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Die Wahrheit · 1931-03-13 · Heft 11 (13.3.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 11 (13.3.1931)
Date
1931-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union dentschösterreicfaisdier Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Knlfasgememde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II» Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVIl. Jahrgang Wien, 13. März 1931_Nummer 1t Gespensterseherei... Die Berliner „Deutsche Rundschau" setzt in ihrer März-Nummer die seit einigen Monaten in ihren Blättern gehende Diskussion über die „J u d e n f r a g e" fort, in der bekanntlich auch Jakob Wassermann Stellung genommen hat, dessen Ansichten wir in unserer vorletzten Nummer publizierten. Die Zeitschrift veröffentlicht diesmal ein Schreiben des hervorragenden schweizerischen Gelehrten Professor Eduard Behrens, der u. a. ausführt: „. . . Ich glaube, vorausschicken zu müssen, daß ich früher — das war vor dem Kriege — eine sehr heftige antisemitische Zeit durchmachte, die ihren Niederschlag fand in einer kleinen Wochenschrift. Sie hieß „Der Samstag". Freunde von mir gaben sie in Basel heraus; kein Revolverblatt, als Herausgeber zeichnete Dominik Müller, der größte Dialektdichter der Schweiz. Gründe zu judenfeindlichen „Ressentiments" hatte ich nicht. Unsere schwizerischen Juden kamen und kommen als selbständige oder gar führende Schicht nicht in Betracht. Ich focht gegen Windmühlen. Wir waren bedingungslos anti, Antidemokraten, Antirepublikaner, Antisemiten, Antialkoholiker. Wir hatten — halb Jux, halb Ernst — einen eidgenössischen Royalistenbund gemacht, nannten ihn „Der Reichsapfel", besaßen einen Firmastempel mit einem Apfel inmitten, den man auch für eine Bombe halten konnte. Und eines Tages wurden wir vor die Schranken der Berner politischen Polizei zitiert, wo uns als Corpus delicti eine Postkarte, bedruckt mit unserem Bundesstempel, vorgehalten wurde. Mein Antisemitismus hatte sich besonders an drei großen Schriftstellern entzündet: am Deutschen Paul de Lagarde und an zwei Franzosen, Maurras und seinem „integralen Nationalismus" und an Leon Daudet, der sich seiner rabiaten, sich zuweilen selbst ironisierenden, glänzend vorgetragenen Judenfeindschaft in der „Action francaise" entledigte. Ich hatte also Gelegenheit, mich abzureagieren, und glaube auch, daß ich immun bin, In der Erinnerung scheint mir mein Antisemitismus als eine SelbstqnaL Die Welt war zusammengeschrumpft, wie mit Lauge übergössen. Ich witterte auf Schritt und Tritt Verfolgung, Kabale, Verrat. Ich begann schließlich an die Wirklichkeit einer jüdischen Magie zu glauben . .. Vielleicht ist der Antisemitismus ein Gefühl, das der Mensch überhaupt nicht haben darf, sonst peinigen ihn widerliche, okkulte Kräf te. Aus einem Europa, das den Antisemitismus kaum kennt, wo er höchstens eine Erscheinung unter hundert Erscheinungen ist, komme ich nach Deutschland, wo man ihn jetzt geradezu als Weltanschauung pflegt Ich vernehme: In Berlin, der geistigen und wirtschaftlichen Zentrale des Landes, gibt die jüdische Schicht den Ton an. Das Theater ist fast durchwegs von Juden geleitet, von Juden geleitet und teilweise geschrieben werden die größten Zeitungen, die Kritiker, auf die am meisten gehört wird, sind Juden, den ersten Buchverlagen stehen Juden vor usw. Aber vielleicht ist der deutschjüdische Gegensatz nur ein deutscher Trugschluß? ... „Anderthalb Millionen Juden (in Wirklichkeit hat die letzte Volkszählung in Deutschland im Jahre 1925 eine Judenziffer von rund 564.000 ergeben. Die Red.) maßen sich quasi die geistige Führung von uns 65 Millionen Deutschen an! Ausländer, sagen Sie selbst, dürfen wir uns das bieten lassen?!" Darauf kann der Ausländer, glaube ich, nur antworten: 65 Millionen sollen eineinhalb Millionen nicht Meister werden? Das wäre doch nur ein Zeugnis der Schwäche und des Unvermögens der 65. Das große, von der ganzen Welt bewunderte und gefürchtete deutsche Volk soll nicht imstande sein, sich eineinhalb Millionen Juden einzuverleiben? Nebenbei: was heißt überhaupt „Fremdheit der Juden"? Ich muß gestehen, daß mir z. B. gewisse nationalistische deutsche Schriftsteller in Gedanken und Sprachform mindestens so fremd und undeutsch erscheinen wie gewisse jüdische. Also, die Franzosen haben ihre Juden absorbiert, die Engländer, die Amerikaner (die Prozentsätze sind zwar überall geringer als in Deutschland), aber auch die Russen mit ihrem enormen jüdischen Anteil an der Intelligenz. Ist Deutschland etwa