Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 12 (20.3.1931)
- Date
- 1931-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064465--18299-3083315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union dentschösterreidiisdier Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die tDcmrheif liitlliiUH^rijli Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 > XLV1I. Jahrgang Wien, 20. März 1931 Nummer 12 Das Brillantendiadem. Eine Geschichte aus Chelm, Von Benjamin Wolf Segel s. A. Dieser Tage ist in Bad Pystian der bekannte Schriftsteller Benjamin Wolf Segel verschieden. Die Redaktion der „Wahrheit" verliert in dem Heimgegangenen einen treuen Mitarbeiter, dessen ausgezeichnete Aufsätze von unserem Leserkreise stets mit Freuden begrüßt wurden und immer Interesse und Anerkennung auslösten. Wir geben im folgenden den ersten Artikel wieder, den Benjamin Wolf Segel in unserem Blatte im Jahre 1924 geschrieben hat. Der Aufsatz enthält auch heute noch — nach 7 Jahren — vollste Aktualität wenn auch einzelne Details desselben durch den Zeitablauf überholt sein mögen. D. Red. Chelm ist bekanntlich eine berühmte, eine sehr berühmte Stadt. Man kennt ihren Namen überall, wo Juden, namentlich polnische Juden wohnen. Wo sie liegt, kann ich euch nicht sagen, denn sie ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Aber die polnischen Juden versichern, daß Chelm überall liegt, in jeder Stadt ein wenig. Durch eines zeichnen sich die Bewohner von Chelm besonders aus: Fragt man einen von ihnen: „Woher seid Ihr, lieber Mann?, so antwortet er prompt: „Na, so seid Ihr der Kluge!" Daran kann der freundliche Leser ersehen, daß die Chelmer nicht gerade in dem Rufe besonderer Schlauheit stehen. Dieser Art sind auch die Geschichtchen, die über sie im Umlauf sind. Zu ihrer Entschuldigung pflegt man zu sagen: „Die Chelmer sind gar nicht so dumm, nur — merkwürdigerweise — alle Dummheiten ereignen sich gerade bei ihnen." Sie besaßen z. B. eine sehr alte, berühmte Synagoge, die schon vor undenklichen Zeiten ihre viel klügeren Ahnen erbaut hatten, die Synagoge stand seit Jahrhunderten fest gemauert in der Erde, und hatte allen Wettern und Stürmen und Bränden getrotzt und unzähligen Generationen als Schutz und Zufluchtsstätte gedient. Da begannen die Chelmer auf einmal sich zu schämen, daß die Synagoge so alt war, und fürchteten, sie könnte eines Tages einstürzen. Sie überzogen also die Wände ringsum mit funkelnagelneuer schimmernder Pappe, es war eine Augenweide zum Anschauen. Bald darauf fing die neue Schutzmauer Feuer und die ganze Synagoge ging in Rauch auf. Die Chelmer beschlossen, eine neue Synagoge zu bauen. Der Steinbruch, aus dem die Quadern für den Bau geholt wurden, lag an der Spitze eines hohen Berges. Die Chelmer fingen fleißig an, im Schweiße ihres Angesichts die großen schweren Steine zu Tal zu tragen. Als sie den letzten Stein hinuntertrugen, kam gerade ein Fremder vorbei und sprach zu ihnen: „Wäre es nicht klüger gewesen, die Steine den Berg hinab zu rollen anstatt zu tragen?" „Ei, was für ein scharfsinniger Mann," sprachen die Chelmer; da aber schon alle Steine unten waren, trugen sie sie sämtlich wieder hinauf und rollten sie dann getreulich hinunter. Wie baut man eine Synagoge? Zuerst macht man das Dach, dann das Gebälk, dann errichtet man die Wände und schließlich legt man den Grund. So geht's rascher, und zum Sabbat-Abend war die Synagoge fertig, aber als sich die Chelmer zum Abendgottesdienst versammelten, stürzte die Synagoge ein und begrub die ganze Versammlung unter ihren Trümmern. Als die Verschütteten hervorgezogen wurden, sagten sie: „Das hat man davon, wenn man zu langsam baut." Sie beschlossen, das nächstemal alle Arbeiten auf einmal anzufangen, damit die Synagoge zu Minchah fertig werde. Der Rabbiner, ihr geistiges Oberhaupt, wurde ohne Kopf hervorgezogen. Die Chelmer konnten sich nicht erinnern, ob er früher einen Kopf gehabt hatte, und während sie darüber berieten, ob sie ihn weiter behalten könnten, kam ein Fremder vorbei, den sie um Rat fragten. Der antwortete: „Behaltet ihn nur weiter, hätte er je einen Kopf gehabt, so wäre er ja nicht bei euch Rabbiner gewesen." Einmal beschlossen die Chelmer, sich einen eigenen Mond anzuschaffen, über den sie mit Beginn eines jeden Monats den Segen sprechen konnten. Wie macht man das? Ein vorüberkommender Fremder riet ihnen, auf dem Marktplatz ein großes Becken voll Wasser aufzustellen, um, sobald sich der Mond am Himmel zeigt und sich im Bassin spiegelt, ein Tuch darüber zu werfen, damit der Mond nicht entfliehen kann. Alle diese klugen Streiche endeten ja ziemlich harmlos, aber einmal ereignete sich in Chelm etwas, das einen tragischen Ausgang nahm. Der reichste Mann und größte Wohltäter der Gemeinde, dem sie zum höchsten Dank verpflichtet waren, verstarb plötzlich und hinterließ eine Witwe mit sechs unversorgten Kindern, und es stellte sich heraus, daß er kurz vor