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Die Wahrheit · 1931-04-07 · Heft 15 (7.4.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 15 (7.4.1931)
Date
1931-04-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sehe * Lebensanschauung, stehen voll und ganz' auf dem Boden der Religion. Vom Standpunkt der Subventionierung von Anstalten seitens der Kultusgemeinde sind wir nur Gegner jener Institute, die ausschließlich national geführt werden und die religiöse Lebensanschauung in den Hintergrund verweisen. Der Geist in den Anstalten muß religiös sein, nicht aber rein zionistisch, nicht rein national-jüdisch. Ueben Sie, schließt Redner, Kritik, aber üben Sie nicht in einer Weise Kritik an der Schulverwaltung, daß es möglich ist, beinahe mit einer Handbewegung diese Kritik zu widerlegen. Damit ist die Spezialdebatte über das Schulwesen abgeschlossen. Ueber Antrag des Präsidiums wird beschlossen, das Budgetprovisorium um einen Monat, d. h. bis Ende April, zu verlängern. * Wenn auch die Budgetdebatte noch nicht beendet ist, so läßt sich doch ein Urteil bilden, das von unseren einleitenden Feststellungen ausgehen muß. Die Kultusgemeinde macht schwere Zeiten durch. Soll sie diese Zeiten ohne Schaden überdauern können, dann bedarf es Männer, die sich nicht im kleinlichen Parteizank verlieren, sondern ihre Parteiinteressen hinter dem großen Gesamtinteresse zurückstellen, das nur die Erhaltung der Kultusgemeinde in ihrem alten Glänze vor Augen haben darf. In der bisherigen Debatte kam ab und zu ein engstirniger Parteistandpunkt zum Ausdruck. Diese Parteifanatiker mögen bedenken, daß ihre zum Fenster hinausgesprochenen Reden nur dem willfährigen Ohr wohl klingen, der großen Sache aber absolut nichts nützen. billiger!... Diese Prachtkasette enthält 6 massive Löffel, 6 Gabeln, 6 Messer, 6 Kaffeelöffel — alles feinstes Silber! Und k*c nur S lg j_ weil wir sie für das Ausland in Serien erzeugen. OESTERREICHER Juweliere u. Silberschmiede I -Wipplingerftr^ Hofrat Ingenieur Josef Löwy Vizepräsident der „Union deutschösterreichischer Juden". üiü WAHRHEIT lokal, welches uns gehört, wird auch von einem privaten Elternverein benützt, um ihren Kindern Unterricht erteilen zu lassen, obwohl diese wenigen Kinder ohne weiteres in unserer Bibelschule im XX. Bezirk den Unterricht erhalten können. Was endlich die Vorwürfe betreffend die angebliche Nichtunterstützung eines Jugend- Bundes betrifft, so sind dieselben ganz und gar ungerechtfertigt. Ich habe die Subvention dieses Jugend-Bundes davon abhängig gemacht, daß derselbe Unterricht in der Bibel nehme, wobei ich erklärte, in diesem Falle auch den Lehrer zur Verfügung zu stellen. Der Jugend-Bund hat dies abgelehnt, kam schließlich damit, daß er einen eigenen Lehrer habe und wünsche; und als nun die. Inspektion über meine Veranlassung inspizierte und feststellte, daß tatsächlich Unterricht in der Bibel erteilt werde, habe ich eine Subvention, und zwar in dem Ausmaße zugestanden, in welchem andere Vereinigungen die Subvention erhalten, und habe die definitive Feststellung der Subventionshöhe der Schulkommission überlassen. Es ist daher gar kein Anlaß zu einer Beschwerde. . Die Hauptbeschwerde richtet sich gegen meine Stellung zum jüdischen Gymnasium. Ich kann nur wiederholen, daß es auf den Geist ankommt, der in der Schule besteht. Es ist mir vollkommen klar, daß der Profan-Unterricht, wenn er von-religiösem Geiste durchtränkt ist, die Schüler in ihrer religiösen Ueberzeugung befestigt. Es kann keine Frage sein, daß die Schüler, welche in ihrem Unterrichte in Geschichte, Literatur usw. Beziehungen zur jüdischen Literatur kennenlernen, mit dem Judentum besser verankert werden, als jene, welchen all dies unbekannt ist. Immer kommt es aber hiebei darauf an, von welchem Geiste der Unterricht erfüllt