Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 13-14 (27.3.1931)
- Date
- 1931-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen mit den Veröffentlichungen der „Union deutschöstexreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kirftusgemeinde Wien Miroiiiinininiiim^ Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV11. Jahrgang Wien, 27. März 1931 Nummer 13/14 Eine Betrachtung zum Pessachfeste. Von Dr. V. K Das Pessachfest bringt eine ganze Reihe von Symbolen, über die schon allerlei gesagt und gelehrt worden ist. Bei näherer Betrachtung muß eine nicht unwesentliche Eigentümlichkeit auffallen. Das bittere Kraut genießt man mit dem süßen Mus vermengt, das geschmacklose Brot des Elends wird mit, dem bitteren Kraut gewürzt, die ungekochte, rohe Erdfrucht wird mit Salzwasser schmackhaft gemacht. Es besteht das offenbare Bestreben, die Gegensätze zu mildern und auszugleichen, das Bittere mit dem Süßen, das Scharfe mit dem Milden, das Reizlose mit dem Würzigen zu paaren oder mit anderen Worten: in den Gegensätzen einen erträglichen und förderlichen Mittelzustand zu schaffen. Man darf nicht behaupten, daß es Willkür ist, solchen Zusammenhang in den Symbolen zu. suchen und zu finden; man muß vielmehr mit allem Nachdruck auf die Absicht und die Tatsache hinweisen und in dieser Gegenüberstellung von Gegensätzen, die einander in ihrer Wirkung und Geltung ausgleichen, einen gewollten und beabsichtigten Hinweis auf das elementarste Gesellschaftsprinzip erkennen. Pessach ist das Fest, das den ältesten und größten Gegensatz in der Menschheitsgeschichte in die Erinnerung ruft: Sklaverei einerseits, Freiheit anderseits. Wie Pharao, der König von Aegypten, als Fronherr" sechsmalhunderttausend entrechteten Sklaven gegenübersteht, so steht in der Welt ein Wille, zu knechten, zu versklaven, einem anderen Willen, als freier Mensch zu leben und zu schaffen, gegenüber. Würde dem einen Willen keine Grenze gezogen, wäre die Welt nur von zwei Uebeln erfüllt, von Tyrannei und Knechtschaft; wäre dem anderen Willen kein Halt geboten, gäbe es — was ebenso schlimm ist — allenthalben unter den Menschen nur unerhörte Willkür. Herr und Knecht, Dienst und Freiheit dürfen keine Gegensätze sein, sondern müssen einander ergänzen, müssen edlen und hohen Zwecken dienstbar gemacht werden, um die Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht zu erhalten. Wenn ein Freiheitsfest wie unser Pessach diese erste und wichtigste Grundregel irdischen Glückes und menschlicher Wohlfährt verkündet, so tut es gut daran; wenn es mit schlichten, leicht verständlichen Symbolen solche Weisheit den Menschen vorführt, so beweist es tiefgehende Einsicht in das, was den Menschen zum Heile dient. Denn die menschliche Natur liebt es — so sie nur kann — in allem den Durchschnitt zu übersteigen, mag sich nicht gerne bescheiden, sondern strebt immer nach mehr auf jedem Gebiete. Wer das Geld liebt wird nicht satt des Geldes, und wer die Macht liebt, ist sich selbst nie genug mächtig. Im Guten wie im Bösen geht es so; man wird nicht satt des Guten und kennt keine Grenze im Bösen. Darum sagt mit weiser Menschenkenntnis der Prediger: „Sei nicht zu viel fromm, sei nicht zu viel böse" — alles Zuviel ist von Uebel. Die weise Lehre nützt aber wehig,, der Fehler ist stärker als die Weisheit und nur . der Gelegenheit bedarf es und die Gier nach dem Zuviel hat die Menschen in ihrer Gewalt; sie urrgin, Linz. überschreiten die Grenze in der Liebe und im Haß, im Guten wie im Bösen, verlassen den Weg der goldenen Mitte, um schwindelnde Höhen zu ersteigen oder in finstere Abgründe sich zu stürzen, um sich selbst zu verderben und andere mit sich ins Unglück zu reißen. Diese Gefahr umlauert jeden einzelnen, den sein Ehrgeiz antreibt, wird aber zu einer drohenden Gewitterwolke, wenn der Taumel nach dem Zuviel erst ein ganzes Volk ergreift. Niemals ist diese Gefahr größer und näher, niemals kann sie ihr Opfer sicherer zur Strecke bringen, als wenn die Entwicklung der Dinge die Gegensätze nebeneinanderstellt, wenn mit einem Male etwa aus Knechtschaft Freiheit wird. Wie der Blinde, dem eine kunstvolle Operation das Augenlicht wiedergibt, in tödlichstes Verderben ginge, ließe man ihn jählings aus seiner Augen Nacht in des Tages Helle schauen, so kann auch der Sklave, ein gedrücktes Volk nicht jäh und unvermittelt die Freiheit vertragen. Sieht man in der Weltgeschichte nach und achtet man auf die wilden, blutigen Ausschreitungen, denen noch jedes Volk zum Opfer fiel, das sich seine Freiheit holte und glaubte, von heute auf morgen alles Zwanges, aller Ketten, alles Druckes ledig sein zu können, so findet man für das Gesagte die Bestätigung. Wir selbst haben die schweren Tage erlebt, in denen Königstum mit Volksherrschaft wechselte, und wissen, daß es aller Klugheit bedurfte, um die Massen vor dem Taumel des Freiheitsrausches zu bewahren. Wir sehen, der Mensch verläßt die goldene Mitte, sucht die Extreme und stürzt damit sich und andere ins Unheil. Der religiöse Fanatismus, der wahnwitzige Uebereifer in Sachen des Glaubens hat ebenso gewütet und geschadet wie heute der fanatisches Unglaube, der sich am Glauben rächen will, wütet. Jener hat einst Scheiterhaufen errichtet, mit Feuer und Schwert gerast, dieser tut heute das Gleiche jenem. Das Wort von „der Religion, die Opium fürs Volk" ist, ist sehr wahr, aber in einem anderen, besseren Sinne. Denn falsch angewendet, falsch genützt ist üpium ein Gilt, das tötet; wer es nicht richtig zu geben versteht, ist kein Arzt, sondern ein Mörder. Deshalb darf aber niemand leugnen, daß Opium auch ein Heilmittel ist, dem zahllose Leidende Linderung, Hilfe, Heilung danken. Das alte Judentum hat vor mehr als tausend Jahren das Wort richtig geprägt: Die Worte der Tora sind eine Medizin, die Lebe'n oder Tod bringen kann, je nachdem man sie richtig oder falsch anwendet. Darum hat R. Jochanan ein treffliches Gleichnis aufgestellt: Drei Dinge hat die Welt zum Geschenkerhalten, die Tora, das Licht der Sonne und den Regen; wie die Sonne wärmt, aber auch verbrennt, wie der Regen alles befruchtet und zum Leberi bringt, aber auch überflutet und zerstört, so die' Tora, die belebt oder tötet, wenn man das rechte1 Maß nicht hat, wenn man sie falsch versteht, falsch anwendet Die große Weisheit, die alles Glück auf Erden' beinhaltet, beißt eben: Maß halten! das gilt in allem, aber besonders in der Freiheit. Darum legt unser1 Freiheitsfest Symbole vor uns hin, die Gegensätze sind, lehrt uns sie mischen, sie paralysieren, damit sie heilsam und nicht verderblich werden. Für das Judentum ist es bezeichnend, daß gerade die Reh-,' gion es ist, die ein Fest der menschlichen Freiheit eingesetzt hat und unentwegt feiert, ein Fest; das nicht in erster Linie zur Erinnerung an erreichte' Glaubensfreiheit an die Befreiung von der Knech-, tung der Gewissen, sondern zur Erinnerung an Be-' freiung der Knechtung der Leiber eingesetzt ist. Das Judentum knechtet nicht die Menschen, weder ihre- Leiber durch Tyrannei, noch die Geister, indem sie sie knebelt und mit der Gewissensgeißel zuschlägt. Freie Menschen sollen Gott anerkennen, Gott dienen! Eine historische Tatsache ist daß die Juden auch immer da und dann geistig am höchsten standen, wo und wann sie ohne Druck, ohne Qual ihre Religion üben konnten und durften. Die Freiheit des Geistes und des Denkens hat sich mit dem Bekenntnis zum Gotte Israels harmonisch, segen- und gewinnbringend ergänzt. Wahrhaft fromme, gut jüdische Gesinnung hat dem wahren Menschentum des Juden nie geschadet, stets nur genützt. Finsterlinge und Rückschrittler haben auch bei uns die Religion nie gefördert, haben die erhabenen Lehren wahren Menschentums nie besser oder erfolgreicher betätigt. Was das Juden- UNION DEUTSCH ÖSTERREICHISCHER JUDEN Unsere Vereinigung hat einen schweren Verlust erlitten. Unser Vizepräsident nofrat Ingenieur Josef Löwy ist in der Nacht auf Mittwoch, den 25. d. M. nach langem schweren Leiden verschieden. Wir verlieren in ihm einen treuen Mitarbeiter, der opferfreudig seine hohen geistigen und menschlichen Qualitäten in den Dienst seiner jüdischen Mitbürger gestellt hat. Wir werden unseren teuren Freund freltag, den 21. d. PI., DD! 7J2 Mir vormittags vom TraacrbODSe, II., Castellezgasse 27 zum Zentralfriedhof (1. Tor) geleiten, wo die Trauerzeremonie um 12 Mir mittags stattfinden wird. Der Zentralforsiand der „Union".