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Die Wahrheit · 1931-02-27 · Heft 9 (27.2.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 9 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische IDanrn Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden* und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien iiiiitiiiiiroiiiirc Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV11. Jahrgang Wien, 27. Februar 1931 Nummer 9 Der Fluch der Lächerlichkeit. Gedanken zum Purimfeste. Ernstes und Heiteres ist in diesem Feste vereint. Schmerz und Freude, Gefahr und Rettung liegen hier dicht nebeneinander. In dem ihm zugrunde liegenden Buche Esther treten beide Züge unverkennbar hervor. Hochgespannt erscheinen da die Saiten im Gemüte des im persisch-niedischen Reiche wohnenden Judentums. Der tragische Höhepunkt ist erreicht: „Sack und Asche angesichts der Todesgefahr und ein bitteres schmerzliches Schreien" über frevle Gewalt. Ganzplötzlich tritt eine in dieser Form und in diesem Umfang nicht im geringsten erwartete Rettung ein. Aechzen und Klagen weichen im Nu vor den Gefühlen der Wonne über die Befreiung aus schwerster Lebensnot. „Licht und Freude, .Entzücken und frohes Selbstgefühl" über das wiedergewonnene kostbare Gut des Lebens erfüllen die Herzen, aber mitten aus dem Ernst der Situation bricht durch die Schilderung von der rettenden Wirkung der Humor hervor. Der Erzähler muß unter Tränen lachen. Er weist auf das komische Moment in der Situation Hamans hin, als dieser in jener nächtlichen Szene die entsetzlichste Enttäuschung erlebt, die ihn aus allen geträumten Himmeln seines hochamtlichen Dünkels und maßlosen Ehrgeizes niederschmettert, da er dem von ihm so tief, obwohl ohne triftigen Grund Gehaßten alle die Ehren erweisen muß, die er als den schönsten und idealsten Traum seines Lebens für sich selbst erwartet und beansprucht hatte. Diese Komik in der Situation Hamans, der in dieselbe Grube fällt, die er dem andern gegraben, diese Verwandlungen zwischen Mordechai und Haman, indem dieser vor jenem tief gedemütigt, während jener mit den höchsten Abzeichen bekleidet erscheint, diese bei allem Ernst zum Lachen reizende Wendung hat im Volksgemüte an diesem Feste jene Heiterkeit der Stimmung ausgelöst, welche sich in Scherz und Witz, in der alten Sitte des Hamanklopfens und des Purimspiels, in allerlei Mummenschanz, Verkleidung und Maskeraden äußert. So grausam und von so niedriger Gesinnung auch Haman in allen seinen Handlungen sich darstellt, er erscheint in der Erzählung mehr von der Seite einer lächerlichen Figur. Darin hat er aber in früheren Zeiten, wie auch noch in der Gegenwart Schule gemacht. Denn wer könnte wohl verkennen, daß den Ludendorffs, Fricks, Hitlers e tutti quanti Charakterzüge anhaften, die jenen ihres Musterbildes ähneln, und daß sie gleich jenem dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen sind. Die erste geschichtlich nachgewiesene Mordbeschuldigung wurde an einem Purimfeste gegen die Juden erhoben. Wohl hat es sich in diesem Falle nicht um die erst im 9. Jahrhundert aufgekommene Behauptung gehandelt, die Juden ermordeten Christenkinder deshalb, weil sie ihr Blut zu gottesdienstlichen Gebräuchen nötig hatten, der Fall aber ist immerhin historisch interessant und wert, hier wiedergegeben zu werden. Beim Purimfeste in der Stadt Chalcis im Jahre 411 n. Chr. war eine Gesellschaft von Juden in eine derart fröhliche Stimmung gekommen, daß sie nicht mehr recht wußte, ob sie „Hoch lebe Mordechai!" und „An den Galgen mit Haman" oder umgekehrt riefen. In der Trunkenheit sollten sie aber auch so weit gegangen sein, daß sie einen Christenknaben kreuzigten. Die Veranlassung zu diesen Gerüchten hat der Gebrauch der Juden gegeben, eine Figur, die den Haman vorzustellen hatte, am Galgen baumeln zu lassen! _ Der Vater des Ritualmordmärchens, Rohling, ist jüngst gestorben. Ueber diesen anläßlich des Purimfestes folgende Episode aus dem Beweisverfahren zur Gerichtsverhandlung Bloch-Rohling, der der letztere scheu aus dem Wege ging. Für ihn und seine Bestrebungen war es stets von höchstem Wert und sehr erwünscht, wenn er einen getauften Juden, unbescholten und ehrenhaften Charakters, als Zeugen für seine Anklagen gegen die Juden wegen Ritualmordes hätte finden können. Und Dr. Rohling behauptete wirklich, einen solchen Gewährsmann in der Person des Paolo Medici entdeckt zu haben. Er spricht sich hierüber in seiner Schrift „Meine Antworten an die Rabbiner", S. 95 in folgender Weise aus: „Zur Erläuterung des Thomasfalles — Ermordung des Franziskanerpaters im Jahre 1840 in