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Die Wahrheit · 1931-03-13 · Heft 11 (13.3.1931) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 11 (13.3.1931)
Date
1931-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Berflhmfe Jüdische Männer 1 i und fronen in der Ploslfc s ■j. mma^^m g ■ u-A. Alfred Grünfeld, Bronislav Hubermann. Frit2 ■ S Kreisler, Moszkovsky. Rubinstein, Jascha Heifez, ■ ■ Jehudo Menuhin, Mischa Elmann, Josef Rosenblatt. ■ ■ Sulzer, Duschkin, Erika Morini und das Rose"- J S Quartett können Sie jederzeit in Ihrem Heim auf ■ ■ elektrisch aufgenommenen Schallplatten hören. ■ ■ Ausführliche Verzeichnisse auf Wunsch kostenlos im ■ S Musikhaus LEO TUBLIN S ■ (Hailh-inlonl I 5 Wien L, JasomirgottstraBe 6. - Tel. U 26-9-84 ■ in meiner alten Heimat mit verschiedenen Melodien gesungen. Der Psalm 144 (L'david baruch), der hierzulande allüberall am Sabbatausgange von der Gemeinde unisono gesungen wird, ist in Rußland eine völlig unbekannte Melodie. (Diese Melodie hat gewiß mit jüdischen Tonarten nichts Gemeinsames.) Mein gelehrter Vater s. A. lebte einige Jahre in England und trug mir eine Melodie zu Jigdal vor, die dort jedes jüdische Kind kennt. Mein Bruder Leon, Präses der Reformgemeinde in Jonkers N. Y., besuchte mich vor einigen Jahren, und als ich ihm gelegentlich „Lieder ohne Worte" von Mendelssohn am Klavier vorspielte und Nr. 9 (E-Dur) zu Gehör brachte, fragte er mich, ob wir dieses „englische Lied" auch in unserem Tempel singen? In Jonkers und in anderen Tempeln singe man es jeden Freitagabend. Daß der Gesang bei den Chassidim, wo der Wunderrabbi von Zeit zu Zeit Melodien direkt als „himmlische Inspirationen" empfängt, eine sehr heilige und ekstatische Sache ist, ist ja begreiflich. Trotzdem erfuhr ich seinerzeit von verläßlicher Seite, daß man bei einem Schalisch seudes (Sabbatausgangsmahlzeit) „Jon, Ribbaun olam!" nach der Melodie „Margarete, Mädchen ohnegleichen!" sang. Die Rhythmik fügt sich sehr gut. Dies knappe Streiflicht, das in X Beispielen gebracht werden könnte, ist allen jüdischen Chasanim und Gesangskundigen wohl bekannt! Und nun zur Sache: Mein Aufsatz fand begreiflicherweise Anfechtung; die jüdische Malkunst, die jüdische Philosophie mögen negiert werden, bloß die jüdische Musik muß schorir wekajom (aufrecht)bleiben! Bislang waren es die verehrten Herren Rabbiner Doktor Kahan in Znaim und Oberkantor Gerson Margulies in Wien, die Stellung gegen meine Behauptung nahmen. Die Genannten unterlassen den Versuch, meine im ersten Aufsatze angeführten Argumente anzufechten. Ersterer berief sich auf eine Aufzeichnung Goethes, wonach in dessen Familie sich eine Komposition befinde (ein Psalm ins Italienische übertragen), die ein italienischer Tondichter nach der „Intonation" eines deutschen oder spanischen Juden in Musik gesetzt. Nach meiner Lesart: eine deutsche oder spanische Weise. Herr Kollege Margulies drückt sich bestimmter, präziser aus: „Wenn man zwei Melodien, die eine von Verdi, die andere von Mozart, beide in derselben Tonart geschrieben, anhört, wird jeder musikalische Mensch, trotzdem sie in derselben Tonart geschrieben sind, dem Stile nach sofort erkennen usw." Der Vergleich ist leider nicht zutreffend, denn Verdi und Mozart (zwei Weltkoryphäen) sind in ihrem Stil so prägnant und originell, d:iß