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Die Wahrheit · 1931-02-27 · Heft 9 (27.2.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 9 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DBB WAHRHEfl dieses Grundprinzip des Briefes ihre Anhänger hinwegtäuschen wollen, so begehen sie damit eine schwere Unterlassungssünde, denn diese Taktik muß und wird sich rächen, vielleicht früher, als es den Jüdischnationalen lieb sein wird. Die Londoner Verhandlungen rf - das wissen die Zionisten sehr gut — sind noch nicht-beendet, sie werden gerade in den nächsten Tagen fortgesetzt und gelangen jetzt zu Entscheidungen, in denen es um alles gehen wird. Die Frage der gesetzgebenden Körperschaft in Palästina steht zur Debatte, eine Frage, die in dem Briefe Mac Donalds mit keinem Worte berührt wird. Kann daraus der Schluß gezogen werden, daß die Zionisten sich mit der Forderung nach diesem Parlament, an der England zur Beschwichtigung der empörten Araber nach wie vor entschieden festhäl, abgefunden haben? Manche Anzeichen sprechen für diese Annahme. Wenn aber das Parlament zur Wahrheit werden sollte, dann ist die Phrase des Briefes Mac Donalds, wonach „das Mandat eine Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volke und nicht nur gegenüber der jüdischen Bevölkerung von Palästina ist", eben nichts als Phrase. Die Zionisten mögen zur Irreführung ihrer Gläubigen diesen Passus des Briefes noch so sehr als besonderes Zugeständnis unterstreichen, sie werden darum nicht hinwegkommen können, daß in dem künftigen Parlamente „die jüdische Bevölkerung von Palästina" eine Minorität darstellen wird. Ob damit „das jüdische Volk" eine besondere Errungenschaft erreicht haben wird, kann füglich bezweifelt werden. Tatsachen sprechen eben und nicht geduldiges Briefpapier. Das Triumphgeschrei der Zionisten ist aber auch aus einem anderen Grunde sehr unklug. Es ist klar, daß die Araber, •die mit dem Weißbuche von 1930 halbwegs zufriedengestellt worden waren, nun über die an diesem Weißbuche vorgenommenen Korrekturen, obwohl sie nicht grundsätzlicher Natur sind, maßlos empört sind. Wenn nun die Zionisten diese Zugeständnisse als geradezu umwälzende hinstellen, so ist dies geeignet, den Widerstand der Araber nur noch mehr zu reizen und die in den Schlußzeilen des Briefes von Mac Donald angeregte Zusammenarbeit wird endgültig zunichte. Schon hat die p a- Iästinensisch-arabische Exekutive dem High Commissioner von Palästina, Sir John Chance 11 or, den Protest.dieser Körperschaft gegen Mac Donalds Schreiben überreicht In dem yom Präsidenten der Exekutive Muza Kazim .Pascha unterzeichneten Schreiben findet sich folgende ernste Warnung, die allen Verantwortungsbewußten zu denken geben sollte: ..Diese Politik des Schwankens ist eine höchst ernste Angelegenheit und kann dazu führen, daß die Araber Ihr Vertrauen zur britischen Regierung verlieren, daß dadurch eine tiefe Kluft zwischen der arabischen Bevölkerung und der Regierung Seiner Majestät entsteht Ich versichere Eurer Exzellenz daß Ministerpräsident Mac Donald durch diesen Brief jede Hoffnung auf eine Politik der Kooperation zwischen Arabern und Juden, wenn jemals eine solche Hoünung bestand, zerstört hat und eine Verständigung zwischen den beiden Parteien absolut unmöglich gemacht ist" Noch eine Frage wird in dem Briefe Muza Kazim Paschas angeschnitten, die wir bereits in unserem vorwöchentlichen Artikel als eine sehr ernste bezeichnet haben. In dem Briefe Mac Donalds wurde, wie wir dort ausführten, die Forderung der Jewish Agency, in allen Arbeiten oder Unternehmungen derselben die Arbeiten durch Juden ausführen zu lassen, anerkannt Dieser Standpunkt hat prompt zu Androhung von Gegenmaßnahmen geführt. Der Präsident der palästinensisch-arabischen Exekutive schreibt nämlich in seinem Protestbriefe an den High Commissioner: „Ich sehe mich genötigt, den Arabern als Gegenmaßnahme gegen den jüdischen Boykott der arabischen Arbeit vorzuschlagen, die Juden auf allen Gebieten zu boykottieren." So soll also die „Zusammenarbeit" aussehen! Und da glauben die Zionisten, besonderen politischen Blick zu besitzen, wenn sie den Brief Mac Donalds als einen großen Sieg in alle Welt hinausposaunen. Je weniger die zionistischen Führer Bedenken tragen, die opportunistische Schaukelpolitik Englands mitzumachen, desto mehr erwächst für die besonnenen und verantwortungsbewußten Juden die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß das Mandat Englands, das nach den Worten Mac Donalds nicht nur eine Verpflichtung gegenüber der Bevölkerung von Palästina darstellt, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volke beinhaltet, nicht zum Unheil ausschlage, nicht nur für die auf palästinensischem Boden lebende jüdische Bevölkerung, sondern auch für das ganze jüdische Volk. O. H. BebSrdl. aiitor. Hanseradministratlon : ADOLF KRALL! IV., Schleifmühlgasse 11! Talaphon B 29-1-48 S empfiehlt sich zur Ober- [ nähme von Verwaltungen | Erstklassige Referenzen I Indolenz und Passivität — Am Sonntag, den 15. Februar fand im Logenhaus zu Berlin eine vom Landesverband Groß- Berlin des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete politische Morgenfeier statt, zu der sich ein überaus zahlreiches Publikum eingefunden hatte, um die Ausführungen von Dr. Bruno Weil und Dr. Ludwig Holländer über das Thema „Die geistige Widerstandskraft der jüdischen Deutschen" zu hören. In seiner Eröffnungsansprache erklärte der Vorsitzende Dr. Stephan Steinharter, die Feier sei nicht einer politischen Auseinandersetzung, sondern zum Zwecke der Einkehr, der Besinnung und der Kundgabe politischer Gesinnung der deutschen Juden gewidmet Nach einer ungemein eindrucksvollen Vorlesung des Mitgliedes des Staatlichen Schauspielhauses Heinrich Schnitzler, eines Sohnes des Dichters Arthur Schnitzler, aus dem Buche Jakob Wassermanns „Mein Weg als Deutscher und Jude" ergriff der zweite Vorsitzende des Centrai-Vereins R.-A. Dr. Bruno Weil das Wort Dr. Bruno Weil führt etwa aus: Unsere heutige Feier findet genau fünf Monate nach dem Tage statt an dem das Resultat der letzten Reichstagswahl, der überwältigende Erfolg der nationalsozialistischen Partei bekannt geworden ist Wir müssen uns heute die Frage vorlegen, wie es derzeit um die deutsche Republik und besonders um die Lage der deutschen Juden innerhalb der Republik bestellt ist Ist die Republik am Ende ihrer Kraft angelangt? Stehen wir am Ende der Verfechtung demokratischer Grundsätze? Werden beeine Gefahr für das Judentum. reits die Sterbeglocken der Gleichberechtigung geläutet? Wir müssen daran erinnern, daß im Altertum der Grundsatz der Gleichberechtigung nicht galt. Erst das Judentum und auf ihm fußend das Christentum haben diesen Grundsatz der Gleichberechtigung proklamiert. Nunmehr erscheint er durch die nationalsozialistische Bewegung, die sich wie eine Springflut über das Land ergossen hat, bedroht. Das Programm des Nationalsozialismus ist die Programmlosigkeit. Was ihm Kraft verleiht, ist sein Appell an alle niedrigen Instinkte im Menschen. Nicht Aufbau ist das Motiv der nationalsozialistischen Leitsätze, sondern Zerstörung und Herbeiführung eines Chaos, aus dem erst eine neue Ordnung geboren werden soll. Uns Juden aber hat tausendjährige Erfahrung gelehrt, daß Aufbau aus dem Chaos unmöglich ist Daher müssen wir mit aller Energie gegen die Bürgerkriegshetze Stellung nehmen. Immerhin kann man sagen, daß der Nationalsozialismus viel von seinem Schrecken verloren hat Eine solche Bewegung kann nur im ersten Ansturm Erfolge erzielen und der Nationalsozialismus hat seinen seinerzeitigen großen Erfolg nicht auszunutzen verstanden. Heute mehren sich die Zeichen des Verfalls und der Zersplitterung in seinen Reihen. Als zweiter Redner sprach der Direktor des Centrai-Vereins Dr. H o 11 ä n d e r, der sich mit dem Problem befaßte, wie die deutsche Judenheit die innere Kraft zur Ueberwindung der heutigen Situation gewinnen könne. Mögen die Zeiten auch ernst sein, erklärte Direktor Holländer, so seien sie doch nicht hoffnungslos und es sei kein Grund zu der leider unter den deutschen Juden vielfach verbreiteten Mutlosigkeit vorhanden. Entschlossenheit könne auch die Abwehr weniger gegen den Angriff vieler wirksam gestalten. Eine Flucht aus der jüdischen Situation sei heute, wo die Frage des Stammes in den Vordergrund gerückt und auch von jüdischer Seite bejaht wird, nicht möglich. Das Schicksal der Allgemeinheit werde das Schicksal jedes Einzelnen sein. Es müsse mit einer starken antijüdischen Gesinnung auch nach dem Abflauen des Nationalsozialismus gerechnet werden. Es werde immer Antisemitismus geben, weil das Bestreben des Juden, den Gedanken der Gerechtigkeit zu verbreiten, immer Gegner finden wird, die ihre Leidenschaft gegen die Träger des ihnen verhaßten Gerechtigkeits- und Gleichberechtigungsgedankens, eben die Juden, kehren werden. Wenn wir aber in einer Stunde der Besinnung erkennen, daß es vergebliches Bemühen wäre, dagegen anzukämpfen, so müssen wir von dieser Besinnung auch zu einer festen Gesinnung gelangen. Und diese Gesinnung bedeutet: Nicht zu vergessen, was wir im politischen und sozialen Leben dem deutschen Volke gegeben haben. Wenn man sich jetzt auch bemüht, die Leistungen der Juden zu entwerten, so wissen wir doch, daß objektive Leistung im Laufe der Jahrhunderte anerkannt werden muß. Unsere Aktivität wird jene Kreise aus ihrer Gleichgültigkeit aufrütteln, die heute noch der Schande des Nationalsozialismus ruhig zusehen. So wird es uns gelingen, die überwiegende Mehrheit der anständigen Mitbürger auf unsere Seite zu bringen. Passivität ist eine Gefahr. Wir dürfen jetzt keine Opfer scheuen, da sonst später weit schwerere Opfer gebracht werden müßten. Mit einer Vorlesung Heinrich Schnitzlers aus Schriften Gabriel Riessers fand die politische Morgenfeier des Central-Vereins ihren Abschluß. Die gehaltvollen Ausführungen der beiden Redner und der künstlerische Vortrag Schnitzlers ernteten reichen Beifall. Die nationalsozialistische Gefahr vorläufig überwunden? In den letzten Tagen haben Reichsinnenminister Dr. Wirth und der preußische Innenminister Severins zur Frage der nationalsozialistischen Gefahr für Staat und Reich in einer bemerkenswerten Weise Stellung genommen. Bei der Konferenz der Oberpräsidenten Preußens und der leitenden Beamten im preußischen Ministerium des Innern führte Minister des Innern Carl Severing aus, nach seiner Ansicht gäbe die politische Lage in Preußen und Deutschland keinen Anlaß zur Besorgnis. Die preußischen Behörden, das preußische Ministerium des Innern sehen die gesamte Situation weder als prekär, noch als irgendwie besorglich an. Wir werden, sagte der Minister weiter, uns durch nichts von unseren durch Verfassung und Gesetz vorgezeichneten Pflichten abbringen lassen. Der Nervosität gewisser Volkskreise müssen wir ruhige und kühle Energie entgegensetzen. Drohungen, wie sie .in nationalsozialistischen Zeitungen, in nationalsozialistischen Versammlungen von Redner ausgesprochen. werden, können uns nicht schrecken oder gar nervös machen. Aber wir wollen keine Unklarheit darüber bestehen lassen, daß wir gegen jede Verletzung bestehender Gesetze mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln vorgehen werden. Ich habe den Eindruck, sagte der Minister, daß heute bei den Nationalsozialisten von Angriff nicht mehr, höchstens von Abwehr die Rede sein kann. Es gilt jetzt, sie weiter zurückzudrängen. Die Nervosität bei den Nationalsozialisten ist deutlich erkennbar. Wir aber wollen uns durch nichts abhalten lassen, das zu tun, was nötig ist Die Nationalsozialisten sollen wissen, daß die Polizei sie beobachtet, ihnen auf den Fersen sitzt, dann wird auch der politische Grippe- Bazillus des Nationalsozialismus bald aus dem deutschen Volke schwinden. — Im Haushaltsausschuß des Reichstages führte Reichsminister des Innern Dr. Wirth u. a. aus: Wie auf die bolschewistische Propaganda richtet das Ministerium sein Augenmerk auch auf den Rechtsradikalismus. Es heißt nun, der Bürgerkrieg stehe vor der Tür. Ein Bürgerkrieg steht nicht vor der Tür. Es wird hier und da wohl einige Prügeleien geben, die vielleicht bezirksmäßige Ausdehnung erfahren können. Doch werden diese mit polizeilichen Mitteln allein niedergeschlagen werden können. Die Reichsregierung wie auch die preußische Staatsregierung werden nicht eine Minute zögern, das Notwendige zu tun. Im übrigen bin ich der Meinung, daß ein gewisser Höhepunkt der radikalen Welle erreicht ist Doch muß man sich vor Augem halten, daß auf eine Welle eine zweite folgen kann und daß es nicht allzu schwer ist, bei der steigenden wirtschaftlichen Not die Bevölkerung aufzureizen und für politische Zwecke auszubeuten, lieber die Absichten der Nationalsozialisten sind wir genau unterrichtet Man muß sich wundern, wie der geistige Radikalismus heute so wenig Widerstand in Deutschland findet Als vor -dem Kriege an einigen Universitäten Katholiken sogenannte Weltanschauungsprofessuren erteilt wurden, erhob sich in Deutschland ein ungeheurer Sturm der Entrüstung. Wenn jetzt aber Nationalsozialisten ohne strenge wissenschaftliche Vorbildung an Hochschulen berufen werden, hört man unter der deutschen Pro-- iessorenschaft keinen ernsthaften Widerspruch.

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