Damaskus — erwähnen wir nach der Meldung des Exrabbi Paolo Medici — Riti e Costumi degli Ebrei c. 26 — Gebräuche und Trachten der Hebräer —, daß man am Purimfeste einen Christen zu töten sucht zum Gedächtnis Hamans, daß man aber in Ermanglung eines Christen auch einen Türken oder Heiden und Männer und Weiber nehmen kann." Zum Zwecke der Verlesung vor den Geschworenen bei der Verhandlung ließ der Wiener Gerichtshof das 26. Kapitel des genannten Buches durch den beeideten gerichtlichen Dolmetscher Notar Leone Roncali ins Deutsche übersetzen, und was war darin zu lesen? In dem ganzen 26. Kapitel, welches allein vom Purimfeste handelt, findet sich an keiner Stelle ein einziges Wort, aus welchem mit dem Aufgebote aller Einbildungskraft und Deutungskunst auch nur annähernd etwas dem Rohlingschen Zitate Aehnliches entnommen werden könnte. In keiner der Ausgaben des Buches, das in Madrid und Turin zu verschiedenen Zeiten aufgelegt wurde, fand man, weder im 26. Kapitel, noch überhaupt im ganzen Buche eine Stelle, die man als einen Anhaltspunkt zu der Rohlingschen Behauptung betrachten könnte. Wenn in einer Schrift, die sich eine „wissenschaftliche" schimpft, solches zu lesen ist, traut man seinen Augen nicht, wohl aber kann man es begreifen, wie man unter diesen Umständen sich nicht in einen öffentlichen Prozeß einlassen konnte. * Haben wir da nicht recht mit unserer Behauptung, daß alle diese Hamans zu unauslöschlicher Lächerlichkeit verurteilt sind: Beim Purimfeste ist das wohl das Tröstlichste, daß es uns zeigt, daß wir unter dem Einfluß der lähmenden Furcht nicht zu stehen brauchen, wenn menschliche Tücke und Bosheit zu einem drohenden Schicksal anwachsen, da dieses nicht selten sich über dem Haupte derer entladet, die es heraufbeschwören. Treffend und sinnreich nennt sich daher dieses Fest: Purim, Fest des Losewerfens, denn in dieser Bezeichnung ist einerseits eine satirische Anspielung auf das abergläubische Werfen der Lose seitens Hamans enthalten, das nun zu Schanden geworden, anderseits der Ernst der Betrachtung, daß die Rollen sich vertauscht haben, wonach das Schicksal die Wendung genommen, daß die, welche dem Verderben preisgegeben werden sollten, nicht nur bestehen blieben, sondern auch zu Ehre und Ansehen gekommen, während die, welche das Verderben jener geplant, um für sich eine Erhöhung des Lebensgenusses zu gewinnen, den Untergang gefunden. Was war aber doch das treibende Agens dieses Rollentausches, dieser Wendungen und Wandlungen in den Geschicken Mordechais, Hamans und der von ihnen repräsentierten, schroff sich gegenüberstehenden Parteien? Soweit ein menschliches Auge die geschilderten Verhältnisse und den Zusammenhang der Begebenheiten zu erkennen vermag, ist dieses kein anderes gewesen, als die treue Hingabe Mordechais, dieses echten Repräsentanten des Judentums, an seine Menschenpflicht, an das wahre Gebot seines Gewissens, aber auch an das Wohl seines Vaterlandes! INMIMIIMMMMIWUMMI Die Antwort. Wie zu erwarten war, hat die zionistische Presse der ganzen Welt über den Brief MacDona 1 ds an Prof. Weizmann einen wahren Triumphgesang angestimmt. „Ein neuer Start", „Anerkennung des Wertes des zionistischen Ideals", „Sieg der Weizmannschen Politik", so und ähnlich klingt es verheißungsvoll aus dem zionistischen Blätterwald. Wir haben schon in unserer eingehenden Besprechung des Briefes Mac Donalds festgestellt, daß ihm sicherlich besondere Bedeutung zukommt Aber die Uebertreibungen, in denen sich jetzt die zionistische Presse gefällt, sind absolut nicht am Platz. So groß ist der „Sieg" denn doch nicht, daß man darüber ein . Entzücken bekundet, als ob nunmehr endgültig der Palästina-Aufbau gesichert wäre. Die Zionisten wissen ganz gut, welch wichtige Fragen noch immer unerledigt sind, und wenn sie im Taumel der Begeisterung über dieses Manko mit Stillschweigen hinweggehen, so liegt hier wieder einmal die Absicht vor, die Massen, die man so lange am Gängelband führte und die ob der Mißerfolge dieser Führung schon sehr verbittert waren, neuerlich mit besonderer Unterstreichung bloßer Teilerfolge zufriedenzustellen. Denn unsere letzthin vorgenommene Analysierung des Schreibens Mac Donalds hat ja gezeigt, daß es sich bei den Errungenschaften dieses Briefes, der nur Mißverständnisse aufklären will, um mehr oder minder belangreiche Zugeständnisse der englischen Regierung handelt. In den Hauptgrundsätzen bleibt die« eagBscte PalästinapoHtik unverändert, wie dies Mac Donald in der Unterhausdebatte ausdrücklich festgestellt bat. Wenn die Zionisten über

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