Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 11 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite £ DIE WAHRHEH es sei für die arabische Exekutive „völlig unmöglich, mit Dr. Weizmann oder einem anderen Vertreter der Judenheit zu einer Verständigung zu gelangen". Die Versammlung billigte den erwähnten Protest des Büros der Exekutive. Schließlich betonte die Exekutive neuerdings den von ihr seit jeher vertretenen Standpunkt, daß ein allgemeiner arabischer Boykott erklärt werden müsse, und bekräftigte ihre früher gegen das Mandat und die Balfour-Deklaration gefaßten Beschlüsse. Diesen Entschließungen der allmächtigen arabischen Exekutive kommt besondere Bedeutung zu. Sie beweisen, daß die Araber auf ihrem den jüdischnationalen Palästinaaufbau ablehnenden Standpunkt verharren und durch das Schreiben Mac Donalds mehr denn je empört sind. Ob es den Engländern durch ihre lavierende Taktik gelingen wird, diese Mißstimmung zu beseitigen, ist noch eine große Frage. Es scheint, als ob sie durch ihr Festhalten an der Forderung einer gesetzgebenden Körperschaft (Legislative Council) für Palästina, in die nach dem Proporz gewählt werden soll, die Araber versöhnen wollen. Von dieser Forderung geht nämlich die englische Regierung absolut nicht ab. Der politische Korrespondent der stets gut informierten Londoner „J ewish Chronicle" behauptet in der letzten Nummer dieses Blattes, von besonderer Seite erfahren zu haben, daß die Vertreter der englischen Regierung im Verlaufe des ersten Teiles der Verhandlungen mit der Jewish Agency eine Wiederaufrollung des Problems einer gesetzgebenden Körperschaft für Palästina endgültig abgelehnt haben. Die Mitglieder der zionistischen Exekutive, die diese Londoner Beratungen mit der englischen Regierung gepflogen haben, haben bekanntlich die Erklärung abgegeben, daß die Frage des „Legislative Council" noch nicht zur Debatte gestellt worden sei. Die Information des Korrespondenten des „Jewish Chronicle" ist mit dieser Erklärung nicht in Einklang zu bringen. „Jewish Chronicle" führt sogar die näheren Umstände an, unter denen die Vertreter der englischen Regierung ihren ablehnenden Standpunkt bekundet haben. Das Blatt behauptet, Weizmann habe zwar im Laufe der Verhandlungen die Forderung aufgestellt, daß der Legislative Council nicht eingesetzt werde, doch habe die Regierung an ihrem Standpunkt festgehalten, daß dies vondenArabernalsfeindseliger Akt aufgefaßt werden müßte. Die englische Regierung bleibt also in wohlverstandenem eigenen Interesse in dieser Frage unnachgiebig, unnachgiebig trotz des Widerstandes, den sämtliche Feuilleton Vom jüdischen Sprichwort. Von Löbel Taubes, Wien. (Schluß.) Von der großen Zahl Sprichwörter, die sich, abgesehen von dem Buche der Sprüche, in der ganzen Bibel zerstreut finden, ist insbesondere auf eins hinzuweisen, das zwei Propheten, Jeremia und Ezechiel, bei gleicher Gelegenheit anwenden. Beide wollen die verbannten Juden aufmuntern, ihnen frischen Mut und neue Hoffnung eingeben, daß bessere Zeiten für das Volk Israel kommen werden, und wollen ihnen die Zuversicht geben, daß die Kinder nicht mehr leiden werden für die Sünden ihrer Eltern. Das Sprichwort von den sauren Trauben, die die Eltern gegessen haben, und die den Kindern die Zähne stumpf machen, hat gewissen lokalen Charakter getragen, dem Lande Palästina angepaßt Gegen diese Redensart wendet sich die frohe Verheißung Ezechiels (Ez. 18, 