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Die Wahrheit · 1931-03-27 · Heft 13-14 (27.3.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 13-14 (27.3.1931)
Date
1931-03-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DAS WAHRHEIT Seit« i» * Der Landentwicklungsplan wird bestenfalls mit Beamten'des Kolonialahvtes besprochen ' werden könnenj nicht aber mit der Regierung selbst Es verlautet, daß diese Besprechungen Mitte April nach Weizmanns Rückkehr aus Palästina aufgenommen werden sollen, doch lehnt das Kotonialamt vorderhand jede Aeußerung über künftige Verhandlungen ab. Die Zionisten wieder befinden sich hinsichtlich des neuen Verhandlungspartners in einer mehr als unangenehmen Situation. Bekanntlich hat sich Dr. Weizmann seinerzeit bemüht, die Einsetzung einer ständigen Körperschaft für Verhandlungen mit der Jewish Agency unter Üebergehung des Kolonialamtes durchzusetzen. Diese Bemühungen sind restlos gescheitert und nun soll sich Weizmann wieder mit Beamten des Kolonialamtes an einen Beratungstisch setzen, wobei der Wunsch besteht, daß auch arabische Vertreter an den Beratungen teilnehmen sollen. Es ist ohne weiteres klar, daß diese Besprechungen, die sich vielleicht monatelang hinziehen werden, den Zionisten keine reine Freude bereiten werden. Noch furchtbarer ist für sie die Tatsache, die wir immer wieder in unseren kritischen Aufsätzen seit dem Erscheinen des Mac Donald-Briefes betonten, daß nämlich England strikte an der in seinem letzten Weißbuche aufgestellten Forderung nach Errichtung eines Legislative Council festhält, in dem die drei Bevölkerungsteile Palästinas ihrer Stärke gemäß vertreten sein, d. h. die Juden eine Minorität darstellen sollen. Die Zionisten hatten gehofft, diesen Plan der englischen Regierung in den künftigen Verhandlungen zum Scheitern zu bringen, nun stellt es sich heraus, daß darüber wei- -. ter nicht mehr verhandelt, daß also das Parlament unbedingt geschaffen werden soll. Da auch, wie wiederholt betont, der Mac Donald-Brief mit keinem Worte eine Aenderung der englischen Regierungsabsichten in dieser Frage erwähnt, bedeutet die nunmehrige Verweigerung weiterer Verhandlungen über dieses Problem eine schwere Schlappe der Zionisten. Man stelle sich nur vor, welches Gesicht dieses künftige palästinensische Parlament besitzen wird. In der gesetzgebenden Körperschaft jenes Landes, das die Zionisten emphatisch als „Judenstaat" hinstellten, werden die Juden jetzt und sicherlich auch späterhin eine nicht einmal beachtliche Minorität darstellen. Sie werden an einem Tisch mit den Arabern sitzen müssen, die dort als die Majorität des Landes das große Wort führen werden. Heiße Kämpfe werden sich in diesem Parlamente entspinnen, denn die jüdisch-arabischen Beziehungen sind wohl auf längere Zeit hinaus schwer wieder aufzunehmen. Momentan hat dieser Konflikt den Höhepunkt erreicht. Die Anwesenheit Weizmanns in Palästina hat nicht nur nicht beruhigend, sondern eher störend gewirkt. Anläßlich seiner Ankunft hat in vielen arabischen Dörfern eine verhetzende Agitation eingesetzt. Der bäuerlichen Bevölkerung wird eingeredet, der „K ö n i g der Juden" sei gekommen, um Jerusalem in Besitz zu nehmen. Durch die Verbreitung erfundener Geschichten von arabischen Kindern, die von Juden geraubt worden seien, wird die Erregung unter den Fellachen geschürt. Es sind sogar Bemühungen im Gange, die ländliche arabische Bevölkerung zu einem Marsch . nach Jerusalem zu bewogen. (Paradox mag gegenüber dieser arabischen Hetzkampagne die Propaganda wirken, die von nationalistisch-revisionistischer Seite gegen Weizmann entfaltet wird. Da wird er in einem Aufruf als Trabant Mac Donalds bezeichnet, der es wage, zu einer Zeit nach Palästina zu kommen, in der Jabotinsky das Betreten des Landes verwehrt ist. Der Zweck des Aufenthaltes Weizmanns in Palästina sei, das zionistische Ideal an die Araber zu verkaufen, so wie er es bereits an England verkauft habe.) Die antijüdische Boykottbewegung der Araber nimmt inzwischen immer stärkere Dimensionen an. Die palästinensisch-arabische Exekutive hat eine von ihrem Sekretär Jamal H u s s e i n i unterzeichnete Proklamation erlassen, in der alle gesellschaftlichen und politischen arabischen Organisationen aufgefordert werden, den Boykottgedanken zu verbreiten, jedoch „ohne Lärm und Drohungen'*. Der Aufruf wendet sich im besonderen an die arabischen Frauen, die, „ihre Eignung für diese Arbeit wiederholt bewiesen" hät- . ten, und richtet an sie den Appell, in der Ermutigung der arabischen Industrie und dem Schutz der Ehre der arabischen Nation beispielgebend das mit dem Zeichen der streng rituellen Erzeugung versehene KuneroL Das Verschlubsiegel bürgt Ihnen dafür, dafj Sie Kunerol ohne Bedenken genieien können. 