Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 12 (20.3.1931)
- Date
- 1931-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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umherstolzieren, aber mit nackten Füßen durch den frierenden Schnee waten. Gebt, Juden, soviel man von euch für den Keren Hajessod fordert! Die Hunderttausende von Waisen mögen weiter darben und frieren und in Findelhäusern der Sowjetregierung oder in den Krippen katholischer Klöster barmherzige Aufnahme finden oder über die ganze öde Welt zu barmherzigen Privatleuten gebracht werden. Die heranwachsende Jugend mag wie bisher sich zu den Pforten der Mittelschulen drängen und später von den Universitäten zurückgewiesen werden. Unzählige Waisenhäuser, Blindeuinstitute, Taubstummenanstalten, an deren Aufbau Generationen gearbeitet haben, mögen ruhig nach und nach aus Mangel an Mitteln geschlossen werden, berühmte Lehrhäuser für die Wissenschaft des Judentums mögen einfach eingehen und ihrer Lehrer nach jahrzehntelangem geistigen Schaffen sich in die weite Welt verstreuen. Die jüdischen Ackerbaukolonien in Südrußland mögen ruhig verkommen aus Mangel an Saatkorn, Ackerbaugeräten und Zugvieh. Die neugegründeten Handwerkerlehrstätten mögen geschlossen werden. Das alles ficht uns nicht an, wenn wir nur das National Home in Palästina aufrichten, das wie ein Brillantdiadem über unserem Haupte weithin leuchtet. Was fehlt uns denn sonst noch?... Chelm!... ■■■■■■■■■ ■MB! ■■■■■■■■■■Mm \Benjamin Wolf Segel\ Ein Blatt des Gedenkens. Von Chajim Bloch. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam die traurige Nachricht, daß Benjamin Segel, der bekannte Schriftsteller und Gelehrte, in die Ewigkeit abberufen wurde. In Pystian, wohin er sich am 8. d. M. zum Kurgebrauch begab, ist er tagsdarauf im Alter von kaum 64 Jahren sanft entschlafen. Ein Herzschlag hat seinem an Kämpfen und Enttäuschungen nicht gerade armen Leben ein Ende gemacht und die herrliche Feder Benjamin Segels, die Waffe seines Geistes, entfiel seiner Hand für immer. Wieder erlosch ein Stern des Judentums, wieder hat der Tod einen unserer Besten aus den Reihen der Lebenden gerissen. Benjamin Segel, nach Dr. Josef Bloch der beste Wehrmann des Judentums in seinem Kampfe gegen den Antisemitismus, ruht nun in kalter Erde. Wie schmerzlich ist dieses Bewußtsein! Das Schicksal wollte es, daß der treffliche Mann fern von der Heimat zu Grabe getragen wurde. Benjamin Segel war — im Sinne des Verewigten soll daran erinnert werden — ein Ostjude. Er stammte aus Lemberg und machte dort eine Schule durch, die ihm seine bezeichnende Eigenart gab und die ihn später befähigte, sich in den Dienst des Judentums zustellen. Er gehörte zu der „neuen" Garde — wir Angehörige der jüngeren Generation bezeichnen sie schon als „alte" — des galizischen Judentums. Von den Kämpfern für die Erneuerung des Judentums, die mit Segel vor vier und fünf Jahrzehnten in Reih und Glied standen, sind meines Wissens nur noch drei am Leben: Prof. Dr. J. L. Landau, Chiefrabbi in Johannesburg, Dr.O.Thon, Rabbiner in Krakau, und Dr.M. Ehrenpreis, Oberrabbiner in Stockholm. Die anderen wackeren Gefährten Benjamin Segels hat der Tod schon früher, jünger an Jahren, hinweggerafft. Kaum der Schulbank entronnen, wandte er sich dem Schriftstellerberufe zu. Ausgestattet mit einem reichen Wissen auf jüdischen wie auch auf weltlichen Gebieten, begabt mit einem selten scharfen Verstand und philosophischem Empfinden, begann er über verschiedene Gegenstände zu schreiben und es schien, daß seinem Schicksale die Sonne des Glückes leuchten wird. Segel war ein Mann von einer unvergleichlichen, opferwilligen Güte, bewies aber auch in den Kämpfen, die er als Schriftsteller auszufechten hatte, die starke Kraft der Juden seines Heimatlandes. Er hieß Benjamin Wolf. Mit Recht Er war ein gütiger Benjamin, manchmal aber war in ihm der „Wolf" mächtiger. Benjamin Segel diente dem Judentum mit zwei Trieben: mit einem gütigen, aber auch mit