sie der Musikgewandte bei der ersten Phrase erkennt. Prof. Dr. Max Graf antwortet dein Fragesteller sehr kurz und unverbindlich, aber — wohlwollend. „. . . daß es meiner Ueberzeugung eine jüdische Musik gibt. (Gleichsam:) Sie möge sich entwickeln und entfalten!" Ein Wunsch, auf den auch ich mit Amen! antworten würde. Prof. Artur Wolf spricht mit meinen Worten: .....eine diesbezüglich aufgeworfene Frage wurde im Gegenteil von diesen Herren stets verneint" Sie hören nun, geschätzter Herr Kollege, daß ich nicht sozusagen aus hohlem Fasse spreche! Und nun zum Kernpunkt: Nicht bloß Verdi und Mozart auch andere Komponisten können uns nicht als Exempel dienen. Denn, daß es eine deutsche, italienische, ungarische, spanische usf. Musik gibt, darüber besteht kein Zweifel. Jedes Volk, das seit Jahrtausenden bodenständig ist, singt und spielt, redet und denkt eine eigene Weise, nicht aber kann ein Volk, das seit zweitausend Jahren in allen Weltteilen verstreut lebt — a 1 s o b e ispiellos in seiner geographischen, richtiger klimatischen Lage, in seiner Mentalität und im Temperament —, ein Nämliches von sich behaupten. Dieses Faktum lasse man nicht außer acht! Die von uns bevorzugte Tonart hatten wir niemals als „jüdisch" bezeichnet wir nannten sie phrygisch. wiewohl diese die Tonleiter a, b, c, d, e, f, g, h trägt wir aber eis und gis in der Skala gebrauchen, eine Tonart, deren Benennung ich geflissentlich unterlasse, um mich nicht neuerlichen Mißverständnissen auszusetzen. Anton Rubinstein, von dem man in Rußland rühmte, daß jeder seiner Notenköpfe mit je einem Rubel honoriert wurden, hatte (als jüdischer Stämmling) sich sehr gehütet, eine jüdische Tonart für den „Asra" zu verwenden und fuhr eigens nach Jemen (wie ich bereits im ersten Auisatze betonte), diese Tonart zu erfassen. Es heißt sogar, der Komponist wäre dem Autor (Heinrich Heine) aufgesessen: Nach allen Forschungen erwies es sich, daß es in Jemen niemals einen Stamm der Asra gab und daß der Name vom lateinischen Asinus (Esel) abgeleitet ist — „welche sterben, statt zu lieben". Im „Musikkonservationslexikon" von Hermann Mendel (Robert Oppenheim-Verlag, 1875) bringt C. Billert eine großangelegte Arbeit über die Musik der Hebräer, vom Urbeginn — also vom Jubal (1. B. M. 4, 21). dem ersten Erfinder der Saiten- und Blasinstrumente — bis zur höchsten Entwicklung. Die wissenschaftlich überaus wertvolle Arbeit, die die jüdische Musik sehr lobt kommt schließlich zu folgendem Resultate: ,J3ie fast ein Jahrtausend das Land der Hebräer durchflutenden Kriegsheere fremder Völker, sowie die Empörungen im Lande hatten, nicht allein stets die Tatkräftigen des Volkes dem Tode geweiht und die zuletzt noch darin Wohnenden in alle Winde zerstreut, sondern auch alle Monumente, die noch vielleicht über die Musik der Hebräer zu berichten vermöchten, vernichtet Was. bisher etwa noch geblieben, zerstörte der Fanatismus der Mohammedaner und der Kampf der Kreuzfahrer. Das zerstreute Volk der Hebräer suchte in der Fremde gewiß auch die alten Gesänge zu wahren, doch, da nichts dieselben Fixierendes vorhanden, konnten sie dies nur nach Maßgabe ihres Gedächtnisses unternehmen . . ., daß man aus demselben nichts mehr vom Original zu erkennen vermochte.. . ." Es wird also kein Atom vom jüdischen Genius winziger — unsere