Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 11 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite f -™» Achtung Prima garantiert reines koscheres ausgekochtes Gansfett per kg S4.— nur bei Fritz Herrmann, Wien n., Glockeng. 9 Tel. R 45-0-19, zu haben. Gegen den Antisemitismus. Die Deutsche Liga für Menschenrechte veröffentlicht soeben ihren Geschäftsbericht für das Jahr 1930. In dem Berichte sind mehrfache Aktionen gegen den Antisemitismus erwähnt, u. a. die Aktion gegen den Antisemitismus vor den September-Wahlen und der Protest gegen die Berufung des „Rasseprofessors" Günther an die Universität in Jena. In 60 deutschen Städten ließ die Liga 3000 Plakate eines Aufrufes „An das Deutsche Volk" anschlagen, und wo der Anschlag nicht möglich war, hat die Liga 23.000 Flugblätter verbreitet. Der den Antisemitismus verdammende Aufruf wurde außerdem an 153 Organisationen und 1803 Zeitungen versandt. — Der Fall des Studenten Halsmann spielte auch nach Deutschland herüber und hat die Deutsche Liga gemeinsam mit der Oesterreichischen Liga für Menschenrechte wirken lassen. Ein Teilerfolg ist durch die Entlassung von Halsmann erzielt worden. Die Bemühungen um die Rehabilitierung sehen weiter. Die Katholiken Litauens gegen den Antisemitismus. In einem Gespräch mit dem ITA-Vertreter erklärte ■der Führer der katholischen Partei Litauens Dr. L. B istras, es müsse zwar zugegeben werden, daß anläßlich des Konfliktes zwischen der katholischen Kirche in Litauen und der litauischen Regierung (s. „Wahrheit" Nr. 10) einige Geistliche antisemitische Agitation betrieben haben, doch seien die Führer der katholi- .schen Bewegung Litauens insgesamt absolute Gegner jeder antisemitischen Tendenz. Bedauerlicherweise hätten einige Geistliche die Juden angegriffen und behauptet, daß diese die Regierung in ihrer Haltung gegenüber der Kirche unterstützen, dies sei jedoch in vielen Fällen infolge eines Mißverständnisses geschehen. Die Agitation dieser Geistlichen werde keinesfalls von 4er katholischen Kirche oder von der katholischen Partei in Litauen gefördert. Antipessachkampagne in der Sowjetunion. Die diesjährige Antipessachkampagne in der Sowjetunion, deren Beginn von der jiddisch-kommunistischen Zeitung „Emess" für den 28. Februar angekündigt wurde, dürfte in gemäßigterer Form als in früheren Jahren durchgeführt werden. Das Schwergewicht wird weniger auf streitbare antireligiöse Propaganda als auf Verstärkung der jüdischen Landsiedlung s- und Industrialisierungsbewegung gelegt. An die antireligiöse jüdische Jugend wird der Appell .gerichtet, den Monat vom Purimfest bis zum Beginn des Pessachfestes zu energischerer Durchführung der jüdischen Kolonisationskampagne, sowie zur Unterbringung von Juden in der Industrie auszunutzen. „Emess" knüpft an die Propaganda gegen die Feier des Pessachfestes die Beschuldigung gegen die jüdische Geistlichkeit, daß diese die Umsiedlungs- und Produktivisierungsbeweguns unter den Juden sabotiere. Ein direkter Angriff auf die religiösen Institutionen als solche ist dagegen bisher nicht zu verzeichnen. Die Moskauer Juden lassen aus dem Mehl, das sie sich während des ganzen Winters vom Munde abgespart haben, Mazzoth backen. Die Bäckereien berechnen 40 Rubel für das Backen eines Pud Mazozth. Auf Grund iehördlicher Lizenzen wird in einer Reihe von Bäckereien in Tag- und Nachtschicht gearbeitet, um den -wachsenden Ansprüchen gerecht werden zu können. Am Purim-Abend wiesen die Synagogen einen starken Besuch auf. In Moskau wurde eine Reihe großer Purimkonzerte veranstaltet. Eine jüdische Zeitung muß Kirchensteuern zahlen. Der Verlag des „Israelitischen Wochen- Tilattes für die Schweiz" hatte zeitweise die Rechtsform einer Genossenschaft. Die Steuerbehörde ernob neben den entsprechenden Staats- und Gemeindesteuern auch noch die obligate Kirchensteuer, und zwar nicht nur eine, sondern gleich zwei. Im Kanton Zürich haben nämlich nach dem Steuergesetz auch die .juristischen Personen" Kirchensteuern für die beiden Staatskirchen zu leisten. Die juristische Literatur, schreibt das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz", liat seit jeher gegen die Auslegung der Bundesverfassung Stellung genommen, die zu Konsequenzen führt, daß ein jüdisches Blatt der reformierten und der christkatholischenKonfession helfen muß, sich zu erhalten. Dabei hat die Züricher Steuerbehörde in einem Entscheid ausdrücklich festgestellt, daß die Genossenschaft des „Israelitischen Wochenblattes" nur gegründet war, um den Verlag dieses Blattes zu führen. Die Zeitung teilt mit, daß sie auf die Rechtsform der Genossenschaft, die sie zu Steuerzahlungen an zwei christliche Kirchen nötigt Verzicht geleistet hat Jeder kehre vor seiner eigenen Tür! Die „Neue Welt" glossiert in ihrer letzten Nummer in hämischer Weise die Bestrebungen, die auch im österreichischen Judentum bestehen und eine Innenkolonisation der Juden propagieren. Diese Bestrebungen sind in wiederholten Vorträgen in der „Union" zum Ausdrucke gekommen und auch in verschiedenen Artikeln unseres Blattes wiedergegeben worden. Alle diese Anregungen zeigen die Tendenz, dem derzeit so schweren österreichischen Judenproblem beizukommen und Abhilfe aus einer Not zu schaffen, die von Tag zu Tag unerträglicher wird. Die „Neue Welt" fertigt diese ehrlichen Bemühungen mit dem Satze ab: „Unsere „Union" hat's leicht Sie will's schaffen, es ist fertig." Wir könnten auf diese boshafte Bemerkung mit der Retourkutsche auffahren, daß unsere Zionisten sich die Lösung des Judenproblems noch leichter machen. Sie predigen den Zug ins Heilige Land, ohne sich selbst zu rühren. Daß Palästina eine Lösung der internationalen Judenfrage herbeiführen wird, daran glauben sie schon selbst nicht mehr. Aber immer noch wird mit bombastischen Worten von der „Errichtung eines Judenstaates" gesprochen. Wenn wir da der Ansicht sind, daß das alte Wort: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich" auch für die österreichischen Juden ein Wahrwort ist, dann mag die „Neue Welt" uns gefälligst in unseren Bemühungen, diese redliche Ernährung den österreichischen Juden auch zu ermöglichen, ungestört lassen. Die „Neue Welt" hält die Innenkolonisation für einen Purim-Scherz. In Palästina wurde am Purim von einem maßgebenden arabischen Blatte das Ritualmordmärchen kolportiert. Man konnte an diesem Tage in die Seele der arabischen Bevölkerung schauen, die sich kaum wohltuend von der „Seele der ländlich-sittlichen Bevölkerung Oesterreichs" unterscheidet die die „Neue Welt" der geplanten Aktion als furchtbaren Popanz vorhält. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür, die Zionisten vor ihrer blau-weißen! Deutschland — eine dringende Mahnung. Der Vortrag, den Herr Dr. F. J. Weiß in der „Union" gehalten und den „Die Wahrheit" in mehreren Fortsetzungen wiedergegeben hat, wurde auch von dem Organ unserer deutschen Schwestervereinigung, der Berliner „C. V.