weniger kräftig, großherzig, human? Dem Ausländer erscheint die Judenfrage in Deutschland vor allem als eine Deutschenfrage, besonders jetzt sieht er die Deutschen befangen in einem Minderwertigkeitsgefühl, einer Hysterie, wenn man so sagen darf, in einer Gespensterseherei, die als Folge der furchtbaren Jahre seit 1914 psychologisch wohl verständlich ist, die aber der Wirklichkeit gewiß nicht mehr entspricht Hier in Deutschland sieht der Ausländer, daß sich der Deutsche nichts zutraut und im Ausland sieht er, daß man dem Deutschen alles zutraut, am meisten zutraut von allen Völkern. Schon vor dem großen Kriege lebte ich in Deutschland, und damals sah ich die Juden als Staatsbürger minderer Art. Von ihnen starke Gefühle für ein Land zu verlangen, wo sie sozusagen als Parias galten, ist vielleicht etwas viel verlangt, und trotzdem standen Tausende dieser Parias in den deutschen Schützengräben! Nichts jedoch war der Antisemitismus einst gegen den Antisemitismus jetzt. Vergangenen Dezember begleitete ich den Zug der Zwanzigtausend durch den Berliner Westen, zwanzigtausend schrien drei Stunden lang „Juda verrecke, Juda verrecke"! Und Polizei folgte ihnen noch auf Lastwagen zum Schutz gegen Ueberfälle. Darf ich als Fremder in einer deutschen Zeitschrift sagen, daß Exzesse dieser Art in jedem anderen zivilisierten Lande unmöglich wären, und daß dieser antisemitische Nationalismus für Deutschland draußen bei den anderen Völkern eine Katastrophe zu werden dröht? Zusammenfassend wäre meiner Meinung nach etwa zu sagen: die Judenfrage in Deutschland ist die Folge zweier sich gegenseitig immer wieder an sich selbst entzündenden und sich steigernden „Ressentiments", Gespenstersehereien: die Deutschen haben vor den Juden Angst, und die Juden vor den Deutschen. Heilen kann der Zustand nur, wenn die Ressentiments verschwinden. Aber dazu müßten die Deutschen als der weitaus stärkere und wichtigere Partner doch wohl den Anfang machen, und nicht umgekehrt Die Judenfrage in ihrer jetzt unerträglichen Form ist im Grund mehr eine Deutschenfrage. Der dereinst seiner selbst wieder sichere Deutsche wird die Kraft haben, die unwiderstehliche Kraft, sich alles, was ihm fremd scheint, anzugleichen, es in sich zu verarbeiten, es in sich verschwinden zu lassen. Darf ich aber zum Schluß vielleicht noch sagen, daß das deutsche Dasein ohne den jüdischen Einschlag ärmer, ärmlicher wäre? Herrgott, wenn dieses große deutsche Volk, das wir anderen so respektieren und das wir so ganz anders sehen, als es sich jetzt sieht, wenn dieses Volk eines Morgens aufwachen würde, frei von Antisemitismus und allen Minderwertigkeitsgefühlen und dastünde in seiner Großherzigkeit und überlegenen humanen Art, die es in sich hat durch seine edelsten Geister! Gewiß, das ist etwas schwärmerisch gedacht, und gerade der Ausländer muß zugeben, daß auch das Ausland, das ehemals feindliche, großherziger und vernünftiger werden muß, wenn die Gespenster in Deutschland verschwinden sollen ..." Verschärfung des judäo-arabischen Konfliktes. Der Mac Donald-Brief hat, wie zu erwarten war, keine Verbesserung der arabisch-jüdichen Beziehungen herbeigeführt, im Gegenteil, zu einer wesentlichen Zuspitzung dieser ohnedies schon unerträglich gewordenen Situation beigetragen. Das Schreiben Mac Donalds ist auch, wie sich nun herausstellt, abgefaßt worden, ohne daß vorher ein Einvernehmen mit der arabischen Exekutive hergestellt worden war. Mac Donald hat jüngst im englischen Unterhause eine an ihn gerichtete Anfrage, ob vor Absendung des Briefes die arabische Exekutive in irgendeiner Form konsultiert wurde und ob mit ihr eine Vereinbarung zustande gekommen sei, dahingehend beantwortet, daß es nicht als notwendig erachtet worden sei, die arabische Exekutive zur Beratung heranzuziehen, denn der Brief habe bloß die Interpretation gewisser Teile des Weißbuches enthalten, das seinerzeit zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hatte. Die Antwort auf diese echt englische Haltung ist nicht ausgeblieben. Wir haben bereits in unserer vorletzten Nummer den Protest des Büros der arabischen Exekutive wiedergegeben, in dem die neueste Interpretation des Weißbuches abgelehnt und mit Boykottmaßnahmen gedroht wurde. Nun hat dieser Tage die palästinensischarabischeExekutive neuerlich eine Sitzung abgehalten, um zu den aktuellen Fragen der Palästina-Politik Stellung zu nehmen. Nach einer Debatte, die einen vollen Tag in Anspruch nahm, wurde eine Resolution gefaßt, in der erklärt wird,

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