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Die Wahrheit · 1931-03-20 · Heft 12 (20.3.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 12 (20.3.1931)
Date
1931-03-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sie sind durch eigene Sprache, Religion, Tradition, Tracht und spezifische Berufe deutlich als ethnische Einheit gegen ihre Umgebung abgegrenzt- Die französische Revolution brachte den Juden Frankreichs individuelle Gleichberechtigung, erkannte aber nicht das jüdische Volk als eigene Gruppean, weil die sephardischen Juden Frankreichs assimiliert und die Ostjuden fast völlig unbekannt waren. Für die Ostjuden dauert das Mittelalter bis zum Ende des Zarismus. Seit 1870 tritt in Mitteleuropa (seit dem Kriege auch in Osteuropa) eine rückläufige Bewegung der jüdischen Vermehrung ein, die nur durch Zuzug aus dem Osten einigermaßen kompensiert wird. Die starke Vermehrung der Juden im Osten führt zu ihrer wirtschaftlichen Entwurzlung. Teilweise wandern sie aus, teilweise führen sie das unsichere Leben von Luftmenschen. Die neueste Entwicklung entzieht ihnen den Boden ihrer traditionellen wirtschaftlichen Betätigung, besonders in Sowjetrußland. Dort wirken sich die neuen Wirtschaftsmaßnahmen gerade für die jüdische Bevölkerungsschicht katastrophal aus. Die Vernichtung ihrer bisherigen 'Existenzbasis vollzieht sich viel rascher, als die Ueberführung in neue Berufszweige möglich ist.. Ein Ausweg aus dieser Situation wäre nur denkbar durch eine umfassende Industrialisierung Polens oder die Aufschließung neuer Immigrationsländer. Infolge der Einwanderungsbeschränkungen ist die überseeische Auswanderung von Juden,' die vor dem Kriege 200.000 jährlich umfaßte, heute auf 40.000 gesunken und sinkt weiter. Die Ausgewanderten können nur zum Teil ihre ethnische Eigenart beibehalten. Das Resultat ist Zerfall der ethnischen Einheit und ein Hinüberwechseln zu anderen Völkern. Hierbei sind drei Stadien zu unterscheiden: 1. Der Zustand fast völliger Einordnung in Leben und Kultur der umgebenden Bevölkerung (Südamerika, Italien, Ungarn). 2. Labiles Gleichgewicht zwischen Zugehörigkeitsgefühl zum jüdischen und zum umgebenden Volk (England, Frankreich). 3. Ueberwiegen des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühls (Osteuropa). Vermutlich wird aber in OsteuropadieselbeEntwicklung vorsieh gehen wie in Westeuropa. Daröffantlicriunqan cUr Union dfcu+scnös+fcrraicViscber Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark-Kto. 9.464 „Simson und seine Zeit" Ueber dieses interessante Thema sprach Donnerstag, den 12. d. M. im Festsaale des Handelsmuseums der Dominikanermönch Dr. Vinzenz Zapletal, Professor an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg, im Rahmen eines von der „U n i o n" veranstalteten Vortragsabends. Der Umstand, daß es der Leitung der „Union" gelungen war, diesen hervorragenden christlichen Gelehrten, der durch seine Bücher über Gestalten und Episoden des Alten Testaments in der Fachwelt bereits lange Anerkennug gefunden hat, für einen Vortrag zu gewinnen, hatte ein ansehnliches Auditorium angezogen. Man bemerkte u. a. in der vom Präsidenten der „Union", Dr. J. O r n s t e i n, geleiteten Versammlung die Herren Kultusvorsteher Med.-Rat Dr. J. Deutsch, Edmund H o fmann, Baurat W. Kempler und Dr. J. Ticho, die Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, Dr. A. Kaminka und Dr. M. Rosenmann, Lektor Doktor R u b i n u. v. a. Dr. O r n s t e i n dankte dem Referenten in seinen einleitenden Worten für das Erscheinen am Rednerpult und hob hervor, daß die „Union" neben der Ehrfurcht, die sie, getreu den Grundsätzen der jüdischen Religion, vor dem Priester überhaupt besitze, auch Freude darüber empfinde, daß in dieser Zeit des konfessionellen Hasses ein katholischer Geistlicher zu Juden über ein jüdisches Thema spreche. Professor Dr. V. Z a p 1 etal, dessen sympathische Erscheinung von den Zuhörern mit stürmischem Applaus begrüßt wor- Se4ttmexut&, Jknsioii <Hvtsch, SiUstenhot erstklassiges modernes Haus. Vormerkungen für die Osterfeiertage <nOB)- Mäßige Preise. den war, hielt mit seinem Vortrage eine Stunde lang das Auditorium im Banne. Nach einführenden Bemerkungen über die Erhabenheit des Alten Testaments, in dem der Redner das großartigste Literaturwerk der Menschheit erblickt, befaßte er sich in instruktiver Weise mit „Simson und seiner Zeit" im besonderen und trat mit seinem wissenschaftlichen Rüstwerk der Ansicht entgegen, daß in Simson eine mythische Gestalt zu erblicken wäre. Er widerlegte diese Anschauung an Hand zahlreicher Parallelen aus dem Literaturkreis anderer Völker und Zeiten. Eine kritische Würdigung des sehaltvollen Referates werden wir in unserer nächsten Nummer von berufener Seite veröffentlichen. Mit nochmaligen Dankesworten an den Redner schloß Dr. O r n s t e i n die Versammlung. Unsere Jugendgruppe an der Arbeit Dienstag, den 10. d. M. fand unter Vorsitz des Herrn Dr. Karl Steiner im Goldsaal des Cafe- Silier eine interessante Veranstaltung der „Union" statt Die starke Teilnahme von jungen Damen und Herren an den letzten Versammlungen und Diskussionsabenden der „Union" sowie der überaus befriedigende Verlauf der Purim- Akademie haben die Leitung der „Union" veranlaßt, einen Vortragsabend dem „Problem der jüdischen Jugend" zu widmen. Herr cand. phil. Julius Carlebach, Hamburg, sprach über den „Weg der deutsch-jüdischen Jugend". Er erzählte, wie sehr in der deutsch-jüdischen Jugend der Gegenwart das jüdische Gefühl erstarkt ist. Er berichtete, in welcher Weise dieses Erstarken zum Ausdrucke kommt, einerseits nämlich in der Pflege jüdischen Gemeinschaftsempfindens und anderseits, bzw. als eine Folge dieses Gemeinschaftsempfindens in dem besseren Verständnis für die Anschauungen des innerjüdisch andersorientierten Kameraden. Dieses Verständnis hat sogar bis zu einer gewissen Annäherung der Gegensätze geführt. Herr Carlebach referierte sodann über die Erscheinungen, die dieses Zusammenwirken junger jüdischer Menschen in Deutschland zur Folge hatte. Er hob besonders die „Schule der jüdischen Jugend" in Berlin hervor, in der jungen Juden und Jüdinnen bedeutsame Kenntnisse vom jüdischen Sein und jüdischen Wesen vermittelt werden. Er appellierte schließlich an die zahlreich anwesenden Jugendlichen, in Oesterreich einen ähnlichen Weg zu" beschreiten und mitzuarbeiten an der Stärkung des jüdischen Bewußtseins. (Lebhafter Beifall.) Sekretär Oskar Hirsehfeld entwarf in seinem Korreferat ein anschauliches Bild über die Struktur der heutigen österreichisch-jüdischen Jugend. Er schaltete in seiner Betrachtung die orthodoxe und die national-jüdische Jugend aus und beschäftigte sich lediglich mit jener Jugend, die dem indifferenten bürgerlichen Milieu entstammt. Er stellte eine Untersuchung an, ob auch in dieser indifferenten Schichte jüdisches Gefühl vorhanden .sei, und kam an Hand zahlreicher Beweisgründe zu dem Ergebnis, daß auch in diesem Teile der österreichisch-jüdischen Jugend ein latentes jüdisches Empfinden zu konstatieren ist. Der Redner erklärte die Tatsache, daß dieses Empfinden nicht stärker hervortrete u. a. auch mit dem Umstände, daß in Oesterreich der äußere Druck nicht jenen Grad der Intensität besitze, wie er z. B. in Deutschland und Ungarn zu finden ist. Der Korreferent befaßte sich hierauf mit jenen Erscheinungsformen des österreichischen Antisemitismus, die den jungen jüdischen Menschen besonders treffen, den Hochschulantisemitismus und den Wirtschaftsboykott. Er forderte die Jugend auf, sich in der seit Jahren bestehenden Jugendgruppe der „Union" zu organisieren und im Rahmen derselben jene Kenntnisse zu erwerben, die das Selbstbewußtsein stärken und heben und die auch im Kampf mit dem antisemitischen Gegner notwendig sind. In diesem Sinne propagierte auch er die Einrichtung einer „Schule der jüdischen Jugend", die zur Erweiterung jüdischen Wissens und jüdischer Lehre beitragen würde. (Starker Beifall.) Den Referaten folgte eine lebhafte Pebatte, an der sich auch einige junge Zionisten beteiligten, die ihre nationalen Ideen vertraten, ohne mit ihren schwächlichen Ausführungen Eindruck zu erwecken. Ihnen antworteten die Mitglieder der Ju-- gendgruppe der „Union" stud. jur. Max M a r k und Dr. Franz Josef Weiß. Die Referenten erhielten hierauf das Schlußwort, das sie zu einer Widerlegung der geäußerten national-jüdischen Ansichten benützten. Namentlich fand die Entgegnung des Herrn Sekretär Oskar Hirschfeld laute Zustimmung, der in seinen Ausführungen die Unmöglichkeit der Lösung der Judenfrage durch die Errichtung eines „Judenstaates" in dem kleinen Palästina auf Grund der letzten Ereignisse darlegte. Dr. Karl Steiner schloß sodann die eindrucksvolle Versammlung. Mit Rücksicht auf das Gelingen dieser Versammlung, wie auch all jener letzten Veranstaltungen der „Union", an denen die Jugend starkes Interesse gefunden hat, hat die Leitung der seit Jahren bestehenden Jugendgruppe der „Union" beschlossen, um den aus jugendlichen Kreisen wiederholt spontan geäußerten Forderungen Rechnung zu tragen, ihre in letzter Zeit mehr intern betriebene Tätigkeit zu intensivieren. Der Besprechung der Durchführungsmöglichkeiten dieser Absicht galt eine Zusammenkunft,; die Montag, den 16. d. M., im Klubsaale des Grand-Cafe Central, II., Taborstraße 8, unter Vorsitz des Herrn Sekretär "Oskar H i r s c h f e 1 d stattfand. . Die Sitzung war von jungen Damen und Herren ganz ausgezeichnet besucht. Die Debatte, die sich an

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