Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 13-14 (27.3.1931)
- Date
- 1931-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Alles spricht davon daß die altrenommierten Schmidl-Nazxolh welche unter streng orthodoxer Aufsicht des Rabbinates hergestellt werden, heuer besonders gut geraten Sind. Die Mazzoth werden aus dem feinsten Mehl erzeugt. Seit vielen Jahren genießen die „Schmidl-Mazzoth" das beste Renommee Zentrale: N. BRODETZKY, Wien, II. Bezirk, Leopoldsgasse Nr. 43 Telephon A60-2-63, A 46-1-90, A41-9-32 in allen besseren Geschäftenlzu haben Bei einer entsprechenden Anwendung in Oesterreich würden also all diejenigen hinausgeworfen, die einst als Kriegsflüchtlinge und sogar als Evakuierae zwangsweise ihre Heimat verlassen mußten. Die folgenden Prograrampunkte beschäftigen sich im wesentlichen mit Sozial- und Kulturpolitik. Sie zerflattern in lauter Liebenswürdigkeiten und Versprechungen nach allen Seiten hin. Alle, alle, wie sie da sind — die Kapitalsten wie die Arbeiter, die Gewerbetreibenden wie die Landwirte, die Beamten usw. usw. kommen da zur Wunscherfüllumg. Es ist das reine Füllhorn, der Beutel des Peter SchlemihL aus welchem er Gaben, Gaben und noch einmal Gaben herauszieht. Ich muß mich auf ein kleines Beispiel beschränken. Es wird die Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung, von Boden für gemeinnützige Zwecke verlangt Auf einmal merken sie. daß sie dadurch gewisse agrarische Kreise verschnupft haben, die vor nichts mehr Angst haben als vor einer wirklich durchgreifenden Bodengesetzgebung. Und sofort gibt Hitler eine Erklärung ab. daß die Nationalsozialistische Partei Deutschlands „bekanntlich auf dem Boden des Privateigentums steht," und daß sich diese Bestimmung „in erster Linie gegen die jüdischen Grundstücksspekulationsgesellschaften" richtet. Man kann also beruhigt sein, es geht wie immer nur gegen den Jud! Es kommt hier ja nur darauf an, Grundlagen zu bauen, nicht das Gesamtprogramm durchzusprechen, und darum will ich dem letzten und wichtigsten ein paar kurze Worte widmen: der sogenannten „Brechung der Zinsknechtschaft". Das kann man nicht übergehen, denn es wird von den Nationalsozialisten selbst als das „Herzstück", als die „stählerne Achse" ihrer Bestrebungen bezeichnet Der Staat braucht für seine großen Aufgaben, die ja auch in die Zukunft wirken. Geld, mehr Geld, als er im Augenblick aufbringen kann. Das bedeutet daß er geliehenes Geld. Anleinen braucht. Diese Anleihen verlangen Zinsen, und die Zinsen müssen die Bürger aufbringen. Nächst Steuern sind bekanntlich Zinsen die unbeliebteste Ausgabe. Die „Brechung der Zinsknechtschaft" besteht darin, daß keine Zinsen gezahlt werden sollen. Das ist zweifellos ein sehr populärer Vorschlag. Die Frage ist nur, wie es gemacht werden soll. Die unverzinslichen Inlandsanleihen sollen einfach wie Geld gehandhabt werden. Der Staat bezahlt die sämtlichen Lieferungen und Arbeitslöhne, die er beispielsweise für ein neues Wasserwerk braucht in eigens für diesen Zweck hergestellten Kassenscheinen, deren Deckung eben das im Bau begriffene Werk darstellt Aber wenn die Anleihe nicht für einen direkt greifbaren Zweck wie diesen gemacht wird? Und vor allem, wie ist es mit den Auslandsanleihen? Glaubt irgend ein Mensch, daß das Ausland bereit wäre, wegen einer innerpolitischen Aenderung in Deutschland auf seine Zinsen zu verzichten, oder daß es dazu gezwungen werden könnte? Glaubt irgend ein Mensch, daß das Ausland etwa noch nötig werdende Anleihen ohne Zinsen hergeben, daß es also sein Geld zur toten Hand legen würde, bloß um der schönen Augen der Nationalsozialisten willen? Auf diese Fragen haben sie keine Antwort und bemühen sich auch gar nicht, eine zu geben. Sie sagen: „Laßt es uns einmal versuchen, laßt uns den Anfang machen mit der Brechung der Zinsknechtschaft, dann wird das Ausland diesem Beispiel folgen!" Fertig. Punktum. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, und wer unter die Nationalsozialisten geht, glaubt sogar an solche Wunder, wie das, daß das Ausland Deutschland sein Geld ohne Vergütung pumpen wird. Vielleicht würde jedem halbwegs vernünftigen Hörer und Leser dieser Wunderglaube doch zu starker Tobak sein, wenn die Theorie von der Brechung der Zinsknechtschaft nackt und für sich allein aufträte. Aber sie wird stets verquickt mit Ressentiments, mit „Abwehrgefühlen". Da wird Rathenaus Wort von den 300 Männern, welche die Weltwirtschaft beherrschen, ständig so verdreht, als ob er von „300 Juden" gesprochen hätte, die als Vertreter des „raffenden Kapitals" durch die „Zinsknechtschaft" die ganze Welt und speziell Deutschland am Gängelband hätten und den jüdischen Weltbeherrschungsplänen immer mehr entgegentrieben. Es wird ein Unterschied zwischen dem rafienden und dem schaffenden Kapital, soll heißen dem Bank- und Industriekapital gemacht, dem die einfachsten wirtschaftlichen Tatsachen entgegenstehen. Es dürfte auch allgemein bekannt und selbst den Nationalsozialisten zu Ohren gekommen sein, daß beispielsweise das Bankwesen in Deutschland schon fast judenrein ist! Dieser Prozeß der Austreibung der Juden, sobald ein Geschäftszweig eine gewisse Stabilität und Sicherheit gewonnen hat. läßt sich überall verfolgen, und ich möchte hier, nur der Gegenüberstellung und des Interesses halber, eine Bemerkung einflechten, die ein Jude in leitender industrielller Stellung mir gegenüber machte. Es war zur Zeit als d«T Betonbau seine ersten Versuchsstadien hinter sich hatte, aber überall noch als Problem behandelt wurde; da wunderte ich mich, daß auf einmal — nicht im Zusammenhang mit einander, sondern von ganz verschiedenen Seiten her so viele Juden auftauchten, die Spezialisten auf diesem Gebiete waren. „Kein Wunder." wurde mir zur Antwort gegeben, „der Jude ist überall da zu finden, wo es etwas zu wagen. Neuland zu erobern gilt. Sobald eine gewisse Stabilität vorhanden ist. sobald etwas wie ein ausgefahrenes Geleise, eine Karriere vorhanden ist, tauchen die christlichen Protektionskinder aus den Studentenkorps, die Neffen und Schwiegersöhne der Herren Direktoren auf. allenfalls bleiben die Juden, die sich schon, eine Position geschaffen haben, aber die anderen finden die Wege verrammelt und müssen den Stab weitersetzen." Wir sind mit diesen Erörterungen schon mitten in der Judenfrage und man muß sagen, daß diese mit mehr Recht als irgend etwas anderes, die stählerne Achse, das Herzstück des Nationalismus genannt werden kann; oder besser noch ist ein anderer Vergleich: Der Judenhaß ist der eine Pol des Nationalismus, die Selbstvergötterung ist die andere. (Fortsetzung folgt.) «■■••■•■•■■■■■•■■■■■■••t Das Land ohne Jaden. Die Frage des Wohnrechtes der Juden in Spanien ist in den letzten Jahren wieder aktuell geworden. Wohl mit Rücksicht darauf, daß das .'üdische Element in den nordafrikanischen Kolonisationsgebieten Spaniens eine bedeutsame Rolle spielen könnte, hat es nicht an Versuchen gefehlt, auch dieses Ueberbleibsel mittelalterlicher Vorstellungen aus der Welt zu schaffen. Es handelt sich dabei im wesentlichen um die Aufhebung des bekannten Ediktes von 1492. Trotzdem man glaubt, daß dieses Edikt hinfällig ist, daß die spanische Gesetzgebung von 1869 die Freiheit der Religionsübung proklamiert hat, LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHdNII WIEN. 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mitte 1930......... - 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ...... 