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Jetzt möchte man wohl sagen, daß Hitler als Reklameehef bei einem großen Warenhauskonzern am besten an seinem Platz wäre. Er versteht sich gar zu hervorragend auf das Reklamemachen. Damit hat er seine sämtlichen Konkurrenten um den Führerplatz bei der Hakenkreuzlerei überholt! Und die Prinzipien, nach denen er und sein Unterchef Goebbels in ihrem Propagandafeldzug vorgehen, sind gleichfalls wie geschaffen für das erstbeste Verkaufsunternehmen. Er war unruhig und ein wenig nervös, weil er jetzt zum erstenmal den Mann sehen sollte, der seinem Herzen in den vielen,Jahren nahegestanden hatte. Er sagte seinen Namen — aber was war das für ein Sammelsurium von Konsonanten? Doch wurde er gleich darauf hineingeführt. Da stand Dreyfus — mit zusammengebissenen Zähnen, augenscheinlich tief bewegt. Tränen in den Augen. Sie fanden zueinander. Es wurde eine seltene Begegnung. .Er hatte das Format, das ich mir von ihm gedacht hatte', sagte Vater." Wieder vergingen Jahre. Dreyfus forderte Revision (1903). Der Kassationshof stellte in einer ergänzenden Untersuchung die völlige Unschuld des Verurteilten fest. Im Juli 1906 war die Untersuchung beendet. Damals weilten Björnsons wieder auf ihrem Landgut Aulestad im GudbrandstaJ. Telephonisch und telegraphisch wurde dem alten Kämpen von Picquart mitgeteilt, daß das Urteil von Rennes aufgehoben war. „Da brach die Freude über uns herein", erzählt Björn Björnson. „Vater sagte: „Gläser und Champagner her, Caroline! Alle sollen reinkommen. Hört alle zusammen zu!' Wir standen alle um den Tisch versammelt. Viele Lichter brannten in der Stube. Vater nahm sein Glas, und er sagte — ich erinnere mich so genau seiner Worte —: ,Die Wahrheit hat in Frankreich ihre Fackel so hoch erhoben, daß die ganze Welt sie sieht. Im Schein ihres Lichtes wollen auch wir uns der Männer in diesem Lande erinnern, die für die Gerechtigkeit gekämpft haben. In keinem andern Lande wäre es möglich gewesen, eine Revision nur durch die Kraft des Geistes zu erzwingen. Sie schrieben ihn von der Teufelsinsel los! Die Feder siegte über den Säbel. Ueber den Widerstand, der bis an die Zähne bewaffnet war. Frankreichs Genius kann heute sein Haupt hoch erheben. Wir rtinken auf ihn!'" * Zwei Jahre später starb Zola. Bei seiner Beerdigung schritt Björnstjerne Björnson neben Dreyfus. Plötzlich fiel aus der Menge ein Schuß. Der antisemitische Journalist Gregori hatte ihn auf Dreyfus abgefeuert. Der Verhaßte wurde leicht verwundet. Aber die Kugel hätte auch den tapferen Björnson treffen können... Der Dichter kam heim und erzählte das Abenteuer. Er selbst war ganz ruhig — nur kalter Hohn und Verachtung war in seinem Gesicht über diese heimtückische Feigheit." ♦ ...Und dann berichtet Björn Björnson noch von einem zweiten Freudenfest zu Ehren Dreyfus'; diesmal in Rom. Da waren Dreyfus und seine Frau mit vielen anderen Gästen aus Frankreich, Norwegen, Deutschland und Italien bei Björnson geladen. Wieder standen alle um den runden Tisch, die Sektgläser waren gefüllt wie in Aulestad. Und mit seinem glücklichsten Lächeln hielt der Dichter diese Rede: „Nicht zu Ihren Ehren, lieber Dreyfus. erhebe ich mein Glas. Sie gehören der Geschichte an — alle Worte, die zu sagen waren, sind über Sie gesagt worden. Die Welt hat im Guten und Bösen Ihr Schicksat verfolgt, Ihnen haben unsere Herzen gehört in der Zeit Ihrer Erniedrigung. Jetzt wollenwir Sie Ihrem Glück überlassen und Sie unserer Erinnerung übergeben. Sie brauchen uns jetzt nicht mehr. Aber für sie, Ihre Frau, erheben wir unser Glas, wie sie da vor uns steht mit ihren schönen Augen, die immer nur auf Sie geblickt haben, die Ihnen da unten Tag und Nacht ihr strahlendes