Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 12 (20.3.1931)
- Date
- 1931-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seife * dienste. Auch seine intimsten Freunde übten an seiner Stellungnahme scharfe Kritik. Von Hitzköpfen als Verräter gebrandmarkt, wurde seine Schrift auf den „Index" gesetzt. Die genannte Schrift wurde unserem Freunde Segel zum Verhängnis; sein Lebenslauf war seither von Dornenhecken umsäumt. Die bitteren Enttäuschungen, die er demzufolge erlebt hatte, trafen ihn um-so härter, je mehr seine Hoffnungen und Erwartungen auf eine Verständigung zwischen Juden und Polen gerichtet waren. Die Zeit gab ihm Recht. Aber Segel schleppte seit Jahren ein tief gekränktes Herz in seiner Brust. Jene Welt, der er entstammte und der er bis zum letzten Atemzuge Treue bewahrte, hatte Segel vergessen. Im letzten Jahrzehnt wandte sich Segel hauptsächlich dem Kampfe gegen den Antisemitismus zu. Er führte diesen Kampf mit seinem scharfen Verstand und der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Wesens. Das Judentum ist ihm für die im Phil o- V e r 1 a g im Jahre 1924 erschienene „Kritische Beleuchtung der Protokolle der Weisen von Zion" tiefen Dank schuldig. Er hat durch seine tiefgründige Untersuchung der „Protokolle" den Schwindelbau bis auf den Grund erschüttert. Im Talmud heißt es, daß „über jedes Häkchen Kaufen über Haufen von Themen zu erforschen sind." Auf Benjamin Segel kann dieses Wort mit Recht. angewendet werden. Er hatte Tausende von Aufsätzen über verschiedene Themen in unzähligen Zeitschriften veröffentlicht. Eine Zeitlang war er Schriftleiter der Monatsschrift „Ost und West" in Berlin. Er war auch Bearbeiter der berühmten Sammlung „Jüdischer Sprichwörter und Redensarten" von Ignatz Bernstein. In den Spalten dieses Blattes hat er oft und oft seine herrlichen Aufsätze erscheinen lassen. Nicht unerwähnt bleibe in diesem flüchtigen Ueberblick über das Leben des Verewigten, daß er ein treuer und verläßlicher Freund war. Oft schilderte er mir seine verschiedenen Kämpfe im Leben und heiße Tränen flössen aus seinen Augen. Um jedes Menschen jähes Hinscheiden weht ein Hauch von Tragik. Beim Tod Benjamin Segels empfand ich ihn um so schwerer. Er hat ein halbes Jahrhundert für das Judentum gearbeitet und gedarbt. Dafür möge ihm nach seinem Tode ein dauerndes, ehrendes und dankbares Gedenken gesichert sein. OtfonApJUA&ns & vntaMMaw Die Hamburger Polizeitragödie — eine Tragödie des deutschen Juden. Im Hamburger Polizeipräsidium hat, wie die Tagesblätter melden, der unter dem Einfluß der Nationalsozialisten stehende Polizeioberwachtmeister Friedrich Pohl, Sohn eines Arztes in der Lüneburger Heide, den ihn dienstlich vernehmenden Regierungsrat Lassaly, der aus einer sehr angesehenen Hamburger jüdischen Familie stammt und als überzeugter Republikaner ohne parteipolitische Bindung bekannt ist, mit dem Dienstrevolver niedergeschossen. Lassaly brach schwer verletzt zusammen und wurde sofort ins Krankenhaus überführt, wo er einer Operation unterzogen wurde. Es wurde festgestellt, daß die Kugel, die in den Bauch eindrang, nur wenig unterhalb des Herzens den Körper durchschlug, aber nur Fleischteile verletzte, so daß Lebensgefahr für Lassally nicht besteht. Der Attentäter Pohl wurde verhaftet und gestand beim Verhör ein, daß er den festen Vorsatz gehabt hat, seinen Vorgesetzten Lassally zu töten, er sei daran nur durch eine Ladehemmung seines Dienstrevolvers verhindert worden; diese Ladehemmung trat nach dem ersten Schuß ein. Als Grund für die Tat gibt Pohl an, daß er, der, wenn auch nicht Mitglied der national-sozialistischen Partei, so doch nationalnicht notwendig auf Salzburg als Wohnort hinweist, bemerkt der Autor. Es ist auch zu beachten, daß die im Gutachten erwähnte Scheidung in Ofen stattfand. Bekannt konnte im Sinne der Deduktion des Gutachtens auch ein rländler sein, der die Gegend öfters bereiste. Es muß daher in einem solchen „Mann von Namen" nicht eine Persönlichkeit von Rang gesehen werden. Der Frauenname Kheuz hat mit CaZ, von anderen Gründen abgesehen, schon deshalb nichts zu tun. weil das erste Gutachten, das des mit Isserlein verschwägerten R. Tebel, sich auf die Gültigkeit des Scheidebriefes stützt. Die