auskommen finden. Nun hätten wir ein solches in dem Wininger'schen Werke — und wie wird dasselbe aufgenommen? Eisige Kälte herrscht überall, kaum daß die eine oder die andere jüdische Organisation ein Scherflein zu den materiellen Kosten desselben beiträgt, so daß der Herausgeber fast auf sich allein angewiesen ist und an dem Gelingen dieses seines Lebenswerkes verzweifeln muß. Das jüdische Lesepublikum und die jüdische Oeffentlichkeit haben an diesem Manne ein großes Unrecht gut zu machen; sie müßten sich zusammenfinden, um durch Ankauf, beziehungsweise Unterstützung dieses Werkes den Verfasser teils zu entschädigen, teils ihm die fernere Arbeit an demselben zu ermöglichen, denn noch steht der sechste und letzte Band aus, und es wäre jammerschade, wenn dieses Werk so nahe an seinem Ende aus Mangel an Mitteln ein Torso bleiben müßte. Kein Lexikon und keine Enzyklopädie können dasselbe ersetzen, die naturgemäß andere Aufgaben zu erfüllen haben, während die Große Jüdische Natäonal-Biographie wirklich das ist, was sie sein soll: eine Ehrenhalle aller verdienten jüdischen Männer und Frauen von den ältesten Zeiten an bis heute. Aus dem vorliegenden fünften Bande möchte ich nur so auf den ersten Griff einige Artikel nennen, die jeden Wiener interessieren können. Da sind zum Beispiel die Wiener Pereiras, unser Gemeindepräsident Alois P i c k, Pollak-Parnegg Leopold, Popper-Lynkeus und die Rothschilds mit einem hübsch zusammengestellten Stammbaum. Doch, wer könnte sie alle nennen, alle, die unseres Stammes sind und bald in der einen bald in der anderen Beziehung wichtig sind? Da ist zum Beispiel der große Artikel Philippson Ludwig, von dem alles Wissenswerte hier verzeichnet ist, ja mehr als das, denn W i n i n g e r hat, wo es nur angeht, auch Gedichte, Aphorismen, Abhandlungen des Betreffenden aufgenommen und abdrucken lassen. So zum Beispiel auch bei W. R a t h e n a u, wo eine Unterabteilung „Walter Rathenaus Bedeutung für die elektrotechnische Industrie", Aphorismen usw. abgedruckt sind. Das alles hat ein Mann geleistet, der nicht gerade zu den Gelehrten gehört und nur von der Absicht geleitet ist, seinem Volke seine eigenen Größen wieder zu schenken. Es übersteigt die Kräfte eines einzelnen, um solch gewaltigen Stoff meistern zu können, besonders wenn dieser einzelne noch dazu in einer Provinzstadt lebt und mit den angedeuteten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Es ist ein billiges Vergnügen, in diesem Falle auf Fehler hinzuweisen, die sich in Winingers Werke tatsächlich finden, und wir geben sogar zu: vielfach finden. Aber kein rechtlich Denkender wird daraus dem Verfasser einen Strick drehen wollen. Ich selbst habe nur bei wenigen Stichproben eine Anzahl verdrießlicher Fehler gefunden, und ich möchte durch sie mein warmes Eintreten für die Sache durchaus nicht niederreißen wollen, und nur weil Wininger im Schlußbande Berichtigungen zu geben verspricht, merke ich hier einige derselben an: „Rauschburg" Paul ist alphabetisch so eingereiht, daß man sieht, es sei kein Druckfehler gemacht worden; aber der Mann hieß natürlich Ranschburg mit n, und ich habe ihn noch persönlich gekannt, Die bekannte Buchdruckerfamilie m Wilna nermt sich nicht Rom, sondern Romm, und nur hn Hebräischen kann der Doppelkonsonant nicht ausgedrückt werden. In S. A. Rosanes' Werke steckt der arge Fehler „Diwre jme jisroel bturgeman"; es soll natürlich heißen btogarmah, d. i. in der Türkei. Gewiß wurden viele aufgenommen, die, streng genommen, nicht hierher gehören, und andere ausgelassen, die der Vollständigkeit wegen hier figurieren sollten — auch darüber läßt sich mit dem Verfasser nicht rechten; anmerken möchte ich nur, und das ohne jedes Interesse, daß es nicht geschadet hätte, unseren