-Zeitung" in extenso veröffentlicht. Der Aufsatz hat in Deutschland lebhaftes Interesse gefunden, wie die folgende Zuschrift eines Herrn Karl Erich Cahn unter dem Motto „Oesterreich — eine dringende Mahnung" an die ,,C. V.-Zeitung" beweisen mag: „Der eingehende Bericht des Herrn Dr. Franz Josef Weiß über die bedrohliche Boykottentwicklung gegen die Juden in Oesterreich und über die judengegnerischen Vorstöße auf allen Gebieten hat sicher mit mir viele Leser dieser Zeitung tief bewegt. Man könnte verstehen, wenn die Schilderung der den Juden wirtschaftlich und politisch recht unangenehmen Folgen manchen veranlassen könnte, die Dinge treiben zu lassen oder sich gar die Redensart zu erlauben, gegen solche Gefahren und Entwicklungen könne man doch nichts ausrichten. Solche Verzweiflungsstimmen scheinen in Oesterreich leider weit stärker zu sein als in unserer deutschen Heimat. Denn wo ist die großzögige, umfassende jüdische Abwehr- und Angriffsbewegung gegen Wirtschaftsboykott und politische Verhetzung in Oesterreich? Wir wissen zwar, daß in Oesterreich die „Union deutschösterreichischer Juden" besteht, die unter der Führerschaft von Dr. Jakob O r n s t e i n alles das in diesem Kampfe leistet was sie kann; aber eben nur das, was sie kann. Denn leider findet sie bei der großen Menge der österreichischen Juden statt warmherziger Unterstützung nur mangelndes Verständnis und laue Zurückhaltung. Die österreichischen Juden, die bisher der „Union" die kalte Schulter zeigten, mögen sich ernstlich überlegen, ob sie es vor sich und ihren Kindern verantworten können, die Dinge so treiben zu lassen wie bisher. Bei uns liegen erfreulicherweise die Verhältnisse besser. Unser Centraiverein hat ganz andere Scharen hinter sich, um eine weitaus schlagkräftigere Arbeit nach innen und nach außen leisten zu können, als die mutige „Union" in Oesterreich dies unter den obwaltenden Umständen gegenwärtig zu tun in der Lage ist Wer jetzt mit billigen Ausreden sich seinen Pflichten als Deutscher und Jude entzieht oder wer da feige abseits steht der darf sich nicht wundern, wenn eines Tages die Wellen über ihn hinwegbrausen." VonWodke xuWodäe Großer Wahlsieg der Kultuspartei in Budapest. Wie bereits gemeldet, hat die P e s t e r israejiitische Religionsgemeinde eine Aenderung der Gemeinde-Staruten vorgenommen und Neuwahlen ausgeschrieben. Mitglied der Gemeinde kann jeder in dem Gebiete der Kultusgemeinde wohnende Jude ohne Rücksicht auf das Geschlecht, sofern er der Kultusgemeinde eine Steuer entrichtet, werden. Die Sonntag, den 8. März d. J., stattgefundene Wahl brachte der unter Führung des verdienstvollen Präsidenten Hofrat Samu Stern und des Reichsratsabgeordneten Paul Sandor stehenden neuen Kultuspartei einen großen Wahlsieg. 80 Prozent der Stimmen wurden für Präsident Hofrat Samu Stern und seine wackeren Mitarbeiter abgegeben. Hofrat S. Stern wurde herzlichst beglückwünscht und er verspricht, sein großes Arbeitsprogramm in den nächsten fünf Jahren zu verwirklichen. Aptowitzer, derAgadist In den nächsten Tagen feiert Prof. Dr. V. Aptowitzer von der Israel.