einem sehr strengen Triebe. An beiden war die Glut seines Wesens erkennbar. Als Dr. Theodor L e s s i n g, der heute so viel gepriesene Hannover Gelehrte, Verfasser des berühmtes Buches vom „jüdischen Selbsthaß", vor mehr als zwei Jahrzehnten über die Ostjuden in gehässigster Weise herfiel und sie vor ganz Europa schmählich beleidigte, trat ihni Segel in einer Schrift „Die Entdeckungsreise des Herrn Dr. Theodor Lessing zu den Ostjuden" entgegen, welche Schrift, heute vergriffen, in der ganzen jüdischen Welt ein mächtiges Echo erweckte. Segel widerlegte mit der ihm eigenartigen Schärfe und Gründlichkeit die Angriffe Lessings. Der Herr Professor war mit seinen Kenntnissen des Ostjudentums erledigt. Wie sich aber die Zeiten Wandeln! Segel stand seit fast 15 Jahren der zionistischen Bewegung fern. Er zählte sich zu den sogenannten „Assimilanten". Lessing hingegen wurde indessen der Liebling der S DOROTHEUM 5 ■ Wien« I. Beiirk, Dorelheergaue Nr. 17 J 5 (Kunstabteilung). ■ s g : 26. bis 28. März 1931 3 B07. HUflSTflUKTIOHl 5 (Wiederversteigerung zu reduzierten Aus- ■ 2 v rufungspreisen) ■ e ■ ■ Gemälde alter und neuerer S ■ Meister, Skulpturen, Glas, Me- ■ 5 tallarbeiten, Silber, Mobiliar, ■ ■ Einrichtungsgegenstände, Ke- ■ ■ ramik, Porzellan, Steingut, g S Steinzeug, diverse Antiqui- ■! täten, Japonika 5 ■ ■ ■ Schaustellung t Sonntag, den 22. März 1931, £ 5 von 10 bis 1 Uhr, am Montag, den 23- bis Mitt- ■ ■ woch, den 25. März 1931 von 10 bis 6 Uhr in den H ■ Kunstsälen, I. Stock, Aufgang Hauptstiege. 5 ■ Versteierung: Donnerstag, den 26. bis Samstag, ■ ■ den 28. März 1931 ab 3 Uhr im Maria-Theresien- 5 5 saal. I. Stock, Aufgang Hauptstiege. ■ ■ Briefmarkenkäufer Achtung! ■ ■ Zugleich Ausstellung einer großen Europasammlung g 9 im Briefmarkenversteigerungssaal. ■ Zionisten. Als Lessing vor kurzem in Wien weilte, erfuhr er, daß Benjamin Segel in Wien lebt. Er sprach den Wunsch aus, ihn zu besuchen. Dazu kam es wohl nicht. Aber es fügte sich, daß sich beide Männer in gleichem Hotel in Pystian trafen, allerdings zu einer Stunde, da Segel seinen letzten Weg angetreten hat. Man trug seine Leiche, im Totentuch gehüllt, an dem Saale vorbei, in dem Lessing seinen Vortrag über den „Selbsthaß der Juden" gehalten hat. Ironie des Schicksals . . . Segel hat eine ganze Reihe von Werken herausgegeben. Er versuchte sich auch als Dramatiker und schrieb ein Drama „Der Wald", das aber nicht zur Aufführung kam. Während des Weltkrieges gab er außer seiner Studie über „Moriah und Golgatha" eine Schrift „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes" heraus, die eine glänzende Kritik in der gesamten deutschen Presse gefunden hat. Im Jahre 1916 schrieb er eine Studie über die polnische Judenfrage, die großes Aufsehen erregte. Segel hatte die Seelenkraft, seine Meinung herauszusagen, und sprach sich mit seherischem Blick für eine Verständigung der Juden mit den Polen und gegen eine jüdischnationale Politik aus. Segel hat sich dadurch viele Feinde in zionistischen Kreisen zugezogen. Man vergaß alle seine Ver- Peuitieton Adolf Altmann, Geschichte derjaden inStadtundLand Salzburg (1498—1911). Frankfurt a. M. Druckerei Droller, Selbstverlag des Verfassers 1930, VIII, 192 S., 8°. Der erste 1913 erschienene Band dieses Werkes behandelt die Geschichte der Juden in Salzburg bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1498. Seit diesem Zeitpunkte verflossen mehr als dreieinhalb Jahrhunderte, bis Juden dort wiederum Fuß fassen konnten. Man sollte meinen, daß diese judenlose Zeit dem Historiker keinen Ertrag verspricht. Der vorliegende Band belehrt uns jedoch eines Besseren. Altmann verstand es, auch, für diese Periode wichtige, auf den Raum Salzburg und Juden bezügliche Daten zu eruieren und sie geschichtlich auszuwerten. Besonders lebhaft und interessant wird die Darstellung der letzten Dezennien des 18. Jahrhunderts, in deren Verlauf der Jadenleibzoll im Salzburgischen Territorium durch den letzten geistlichen Souverän