Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 15 (7.4.1931)
- Date
- 1931-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHE11 werden, wo unter Berücksichtigung des Lebensnotwendigen eine Ersparung auch nur halbwegs möglich ist.' In diesem Sinne beantragte er die Einsetzung einer dreigliedrigen Ersparungs- ' kommission. Er hatte diesen seinen im Statut begründeten Antrag gegen alle möglichen Vorwürfe zu verteidigen. Herr Moritz verstieg sich sogar zu der Bezeichnung „D i k t a t o r i u m", ohne diesen Vorwurf näher zu begründen. Regierungsrat Dr. H. Oppenheim wies. nach, daß die Ersparungskommission, von deren Agenden der Kultus von vornherein ausgenommen ist, m ihren übrigen Arbeiten 'keine Ausschaltung des Plenums oder der Kommissionen bedeute, weil in allen Fällen ein Einspruchsrecht des Präsidiums, bzw. des Obmannes der betreffenden Kommission besteht. Sein in ernster Stunde gestellter Antrag wurde wobl noch nicht erledigt, aber es steht zu erwarten, daß sich alle Mitglieder des Wiener Kultusvorstandes des Ernstes bewußt sind und der vom Finanzreferenten vorgeschlagenen außerordentlichen Maßnahme ihre Zustimmung nicht versagen. Die Erledigung dieses Antrages konnte bisher rieht erfolgen, weil die Budgetberatungen trotz ihrer dreitägigen Dauer noch nicht zu Ende geführt werden konnten. (Den Vorsitz in den Beratungen führten abwechselnd die beiden Vizepräsidenten. Dr. J. Ornstein und Dr. J. Löwe n h e r z, nur in der ersten Sitzung hatte Präsident Prof. Dr. A. Pick den Vorsitz inne, den Vizepräsident Dr. J. Ornstein zu seiner Wiederherstellung mit herzlichen Worten begrüßte.) Die Generaldebatte konnte wohl durchgeführt werden, außer den bereits erwähnten Rednern sprachen in ihr noch Herr Vorsteher Wolf Pappen heim, der die Förderung der orthodoxen Institutionen seitens der Kultusgemeinde verlangte; in der Spezialdebatte wurden aber nur zwei Kapitel erledigt. Eines dieser Kapitel war das Kultuswesen, zu dem Herr Vorsteher Viktor Bauminger ein sehr sachliches Referat erstattete, bei dem er einleitend feststellte, daß die in der Kommission geleistete Arbeit allen Parteien in gleicher Weise zur Ehre gereiche, denn alle haben in gleicher Weise an ihr Anteil genommen. Er konstatierte mit Befriedigung die Neuordnung der Verhältnisse im Rabbinat, die sich bereits günstig auszuwirken beginnt, indem eine ganze Reihe von Geschäftsunternehmungen um rituelle Aufsicht beim Rabbinat angesucht hat. Der Referent besprach in diesem Zusammenhang auch die Frage der privaten Aufsicht wie auch das Problem der offiziellen Roscher-Bezeichnung. Seine Mitteilungen bezüglich einer Aktion gegen den Rosen Beth Din Josef Babad riefen eine in ihren Einzelheiten redit peinliche Debatte hervor. In der Spezialdebatte wurde auch das Kapitel Schulwesen erledigt. Das Referat des Obmannes der Unterrichtskommission Herrn Doktor Josef Ticho, stellte wie immer einen Glanzpunkt der ganzen Spezialdebatte dar. (Wir veröffentlichen seine Ausführungen an anderer Stelle des Blattes vollinhaltlich.) Prof. Moses Rath übte in einer ausführlichen Rede scharfe Kritik an der Unzulänglichkeit des Religionsunterrichtes und des Unterrichtes in .den Bibelschulen sowie an der Einstellung der Majorität zum ganzen Schulwerke. Er erklärte, seine Partei werde für das Budget stimmen, in der Hoffnung, daß ihre Wünsche auch auf dem Gebiete, des Schulwesens erfüllt werden. Nachdem noch die Vorsteher Dr. Glanz, Singer, Moritz und Pappenheim gesprochen, ergriff Dr. Ticho das AVort zu einer ebenso, eingehenden; als energischen Polemik gegen die Ausführungen, seiner Vorredner. Dr. Ticho beschäftigte sich zunächst mit der Kritik des Prof. Rath'und erklärte, dieser hat gegen die Schulverwaltung eine Reihe von Beschwerden erhoben, die bei näherer Betrachtung sich als völlig grundlos erweisen werden. Er zog, wie aus den einleitenden Worten seiner Rede hervorgeht, aus, um die Unterrichtsverwaltung zu tadeln, mußte aber, obwohl er wie Bileam auszog, um zu fluchen, schließlich doch segnen. Vor allem mußte er zugeben, daß die Organisation des Jugend- Gottesdienstes eine ganz hervorragende Leistung des Schulamtes beinhaltet und daß der Einfluß dieses Jugend-Gottesdienstes auf Kinder und Eltern nicht genug hoch einzuschätzen ist Es ist hinzuzufügen, daß die Bedeutung des Jugend- Gottesdienstes nicht genug hoch einzuschätzen ist, weil derselbe auch Anhänger gewinnt bei Eltern, die sonst teilnahmslos den religiösen Fragen gegenüberstehen. Er hat auch zugeben müssen, daß die Zahl der Bibelschulen der Gemeinde wesentlich erhöht wurde, daß eine Vermehrung von zwei Schulen auf vierzehn erfolgt ist. Herr Prof. Rath wünscht, daß die Zahl der Stunden in jeder Bibelschule auf sechs und noch mehr pro Woche erhöht werde. Ich halte die Erfüllung dieses Wunsches für geradezu vernichtend für die Bibelschule. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Eltern, welche ihre Kinder in unsere Bibelschulen schicken, ohnehin schon ein bedeutendes Opfer zu bringen glauben, wenn sie ihre Kinder ein oder zwei Stunden während der Woche über den öffentlichen Religionsunterricht hinaus noch Privatunterricht empfangen lassen. Die Kinder, welche heute ohnehin mit Sport, Turnunterricht, mit dem Lernen fremder Sprachen usw. sehr stark in Anspruch genommen sind, können nicht dazu verhalten werden, mehr als ein bis zwei Stunden in der Woche diese Bibelschulen zu besuchen. Wenn Professor Rath diesfalls die Bibelschule des polnischen Tempels als Beispiel anführt, so ist ~der Vergleich absolut ungerechtfertigt: Diejenigen Eltern, welche ihren Kindern einen separaten Unterricht in jüdischen Schrifttum durch 6 bis 8 Stunden oder noch mehr in der Woche erteilen lassen wollen, senden ihre Kinder nicht in unsere'Bibelschulen, sondern zur Jessod-Hathora oder in andere Privat- Bibelschulen. Würden wir an unseren Bibelschulen 6 bis 8 Stunden wöchentlich Unterricht in den betreffenden Kursen erteilen lassen, so würden die Schüler wegbleiben und die Bibelschule wäre vernichtet. Man kann unsere Bibelschulen eben nicht mit den von Herrn Profi Rath zitierten vergleichen, weil sie hauptsächlich für jene bestehen, die einen anderen Religionsunterricht nicht genießen wollen. Wer vom Elternhause angehalten wird, Privatunterricht zu nehmen, der wird ohnehin von den Eltern beeinflußt, die von den Eltern gewünschten Privatschulen zu besuchen.. Wenn Prof. Rath wünscht, daß an den Bibelschulen andere Lehrer beschäftigt werden, z B. ein Teil der Absolventen des Pädagogiums, so muß ich mich entschiedenst dagegen wehren, daß weitere Lehrer angestellt werden und noch dazu solche, die mit unserer Jugend keinen Kontakt haben. Soll das vielleicht eine Abbaumaßnahme sein, daß von den 50 Absolventen des Pädagogiums weitere Lehrer bei uns angestellt werden sollen? Ich will in diesem Zusammenhange darauf hinweisen, daß die Gründung mancher privater Bibelschulen eines gewissen Beigeschmackes nicht entbehrt. So wurde im II. Bezirk eine Privat- Bibelschule mit wenigen Kindern gegründet, um einem aus Polen nach Wien gekommenen angeblichen Lehrer eine Existenz zu schaffen. Während die Inspektion feststellte, daß weder ein Bedarf an dieser Schule vorhanden