3): „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr, ihr sollt nicht lange mehr dies Sprichwort in Israel führen." Und weiter ebd. 20): „Die Person, die sündigt, muß sterben; der Sohn soll nicht mittragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht mittragen die Schuld des Sohnes; die Gerechtigkeit des Gerechten kommt über ihn selbst und der Frevel des Frevlers kommt ebenfalls über ihn selbst". Noch weiter geht der Prophet Jeremia. Er tröstet das Volk mit herzlichen Tröstungen: er will ihm das Vertrauen wecken, daß Tage kommen werden, in denen das Haus Israel und das Haus Juda wieder neu gesät werden, in denen Gott ... sie bewachen, sie aufbauen und pflanzen wird; „in jenen Tagen wird man nicht mehr sprechen: die Väter haben Herlinge gegessen, und die Zähne der Kinder sind stumpf geworden, sondern jeder wird um seine Schuld sterben, jeder Mensch, der Herlinge gegessen hat, dem werden die Zähne stumpf werden (Jer. 31, 27-^30). Jeremia geht also einen Schritt weiter, insoweit er kündet, daß keiner mehr für die Sünden anderer leiden wird, und demgemäß auch das Sprichwort der neueren Weltanschauung anpaßt Statt daß man zuvor zu sagen pflegte, „die Väter haben Herlinge gegessen. jüdische Parteien in Palästina der Errichtung einer solchen gesetzgebenden Körperschaft entgegensetzen. So hat erst unlängst der Parteirat der jüdischen Arbeiterpartei einen Beschluß gefaßt, wonach sich die Arbeiterpartei mit den übrigen jüdischen Gruppen des Landes in der Bekämpfung eines Legislative Council in der Form, wie er im Weißbuch vorgeschlagen wird, vereinige. Das Zugeständnis der Arbeiterpartei, daß sie sich für eine parlamentarische Körperschaft einsetzen wolle, die zu je einem Drittel aus Juden, Arabern und Regierungsbeamten zu bestehen hätte, wird den Arabern wie den Regierungsbeamten wohl nur ein mitleidiges Lächeln entlocken. So sind in Palästina die jüdisch-arabischen Beziehungen wieder einmal in gefährlicher Weise zugespitzt. Der Brief Mac Donalds begegnet der entschlossenen Opposition der Araber und die Situation hat durch ihn keine Erleichterung, sondern nur eine Erschwerung erfahren. Das ist um so bedauerlicher, als jedermann weiß, wie wichtig ein günstiger Stand der jüdisch-arabischen Beziehungen für den Wiederaufbau Palästinas ist. In diesem Sinne unterschreiben wir die klugen Worte, mit denen der genaue Palästinakenner Dr. Alfred Wiener, Sjmdikus des Berliner „Centrai-Vereines", einen Artikel in der Zeitschrift dieses Vereines beschließt, in dem er die neue Phase der Palästinapolitik einer kritischen Betrachtung unterzog. Dr. Wiener ruft jenen, die in dem Briefe Mac Donalds einen durchschlagenden Sieg Weizmanns feststellen zu können glauben, mit vollem Recht zu: Nur der Weg zu den Arabern, mag er durch Dornen und Wüsten führen, ist der Weg des Heils, der Derech hamelech . . . Nur die Annäherung zwischen Juden und Arabern, kein Mac Donald-Brief, schafft die Atmosphäre des Friedens, die Pistolen, Gewehre und Keulen zerfallen läßt Das sollte guter Wille auf beiden Seiten erreichen können. Das wünschen wir aufrichtig Palästina in seiner Zerrissenheit, wenn wir auch nach wie vor nur an einen Erfolg kolonisatorischer Palästinaarbeit, nie aber solcher mit nationalem Ziel unerschütterlich glauben. »HMMIIIIMMmilllllllMIHIIMIIMIIIW «»»■■■■■•■■■■■■■•■■■■■■•». I Behördl. autor. Häuseradministration : I ADOLF KRALL]! IV., Schleifmühlgasse 11 i I Telephon B 29-1-46 ■ empfiehlt sich zur Ober- : | nähme von