Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 9 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ME WAHRHEIT Seift 3 Ein Gebirge von Leid und Unrecht Jakob Wassermann zur Judenfrage. Die Berliner „Deutsche Rundschau" veröffentlichte vor kurzem einen Aufsatz von Paul Fechter über die Judenfrage, der eine Reihe Anklagen und wohlgemeinte Vorschläge enthielt. Auf Einladung der „Deutschen Rundschau" äußert sich Jakob Wassermann in einem längeren Schreiben zu den „Anklagen". „Wie es so geht," schreibt Jakob Wassermann, „fiel mir bei der Lektüre auch allerhand ein. Etwa die heillose S p a Itung innerhalb der Judenschaft selbst. Wie etliche unter ihnen, bloß weil sie sich Deutsch nennen, von anderen unter ihnen, vortrefflichen, warmherzigen, auch bedeutenden Männern gleich „entartet" gescholten werden, und mit welcher Feindseligkeit mein eigener „Weg als Deutscher und Jude" von dieser Seite empfangen worden ist Es ist mir eine solche Zerrissenheit weder unter amerikanischen, noch englischen, noch französischen oder italienischen Juden bekannt geworden oder begegnet. Freilich, so dachte ich weiter, ist auch diese Erscheinung erst eine Ausgeburt der jüngsten Zeit. In früheren Jahrzehnten durften Scharen auserlesen kultivierter Juden den Vorspann deutscher Größe machen." Wassermann führt eine Reihe von Namen solcher Juden an, versucht die Vorwürfe Fechters gegen gewisse jüdische Intellektuelle und Journalisten zu entkräften und schließt: „Der Blutzeuge Walther Rathenau steht vor mir auf. Es steht vor mir auf ein Jahrtausend voll Marter, Schändung, Raub, Qual, Hohn, Schmähung, Entsetzen, Blut und Feuer. Gewiß, gewiß, man soll den Schuldbrief eines Jahrtausends nicht immer wieder herausholen. Ein einziges Jahrhundert der Emanzipation liegt auf der anderen Waagschale. Ich will es gern gelten lassen, wie es Herr Fechter stillschweigend von uns fordert. Obgleich er immer wieder die ungeheure Anzahl nichtjüdischer Deutscher ins Treffen führt, verlangt er von der kleinen jüdischen Minorität die feinsten Tugenden einer kraftbewußten Ueberzahl. Ohne weiteres stellt er in seine Rechnung von Vorwürfen und Anklagen die erschütternde Weisheit, die der Jude — nie genug zu bestaunender Triumph des mensch- . liehen Geistes — aus einem Jahrtausend von Brand. Schrecken und Schmach in die Freiheit herübergetragen hat. Nur der Gewalt seines Ethos, das ia auch die Grundlage des christlichen Ethos geworden ist, verdankt die Welt dieses Schauspiel. Genug der Beispiele und Gegenbeispiele. Mir ist, als wüchse das Jahrtausend des Bluts und der Tränen noch allzu tief in das gepriesene Jahrhundert der Befreiung hinein. Ist es denn nicht möglich, selbst wohlmeinenden Männern die Augen zu öffnen für das Gebirge Von Leid und Unrecht, das auf die Schultern schon jedes neugeborenen deutschen Kindes jüdischer Art gehäuft liegt? Was bedeutet dagegen das Zeitungsgeschrei einiger „Emanzipierter"? Erträgt die große deutsche Nation von allen Nationen allein keine Kritik? Was haben Engländer über England sagen dürfen, vor und nach Lord Byron? Helfen Wohlverhalrungsmaßregeln gegen „Juda verrecke"? Im Grunde ist es erschütternd, daß Sie vor die an Leib und Leben, an Geist und Herz bedrohten Juden hintreten und sagen, sie mögen ein Einsehen haben." Psychologie des Nationalsozialismus und seine Bekämpfung. Vortrag, gehalten in der „Union" von Frau Luise Fischer-Treu. Krawall auf der Taborstraße — Belagerungszustand' im 2. Bezirk; Radau auf der Universitätsrampe; Braunhemden als Triumphatoren, von der Wache mehr geschätzt als im Zaum gehalten; die nationalsozialistische Fackel im Auge des Juden ist mehr als ein Unfall, sie ist ein Symbol, eine Warnung, sie zeigt einen Zustand. Wir Juden wissen, daß wieder einmal jemand sich durch Judenverfolgung zur Macht emporschwingen will, und es ist an der Zeit, daß wir uns über diese Bewegung ganz klar werden. Der Nationalsozialismus ist ein deutsches Gewächs. Wer diese ungeheuere kulturelle und soziale Gefahr verstehen will — man kann nicht bekämpfen, was man nicht versteht — muß vor seinem inneren Auge die Geistesverfassung des deutschen Volkes aufbauen, aus der er seine Nahrung zieht. Zurückgehen muß man auf die Siebzigerjahre, üas deutsche Volk mit seiner unnationalen Vergangenheit, in der mit Recht seine besten Söhne das Unglück dieses Volkes erblickten, war nun nach dem schnellen politischen und wirtschaftlichen Aufstieg einem heftigen Nationalismus verfallen, in dem sich ein neuerwachtes politisches Kraftbewußtsein mit privatwirtschaftlicher Interessenvertretung wunderlich mischten. Das nationale Element hatte sich nach der Einigung Deutschlands durchgesetzt und während es noch den Glanz des Märtyrertums hatte, das um seinetwillen gelitten worden war, war es schon eine Waffe im politischen, wirtschaftlichen und berufsständischen Tageskampf. Die Rolle des großen Gegners spielte jetzt das sozialistische Element, das in den Staat einzudringen . begann. Nachdem Bismarck das große Spiel des Sozialistenkampfes gespielt und verloren hatte, förderte er eine Richtung, welche die Zeitforderungen auf Kosten der Juden abzulenken versprach — den Stöckerschen Sozialantisemitismus. Er hatte die gleiche wirtschaftliche Einstellung und sah überhaupt sehr ähnlich dem Luegerschen Christlichen Sozialismus. Daneben .hatte der Radauantisemitismus Platz, wie ihn auch Oester« reich gekannt hat Das waren dieselben Jahre, in denen auch Wagner und sein Kreis einen großen geistigen Einfluß.hatte; und dieser. Wagnerkreis, undankbar, ungezügelt in seinen Leidenschaften, dabei überzeugt, eine Art von Uebermenschentum darzustellen, erhob sich zu einer Selbstvergottung, die sich nur wohl fühlen konnte, wenn man, ebenso wie der liebe Gott im christlichen Himmel, einen Teufel in der Hölle zum Gegensatz hatte; die Rolle mußte das Judentum übernehmen. Wenn Wagner sagte „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun", so muß eine Sache um ihrer selbst willen lieben und fördern wohl jüdisch sein, denn von niemandem ist Wagners Werk trotz seiner beleidigenden Haltung gegenüber Juden und Judentum selbstloser und begeisterter aus reiner liebe zur Musik gefördert worden als von Juden. Aus Wagners Kreis stammte auch das geistige Standardwerk der Deutschen-Rassenüberheblichkeit und Judeu-Verachtung, .oämüch Houston Stewart Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts". Chamberlain. der Schwiegersohn Wagners, obwohl Stockengländer, war mit diesen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" im gebildeten christlichen deutschen Bürgertum tonangebend, nicht ohne offizielle Förderung. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, ein wesentlicher Unterschied zwischen dem christlichen und dem jüdischen Bürgertum Deutschlands habe darin bestanden, daß das christliche die „Grundlagen" wirklich mit als Grundlagen seiner Bildung wertete, während das jüdische diese Grundlagen kaum beachtete; sehr zu Unrecht, denn dieses Buch ist in seiner geistigen Haltung wie in der Behandlung seines Materials bestechend und gleichzeitig in seiner Willkfirlichkeit eine Selbstentblößung für sich und den großen Schwärm von Nachbetern, die sich immer auf Chamberlain als ihren Rassenweisen berufen. So ist diese Art von Antisemitismus eine Art von Selbsterhöhung, die moralische Genugtuung verschafft, ohne Unannehmlichkeiten zu bereiten. Seine eigenen Triebe und Leidenschaften in Zucht zu halten, ist zweifellos viel weniger angenehm. Da sind wir schon bei einer der wichtigsten und wesentlichsten psychologischen Grundlagen der heutigen Hakenkreuzlerei angelangt. Und zu einer zweiten solchen Grundlage gelangen wir. wenn wir die alldeutsche Propaganda betrachten, die sich seit Beginn des neuen Jahrhunderts etwa bis zum Krieg erstreckte, die dann in Form der wilden Annexionsbestrebungen und der sogenannten Vaterlandspartei ihre Fortsetzung fand und jetzt im Nationalsozialismus und den verwandten Bestrebungen ihren zeitgemäßen Ausdruck findet. Man kann sie mit wenigen Worten kennzeichnen. Sie ist die aufs äußerste getriebene Selbstsucht, die sich sehr tugendhaft vorkommt, weil sie sich nicht auf die eigene Person, sondern auf das eigene Volk erstreckt; sie ist eine Selbstbeweihräucherung, die, anstatt des Setzens ethischer Postulate ,JJu sollst", ein „Du hast Anspruch auf" zu einer pseudoheldischen Richtschnur macht. Und einen widerwärtig-komischen Anblick bieten dieselben Menschen, wenn sie schreien und schimpfen und einen „Schuldigen" suchen, weil es sich herausgestellt