Wiener Gelehrten Heinrich Redisch aufzunehmen, der doch in öffentlicher Stellung ist und manches auch geschrieben hat S. Krauß. Jüdische tfkrentafel Budapest Der Oberstabsarzt erster Klasse a. O. Dr. Ludwig Hoff mann ist hier im Alter von 66 Jahren gestorben. Dr. Hoffmann hatte in Wien studiert und war einer der Lieblingsschüler Billroths und Nothnagels. An der Wiener Studentenbewegung der Achtzigerjahre nahm er als Obmann der „Cimbria" teil. Der damaligen Auffassung gemäß verteidigte er die Ideen des Liberalismus auf dem Fechtboden in mehr als vierzig Duellen. Nach seiner Promotion widmete er sich der militärarztlichen Laufbahn. Während des Krieges war er in wichtigen Stellungen tätig. Der Verstorbenen erfreute sich in Aerztekreisen und in der Budapester Gesellschaft dank seines Fachwissens und seiner vornehmen, bescheidenen Gesinnung allgemeiner Wertschätzung und Beliebtheit Veranstaltungskalender der „UNION" Dienstag, den 14. d. M., 8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe Zerrtrai, II., Taborstraße 8, Zusammenkunft der Jugendgruppe. Vortrag des Herrn Dr. Karl Steiner über „Das Strafrecht der Bibel". Donnerstag, den 16. d. M., H5 Uhr nachmittags, im Klublokal des Wiener Ring-Cafe. I., Stubenring 18. Zusammenkunft des Frauen- Klubs der „Union". Donnerstag, den 16. d. M., 8 Uhr abends, jm Klubsaal des Cafe Zentral, II., Taborstraße 8, Mitgliederversammlung der Bezirksorganisation II. Vortrag des Herrn Ludwig Kettner über „Wirtschaftskrise und Antiseimfemus". Union österreichischer Juden Salzburgs. Die im Herbst 1930 ins Leben gerufenen Vortragsabende der Salzburger „Union" haben am 19. März ihren Abschluß gefunden. Im Verlauf dieser Veranstaltungen hielten Herr Rabbiner Prof. Dr. Margules, sowie Herr Daniel Bonyhadi einige Vorträge. Während Herr Prof. Dr. Margules mehr ernstere Themen behandelte, wovon besonders der Vortrag: „Die gegenwärtige Rückkehr der Marrannen zum Judentum" sehr lebhaftes Interesse und vollen Beifall fand, wählte Herr Bony- JOdlsdies Jahrbndi i§3i 1. TeiL Die Berliner Jüdische Gemeinde im Jahre 1930. Von Leo Kreindler. Die Berliner jüdische Bevölkerung. Von Herbert Philippsthal. Die Juden im deutschen Geistesleben der Gegenwart. Von Dr. Philippsthal. Der jüdische Kultbau. Von Alexander Beer. Die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Von Dr. S. Kal6ko. Jüdische Siedlung in Deutschland. Von Martin Goetz. Wert und Wirken der jüdischen Kreditgenossenschaft. Von James Goldschmidt. Krankheiten der Juden mit Berücksichtigung der einschlägigen Badekuren. Von Dr. Julian Marcuse. Die Schallplatte im Dienste des jüdischen Gottesdienstes. Von Dr. Hermann Schildberger. Nekrologe. Ludwig Haas, Marc Rosenberg, Ludwig Stein, Eugen Goldstein, Rudolf Schildkraut. 2. Teil. Organisationen und Vereine. 3. Teil. Berliner Gemeinde-Verwaltungen und Einrichtungen. 4. TeiL Die Jüdischen Gemeinden in Deutschland. 3. Teil. Tätigkeitsberichte. Abbildungen. 1. Porträts: Gerson Simon, Eugen Caspary, Proiessor Dr. Adolf Marcuse, Dr. Ludwig Haas, Prof. Dr. Ludwig Stein, Prof. Dr. Eugen Goldstein, S. Fischer. Carl Neuberg. 2. Synagogenbilder: Berlin (Prinzregentenstraüe). Plauen, Marienwerder. 3. Bilder vom jüdischen Sport 4. Zwei Bilder vom Isenburger Heim des Jüdischen Frauenbundes. 