Verwaltungen j : Erstklassige Referenzen : m - und die Zähne der Kinder werden stumpf" hat das Sprichwort nun die Form „jeder, der Herlinge ißt dem werden die Zähne stumpf". Bemerkenswert ist nur, daß sich dieses Sprichwort bis in ganz späte Zeiten erhalten hat und gerade in seiner ältesten Form. So findet sich im Talmud (Sanh. 38 b) der Ausspruch des R. Jochanan: 300 Fabeln von Füchsen hat R. Meir gekannt wir aber haben nicht mehr als 3: „die Eltern essen Herlinge, den Kindern werden die Zähne stumpf" (Ez. 18, 2); „Gerechte Waagschale, gerechtes Gewicht" (3. Mos. 19, 36) und „der Gerechte wird aus der Not gerettet und der Frevler kommt an seine Stelle" (Sprüche 11, 1). Wenn R. Jochanan die drei Stellen aus der Bibel anführt (eine aus der Thora, eine aus den Prophetenbüchern und eine aus den Schriften), und diese als drei Sprüche von Fuchsen bezeichnet die auf seine Zeit überkommen seien von den 300 Fuchsfabeln des R. Meir, so zeigt sich, daß verschiedene Fuchsfabeln gedichtet worden sind, deren moralische Lehre in einem gewissen Zitat aus der Thora ausgesprochen wurde. Sonst würde man nicht verstehen, was beispielsweise das Zitat „Gerechte Waagschale, gerechtes Gewicht" bedeutet inwiefern in der Erwähnung eines Satzes der Thora daraus eine Fuchsfabel geworden sein könnte, oder gar das Zitat das Ezechiel, das doch auch nur der Schluß eines Schriftverses ist Die erwähnten 300 Fuchsfabeln sind also gewiß Dichtungen gewesen, die R. Meir vielleicht alle allein gemacht hat oder von denen sich bei ihm eine Sammlung fremder Dichter befand, und wahrscheinlich haben manche dieser Fabeln mit einem Zitat aus der Bibel geschlossen, wie das aus den drei von R. Jochanan erwähnten hervorgeht Einen sehr ehrenvollen Platz nimmt das Sprichwort in der talmudischen Literatur ein. In Gemara und im Midrasch finden sich zahllose Sprichwörter, die direkt als Volksschöpfung angegeben und angeführt werden mit Ausdrücken wie „So sagen die Menschen", oder „Menschen sagen", oder „Das Sprichwort sagt", oder „die gewöhnliche Redensart sagt". Es finden sich auch Sprichwörter, die als lokale angeführt werden, mit der Anführung „so sagt das Sprichwort in Jerusalem" u. dgl. Welche Bedeutung die Weisen des Talmud dieser Volksschöpfung beigemessen haben, ist daraus zu ersehen, daß zu den Vorzügen und Kenntnissen, mit denen hervorragende Personen gerühmt werden, auch die Kenntnis von Sprichwörtern gerechnet wird. Biutheschuldigung in Palästina. Die Jerusalemer arabische Zeitung „Falast in" veröffentlichte unter dem Titel „Arabische Kinder von einem jüdischen Verbrechergestohlen. WurdedieTatzum Zwecke der Blutentnahme verübt?" eine Notiz, durch die zum erstenmal in Palästina und zum erstenmal im vorderen Orient seit der Ritualmordaffäre von Damaskus öffentlich die Blutbeschuldigung gegen die Juden erhoben wird. In der Notiz wird mitgeteilt, ein arabischer Gemüsehändler, namens Mahmud Ahmed al Sayed, habe, als er am Samstag, den 28. Februar, abends, nach Jaffa kam, in der Nähe der Regierungsschule den Juden OmarLevi getroffen, der einen weiten Mantel trug, unter dem er anscheinend einen größeren Gegenstand verbarg. Sayed habe Verdacht geschöpft und habe, als er sich dem Juden näherte, die Stimmen schreiender Kinder gehört. Auf Sayeds Aufforderung gab der Jude einen Knaben und ein Mädchen, Kinder von Said Almadhoun, frei. Er war sehr erschrocken und behauptete, er habe die Kinder bloß zu seinem Vergnügen spazierengeführt. AI