war, noch daß Schüler vorhanden waren, wurde der Inspektion mitgeteilt, daß die Gattin und die Kinder dieses Lehrers bereits von ihrer*Heimat nach Wien übersiedeln sollen, weil ihr. Familienoberhaupt in Wien eine Existenz gefunden habe. Mitunter sind es Eltern, welche, um irgend jemandem einen Verdienst zu schaffen, eine Bibelschule gründen, obwohl Schulen gleicher Art in unmittelbarster Nähe sich befinden, und trotz der Subvention nicht existieren können. Es ist doch nicht angängig, daß die Schulverwaltung allen diesen Dingen ruhig zusieht, ohne ihrerseits all dem abzuwehren und dagegen Stellung zu nehmen. Dazu sind doch die Steuergelder nicht da! Es wurde mir zum Vorwurfe gemacht, daß in der Bibelschule des XX. Bezirkes kein weiterer Lehrer angestellt wurde, und ich verweise darauf, daß dies einfach schon deshalb nicht möglich ist, weil kein Raum zur Verfügung steht, in dem er unterrichten könnte. Das Unterrichts- Feuilleton Saloniki, das Zentrum der Sephardim. Von Dr. Markus Ehrenpreis. Oberrabbiner in Stockholm. Die rabbinischen Studien blühten seit jeher in den berühmten Hochschulen Salonikis. Die Rabbiner besaßen Macht und Autorität, sie hielten die Gemeinde in Zucht und Ordnung. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts fand Sabbatai Zwi, der sich als Messias ausgab, in den kabbalistischen Kreisen der Salonikier Gemeinde Tausende begeisterter Anhänger, deren Nachkommen eine Sekte von Kryptojuden bilden, die in Saloniki leben und Dönmeh (Apostaten) genannt werden. Einige unter den Führern der jungtürkischen Bewegung, wie der Großvezier Taalat Pascha und der Finanzminister Dschawid Bey, gehörten dieser Sekte an. Bis zum Weltkrieg konnte das jüdische Saloniki seine Sonderstellung aufrechterhalten, dank seiner numerischen Ueberlegenheit (85.000 Juden unter einer Gesamtbevölkerung von 135.000). So konnte iiier, mitten im türkischen Imperium, eine jüdische Atmosphäre geschaffen werden, die dem gesamten Stadtleben ihr Gepräge verlieh. An Sabbaten und Feiertagen ruhte alle Arbeit in der ganzen Stadt, das ganze Rad stand still! Auch im Hafen herrschte Sabbatruhe, da die vierhundert jüdischen Hafenarbeiter, die alle schwere und grobe Arbeit besorgten, „spazierengingen in ihren pelzverbrämten Kaftans" (Kielland). Viel von dieser Atmosphäre ist noch vorzufinden, trotz veränderter Verhältnisse. Der Zustrom der griechischen Flüchtlinge in den Nachkriegsjahren hat die Bevölkerung bis zu einer halben Million anwachsen lassen, so daß die Juden gegenwärtig bloß 15 Prozent der Einwohnerschaft darstellen. Eine starke Bewegung zur Wanderung nach Palästina macht sich immer mehr bemerkbar. — Die alte Traditionstreue konnte nicht abgeschwächt werden. Ein Freitagabend in Saloniki ist ein eigenartiges Erlebnis, das man nicht vergißt Von allen Gassen strömen Massen festlich gekleideter Männer zu den Synagogen, das Licht tausender Sabbatkerzen flammt aus offenen Fenstern und Veranden. Liebliche Ruhe breitet sich über das Judenviertel. Jetzt erschallt Gesang aus den hellerleuchteten Häusern, und älthebräische Hymnen klingen feierlich im Räume. Gequälte Alltagsmenschen erheben ihre Herzen zu Gott, Ewigkeitsstimmung zittert in der Luft Es ist ein erhebender Augenblick. Alles, was ich vom jüdischen Saloniki zu sehen bekam, zeugte von einer Lebenskraft, die die erschwerten Verhältnisse nicht zerstören konnten und die pädagogisch jeden Vergleich verträgt. Ich sah neuangelegte Armenquartiere mit sauberen, gutangelegten und unglaublich billigen Wohnungen, die die Jüdische Gemeinde nach der Feuersbrunst des Jahres 1917 erbaute. Dies