hat, daß auch andere Schwerter schneiden und auch andere Völker tapfer kämpfen, daß aber auch bei anderen Völkern die kurzsichtigen Maulhelden von ihrer eigenen Sorte im Rausch des Sieges mehr Gehör finden als die „Pazifisten", die „Untermenschen", kurz gesagt, als die Freunde der Gerechtigkeit und eines wahre'i Friedens. Diese sittliche Unzulänglichkeit und Selbstzufriedenheit, die zu den tiefsten psychologischen Grundlagen der Hakenkreuzlerei gehört, hat einen erschütternden, aber diesmal zwerchfellerschütternden Ausdruck gefunden in Arthur D i n t e r s vorm Krieg erschienenen und vielgelesenen Roman ,JDie Sünde wider das Blut". Es sind manche Satiren geschrieben worden, aber alle sind schwach; keine reicht an Komik an Xerfo&rüUU liefern ihr nahrhaftes Fett zur Kunerolerzeugung. Vom Pressen der Früchte angefangen bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die ganze Herstellung unier streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Maltersburg. Kunerol kann von jedem Strengglaubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendetwerden. ÜNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT „HBBCrOl Ist BIT €CBt!■ OTMlMQMdfWS]lu „Tor taas<&en«CB Nacfeahnanaea vir« gewärmt" das Original heran. Und das haben die entzückten Leser gar nicht gemerkt! Für jeden Juden und auch für jeden Christen, der nur ein wenig Ahnung hat, wie Juden und Judentum wirklich aussehen, ist dieses Buch eine Fundgrube unerschöpflicher Heiterkeit Die Vorstellung z. B., daß getaufte Juden, die Juden dieses Buches sind alle getauft, um zu betonen, daß es sich nicht um die Religion, sondern um die Rasse handelt, daß also getaufte Juden mauscheln, wenn sie sich wohlfühlen, und „die Interessen des jüdischen Volkes" über alles andere stellen, ist ganz allein schon ein ausgezeichneter Witz. Aber die auf Sensationswirkungen ausgehende Sprache des Romans und der wissenschaftliche und wissende Anstrich, den er sich gleichzeitig gibt, haben ihm zu einer ungeheuren Auflage verhelfen. Bestimmt ist er mitschnld daran, daß sich die Hakenkreuzlerei nach dem Krieg wie eine Epidemie, ja man muß sagen, wie eine Perversion verbreitete. Die Phantasie weiter deutscher Volkskreise. war durch die schlüpfrigen, niedrigen und gleichzeitig überheblichen Vorstellungen vergiftet __(Fortsetzung folgt.) Die physikalischen Leistungen der Joden. Der Erfinder der Radio-Telegraphie Senator Guglielmo M a r c o n i, der anläßlich der Eröffnung der vatikanischen Radiozentrale in Rom eingetroffen ist, hat sich in einem Gespräch über die Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Physik in Rom folgendermaßen geäußert: Die Beiträge von Juden zur Entwicklung und weiteren Erforschung der Radiotelegraphie sind außerordentlich zahlreich und haben imponierende Resultate ergeben. Von den vielen jüdischen Technikern und Forschern, die sich mit der Radiotelegraphie befaßt haben, möchte ich mit besonderer Anerkennung Professor Abrahams in Paris und David Sarnoffin Amerika nennen. In Italien hat sich Professor Alessandro A r t o m große Verdienste auf dem Gebiet der Radiotelegraphie erworben und wurde wegen seiner Leistungen von der Regierung in den Freiherrnstand erhoben. Um seine Meinung über Professor Einstein und dessen Theorie befragt, erklärte Senator Marconi: Ich halte Professor Einstein für einen der genialsten Wissenschaftler unseres Zeitalters. Seine Theorie, die bereits auf experimentellem Wege ihre Bestätigung gefunden hat, hat die Vorstellungen, die wir von der Natur hatten, umgestaltet Die Kritik dieser Theorie ist unbegründet, wer sie kritisiert, hat ihren ganzen wissenschaftlichen Gehalt noch nicht erfaßt In Italien ist einer der besten Kenner und Verteidiger der Relativitätstheorie ein katholischer G eist- 1 ich er, der Vorsitzende der päpstlichen wissenschaftlichen Akademie Gianfranceschi. Ich bewundere, fuhr Senator Marconi fort, die außergewöhnlichen Fähigkeiten, die die Juden auf dem Gebiet von Mathematik und Physik bewiesen haben. Besäße das jüdische Volk nicht solch hervorragende Fähigkeiten, einen so starken Wissensdrang und ein so lebhaftes Verlangen, die Wahrheit zu erkennen, so könnte die Tatsache, daß es 20 Jahrhunderte von Verfolgungen überlebt hat, wohl kaum erklärt werden. m u&