ist. Wenn Eltern ihre Kinder in jüdische Mittelschulen schicken, um ihnen ein religiöses Milieu zu geben, in welchem sie erzogen werden sollen,, dann müssen die Kinder auch wirklich in religiösem Geiste ihre Bildung bekommen. Ich würde gerne alle Mittel, die aufbringlich sind, Unterrichtszwecken zuführen, aber ich muß mich bescheiden, weil auch andere Zwecke erfüllt werden müssen. Ich sehe — und ich betone dabei jedes Wort — die Hauptaufgabe der Kultusgemeinde in der religiösen Erziehung der Jugend, alles andere muß diesem Zwecke dienstbar gemacht werden. Wenn Sie (zur Opposition gewendet) auf diesem Wege marschieren wollen, dann wird es zwischen uns keine Differenzen geben. Wenn Sie aber diesen Weg nicht mit uns gehen wollen, dann müssen Sie es uns gestatten, daß wir diesen Weg allein gehen. Wir alle, ob orthodox oder nicht, bekennen uns zum jüdischen Glauben, haben eine religiöse Lebensweisheit. Viele dieser Lieder, in Spanien längst vergessen, sind bei den Sephardim im Orient bewahrt; beispielsweise eine kastilianische Weise, die bei Kinderspielen irn Gebrauch ist (aufgezeichnet in der bulgarischen Donaustadt Rustschuk). Die Kinder stellen sich auf im Gänsemarsch und singen mit geschlossenen Augen: Venid, venid Cavallero Assuvid al trionastero, Escuje cuada quereis A!a bella non mi tomeis (Es kam, es kam ein Ritter, Stieg hinauf zu den Schönen, Wählet welche ihr wollt Die Schönste nehmt mir nicht) Als die spanische Akademie der Wissenschaften vor etlichen Jahrzehnten eine vollständige Sammlung altspanischer Romanzen vorbereitete, da sandte sie den bekannten Komponisten und Verfasser de Lara zu den orientalischen Sephardim, den Nachkommen der aus Spanien Vertriebenen, um die von ihnen bewahrten Romanzen aufzuzeichnen. Eine eigentümliche Ironie der Geschichte! Die Sephardim, die gewisse besondere Nuancen jüdischer Kultur repräsentieren, leben in den Balkanländern, der alten Türkei und Südamerika. Ihre Anzahl beträgt ungefähr einundeinhalb Millionen. Der spanische Senator Angelo Pulido, der seit einem Jahrzehnt ah der Spitze einer Bewegung steht, die die sephardischen Juden nach Spanien zurückbringen möchte, berechnet deren Anzahl auf zwei Millionen. (In seinem interessanten Buch „Le peuple Judee-espagnol, Premiere Base mondiale de l'Espagne", Paris 1923.) Es findet sich viel Schönes und Sympathisches bei diesem fernen Zweig des Judentums, das echt und eigenartig ist. Gleichzeitig mit dem ganzen Orient durchleben gegenwärtig die Sephardim eine tiefgehende, geistige und soziale Krisis. Die orientalischen Länder streben nach westländischer Kultur, just in dem Augenblick, wo das Abendland von Untergangsbestimmungen beherrscht wird. Es liegt etwas Tragisches in den Möglichkeiten, daß dieser Europäisierungsprozeß auch die lebenskräftige Kulturwelt der Sephardim verschwinden ließe. In den ersten Morgenstunden des 25. März hat Hoirat Löwy seine Seele ausgehaucht. Sein Körper war viele Monate hindurch eines langsamen Todes gestorben, schwand von Woche zu Woche immer mehr dahin, doch sein Geist war klar und regsam geblieben bis in die letzten Leidenstage. Von körperlichem Schmerz war er verschont, seine Schmerzen waren seelischer Art. Es peinigte ihn die Sorge um seine Gattin, die ihn mit engelsgleicher Geduld, mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung Pflegte und hegte, seinen Lebenswillen immer von neuem erweckte und stärkte, es quälte ihn die Sorge um seinen einzigen Sohn, der, selbst seit Jahren krank, in der steirischen Gebirgsluft Erholung suchte, es verfolgte ihn bis in seine Träume die Angst, durch die lange Dauer seiner Krankheit seine amtüche Betätigung zu verlieren, an der er mit jeder Faser seines Seins hing, es schmerzte ihn, in einer für das Weltjudentum so ereignisreichen Epoche nicht als Vizepräsident