-theol. Lehranstalt in Wien seinen 60. Geburtstag. Aus diesem Anlaß eine umfassende Darstellung seiner Persönlichkeit und seines Werkes zu bieten, wäre eine ebenso ehrenvolle wie selbstverständliche Pflicht. Leider reichen weder meine geistigen Mittel, noch der mir zur Verfügung stehende Raum für diese so schöne und verlockende Aufgabe. Ich will daher versuchen, die Gestalt des Meisters von einem Gesichtspunkt zu erfassen, dun ich zu kennen glaube. Aptowitzer als Agadist ist heute ein Begriff. Seit jeher galten die herrlichen Dichtungen und Spekulationen der Agada als ebenso schön wie . . . belanglos. Boten sie ja keine Handhabe für die Entscheidung ritueller Fragen. Wohl erfreuten sie das Gemüt, trösteten und beruhigten; wie selten waren aber Freude, Trost und Ruhe im jüdischen Leben. So wurde der religionsgesetzliche Teil der rabbinischen Literatur — die Malacha — sorgfältig behütet und mit unzähligen Kommentaren versehen, überliefert; dagegen ist der weltanschauliche dichterische Teil — die Agada — nur lückenhait und unerklärt erhalten geblieben. Die moderne jüdische Wissenschaft tat die Agada nicht mehr als belanglos ab, versuchte vielmehr ihr einen Sinn abzugewinnen. Trotzdem schrieb Güdemann, einer der erfolgreichsten auf diesem Gebiete: „Schmetterlinge zu dressieren, aus Sonnenstrahlen ein Haus zu bauen und die Agada in ein System zu bringen, sind Versuche, die dem Unternehmer den gleich sicheren Erfolg versprechen". Diese Meinung wurde von Aptowitzer dahin korrigiert, daß man auch Sonnenstrahlen zu Strahlengarben vereinigen kann, daß auch die buntfarbigen Schmetterlinge sich nach Familien ordnen lassen. Aptowitzers Grundsatz lautet: Die Agada ist ein einheitliches Gebilde, von einem herrlichen, harmonischen Zusammenhang, der weder durch Verschiedenheit der Quellen, noch durch Zeitunterschied gestört wird. Mit diesem Zauberspruch bewaffnet, drang Aptowitzer in den Urwald der Agada und verzauberte Paläste erschienen vom Gestrüpp beireit, unsichtbare Kunstwerke kamen nun zum Vorschein. Herrliche Klänge, die bisher unbemerkt verhallten, ertönten und kündeten vom Schauen und Dichten, vom Sehnen und Streben, vom Kampf und Freude vergangener Jahrtausende. Die starre, totgeglaubte Agada bekam Sinn und zeigte sich als herrlicher, von Schönheit übersprudelnder Edelstein, leuchtend im Feuer des Geistes und des Scharfsinns. Aptowitzer erweckte dies alles zum neuen Leben. Er, der erste unter denjenigen, die Agada durchforscht der kongeniale Meister jener, die Agada geschaffen. Das Schicksal, das der Israel.-theol. Lehranstalt ihre Krone, den Rektor Prof. Dr. Schwarz genommen, hat verfügt daß Aptowitzer mit dem Beginn des siebenten Jahrzehnts seines Lebens die Lehrkanzel für Agada anderen Händen Ubergeben muß, um die wissenschaftliche Talmudforschung, die der verewigte Hofrat Schwarz eingeführt und hochgehalten, weiterhin zu entwickeln. Seine Verbindung mit der Agada wird durch dieses Scheiden von der Lehrkanzel nicht gelöst denn sie war nie etwas äußeres, durch den Lehrauftrag bedingtes, diese Verbindung kam von den inneren Schatzkammern der Seele. Möge es dem großen Meister der Agada gegeben sein, sein Werk viele, viele Jahre fortzusetzen und zu krönen. Dr. Benjamin Murmelstein. REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Mr. 30a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN l REICHE AUSWAHL IN HIBRBIKA UNO JUDAIKA Ii» englischer and franzSslseber Literatur MONATSGEBUHR NUR 3.— KEINE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH l