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Die Wahrheit · 1931-03-27 · Heft 13-14 (27.3.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 13-14 (27.3.1931)
Date
1931-03-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Settc2 DIE WAHRHEIT tum zu Ehren gebracht hat, war der glückliche Ausgleich der Gegensätze, war der Weg der goldenen Mitte, der geistig und praktisch Lebensziel wurde. So wird sich auch Israels Zukunft weder durch eine Abkehr von der Religion, noch durch eine Rückkehr zu starrem Formenglauben sichern. Das Judentum wird weder durch nationalen Chauvinismus noch durch religiösen Fanatismus seine Welt- Stellung behaupten, sondern einzig und allein durch verständnisvolle Anteilnahme an allem, was die Menschheit wahrhaft erhebt Die Religion, die Qottesidee und der Gottesdienst ist ein nie und nimmer abzuleugnender Faktor im großen Werke der Menschheitsveredlung, nur muß sie bleiben — Religion, echte, edle Religion, die sich Gottes freut, aber nicht mit Gott Geschäfte macht. Darum fürchtet das Judentum nicht für seine Zukunft und seinen Bestand. Wie im Großen, ist es im Kleinen. Manche Gemeinde ist verschwunden, das Judentum ist geblieben. Manch einer ist schon wankend geworden und hat doch den Weg zurück gefunden. Gegensätze sind da, um einander auszugleichen und Bestehendes zu festigen. Sie sind Feinde und Gegner, die nach dem Kampfe Frieden schließen müssen. Charoses wird mit Moror, Bitteres mit Süßem immer unserem Leben und Streben beschert sein. Das ist die höchste Weisheit des irdischen Daseins, daß Gegensätze sich mildern, denn sie bringen so dem Menschengeschlechte nach Kampf auch den Frieden. Der Zionismus vor neuen Schwierigkeiten. Der Präsident des Jüdischen Nationalfonds M. M. U s s i s c h k i n hat sich in einem Gespräch über die allgemeine zionistische Lage jüngst wie folgt geäußert: „ich teüe in keiner Weise das Gefühl des Triumphes, das in gewissen Kreisen infolge des Mac Donald-Briefes vorherrscht Es ist zwar richtig, daß dieser Brief den durch das Weißbuch ausgelösten Eindruck äußersten Uebelwollens gegenüber unserer Sache beseitigt Aber er ändert nichts an dem Wesentlichen dieses Dokuments, ja verschlimmert sogar noch die Lage. Denn das Weißbuch hatte das nationale Gewissen der Juden der ganzen Welt aufgerüttelt. (Anm. der Redaktion: Wohl etwas übertrieben!) Man prote- » stierte, man kämpfte, man hoffte. Der Brief des Premiers hat die Besorgnisse beschwichtigt und die Wachsamkeit eingeschläfert, ohne an der wirklichen Situation etwas zu ändern. Das ist sehr gefährlich. Es bestehen^gute Gründe zur Annahme, daß das britische Kabinett die Zionisten nur beruhigen wollte, um die zur Hebung der palästinensischen Landwirtschaft bestimmte 2^-Millionen-Pfund-Anleihe im Unterhaus durchzubringen. Die Last dieser Anleihe wird vorwiegend auf den Schultern der jüdischen Bevölkerung Palästinas ruhen und es ist so ziemlich sicher, daß bloß die Araber aus ihr Nutzen ziehen werden. Dieses Ergebnis muß vorausgesehen werden. Es müssen Garantien gegen eine tendenziöse Verwendung der der Palästina-Regierung zur Verfügung gestellten Gelder gefordert werden, mit einem Wort, wir dürfen uns in keiner Weise durch die schönen Worte des Briefes Mac Donalds einschläfern lassen." Der vieljährige erfahrene zionistische Führer hat mit seinem Pessimismus, der scharf von dem Triumphgeschrei der