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Die Wahrheit · 1931-03-06 · Heft 10 (6.3.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 10 (6.3.1931)
Date
1931-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite Ö OIF WAHRHFIT (IQ M LRflb HERRENttObE WIEN II., FRfiTERSTR TELEFON r 49-4-99 39 gers des Angeklagten, daß die Behauptung, daß jemand jüdischer Abstammung sein soll, keine Beleidigung sei, sondern nur die Behauptung einer Tatsache, die jenseits von Gut und Böse ist, zu eigen. Der weise Richter fügte trefflich hinzu: „Seine Vorfahren kann sich niemand aussuchen!" Frauenfeld wird betrübten Sinnes die Richtigkeit dieses Satzes anerkennen müssen, denn wenn seine Vorfahren wirklich Juden gewesen sein sollten, dann ist er, da ihre Auswahl unmöglich, mindestens in der Wähl seines antisemitischen Berufes ungeschickt gewesen. Vorderhand weiß man aber über Frauenfelds Ahnengalerie nichts Gewisses. Der jugoslawische Premier gegen antisemitische Aktionen. Als Abgesandter des jüdischen Gemeindebundes informierte Dr. B. P i a d e den jugoslawischen Ministerpräsidenten, General Petar Zivkovic, über die antisemitische Propaganda und die Verbreitung des Pamphlets „Protokolle der Weisen von Zion". General Zivkovic versprach, jede Aktion zu verhindern, die die Störung der harmonischen Beziehungen zwischen den Juden und ihren Mitbürgern bezweckt Drohendes Schächtverbot in Braunschweig. Im Rechtsausschuß des Braunschweigischen Landtages wurde der nationalsozialistische Antrag, das betäubungs1ose Schächten von Schlachttieren zu verbieten, einstimmig angenommen. Der Antrag wurde neu formuliert und lautet: Das Staatsministerium wird ersucht: 1. baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den bei der Tötung von Schlachttieren ein möglichst humanes Verfahren zwingend vorgeschrieben und das betäubungslose Schächten von Tieren verboten wird, und 2. die Reichsregierung zu veranlassen, für das ganze Reich geltende. Bestimmungen im Sinne der Ziffer 1 zu erlassen. Die Abschaffung der Gesetzesbeschränkungen gegen die Juden in Polen. Die Hauptkommitfsion des polnisch e n S e n a t s hat mit allen gegen die Stimmen der Nationaldemokraten die von der Regierung eingebrachte Gesetzesvorlage über Abschaffung der noch aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen gegen die jüdische Bevölkerung a n g e n o m m e n. Die von der Regierungspartei im Senat gegen die Vorlage erhobenen V o rbehalte wurden zurückgezogen. An der Annahme der Vorlage durch das Senatsplenum wird darum nicht mehr gezweifelt. Bekanntlich hat der polnische Sejm vor kurzem die Regierungsvorlage nebst einem die Aufhebung der Beschränkungen gegen die hebräische und die jiddische Sprache betreffenden Verbesserungsvorschlag des Jüdischen Klubs in dritter Lesung mit großer Mehrheit angenommen. Verjudung der Antisemitenpresse. Ist das möglich, wird der erstaunte Leser fragen, Verjudung der Antisemitenpresse? Wer's nicht glaubt, der nehme die Nummer der „Reichspost" vom vergangenen Sonntag zur Hand und lese auf Seite 8 den Artikel über „Amerikanische Methoden im Kampfe gegen die Absatzkrise". Die amerikanische Absatzkrise ist wahrlich keine typisch jüdische, durch sie werden Christen und Juden jenseits des Ozeans in gleicher Weise betroffen. Der launige Artikel der „Reichspost" enthält auch nichts, wodurch sich unsere Behauptung von der Verjudung der Antisemitenpresse beweisen ließe. Aber jede Sache hat ihren Kopf, und so auch der Aufsatz des