Erzbischof Graf von Colloredo abgeschafft wurde. Wohl kennen wir einiges darüber schon aus G. Wolfs Schriftchen „Zur Salzburger Chronik". Einen detaillierten Bericht im historischen Rahmen erhalten wir erst durch Altmann. Auch sonst bemüht sich der Autor um eine objektiv-historische Zusammenfassung. Die Liebe zu seinem Thema verführt ihn freilich auch zu einem Fehlurteile, indem er den Mann, dessen Beschwerde gegen eine ihm zu Unrecht auferlegte Leibzollstrafe den Anlaß zur Behandlung der ganzen Frage gab, höher stellt als Wolf Breidenbach, den Kämpfer gegen diese beschämende Abgabe. Zu einem solchen Werturteile gibt uns unsere Quelle keinen Anhalts- Punkt In dem gewiß von einem tüchtigen Advokaten verfaßten Schriftstück findet sich auch kein einziges Wort — es wäre auch am unrichtigen Platze — gegen den Leibzoll als solchen. Dieser Anlaß traf einen von den Ideen der Aufklärung erfaßten Mann, der in jeder Hinsicht bestrebt war, neue Lebensformen anzubahnen, und diesen Gedanken einer höheren Menschlichkeit finden wir auch bei seiner Beamtenschaft Ihre Gutachten sind gewichtige Zeugnisse dieser neuen Art des Sehens und Einsehens. Aber der verheißungsvolle Anfang fand vorderhand keine Fortsetzung. Wohl konnte der Jude die Mautstationen ohne Entrichtung des Leibzolles und Begleitung eines Büttels vorübergehend Salzburgischen Boden passieren, das Niederlassen wurde ihm jedoch verwehrt. Das säkularisierte Salzburg, das innerhalb zweier Dezennien dreimal den Herrscher gewechselt hatte, bis es endlich bei Oesterreich verblieb, verschanzte womöglich noch stärker den Eingang. Die Gutachten der Behörden überbieten sich nunmehr geradezu an .Judenfeindseligkeit. Erst das Staatsgrundgesetz vom Jahre 1867 ermöglicht es dem ersten Juden, und dies nicht ohne Schwierigkeiten seitens der Gemeindeverwaltung, sich in Salzburg dauernd niederzulassen. Das Entstehen und Werden dieser neuen Siedlung bis zur Errichtung der jetzigen selbständigen Kultusgemeinde, ist der Gegenstand der letzten Kapitel. Der Darstellung ist ein reichhaltiger Anhang mit dokumentarischen Belegen beigegeben. Ein anderer Anhang bringt Nachträge zum ersten Band. Wie man sieht, hat sich der Autor um seinen Gegenstand redlich, aber auch mit Erfolg bemüht. Einige Bemerkungen mögen hier folgen: S. 20. n. 2. Benedict Levi Gompers ist sicherlich ein Mitglied der Familie Gomperz. Näheres über Benedict Löb (d. i. Sohn des Löb) Gomperz, s. Freudenthal in dem vom Verfasser erwähnten Werke. S. 352, wo auch auf die Salzburger Angelegenheit Bezug genommen wird. „Bankier von der jüdischen Nation", d. h. ein jüdischer Bankier, hat nichts Auffälliges an sich. — S. 33, n. 4. Die Resolution Josef II. ist vom 1. Oktober 1781 datiert und ist zHletzt bei Pribram, Urkunden usw. 1., S. 476, abgedruckt. — S. 42, n. 1. Der Name lautet zweifellos „üfienheimer". Ueber Götz Gabriel Uffenheimer. der auch ein rabbinisch gelehrter Mann war, vgL mein Wiener Inschriftenwerk II, S. 426 und Testament der Baronin v. Wetzlar. S. 6, n. 3. — S. 40. n. 5. „Eturogsteuer", vgl. dazu G. Wolf in Zeitschrift f. d. Gesch. d. J. in Deutschland III, 1889, S. 91, S. H. Lieben in Monatsschrift 53. S. 770—772. Oest. Wochenschrift (aus Montagsrevue) 1911, S. 727. — S. 122, Nr. 2. Aus Isserleins Gutachten. Pessakim und Kethablm, Nr. 139, möchte ich die Schlüsse des Autors nicht ziehen. Die Quantität einer Siedlung hing zum ailerkleinsten Teil von dem Willen der Juden ab. Die Größe ist durch die Obrigkeit und nicht zuletzt durch ökonomische Ursachen bedingt. Daß Isak aus Salzburg kein rabbinisches Amt bekleidete, schließt der Autor aus der geringen Titulatur. Aus der Beweisführung des Gutachtens, daß zur dadaligen Zeit ein gewöhnlicher Mensch in bezug auf die Bekanntwerdung eines Ihm zugestoßenen Unglücksfalles wie ein Gelehrter in talmudischer Zeit zu behandeln sei, ist zu ersehen, daß Isak überhaupt keine gelehrte Bildung besaß. Bei der ersten Erwähnung seines Namens fehlt auch jede Titulatur. Daß „aus Salzburg"