Etymologie des Namens kann ich leider nicht geben. — S. 130 (Friesacher Grabsteine) möchte ich bloß auf Nr. 1, wo die Reproduktion in Band I halbwegs eine Handhabe bietet, zurückkommen. „Bachur" hat im 14. Jahrhundert nicht, oder nicht ausschließlich die Bedeutung von „unverheirateter Mann", sondern vielmehr von „ein Mann in kräftigem Lebensalter". Wir finden sogar die weibliche Form in derselben Bedeutung. So wird in den Memorbüchern der Zeit oft gedacht des Bachur N. N. und seiner Frau der Bachura N. N. Gegen die Lesung „Tritsch", die Löwenstein vorschlägt, spricht zunächst der Umstand, daß nach dem Buchstaben Resch deuüich ein Waw zu sehen ist. Es ist aber auch nicht einzusehen, warum der Steinmetz das Schin — wenn wir schon zu dieser Auskunft greifen — in die nächste Zeile versetzte. Ich glaube, am Ende der Zeile noch den Rest eines Buchstabens oder eines Abbreviaturzeichens zu sehen. Der Name konnte Treutl lauten. Bekanntlich wird in dieser Zeit eu durch Waw und Alef aber auch durch Waw allein transkribiert. In den Druckwerken ist der Name Treitl (mit 2 Jod) bezeugt. Möglich ist auch die Lesung Trost], ein Name, der vielfach belegt werden kann. — Das vorliegende Werk ist aus Sonderabdrücken zu einem Ganzen vereinigt Da der Satz nicht geändert werden konnte, sind manche Anweisungen, so S. 5. n. 1. S. 6, n. 1, S. 36, n. 2 u. a. a. O. nicht honoriert Wir wünschen dem Verfasser, daß es ihm gegönnt sein möge, sehr Werk in einer zweiten Auflage noch brauchbarer und hainlhcher zu gestalten. B. Wachstein. sozialistischer Gesinnung ist, sich nicht voneinem Jude habe vernehmen lassen wollen. Die Vernehmung Pohls durch Lassally galt eben der nationalsozialistischen Betätigung Pohls, die ihm als Polizeibeamten untersagt ist. Lassally hatte Pohl aufgefordert, neben ihm am Schreibtisch Platz zu nehmen und mit ihm völlig sachlich und ruhig die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen durchzusprechen. Pohl wartete, bis alle anderen Personen das Dienstzimmer des Regierungsrates Lassally verlassen hatten, zog ganz unvermittelt den Dienstrevolver und schoß. Die heimtückische Art und Weise dieses Attentates hat in Hamburg starke Entrüstung hervorgerufen. Lassally gilt als einer dertüchtigkönnen Sie ohne Bedenken mit Kunerol zubereiten. Jeder Strenggläubige kann dieses Fett genieben, denn dessen Herstellung steht unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners 5. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol ist reines Kokosnutfetr und kann sowohl für Milchspeisen als auch für Fleischspeisen verwendet werden. ÜNEROL 1002 REINES KOKOSNUSSFETT Huerei ist rar ecbt m onaUMMmatt i«r iaas<ften«en NacftaftatTiiftcR wtr« _gewarit sten Polizeibeamten Hamburgs. Den Haß der Nationalsozialisten hat er sich dadurch zugezogen, daß er kürzlich in mehreren vor dem Hamburger Verwaltungsgericht zwischen der Polizeibehörde und den Nationalsozialisten schwebenden Prozessen als Vertreter der Polizei öffentlich hervorgetreten ist. Die nationalsozialistische und deutschnationale Presse Hamburgs richtete aus diesem Anlaß heftige, auch persönlich gehässige Angriffe gegen Regierungsrat Lassally. Polizei und Hamburger Senat haben eine Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, in welchen Beziehungen Pohl zu den Nationalsozialisten gestanden hat. Eine offizielle Erklärung des Hamburger Senats wurde angekündigt. Es wird versichert, daß der Fall Pohl innerhalb der Hamburger Polizei einen Einzelfall darstellt, da die Mannschaft als unbedingt zuverlässig gilt. »imWWHIIlWMMHI Psychologie des Nationalsozialismus und seine Bekämpfung. Vortrag, gehalten in der „Union", von Frau (Fortsetzung.) Wenn man bedenkt, daß diese „Protokolle" in nicht weniger als sieben Sprachen erschienen sind, u. zw. in deutscher, rassischer, italienischer, französischer, englischer, chinesischer und arabischer, dann soll man sie doch nicht nur als einen dummen Spuk betrachten. Die Haupteigenschaft eines Geheimnisses ist nämlich, daß es geheim ist. und wenn etwas als „Geheimnis der Juden" ausgegeben wird, was bei uns Juden nur Kopfschütteln und Lachen erregt, so sollten wir bedenken, daß die anderen nicht ohne weiteres wissen können, ob wir diese Geheimnisse haben oder