Licht gegeben haben. Diese Augen gaben Ihnen den Glauben, die Hoffnung und den Willen. Die Liebe zu ihr haben Sie immer im Herzen getragen, und sie hätte gern, wie die Mutter in Andersens Märchen, ihre Augen für Sie geopfert Sie durften nicht erlöschen — denn sie haben manches Gemüt bei Ihnen in Frankreich aufgeklärt, daß es lernte, sich in Barmherzigkeit vor Ihrem Schicksal zu beugen. Wären die Augen erloschen, so wären auch die Ihren erloschen, lieber Dreyfus. Madame, wir bewundern Sie. A votre santeT' „Dreyfus stand hinter mir", schließt Björn Björnson. „Ich mußte ihn ansehen, als Vater auf das Wohl seiner Frau trank. Güte und Glück strahlten aus seinem Antlitz — so warm und hell und männlich waren seine Züge. Mit einem wußte ich genau, wer Dreyfus war. Ich verstand die Liebe seiner Frau zu ihm — diese Liebe, die sein Adelsbrief ist." So stellt sich Björnstjerne Björnson als der liebenswerteste und menschlichste Kämpfer für den unschuldig leidenden Juden dar. Zum mindesten für uns Juden sollte er in der Geschichte der Dreyfus-Affäre einen Ehrenplatz einnehmen. „Geist," so iiat Goebbels einmal gesagt und dem Wiener nationalsozialistischen Blatt hat dieser Ausspruch so gut gefallen, daß es ihn schleunigst nachgedruckt hat, „auf „Geist" pfeifen wir. Unsere Propaganda ist völlig geistlos, dafür aber desto erfolgreicher." Dagegen ist nichts weiter einzuwenden, als daß diese Leute durch ihre geistlose und erfolgreiche Propaganda nicht nützliche Bedarfsgegenstände unters Publikum bringen, sondern daß sie ihre Propaganda für ihre „25 Thesen" entfalten, für ihr Programm, das nicht minder geistlos ist als ihre Propaganda. Ich erwähne nur die wesentlichen Punkte, nach denen Diktator Hitler — und man wird vielleicht wissen, daß Hitler noch im Laufe des Jahres 1931 zu dieser Stellung zu kommen hofft — den deutschen Staat für sich und seine Gesinnungsgenossen zurechtzuschneidern wünscht. Nun. man muß eingestehen, dumm im Hinblick auf den Zweck sind diese Mittel nicht: wenn man die Ausdrucksweise gebrauchen will, welche die nationalsozialistische Literatur den Juden gegenüber immer anwendet, muß man sogar sagen, daß dieses Programm mehrere sehr schlaue Drehs enthält. Staatsbürgerschaft im heutigen Sinn soll es nicht mehr geben. „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." In der offiziellen Erläuterung zu diesem Programm wird dann gesagt, daß aber auch noch lange nicht jeder Volksgenosse Staatsbürger sein kann. Das Recht auf das Staatsbürgertum muß aber erst errungen werden. Und was ist diese Errungenschaft wert? Darüber heißt es im 5. Satz: „Wer nicht Staatsbürger ist. soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremdengesetzgebung stehen." Erläutert wird das selbstverständlich am Beispiel des Juden, der ewig nur „Gast" bleiben kann: aber es ist ganz offensichtlich, daß von diesem Satz auch solche Volksgenossen getroffen werden, die andere Begriffe von Ehre. Würde und Freiheit haben als die Nationalsozialisten und infolgedessen nicht zum Staatsbürgertum zugelassen werden. Von Nicht-Staatsbürgern kann kein öffentliches Amt, gleichgültig ob im Reich, Land oder Gemeinde, bekleidet werden. Wer also Volksgenosse. Rassendeutscher und wer weiß was noch ist, aber den Hitlerleuten nicht würdig fürs Staatsbürgertum erscheint, muß seinen Posten verlieren, ob er auch Regierungsrat oder Gemeinde-Nachtwächter ist. Von Juden ist es ganz selbstverständlich, daß sie überall herausgesetzt werden, und so schreibt denn auch das Wiener nationalsozialistische Blatt dem Sinn nach ähnlich: Nationalsozialisten, laßt eure Söhne studieren. Es wird immer von Ueberfüllung der akademischen Berufe gesprochen. Das genaue Gegenteil ist wahr. Laßt uns nur erst an der Macht sein! Dann werden wir so viele Juden und Judengenossen aus ihren Aemtern und Stellungen vertreiben, daß es keine Arbeitslosigkeit mehr geben wird, daß es noch Menschen zu wenig für die Posten geben wird. Ist das nicht eine beglückende Aussicht, für die es sich wohl verlohnt, auf der Um'versitätsrampe' zu stehen und „Juda verrecke!" zu schreien? Alle seit dem 2. August 1914 In Deutschland einwanderten Juden scillen sofort ausgewiesen werden.

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