125 Garantienlittel per Ende 1929 300 , „ Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 30*/, » daß die Juden sich in Spanien unbehindert niederlassen können und diejenigen von ihnen, die in Madrid, Sevilla und Barcelona wohnen, ihren Gottesdienst ungestört ausüben können, besteht doch ein Unbehagen. Wir erkennen übrigens gern an, daß die Regierung von Madrid, die spanischen Behörden, insbesondere in Marokko und Tanger sich durch ihre freundliche Haltung den Juden gegenüber bemühen, die Intoleranz Ferdinands und Isabellas vergessen zu machen. Anderseits besteht zwischen den sephardischen Juden von Marokko und den Spaniern zweifellos eine sehr enge Bindung, die sich aus der Gemeinsamkeit der Sprache und der Sitten ergibt. Aber eine Tatsache verdirbt von vornherein die guten Beziehungen, um die man sich auf beiden Seiten bemüht: die Tragödie von 1492. Es wäre übrigens sehr unrichtig, Spanien als dem einzigen Lande die ungerechte Haltung, die alle christlichen Staaten Europas der jüdischen Bevölkerung gegenüber im Mittelalter einnahmen, zur Last zu legen. Spanien hatte nicht das traurige Monopol der Autodafes und der Vertreibungen, aber alle zivilisierten Staaten haben die Geste der Wiedergutmachung gemacht, was wir vergeblich von Spanien erwarten und was die großen Spanier von ihrer Regierung verlangen. Aber die Spuren einer traurigen Vergangenheit, die wir alle vergessen wollen, das Edikt von 1492, besteht noch. Warum weigern sich die spanischen Behörden, es offiziell abzuschaffen? Woher kommt dieser mystische Widerstand gegen seine Aufhebung? Von 1492 bis 1797 gab es keine ernsthaften Bemühungen, um diese verbrecherische Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Am 21. März 1797 gab der Minister Don Pedro de Valera angesichts der dringenden und kategorischen Notwendigkeit, die Königliche Schatzkammer zu unterstützen, bekannt, daß es zweckmäßig wäre, die Juden wieder auf spanischem Boden anzusiedeln, diese Juden, die nach allgemeiner Ansicht „die größten Reichtümer Europas besitzen". Dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, und Karl IV. verordnete am 27. März 1802, daß den Juden der Zutritt in Spanien verboten bleibt; er befahl sogar dem Obersten Rat und den Behörden der Grenzprovinzen, keinen Juden in das Königreich einzulassen, ohne vorher das Inquisitionstribunal davon zu benachrichtigen. Ferdinand VII. verordnete mit seinem Dekret vom 16. April 1816, daß ein Jude spanischen Boden weder betreten, noch sich niederlassen dürfe, ohne ausdrückliche Erlaubnis des Königs und ohne das Gutachten des Bevollmächtigten der Inquisition, welchen Ursprungs er auch sei und was auch immer der Zweck seines Aufenthaltes in Spanien war. 1869 jedoch proklamierte die Konstituierende Versammlung die Freiheit der Religionsübung, die im Artikel 21 der Konstitution festgelegt wurde. Damals fragte die Alliance Israelite Universelle an, ob das Edikt von 1492 aufgehoben würde; es wurde ihr offiziell geantwortet, daß das fragliche Edikt nun automatisch ungültig wird, nachdem die Freiheit der Religionsübung proklamiert sei. Zu dieser Zeit bekam zum erstenmal seit 1497 ein sephardischer Jude seine Naturalisationspapiere. Die Konstitution der spanischen Monarchie unter Alphons XII. erklärte ebenfalls ausdrücklich, daß niemand wegen seiner religiösen Anschauung, wenn er der christlichen Moral. Respekt zollte, verfolgt werden könne. Die Juden bekamen nun die Erlaubnis, sich in Spanien niederzulassen, aber sie blieben Fremde. Nicht dies hatte 1854 in der spanischen Konstituierenden Versammlung der Großrabbiner von Magdeburg, Ludwig Philippson, verlangt, er hatte gesagt: „Wir kommen nicht, um die unseren Ahnen geraubten Güter zurückzuverlangen, noch die Tempel, die uns heilig waren; wir verlangen, daß die Schande der Vertreibung ausgelöscht wird." Der Tilgung dieser „Schande" widmet sich der große Pulido. Am 13. September 1923, mit dem Eintritt der Diktatur, wurde die spanische Konstitution aufgehoben und die Freiheit der Religionsübung ist nicht mehr garantiert. Dies erlaubte Louis de Zulueta in bitterem Tone zu sagen, daß „Spanien das einzige Land unseres Planeten ist, wo diese Freiheit nicht existiert." Das Dekret vom 20. Dezember 1924 bewilligt demjenigen sephardischen Juden die spanische Naiiiiiumi VORNEHME f AMILIEN - PENSION | |RBsfauraNoii,RaffeBbaas f täglich 5-Uhr-Tee m SEHNEßlNG TELEPHON 11 §j Hochstraße 431 neben- Hotel Panhans jü Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser |§ in jedem Zimmer. p| Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer s iiiiiiiiiiiiiiiüiyiiiiiiiiiinniiiiiiiii ~