Sayad veranlaßte die Verhaftung Omar Levis. „Falastin" knüpfte an diesen Bericht, der angeblich seinem Herausgeber von dem arabischen Gemüsehändler persönlich übergeben wurde, die Vermutung, daß Levi Kinder, die in letzter Zeit in Haifa und in anderen Orten verschwunden sind, zu Ritualmordzwecken gestohlen hat. Das Mitglied der Executive der Jewish Agency, Colonel Kisch, hat beim Chefsekretär Y o u n g vorgesprochen und ein behördliches Einschreiten gegen die arabische Zeitung wegen Verbreitung dieser gefährlichen Verleumdung gefordert. Der High Commissioner hat auch die Suspendierung der arabischen Tageszeitung „Falastin" wegen Veröffentlichung der Notiz, in der die Blutbeschuldigung gegen den Juden Omar Levi erhoben worden war, angeordnet. Gleichzeitig hat der High Commissioner den stellvertretenden Generalstaatsanwält angewiesen, die Möglichkeit einer strafrechtlichen Verfolgung des Blattes wegen Verbreitung dieser hetzerischen Verleumdung zu prüfen. Oerlanst in Oafes usw. „Die Wahriieir^f Von dem großen R. Jochanan ben Sakkai wird berichtet daß er keinerlei Dinge der Thora und der Weisheit überliefert habe, die er nicht gründlich erlernt hatte und daß dazu auch die Agada gehört wobei besonders betont wird seine Kenntnis der Redensarten von Wäschern (das will sagen die Sprüche des einfachen Volkes), die Fabeln von Füchsen usw. (Sukkah 28a). Auch von seinem großen Lehrer, dem berühmten Hillel dem Aelteren, wird mitgeteilt daß er alle Wissenszweige, alle Sprachen, die Sprache von Berg und Tal, von Baum und Kraut von Wild und Haustier (d. h. die Naturwissenschaft) studiert und auch mit Sprüchen (d. h. Fabeln, Volkssprüchen etc.) sich eingehend befaßt habe. Es wurde schon erwähnt wie sehr R. Jochanan bedauert hat daß von den 300 Rabbi Meir bekannten Fuchsfabeln nur noch drei erhalten geblieben seien. Auch wird erzählt daß R. Meir seine Vorträge in drei Teilen zu geben pflegte: ein Drittel Halacha (Ausführungen über das Religionsgesetz), ein Drittel Agada (Erbauung und sittliche Ermahnung durch Legenden, Sagen und Lebensbilder der großen Lehrer) und ein Drittel Sprüche. Die Mischnah (Sotah 49 a) sagt auch, daß mit R. Meirs Tod die Spruchdichter ausgestorben seien. Noch mehr zeigen unsere Weisen die Wichtigkeit der Sprüche des einfachen Volkes damit daß sie für bekannte Volkssprichwörter eine Anlehnung an Sätze der Thora oder anderer heiliger Bücher gesucht und gefunden haben. Sie pflegten dabei den technischen Ausdruck zu gebrauchen: Woher entlehnen wir das?, denselben Ausdrück, den sie bei wichtigen religiösen Gesetzen und Vorschriften anwenden . . . An einer Reihe von Beispielen zeigt sich die bemerkenswerte Tatsache, daß alle autoritativen Quellen, Thora. Propheten. Schriften, Mischna und Braitha — weitere besaß das damalige Schrifttum noch nicht — herangezogen werden, um die Richtigkeit eines Sprichwortes zu beweisen, das das Volk in der Sprache seines täglichen Lebens gebraucht. Ist dies nicht vielleicht doch der Quell für das spätere Sprichwort: „Ein. Sprichwort ist sozusagen eine Thora"? Sehr wichtig ist folgender Ausspruch unserer Weisen im Midrasch schir haschirim: Halte das Gleichniswort nicht für ein Geringes, erst durch das Gleichniswort kommt der Mensch zum richtigen Verständnis der Thora. Etwa wis ein König, der ein Goldstück, oder eine teure Perle verloren hat Wie findet er es wieder? Nicht durch ein bescheidenes Licht? — Eine ganze Zahl ähnlicher Stellen in Talmud