Komponisten werden nach wie vor ihren Ruhm bewahren, wenn es auch meiner Ansicht nach keine spezifisch „Jüdische Musik" gibt! Uarofftntlichunqait dar Union d*u+sc>>ös+erra!cViscbftÄq<Un Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 GROSSFLEISCHHAUEREI HIGH. KORNMEH1 %mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm^mmmmmmt^mmmm WHN IX., BIROOASSm NR. 1« tiuiufti xvm., wImmmomsims» » T.ltpbon Nr. A 17-349 an 4 A 1W-3« UafwMtnt ItaHntWlM AbtcilungenfflrKoscherfleisch Mter JUifslaM Sämtliche Fleischsorten von ausschliefllicb Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreis«« Bezirksorganisation Leopoldstadt. Donnerstag, den 5. d. M. fand im Klubsaal des Grand-Cafe Central unter dem Vorsitze des Obmannes, Herrn Direktor Gustav K o 1 m i n, eine gut besuchte Mitgliederversammlung der Bezirksorganisation II der „Union" statt. Herr S. Taubes hielt an diesem Abend einen gehaltvollen und geistreichen Vortrag über „Die Psychologie des Antisemitismus" und erweckte mit seinen ausgezeichnet vorgetragenen Ausführungen lebhaftes Interesse und laute Zustimmung der Versammlung. Der Vortrag baute sich auf streng logischer wissenschaftlicher Basis auf, obwohl der Redner seine Abhängigkeit vom positiven Glauben, von der jüdisch-monotheistischen Religion, als gegeben voraussetzte. Diese Bindung an den Glauben bei streng wissenschaftlicher Methodik ist aber nicht so zu verstehen, daß vielleicht religiöse Dogmatik und wissenschaftliche Untersuchung verquickt werden. Vielmehr entwickelt der im Religiösen wurzelnde und geschulte Geist eine besondere Art von Logik, die sich von der anscheinend voraussetzungslosen Wissenschaft (es gibt keine völlige Voraussetzungslosigkeit) durch ihre Bestimmtheit vorteilhaft unterscheidet und zu überraschenden Resultaten führt. Mit dieser religiös fundierten Psychologik, die als „religiöse Psychologie" definiert werden mag, unterzieht der Redner dann das Problem des Judenhasses, den Antisemitismus, einer eingehenden Analyse. Es werden zunächst alle herkömmlichen Motivationen des Judenhasses geprüft und als unzureichend verworfen. Denn immer wieder werden Belege gebracht, aus denen klar zu ersehen ist, daß bei gleichen oder noch weiter reichenden Verfehlungen und Ausschreitungen jener Haß niemals in dieser ganz spezifischen Weise zutage tritt, als wenn es sich hierbei um Juden handelte. Weder kann, unter anderen, das wirtschaftliche Motiv, das in den Vorwürfen gegen eine übermäßige kapitalistische Entfaltung der Juden gipfelt, als eine hinreichende Erklärung für Ursprung, Form und Ausmaß antisemitischer Aeußerung und Wirksamkeit gewertet werden, da auf diesem Gebiete Nichtjuden bei weitem hervorragen. (Amerikanische Großmilliardäre.) Der extrem gegensätzliche Vorwurf des politischen Radikalismus ist letztlich ebenso nicht stichhältig, da dieser Radikalismus sich beispielsweise in der französischen Revolution und heute im bolschewikischen Rußland unter der obersten Führung von Nichtjuden auswirkt. Es wird sodann die Betätigung der Juden auf den rein geistigen Gebieten der Wissenschaft, der Philosophie und der Kunst, ferner auf denen des gesellschaftlichen und sittlichen Lebens untersucht und in Hinsicht auf ihre etwaige, von den Antisemiten besonders gerne stigmatisierte zersetzende und schädliche Wirkung geprüft, ohne