zionistischen Presse ob des Mac Donald-Briefes absticht, Recht behalten. Denn in diesen Tagen ist es in London zu dem Eklat gekommen, den Weitblickende bereits längst vorausgesagt haben. Wenn diese Männer es — gleich Ussischkin — wagten, den Mac Donald-Brief als einen echt englischen Regierungsakt zu bezeichnen, nur dazu geschaffen, die wegen des Weißbuches empörten Zionisten zu beruhigen, dann wurden sie von den Zionisten, die sich ihre Triumphkreise nicht stören lassen wollten, beschimpft und verhöhnt. „Verräter am Judentum" war das Mindeste, was die Zionisten diesen Zweiflern entgegenzuhalten wüßten. (Wir sprechen aus Erfahrung, denn unsere kritische Darstellung des Mac Donald-Briefes hat uns eine Reihe von Schmähbriefen eingetragen. Sie ruhen leider wie alle derartigen „Geistesprodukte" bereits längst im Papierkorb, ihre Zitierung wäre sonst jetzt angesichts des neuesten Zusammenbruches zionistischer Hoffnungen besonders interessant.) Man erinnert sich wohl noch der Erklärung Behftrdl. aulor. Häuseradministratlon | I ADOLF KRALL! j IV., SchleifmUhlgasse 11 i I Telephon B 29-1-46; \ empfiehlt sich zur Ober- : : nähme von Verwaltungen | Erstklassige Referenzen : der Jewish Agency anläßlich der Veröffentlichung des Mac Donald-Briefes. Damals wurde seitens dieser Körperschaft behauptet, daß der Brief des englischen Ministerpräsidenten an Dr. Weizmann bloß als Abschluß des ersten (allgemeinen) Teiles der Verhandlungen mit der englischen Regierung aufzufassen sei. Nun liegt eine kategorische Erklärung des englischen Kolonialamtes vor, wonach die Verhandlungen zwischen Jewish Agency und britischer Regierung mit der am 13. Februar erfolgten Veröffentlichung des Briefes Mac Donalds an Dr. Weizmann endgültig abgeschlossen sind. Ein New Yorker Blatt bestritt wohl die Richtigkeit dieser Mitteilung des Kolonialamtes und behauptete, das Amt habe diese Mitteilung in Unkenntnis der wahren Tatsachen gemacht, was darauf zurückzuführen sei, daß die künftigen Verhandlungen nicht unter der Kontrolle des Kolonialamtes vor sich gehen werden. Das Amt bekräftigte demgegenüber neuerlich seine kategorische Erklärung und stellte fest, daß dieselbe nicht von einer Einzelpersönlichkeit des Amtes, sondern von seiner Presseabteilung abgegeben wurde, die hierzu von der Regierung ausdrücklich ermächtigt wurde. Dieser Ermächtigung gingen lange Beratungen mit der Regierung voraus, so daß die Erklärung des Kolönialamtes, daß die Verhandlungen mit dem englischen Kabinett endgültig abgeschlossen sind, zweifellos richtig ist. Man muß wissen, was das heißt. Die zionistische Darstellung der jüngsten Londoner Ereignisse ging immer dahin, daß mit dem Mac Donald- Brief nur der allgemeine Teil der Beratungen mit der englischen Regierung abgeschlossen sei. Diese Verhandlungen hätten sich — immer nach der zionistischen Lesart — auf die Beseitigung der verschiedenen Mißverständnisse allgemeiner Natur bezogen, die in dem englischen Weißbuch vom Oktober 1930 enthalten gewesen seien. Diese Mißverständnisse sind in dem Mac Donald-Brief aufgeklärt worden, die Zionisten zeigten sich darob höchst befriedigt und glaubten nun, daß die weiteren Verhandlungen auch in den überaus wichtigen Detailfragen gleiche „Erfolge" zeitigen würden. Als besonders gravierende Probleme, die nach Ansicht der Zionisten noch der Erörterung bedurft hätten, wurden von ihnen immer wieder die