christlichsozialen Blattes. „Dalles mit Humor" ist dieser Artikel betitelt ,JMIes" mag heute schon interkonfessionell sein, aber diesen Begriff in fettgedruckten Lettern ausgerechnet in der Sonntagsnummer eines christlichsozialen Blattes zu finden, das hätten wir denn doch nicht erwartet So was muß doch wirklich unsere brave „Dötz" ärgern, die immer wieder über die Verjudung des christlichen Volkes jammert. Aber sie möge hübsch still sein. Auch für sie findet sich in der gleichen Nummer der „Reichspost" ein hübsches-Stückchen, das von der Verjudung ihres bewährten Münchner Konkurrenzorganes, des „Völkischen Beobachters", berichtet. Was da die „Reichspost" aus der Antisemitenschule plaudert, ist so lustig, daß wir es unseren Lesern gerade in diesen ernsten Tagen nicht vorenthalten möchten: Adolf zu Adolf. Wie Budapester Blätter berichten, haben ungarische Journalisten, die jüngst eine bayerntahrt unternahmen, oei ihren besuchen in den Redaktionen der bayerischen Presse ausgerechnet im i.VöiKiscöen Beobachter"', dem Hauptorgan der Nationalsozialisten, einen „interessanten" Landsmann vorgeiunden, nämlich einen gewissen Adolf Holländer, der vor einem Jahrzehnt durch ein erfundenes Interview mit dem Szegediner Oberrabbiner Dr. Umanuel Low, Mitglied des Überhauses, berühmt geworden ist Holländers Phantasieprodukt trug dem israelitischen Würdenträger wegen der ihm in aen Mund gelegten Aeuüerungen einen Hochverratsprozett ein. Als der Sachverhalt klargestellt wurde, fand Adolf Holländer es für geraten, den heiß gewordenen Boden Ungarns zu verlassen. Aber wohin? Nun, Adolf Holländer floh, wie jetzt durch die bayerntahrt ungarischer Jounalisten herausgekommen ist, zu — Adolf Hitler und fand Aufnahme beim Hauptorgan der Ultravölkischen. Ob ihn mehr die Namensgleichheit mit Hitler oder mehr das Vertrauen zum Namen Rosenberg des Blattleiters dahin entführt hat? Verhalte es sich wie immer, die budapester Blätter und ihre auswärtigen Verwandtschalten haben eine Sensation mehr, an der sie lange kauen können. Wie versichert wird, habe sich Holländer, ehe er zu Hitler kam, taufen lassen. Falls sich die „Rassischen" mit diesem Schnippchen, das ihrem wissenschaftlichen Hauptdogma geschlagen wurde, abgefunden haben sollten, für die ungetauiten Zurückgebliebenen dürfte dies erst recht ein Grund sein, dem Ausreißer ihre Wippchen nachzusenden. Unsichtbare Watschen. Die mit traurigem Ruhme bedeckte Inhaberin der Parfümerie Fioris auf dem Graben hat vor einiger Zeit einen Verteidiger ihrer hochgeschätzten Person erhalten, der für sie mit mehr Erfolg intervenierte als ihr Anwalt, der ihr gegen den Bescheid der Wiener Polizeidirektion die Aushängung antisemitischer Pamphlete ermöglichen wollte. Herr Karl E b e r 1 e — so heißt der galante Held — hat bei seiner Intervention für die edle Dame mehr Glück gehabt Er konnte einem jüdischen Buchhalter, der, das, einzige Schüd, das noch die antisemitische Gesinnung der Firmeninhaberin bekundet, in richtiger Weise, nämlich mit „blöd" bezeichnete, zwei Schläge ins Gesicht versetzen, ohne daß ihm aus diesem Roheitsakt irgendein Schaden erwuchs. Der bei der Gerichtsverhandlung vernommene Buchhalter erklärte zwar, daß er infolge der Mißhandlung Nervenschmerzen verspürt habe, der Richter aber meinte, Nervenschmerzen seien nicht sichtbar und — sprach den gewaltigen Recken Eberle frei. Dieser Freisprach ist zugleich ein Freibrief für unsere Hakenkreuzler, sie müssen nur darauf achten, daß die Folgen ihrer Taten nicht unbedingt sichtbar sind. VonWo&e *u Woche Trauerfeier für Rektor Hof rat Dr. Adolf Schwarz. Sonntag, den 1. d. M. vormittags fand in der Isr.