dem Tode das ganze Vermögen verloren hatte. Die Hinterbliebenen gerieten in tiefste Not. Zu Lebzeiten des Mannes kam die Frau jeden Sabbat zur Schule mit einem prächtigen Brillantendiadem auf dem Kopfe, einer Perlenschnur um dem Hals, in einen kostbaren Pelz gehüllt. Jetzt verschwand zuerst das Diadem, dann das Perlenkollier usw., bis die Frau schließlich nicht ausgehen konnte, weil ihre Schuhe zerrissen waren. Es nahte ein strenger Winter. Da kam ein Fremder vorbei und sagte: „Schämt euch doch, Chelmer, die Witwe eures größten Wohltäters darben zu lassen. Kauft doch wenigstens warme Schuhe für die Frau und ihre Kinder!" Die Chelmer nahmen sich das zu Herzen, kamen zusammen und berieten. Der Mann hat keinen Sinn fürs Höhere, beschlossen sie, Stiefel rät er uns zu kaufen. Nein, wir wollen so handeln, wie es einer großen Gemeinde würdig ist. Alles, was sie verloren hat, wollen wir der Frau ersetzen. Aber, da wir am Ende doch eine arme Gemeinde sind, wollen wir ihr dieses Jahr das Brillantendiadem kaufen, nächstes Jahr das Perlenkollier, dann den Pelz, schließlich werden wir zu den warmen Stiefeln gelangen. Gesagt, getan. Der geschickteste Mann der Stadt brachte aus Wien ein herrliches Brülantendiadem, und eine Deputation überreichte es der Witwe mit vielen schönen Reden und Versprechungen, daß es so weitergehen werde, bis man zu den Stiefeln gelangt. Sehr befriedigt ob dieses wohlgelungenen guten Werkes begab sich an diesem Abend die ganze Gemeinde zur Ruhe — und war am Ende ganz entrüstet und erstaunt, als man eines Morgens die Witwe und ihre sechs Kinder tot auffand; sie waren vor Hunger und Kälte gestorben, während das herrliche Brillantendiadem mitten in der ärmlichen Wohnung auf dem Tisch prangte ... Noch nie stand die Uesamtjudenheit vor so vielem Elend und so tiefer hilfloser Not, wie seit dem Aufhören des Weltkrieges. Kriegswaisen und Witwen. Pogromwaisen und Witwen, Opfer des wirtschaftlichen Niederganges, Opfer der Geldentwertung, Opfer des antisemitischen Boykotts, Opfer des Numerus clausus. Hundertausende Staatenloser, die nicht wissen, wo sie hingehören, hunderttausende von Auswanderern, die auf allen Ozeanen heimatlos umherirren, einen rettenden Hafen suchend, tausende beschäftigungsloser Aerzte, Juristen, Lehrer und sonstiger intellektueller. Die ehemals zahlreichsten und leistungsfähigsten Gemeinschaften Osteuropas (Rußlands, der Ukraine, der Krim), die von jeher so viel zu allgemein-jüdischen Zwecken beitrugen, sind total niedergebrochen und können ohne auswärtige Hilfe ihr jämmerliches Alltagsdasein nicht fristen, geschweige denn etwas für die Zukunft aufbauen. Die ehemals so blühenden Gemeinden in Posen. Westpreußen, Pommern, Oberschlesien sind verödet, in ganz Polen leiden die Juden unter einem nie zuvor dagewesenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Druck und überdies unter einem inneren Hader und einer Zerrissenheit, die das Schlimmste befürchten läßt. Ueberall in Europa aber hat man eingesehen, daß eine gründliche Umschichtung der jüdischen Gesellschaft unaufschiebbare Notwendigkeit ist, daß alles daran gesetzt werden muß, um die nächste Generation zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit, zum unmittelbaren Erzeuger von Gütern, also zum Ackerbau und zum besseren Handwerk zu erziehen, das allein vor dem Verdrängtwerden sichert. Die einzige jüdische Gemeinschaft, die aufrecht steht, ist die nordamerikanische, und zu ihr schauen auch die Juden von ganz Europa empor. Aber wir haben beschlossen, eine halbe Milliarde Goldmark unter dem Titel „Keren Hajessod" zusammenzubringen, um in Palästina — nicht etwa Waisenhäuser für die Pogromwaisen, nicht etwa Handwerks- und Gewerbeschulen, Ackerbauschulen oder Musterfarmen zu errichten, oder große Ländereten zu erschließen, wo zahlreiche Scharen von Einwanderern Arbeit und Brot finden könnten, die sie in allen Gegenden der Welt suchen. Davon, daß Palästina große Scharen von Einwanderern aufnehmen könnte, ist überhaupt nicht die Rede, höchstens ein ganz kleiner Teil von denen, die gezwungen sind, ihre alten Wohnsitze zu verlassen, hat Aussicht, dermalen in Palästina Unterkunft zu finden. Aber wir gründen in Palästina zunächst eine Universität, eine Nationalbibliothek, ein Nationalmuseum, ein Nationaltheater, eine Nationaloper, eine Kunstakademie, eine Tanzakademie und eine Singakademie wurde nämlich schon vor Jahren gegründet. Dann müssen wir zum Schluß eine Akademie der Wissenschaften haben. Dann wird uns nichts mehr zur vollkommenen Herrlichkeit fehlen. Dazu brauchen wir eine halbe Milliarde Goldmark. Wir sammeln schon beinahe sechs Jahre, und es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis wir das Sümmchen beisammenhaben. Denn unsere fabelhaften Reichtümer existieren nur in der Phantasie der „Weisen von Zion". Aber wenn wir dann alle die aufgezählten Herrlichkeiten besitzen, werden wir mit einem Brillantendiadem auf dem Kopfe