der „Union" seinen Mann stellen zu können. Diese vierfache Sorge, um Frau und Kind, um Amt und Judentum, die den Kranken im Banne hielt, hatte ja auch seinen Lebensinhalt gebildet. Doch damit war sein Interessenkreis noch lange nicht erschöpft, denn kein Gebiet des menschlichen Lebens blieb ihm fremd. Er hatte ein waches Auge und Ohr für alle Menschheitsfragen. Es fällt nicht leicht, der eigenartigen Persönlichkeit des Verstorbenen gerecht zu werden. Eine Persönlichkeit war er in des Wortes tiefster Bedeutung. Er mied es, die ausgetretenen Pfade zu beschreiten. Von Mutter Natur mit glänzenden Gaben des Geistes begnadet, ausgestattet mit reichem wissenschaftlichen Rüstzeug und umfassender Bildung, erfüllt von starker musischer Begabung, getrieben von seinem lebhaften Temperament, hatte er sich sein eigenes Weltbild geschaffen. Er war kein Mann der Halbheiten und des Kompromisses, er ging den Dingen auf den Grund. Vom Berufe her Techniker und Richter, seinem Wesen nach Wissenschaftler und Aesthet suchte er ganze Lösungen ohne Rest. Streng und korrekt wie im Denken war er auch in seiner Rede und in seinem Tun. Frei von Falschheit und Intrige ging er auch dem Widerspruch und dem offenen Kampf nicht aus dem Weg. Getragen von starkem Selbstbewußtsein zeigte er stets Bekennermut und errang sich dadurch die Wertschätzung und Verehrung auch jener, die seine Anschauungen nicht zu teilen, den von ihm gewiesenen Weg nicht zu gehen vermochten. Und er war ein Wegweiser, ein Führer auf noch unbetretenen Wegen zu einem neuen Ziel. Dies gilt vor allem auf dem Gebiete der jüdischen Politik, nach innen wie nach außen. Knapp vor den letzten Kultuswahlen war Hofrat Löwy in die Reihen der „Union" getreten. Seine glänzende oratorische Begabung, seine ernste Sachlichkeit, sein profundes Wissen, seine erstaunliche Vertrautheit mit der Materie brachten ihn alsbald in eine führende Position. Seine Haupttätigkeit entfaltete er im Zentralvorstand und im Exekutiv-Komitee der „Union". Hier zeigte er sich erst so recht als Meister der geistreichen Behandlung der aufgeworfenen Probleme, als tiefschürfender Denker auf der Suche nach Lösung heikler Fragen, als aufrechter, energischer Verfechter seiner Einstellung zum ganzen, großen Komplex jüdischer Interessen. Die „U n i o n" verliert in Hofrat Löwy eine unschätzbare Kraft, eine belebende Quelle der Erneuerung und Verjüngung, das Judentum einen stolzen, selbstbewußten Bekenner, der eifrig dessen Interessen wahrte und immerdar bestrebt war, die Ehre und das Ansehen des Judentums zu schützen und zu mehren. Wir betrauern aufrichtig den Heimgang dieses bedeutenden Menschen, der befähigt und berufen war, im Dienste seiner Glaubensgenossen an hervorragender Stelle zu wirken. Seine Freunde werden ihm ein treues, dankbares Angedenken * bewahren und sich bemühen, seinen Spuren zu folgen. M. L. * * •Ja Die irdische Hülle Josei Löwys wurde am 27. März zu Grabe getragen. Seinem Wunsche gemäß fand das Leichenbegängnis vom Trauerhause aus statt. Im schwarz drapierten großen Salon, in dem der Sarg mit den sterblichen Ueberresten ruhte, hatte sich eine überaus große Trauergemeinde eingefunden, darunter Vertreter der Kultusgemeinde unter der Führung des Vizepräsidenten Dr. J. O r n s t e i n, eine Delegation des Patentamtes, dessen Vorsitzender Rat der Verstorbene war, der gesamte Zentralvorstand der „Union" mit Delegierten aus den einzelnen Bezirken und Vertreter zahlreicher Vereine. Gegen Mittag trai der Trauerzug vor dem J. Tore des Zentralfriedhofes ein, dessen Zeremonienhalle von Trauergästen bereits dicht gefüllt war. Die kantoralen Funktionen versahen die Oberkantoren G. Margulies und J. Müller unter Assistenz eines großen Chores in ergreifender Weise. Herr Rabbiner

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