-Theol. Lehranstalt eine erhebende Trauerfeier des Kuratoriums der Anstalt für den jüngst dahingeschiedenen unvergeßlichen Rektor Hof rat Dr. Adolf Schwarz statt Es war alles erschienen, was im jüdischen Wien Rang und Namen besitzt. Der Obmann des Kuratoriums, Dr. J. 0 r n s t e i n, eröffnete die Trauerversammlung mit einer gehaltvollen Gedenkrede, in der er mit bewegten Worten ein treffliches Bild von der seltenen Persönlichkeit und dem hervorragenden Wirken des Verewigten entwarf. Seine mit tiefer Ergriffenheit aufgenommene Rede machte großen Eindruck auf die Anwesenden. Prof. Dr. S. Krauß sprach von dem Wissenschaftler, Professor Dr. Aptowitzer von dem Talmudisten Schwarz. Schließlich gab ein Hörer, Herr Stein, dem Schmerze seiner Kollegen über den schweren Verlust Ausdruck. Der imposante Besuch der Gedenkfeier war neuerlich ein Beweis dafür, wie groß die Trauer in der Wiener Judenschaft über das Hinscheiden dieses edlen und weisen Mannes ist, dessen Andenken unauslöschlich bleibt. Jerusalem. Der bekannte jüdische Spezialarzt für Augenkrankheiten Dr. Ticho ist von Emir Abdullah von Transjordanien ersucht worden, nach Amman zu kommen, um die Behandlung des Vaters des Emirs, des 80jährigen Exkönigs Hussein vomHedschas, zu übernehmen. Dr. Ticho, der seit mehr als 25 Jahren in Palästina ansässig ist, erfreut sich in allen Kreisen der Bevölkerung außerordentlicher Beliebtheit Er hat Hunderte von Arabern unentgeltlich behandelt und zählt zahlreiche Araber zu seinen Freunden. Im November 1929 wurde er vor seinem Operationszimmer von einem jungen Araber überfallen und durch einen Messerstich, verletzt und mußte sich für mehrere Wochen in Spitalsbehandlung begeben. Das Attentat an Doktor Ticho wurde auch von der arabischen Presse aufs schärfste verurteilt Dr. Ticho war seinerzeit einer der ersten, die die Petition des Brith Schalom an die Palästina-Regierung um Begnadigung der im Zusammenhang mit den August-Unruhen zum Tode verurteilten Araber unterzeichneten. (Unsere Leser erinnern sich wohl noch des seinerzeit in unserem Blatte erschienenen Interviews mit Dr. Ticho.) Personalnachricht Der Herr Bundespräsident hat den in weiten Kreisen hochgeschätzten Herrn Sigmund Weiler zum bundesstaatlichen Fürsorgerat ernannt In einer Festsitzung der Bezirkskommission der Isr. Kultusgemeinde für die Bezirke XVI und XVII wurde dem Ausgezeichneten unter großen Beifallskundgebungen das Ernennugsdekret überreicht In der gleichen Woche nahm der Leiter des Fürsorgeamtes Hernais Veranlassung, seinen langjährigen Mitarbeiter, Herrn Weiler, zu beglückwünschen. Die Ehrung Sigmund Weilers ist eine Ehrung des ganzen Kultusbezirkes. Seit beinahe 50 Jahren auf allen öffentlichen Qebieten tätig, ist er seit 30 Jahren Vorsteher des Hubertempels. In der Kanzlei dieses Qotteshauses prangt sein Bild, das aus Anlaß seines 25jährigen Jubiläums als Obmann der Chewra Kadischa, dessen Ehrenpräses er ist gestiftet wurde. Herr Sigmund Weiler ist auch Mitbegründer des herrlichen Wintertempels. 