deucht mir ein Muster rationeller und zweckmäßiger sozialer Hilfe. Aber was in erster Linie dem jüdischen Saloniki das allgemeine Interesse verleiht, ist die sephardische Frage, die hier ihren Brennpunkt hat. Hier ist vielleicht der letzte Platz in der Welt wo Sephardim, diese in vieler Hinsicht interessante Gruppe der Judenheit, noch eine Zeit ihre ursprüngliche Reinheit aufrechterhalten können. — Im Saloniki von heute erhält man ein zuverlässiges Bild der Sephardim oder Spaniolen mit Bezug auf ihre ursprüngliche Eigenart, ihre Gestalt und Physiognomie, ihre Sprache, Sitten und Lebensweise. Als Ferdinand der Katholische und Isabella im März 1492 das für Spanien und die Juden verhängnisvolle Dekret betrelfs der Vertreibung unterzeichneten („Wir befehlen, daß unsere Königreiche alle Juden austreiben und daß sie niemals zurückkommen sollen"), so bedeuteie dies einen gewaltsamen Niederbruch eines blühenden Kulturlebens, deren Hauptrepräsentanten Gabirol, Ibn Esra, Jehuda Halewi und Maimonides gewesen waren. 600.000 Menschen begaben sich plötzlich auf den Weg, um neue Heimatsorte zu suchen, ihre Thorarollen und Steine von den Gräbern ihrer Väter mitführend. Kleine Gruppen siedelten sich in Holland, Italien, später in England an, wo sie sich rasch der Sprache und Kultur ihres neuen Wirtsvolkes anpaßten. Aber die Hauptmassen ließen sich in den nordafrikanischen Staaten und vor allem in der Türkei nieder. Hier leben sie seitdem ihr Sonderleben, das gleichzeitig altjüdisch und altspanisch ist. Anthropologisch repräsentieren sie einen edlen jüdischen Typus. Rembrandt schenkte bekanntlich dem sephardischen Typus sein besonderes Interesse; er machte sich im Amsterdamer Ghetto ansässig, um ihn besser kennenzulernen. Die Sephardim haben bis jetzt ihre physiognomische Eigenart, und man begegnet heutzutage oft Rembrandtschen Gestalten. Dies wurde auch vom Schweizer Forscher Karl Vogt beobachtet, der den sephardischen Typus charakterisiert Im Orient und in der Umgebung des Mittelmeeres begegnen wir diesem semitischen Stamm mit langem, schwarzem Haar und Bart, großen, mandelförmigen, schwarzen Augen, mit dem melancholischen Ausdruck im länglichen Gesicht Just der Typus, den wir im Rembrandtschen Porträt wiederfinden. („Vorlesungen über die Menschen", II, 238.) — Es ist etwas Vornehmes und Würdiges in ihrer Haltung, etwas von der altspanischen Grandezza, gemischt mit historischem Selbstbewußtsein. Ihre Kraft liegt nicht im Schaffen neuer Werke, sondern im Bewahren alter. Ihre Begabung ist offenbar eine Art aktiver Konservatismus; sie sind lebende Träger einer alten, teilweise verschwundenen Kulturwelt In dieser letzterwähnten Eigenschaft haben sie auch viel von der altspanischen Kultur bewahrt. Die Sephardim sprechen altspanisch, richtiger kastilianisch, untermischt mit hebräischen, türkischen und slawischen Sprachelementen (sog. Ladino). Ladino spricht und schreibt man (mit hebräischen Schriftzeichen) zu Hause, in der Schule, beim Gottesdienst; es wird im Geschäftsleben angewandt, in der Literatur und in einer weitverzweigten Presse (in Saloniki allein erscheint ein Dutzend spanischer Zeitungen, unter ihnen fünf Tagesblätter). Mit der Sprache haben sie viele altspanische Kulturgüter bewahrt wunderbare kastilianische Aussprüche (welche Haim Bedjarano, der Oberrabbiner der Türkei im Auftrag der spanischen Akademie der Wissenschaften sammelte), alte Romanzen und Volkslieder, die ursprünglich in der berühmten Cid-SammJung vereinigt waren, Liebesweisen und Kinderlieder, ein Teil von bezaubernder Naivität, ein anderer gesättigt mit tiefer