Besprechung des Landentwicklungsplanes und der Kardinälfrage der Errichtung einer gesetzgebenden Körperschaft in Palästina (Legislative Council) genannt. Nun ist es aus diesen von den Zionisten so heiß ersehnten Beratungen nichts geworden . . . Feuilleton Björnson und Dreyfus. In der letzten Nummer haben wir den ersten Artikel reproduziert, den unser vor kurzem verstorbene treue Mitarbeiter Benjamin W. Segel in unserem Blatte im Jahre 1924 veröffentlicht hat Im folgenden geben wir einen interessanten Aufsatz wieder, den uns Segel einige Zeit vor seinem jähen Hinscheiden zur Veröffentlichung hat zukommen lassen. Mit diesem Artikel müssen unsere Leser Abschied nehmen von den Geistesprodukten Segels, die ihnen stets so willkommen waren und die ihnen oft Freude und Vergnügen bereitet haben. Auch der nachstehende Aufsatz zeigt wie interessant Segel all das Viele, das er von jüdischen Dingen zu sagen wußte, zu gestalten vermochte. D. Red. Die Dreyfus-Literatur wächst ins Unermeßliche. Bühne und Film bemächtigen sich des packenden Stoffes, in allen zeitgenössischen Memoirenwerken taucht der Märtyrer von der Teufelsinsel auf, alle haben sich mit ihm und seinem Schicksal auseinanderzusetzen. Unter der Fülle glanzvoller Namen, deren Träger sich für Dreyfus einsetzten, ist bisher einer ganz unbeachtet geblieben — nicht der glänzendste vielleicht, aber sicher der edelste. Derjenige, den nicht irgendwelche Interessen leiteten, sondern lediglich die Liebe zum leidenden Menschen, das Mitleid für den unschuldig verfolgten Juden. Wenn der „Tiger" Clemenceau mit Zähnen und Klauen für Dreyfus kämpfte, so war ihm dabei, wie er selbst sagte, Dreyfus als Mensch völlig gleichgültig: er arbeitete für sein Land, für die Republik. Wenn Oberst Picquart seine Karriere für den Verfemten aufs Spiel setzte, so geschah das wiederum nicht um Ureyfus' willen, sondern, um die Ehre der Armee reinzuwaschen. Und wenn Zola sich für die gute Sache zu Geldstrafe und Gefängnis verurteilen Heß, so fühlte er sich nicht als Verteidigen des Juden, sondern als Anwalt der Gerechtigkeit Einer aber, ein Uninteressierter, gänzlich Außenstehender, einer, in dessen Land damals kaum hundert Juden wohnten, erhob als erster Ausländer seine weithin hallende Stimme für den Juden Dreyfus: der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson. Schon im Jahre 1894, zu Beginn der „Affäre", sandte er dem „Temps" einen flammenden Protestbrief, in dem er Frankreichs Gewissen gegen den Justizmord zu wecken suchte, und der weit über Frankreichs Grenzen hinaus Aufsehen erregte. Denn, so schreibt des Dichters Sohn Björn in einem langen Aufsatz „Dreyfus und seine Zeit" in der letzten Nummer der norwegischen Zeitschrift „Samtiden", es gab damals keinen denkenden Menschen in der ganzen Welt, der sich der Dreyfusaffäre entziehen konnte. „Sie hatten ihn im Herzen oder im Hirn. Die meisten trugen ihn im Herzen. Seine Leiden wurden die ihren." Nur, daß sie vorerst schwiegen. Daß sie passiv blieben und zusahen, wie man ihn, den Unschuldigen, behandelte. „Die Herzen der Franzosen waren beim Heer. Nur ein Jude, der durch unzählige Generationen in fremder Erde wurzelte, konnte ein Verräter gegen ihr französisches Vaterland und ihre herrliche Armee sein. Nur ein Jude konnte das tun. Verstehen Sie das? schrie eine schwarze Faust einem bleichen Antlitz entgegen. Ich sah damals die Faust und ich sah das Antlitz. Nur ein unreiner Jude konnte das Land um Judaslohn verraten. Dreyfus war sehr reich — aber das spielte keine Rolle. Der Schrei gegen ihn blieb ebenso laut. Alle Beweise zu seinem Vorteil wurden beiseite gebracht Zerreißt ihn! schrie man. Speit ihm ins Gesicht! brüllte man. als er degradiert den zerbrochenen Säbel hinter sich, vorbeigeführt wurde. So nahe an der Menge zogen sie mit ihm vorbei, daß die Massen an ihn herankamen und ihm in sein Judengesicht spien." In diesem Stadium der „Affäre" schrieb Björnson seinen Protestbrief an den „Temps". Aber er tat mehr. Für ihn ging es um den unschuldig leidenden Juden. Er setzte seine ganze Autorität ein, warf seinen ganzen Ruf in die Waagschale. „Wenn ich Popularität gewonnen habe", sagte er. „so ist es meine Pflicht sie wiederauszugeben. Stück für Stück, für eine Sache, die ich vielleicht dadurch fördern kann." Er schrieb in der „Frankfurter Zeitung" einen aufwühlenden Artikel über Dreyfus. in dem er. der christliche Pastorssohn, als tiefsten Grund des Hasses gegen Dreyfus den uralten Haß der Christen gegen die Juden bezeichnete. „So ergreifend menschlich", erzählt Björn Björnson, „so schön war dieser Aufsatz, daß Danksagungen zu ihm strömten von manch einer gepeinigten und bedrückten Seele in den Ländern, da das Unrecht noch seine scharfe Schneide hatte, aber auch aus andern. Besonders erinnere ich mich an den Brief eines großen deutschen Schauspielers. Regisseur und Theaterdirektors. Ich kann ihn noch auswendig: „Meister, ich las Ihre herrlichen Worte über meinen Stamm und seine Leiden. Ich beuge mich in ehrfüchtiger Bewunderung über Ihre Hand und küsse sie. Meine Tränen kann ich nicht zurückhalten. Selbst hab' ich von allen, ohne Unterschied der Rasse, nur Güte erfahren, aber ich weiß von Tausenden in Armut und Elend, über deren Häuptern der Haß und die Gewalt drohen. Ihre wundervollen Worte haben mich mit ihnen solidarisch gemacht wie nie zuvor in meinem Leben. Als Jude war Dreyfus mein Bruder..." * Es kam Zolas „J'accuse", das übrigens nach Björn Björnsons Feststellung gar nicht von Zola selbst geschrieben, sondern eine Kollektivarbeit der Redaktion der „Aurore" ist. unter die Zola dann seinen Namen setzte. Es kam der zweite Prozeß (1899). Björnson verfolgte in seinem Heim in Aulestad fieberhaft alle Stadien der Verhandlung. Die Telegramme raschelten vom frühen Morgen bis zum späten Abend ins Haus, und „seine feurige Seele reagierte mit elektrischen Blitzen aus Schmerz über das. was da unten in Rennes geschah." Dreyfus wurde zum zweitenmal verurteilt aber es wurde ihm nahegelegt ein Gnadengesuch einzureichen. Um seiner Familie wegen unterschrieb er es. Damals kam Björnson nach Paris zu längerem Aufenthalt. Sein erster Weg führte ihn zu Dreyfus, den er nie zuvor gesehen hatte. Sein Sohn schildert die Begegnung wie folgt: „Als er klingelte, entstand drinnen große Unruhe. Türen wurden auf- und zugemacht Schließlich wurde geöffnet und ein Gesicht zeigte sich in der Türspalte. Sie hatten dort drinnen wohl Grund zur Angst Was" konnte nicht alles geschehen? Aber Vater sah doch irgendwie vertrauenerweckend aus.. Ein paar kleine. Frauen liefen an der Tür herum. Es waren die Tanten des Hauses. Wen sollten sie nun melden? Vater hatte "— was sonst nie geschah — seine. Visitenkarte, vergessen..

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