25 Jahre „Einheit". Sonntag, den 8. März 1931, feiert die „Einheit", Verein zur Errichtung und Erhaltung von Volksspeisehallen in ihren Speisehallen, 2. Bez., Malzgasse 12, wo die Ausspeisung seit dem 23. November 1909 stattfindet den 25. Jahrestag ihres offiziellen Bestandes. Um durch Zahlen die Bedeutung und den Wert dieser humanitären Schöpfung zu belegen, geben wir zuerst Daten aus den Kriegsjahren. In den Jahren 1914, 1915 und 1916 wurden ,1,000.250 Gratisportionen verabreicht Die Gesamtzahlen der zu Mittag und Abend verabreichten Portionen war 1917 3306.988, 1918 aber 5,119.566. Unvergeßlich bleibt jedem, der im Kriege die Arbeit der .JEinheit" sah, wie die armen Soldaten hier Essen, Ruhe, Freundschaft und Aufmunterung fanden. Die „Einheit" war, ein Asyl der zum Kriegsdienst einberufenem Männer des ganzen Reiches. Und nun1 Daten aus der Gegenwart! Es wird den Kindergarten-' Zöglingen täglich das Mittagessen in ihre Anstalt geschickt, es speisen im allgemeinen Lokal, in der Mittelstandsküche und in der „Mensa academica judaica" allwöchentlich zu Mittag 2000 bis 2200 Personen, über 300 Menschen täglich. Nach auswärts, in Spitäler und zu Behörden liefert der Verein ebenfalls. Vom vorschulpflichtigen Kinde bis zum Greise, dem Gesunden und dem Kranken liefert die „Einheit" — jedem Hungrigen streng rituelles und gutes Essen. Klosterneuburg. Am 18. v. M. verschied nach längerer Krankheit der Präsident der Kultusgemeinde und Vizepräsident der „Chewra Kadischa" in Klosterneuburg, Herr Alois Fisch], und wurde am 20. v. M. unter überaus großer Beteiligung der Bevölkerung von Klosterneuburg und Umgebung zu Grabe getragen. Unter den Trauergästen bemerkte man Vertreter des Gemeinderates und des Ortschulrates von Klosterneuburg, sowie des Bezirksschulrates von Tulln, dem der Verstorbene durch mehrere Jahrzehnte angehört hatte. Namens der Bne Brith-Vereinigung in Wien, die mit einer großen Anzahl von Mitgliedern erschienen war, nahm Hofrat Fuchs innigen Abschied vom Verstorbenen. Ergreifend waren die Abschiedsworte, die der Präsident der „Chewra Kadischa" und Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, Herr Rudolf G r ü n w a 1 d, in Klosterneuburg, namens der Kollegenschaft des Verstorbenen beim offenen Grabe sprach. Die unübersehbare Menge, die sich an dem Begräbnisse beteiligte, hat bewiesen, welcher Beliebtheit und Verehrung der Verstorbene im Leben sich erfreute. Jubiläum der Kinderfreunde Im 16. und 17. Bezirk. Am 18. v. M. wurde in Gschwandners Sälen die Jubiläums-Maskenredoute des Vereines der Kinderfreunde zur Bekleidung armer israelitischer Schulkinder im 16. und 17. Bezirk abgehalten. Der Vorstand hatte alles aufgeboten, um dieses Fest, das ganz im Zeichen des 50jährigen Jubiläums stand, zu einem glanzvollen zu gestalten. Die Stirnwand des Saales, oberhalb des Orchesters zierte ein Prospekt, darstellend den Eiterleinplatz in Hernais vor 50 Jahren, während an der Vorderseite des Podiums die aus Glühkörpern zusammengesetzte Zahl 50 in blendendem weißen Lichte erstrahlte. Die Redoute wies einen Massenbesuch auf, da an ihr Familien aus allen Bezirken Wiens teilnahmen, und trug einen vornehmen, dabei gleichzeitig auch gemütlichen Charakter. Nach Begrüßung der Gäste durch den Vereinsobmann Oberveterinärrat Heinrich Rosenzweig und Aufführung eines vom Musikdirektor Schieder dem Vereine gewidmeten Jubiläumsmarsches, der reichen Beifall fand, erfolgte der Maskeneinzug. Bald darauf entwickelte sich ein lebhaftes Treiben und angeregt durch das ausgezeichnete Orchester Schieders huldigte jung und alt flott bis in die späten Nachtstunden dem Tanze. Die Nichttänzer wurden durch ein Schrammel-Quartett. das in einem abgegrenzten Teile des Saales, der zu einem gemüt-

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