5. Jüdische Kriegerdenkmäler. Das Jüdische Jahrbuch kostet bei vorzüglicher Ausstattung in Halbleinen gebunden nur RM. 4.80. Zu beziehen durch: VERLAG JÜDISCHES JAHRBUCH Berlin S 42, Luisenufer 34, Postscheckk. Berlin 80.032. hadi mehr Vorträge humorfstischen Inhaltes, unter anderem „Der Bann des Rabbi Gerschom" und als letzten Vortrag „Humoristische Erzählungen aus dem Ghetto" und fanden auch diese Vorträge lebhaften Beifall. Hoffentlich wird im kommenden Jahr sich die Besucherzahl welter steigern und die einmal begonnenen Abende eine ständige Einrichtung der Salzburger Gemeinde bleiben. Wahrheiten vom ftnge Schüsse in Palästina. Wir haben in unserer vorletzten Nummer von der Anfrage eines Abgeordneten im englischen Unterhaus berichtet, der an die Regierung die Interpellation richtete, ob sie ihre Aufmerksamkeit der Gefahr religiöser'Unruhen in Palästina zur O s t e r z e i t zugewendet habe. Der Unterstaatssekretär Dr. Drummond Shlels erwiderte, die lokalen Behörden Wörden alle erforderlichen Vorbeugungsmaßnahmen treffen. Bs scheint aber, daß die lokalen Behörden diese Maßnahmen nicht mit aller Energie getroffen haben, denn die jüdische Welt ereilte dieser Tage die Kunde von einem ruchlosen Ueberfall auf Juden in Palästina. Eine Gruppe von elf Juden, die sich am Abend des Ostersonntag auf einem Wagen nach der jüdischen Kolonie Yaggur bei Haifa heimbegaben, wurden plötzlich von beiden Seiten der Straße hei* u n t e r heftiges Feuer genommen. Hierbei, wurden zwei Männer und eine Frau getötet und vier Personen verletzt Polizei eilte sofort an Ort und Stelle, doch ist bisher keine Verhaftung erfolgt. Es ist klar, daß es sich hier nicht um einen Raubüberfall handelt, sondern um ein politisches Attentat Wir haben in unseren letzten kritischen Aufsätzen über che momentane Lage des Zionismus immer wieder betont, wie zugespitzt derzeit die jüdisch-arabischen Beziehungen sind. Das Attentat am Ostersonntag, bei dem wieder auf heiligem Boden unschuldiges jüdisches Blut vergossen wurde, ist als Ausfluß dieser ernsten Situation zu werten. Es beweist nicht nur die Machtlosigkeit der palästinensischen Behörden, sondern stellt auch ein warnendes Memento dar, auf dem jetzt beschrittenen Wege nicht fortzufahren, sondern den nationalistischen Bestrebungen im jüdischen Lager endlich Einhalt zu gebieten, um die durch die jüngsten politischen Ereignisse ohnedies sehr empörte Gegenseite nicht noch mehr zu verbittern. Der Irrsinnige hn Budapester Tabaktempet Das Revolverattentat, das ein Geistesgestörter letzten Freitag beim Abendgottesdienst im Budapester Großen Tempel in der Tabakgasse verübte und bei dem zwei Besucher des Gotteshauses sehr schwer, zwei andere leichter verletzt wurden, hat nicht nur in Budapest ungeheure Aufregung ausgelöst, auch die Wiener Judenschaft stand während der vergangenen Feiertage vollkommen unter dem Eindrucke dieser furchtbaren Tat. Die Untersuchung geht wohl auch nach der Richtung, ob es sich vielleicht um ein politisches Attentat handeln würde; mehr Wahrscheinlichkeit hat die Annahme für sich, daß der Mann im Wahn zum Revolver gegriffen hat, zumal er bereits seit zwanzig Jahren an Irrsinn leidet. Er hat seine ruchlose Tat auch an einem für ihn denkwürdigen Tage verübt, denn genau zwanzig Jahre vor dem letzten Freitag wurde er einer Irrenanstalt eingeliefert. Für das elende Leben, das er nach seiner Entlassung führte, wollte er sich am — Judentum rächen und er, bei dem — angesichts seiner sonstigen Armut wohl recht merkwürdig — noch eine gut gefüllte Patronentasche und 25 Kugeln vorgefunden wurden, hätte bei der allgemeinen Panik sein wahnsinniges Beginnen sicherlich zu Ende geführt, wenn er nicht von mehreren beherzten Männern, darunter dem Sohne des Oberrabbiner Hevesi. unter eigener Lebensgefahr gebändigt worden wäre. Bei der Panik wurden fünfzehn Personen mehr oder minder leicht verletzt. — Die Anteilnahme der österreichischen Judenschaft wendet sich den bedauernswerten Opfern der Mörderhand eines Wahnsinnigen ziu von denen zwei ewig Krüppel bleiben werden. Kultusminister Graf K1 e b e 1 s b e r g hat an den Vorstand der Pester Israelitischen Kultusgemeinde ein Telegramm gerichtet, worin er seiner Entrüstung und seinem Bedauern