daß jedoch hierbei — nach objektiver Vergleichung mit den Lebensäußerungen anderer Völker — ein solches Uebermaß an Entartungserscheinungen festzustellen möglich wäre, als daß sich hierdurch der Antisemitismus rein äußerlich erklären, geschweige rechtfertigen ließe. Dennoch vermag man, bei einiger Achtung vor großen und hartnäckig sich behauptenden historischen Erscheinungen, wie sie der Antisemitismus darstellt, denselben nicht so ohne weiteres als unbegründet bezeichnen. Nach dieser Reihe von Negationen aller herkömmlichen, psychologischen Motivierung des Judenhasses, knüpft der Redner an die zur sittlichen Führung der Menschheit bestimmte Berufung des Judentums an. Trotz der gegenwärtig augenscheinlichen sittlichen Dekadenz auch in den Reihen des Judentums selbst, die vom Redner einer leidenschaftlichen Kritik unterzogen wird, will er diesen Anspruch auf eine sittliche Führerrolle des Judentums nicht aufgeben, welch letztere ihm aus der Tatsache, daß die Vermittlung des sittlichen Monotheismus an die Völker gerade durch das Judentum erfolgte, fest begründet erscheint. Der Antisemitismus ist nun nichts anderes, als die elementare Auflehnung der Menschennatur gegen die in einem Volke personifizierte IdeederMoral, gegen die im Judentume leibhaftig in die Welt getretene Sittlichkeit und letzten Endes moralisch-religiös bedingt, unbeschadet, daß das religiöse Empfinden der Gegenwart bei Juden und Nichtjuden, bei Hassern und Gehaßten, auf ein sehr tiefes Niveau herabgesunken ist. Denn tiefinnerlich und latent bildet die moralisch-religiöse Spannung zwischen den Völkern und dem Judentum den Kern, das eigentliche Wesen des Antisemitismus. Bei allem Stolz auf diese, wenn auch angefeindete hohe Berufung des Judentums und trotz seiner entschiedenen Weigerung, sich des Glaubens an diese religiöse Sendung des jüdischen Volkes zu entschlagen, verkennt der Redner durchaus nicht, zu welch unseligen Komplikationen es führen muß, wenn der zur sittlichen Führung Berufene in vielfacher Hinsicht selbst sittlich entartet erscheint und an der allgemeinen Dekadenz der Sittlichkeit Anteil nimmt Daraus und in der Herabminderung des religiösen Lebens und Glaubens bei Juden und Nichtjuden, sieht der Redner die Ursache für den heutigen blinden und militanten Rassenantisemitismus, der bei einer allgemeinen Wiedererweckung und Hebung des religiösen Gefühles in die Grenze eines bloß konfessionellen Antagonismus zurückgedämmt werden würde. An den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine Diskussion an, in der zunächst Sekretär Oskar Hirschfeld sprach, der die wirtschaftlichen Grundlagen des Antisemitismus als besonders gewichtige bezeichnete, im übrigen aber den Schlußappell des Vortragenden nach innerer Einkehr nochmals unterstrich. Reg.- Rat Dr. Max Lenk erklärte, daß im Sinne der Ausführungen des Referenten wohl tatsächlich ein tieferer seelischer Grund für den Antisemitismus vorhanden sein müsse, während die landläufigen materialistischen Erklärungen für den Judenhaß nur fadenscheinige Argumente der Neuzeit sind. Er knüpfte sodann an einen jüngst in Wien gehaltenen Vortrag des Herrn Professor Theodor Lessing aus Hannover über „Jüdischer Selbsthaß" an. Als eine Form dieses „Selbsthasses" erwähnte Dr. Lenk

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