nicht. Selbstverständlich gehört einige Voreingenommenheit dazu, die UnWahrscheinlichkeit dieser „Geheimnisse" nicht zu entdecken, aber daß diese Voreingenommenheit sich bereits tief eingewurzelt hat. hab*n wir uns bereits klar gemacht. Ja, ich muß sogar darin zustimmen, daß eine recht phantastische Voreingenommenheit dazu gehört, um zu behaupten, wie es im Vorwort diese* siebensprachigen „Weisen" geschieht Goethe habe in seinem Mephisto den Juden gezeichnet. „Wie wenige wissen", heißt es daran, „daß Mephisto den Juden darstellt." Und es geht weiter: „Freilich, so lange der deutsche Leser sich von jüdischen Literaten erzählen läßt, wie er den Faust verstehen müsse, wird er wohl nicht hinter das kommen, was Goethe hineingeheimnißt hat" Der Gedanke, daß ein Leser ohne jeden Kommentar verstehen und erfassen könnte, was Goethe mit seiner Faust- und seiner Mephisto-Gestalt gemeint hat und daß er die Zusammenhänge mit der altdeutschen Faustsage kennen könnte, kommt dem Verfasser nicht. Es ist überhaupt eine merkwürdige Sache, für wie beeinflußbar, gedankenlos, für welche geborenen Schwächlinge und Trottel alle Nichtjuden in der Darstellung dieser Antisemiten erscheinen, wie es ihnen an jeder ursprünglichen Willens- und Denkkraft fehlt — und dabei sollen sie dann die höchstbegabte Rasse der Erde sein! Wie sind aber diese „Protokolle" ausgerechnet in die Hände der Antisemiten geraten? Darüber wird folgendes erzählt: Der 1. Zionistenkongreß soll in Wahrheit nur eine Deckveranstaltung für diese Zusammenkunft der „Weisen" aus dem ganzen Jüdischen Volk gewesen sein. Em bestochener Zionist, der die Protokolle dem „Groß-Orient von Frankreich" persönlich bringen und sie dort niederlegen soHte, hätte sie aber unterwegs einem rassischen Staatsmann ausgehändigt, der von einem ganzen Stab von Schreibern so viel ab- Luise Fischer-Treu. schreiben ließ, wie in einer Nacht geschafft werden konnte. Die angeblichen Herren Schreiber sind fleißig gewesen: sie haben nicht weniger als 80 ganz eng bedruckte Seiten in dieser Nacht fertig gebracht. Und bloß die Hauptsache haben sie vergessen: die Unterschriften. Ein solches Protokoll hat doch selbstverständlich eine Präsenzliste und eine Liste der Redner: man stelle sich nur vor, welch ein Schlag für die Judenvurscbwörung es gewesen wäre, wenn die Namen der Männer enthüllt worden wären, die derartig verbrecherische Pläne gegen die Wohlfahrt der ganzen Welt hegen! Aber leider: der russische Staatsmann hat diesen einzigen nachprüfbaren Beweis für die Richtigkeit seiner Abschriften nicht mit abschreiben lassen! Achad fiaam ist bereits beschuldigt worden, der Verhandlungsleiter gewesen zu sein. Er hat soiort Klage erhoben, und Grat Reventlow hat die Behauptung vor Gericht zurückgenommen. So bleiben die Protokolle in der schützenden Hülle der Anonymität. Die echten OueHen der Protokolle der „Weisen von Zion" sind längst aufgedeckt. Sie wurden 1903 in Paris von Beauftragten der russischen Geheimpolizei zusammengestellt. 1905 in Rußland zum erstenmal herausgegeben, 1917 zum zweitenmal. Ursprünglich wurde nur von einer jüdischen Organisation geredet Inzwischen ist es dann dem Herausgeber eingefallen, daß es doch ganz interessant und geschickt wäre, auf den Zionistenkongreß Bezug zu nehmen. Es gibt aber einen Gesichtspunkt von dem aus die „Weisen von Zion" sehr lesenswert sind, und meines Wissens ist auf ihn noch nie aufmerksam gemacht worden. Es ist doch klar, daß alles, was die angeblichen „Weisen von Zion" als Wafie zur Verderbnis der Völker anwenden wollen, im Gemüt des gläubigen Lesers sofort hassenswert wird, und daß alles sofort höchsten Wert erhält, wovon die „Weisen" sagen, daß es zur Erreichung ihrer schändlichen Ziele vernichtet werden müßte. Daran müssen wir uns also klammern, wenn wir diesen verfluchten Plänen entgehen wollen! Da wird also gesagt daß man die „Völker zu ihrem Verderben mit dem Begriff .Freiheit' anstecken" müsse, daß man ihnen einreden müsse, sich „von begabten Persönlichkeiten aus der Masse führen zu lassen, während es doch klar sei, daß der zum Herrschen Geborene und Eingeweihte regieren könne, selbst wenn er ein Tor wäre, während selbst der Hochgeist aus der Masse unmöglich etwas von der Staatskunst verstehe."