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Die Wahrheit · 1931-02-20 · Heft 8 (20.2.1931) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Deröffantlichungan der Union dea+schös+erreicTuscber Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Bezirksorganisation II. „Was man nicht kennt und versteht, kann man nicht bekämpfen." Von dieser Devise geleitet, sprach am Donnerstag, den 12. Februar, im Rahmen der Bezirksorganisation II der „Union deutschösterreichischer Juden" Frau Luise Fischer^ Treu über „Die psychologischen Grundlagen des Nationalsozialismus und seine Bekämpfung". Sie wies einleitend auf die Krawalle hin, die in letzter Zeit auch in Wien das Herankommen einer nationalsozialistischen Gefahr bekundet haben, so daß es notwendig wird, sich mit dieser, ursprünglich reichsdeutschen Erscheinung auch hier eingehend zu beschäftigen. Die Rednerin zeigte dann, wie in den letzten Jahrzehnten von verschiedenen Seiten her und aus den verschiedensten Gründen die Judenfeindlichkeit im deutschen Bürgertum genährt worden ist. Schon Bismarck benutzte den Stöckerschen Sozialantisemitismus, der viel Aehnlichkeit mit dem Luegerschen christlichen Sozialismus hatte, als politisches Ablenkungsmanöver. Dann kam eine vielfältige Literatur — von Chamberlains wissenschaftlich geschriebenen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" bis zu Dinters Hintertreppenroman „Die Sünde wider das Blut", die das einheitliche Ziel verfolgt, alle geistigen, seelischen und sittlichen Erscheinungen auf Rassenmerkmale zurückzuführen und zu beweisen, daß die „nordische", oder geradenwegs die „deutsche" Rasse als die begabteste von allen zum Herrscher der Welt von Natur bestimmt sei. Da aber das Licht das Dunkle braucht, um recht als leuchtend empfunden zu werden, so muß der Lichtgestalt des Deutschen die Nachtgestalt des Juden gegenübergestellt werden. „Warum aber", so fragte die Rednerin weiter, „muß die nationale Ueberheblichkeit sich gerade den Juden als Haßobjekt aussuchen?" und sie wies zur Beantwortung dieser Frage auf den Deutschenhaß hin. für. den, wo er in andern Ländern auftritt, genau die gleichen Gründe angeführt werden, wie in Deutschland für den Judenhaß. Frau Fischer-Treu beschäftigte sich dann kurz mit dem Hakenkreuzlertum nach dem Kriege, aus dem sich dann die nationalsozialistische Bewegung als die erfolgreichste herausgearbeitet hat, und zwar dank der Eigenart ihres Führers Hitler, der früher überaus kennzeichnend der „Trommler Ludendorffs" genannt wurde, da er wirklich zwar keine Gedanken, dafür aber eine hervorragende propagandistische und organisatorische Befähigung besitzt. Der Nationalsozialismus peitscht seine Anhänger vorwärts, indem er an ihren Idealismus appelliert, ihnen „Opfer an Gut und Blut" in Aussicht stellt, — dahinter aber ein „drittes Reich", in welchem sie alle ein behagliches, gesichertes Auskommen haben, in dem alle Juden und Judengenossen — alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen — völlig entrechtet sind. Die Rednerin führte den Nachweis, daß der sogenannte Idealismus dieser Bewegung ein „Idealismus für Wölfe" ist — ein krasser Naturalismus, himmelweit entfernt von jedem wahren Idealismus. Sie legte dar, wie alle objektiven Güter — Recht und Gerechtigkeit, Wahrheit, Sittlichkeit, — negiert und vom „rassemäßig bestimmten Blut" abhängig gemacht werden, wie die Anhänger mit angeblichen Weltbeherrschungsplänen der Juden geschreckt und wie sie gleichzeitig zur blinden Selbstsucht und zu einer Rassen-Ueberhebung erzogen werden* die an Selbstvergötterung grenzt. Frau Fischer-Treu führte zum Schluß aus, daß die klare Erkenntnis dieser Bewegung auch schon die Mittel zu ihrer Bekämpfung zeige. Es gilt nicht, sich ihr gegenüber zu verteidigen, sondern sie anzugreifen, die sittliche und geistige Verwirrung zu enthüllen, in die sie ihre Anhänger durch eine — wie ihr Führer Goebbels sagt — „ebenso geistlose wie erfolgreiche Propaganda" gestürzt hat. Mitkämpfer gegen den Nationalsozialismus werden sich in allen Lagern und Gruppen finden, wo noch Sinn für wahre Ehre und wirkliche Liebe zu Land und Menschen vorhanden ist. Der Vortrag, den wir von der nächsten Nummer ab fortsetzungsweise veröffentlichen werden, wurde von dem zahlreich erschienenen Publikum mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Obmann Gustav K o 1 m i n eröffnete hierauf die Debatte, an der sich die Herren Julius Carlebach, Doktor Ernst Feldsberg und Präsident Dr. J. Ornstein mit interessanten Ausführungen beteiligten. Die Bezirksorganisationen III/XI und VI/VII der „Union" haben in letzter Zeit eine sehr rege Tätigkeit entfaltet In rascher Aufeinanderfolge fanden in den letzten Wochen in diesen beiden Bezirksorganisationen je zwei Versammlungen unter Vorsitz der Obmänner Ing. Hugo Koditschek, bzw. Herrn Adolf Taub statt. An die Referate der Mitglieder des Zentralvorstandes der „Union" Dr. Lenk, Dr. F e 1 d b e r g und Dr. Steiner, die in diesen Versammlungen erstattet wurden, schloß sich jedesmal eine lebhafte Debatte an, an der sich zahlreiche Redner beteiligten. Veranstaltungskalender der „U Mittwoch, den 25. Februar, V28 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe City, IX., Porzellangasse, Mitgliederversammlung der Bezirksorganisation IX, Vortrag des Herrn Kultusvorsteher Dr. Josef Tic ho. Donnerstag, den 26. Februar, 5 Uhr nachmittags, in den Gesellschaftsräumen des „Neuen Frauenklubs", I., Tuchlauben Nr. 11, Zusammenkunft des Frauenklubs der „Union". S Die ■ Union dentschösferreicMsclier Juden ■ und die 5 Jugendgruppe des Leopoldstädter Tempelverelnes ■ „Aeschel Awrohom" I veranstalten anläßlich des 5 PURIMFESTES ■ Sonntag, den 8. März, 7 Uhr abends, im Fest« 5 Saale des Hotel Continental, IL, TaborstraBe. eine S AKADEMIE MIT TANZ ■ Mitwirkende: ■ Walter H u b e r (Burgtheater), B Suse M i c h a 1 e k, S Max Brod, ■ Viktor S t e r n a u, S Kantor 1. R o s e n \v a 1 d, 2 Liesl Weinberger (Tanzschule ■ Bodenwieser). H ■ Conference: Fred Kurt. ■ Erstklassige Jazzmusik. „The Hot Fellows." ■ Eintrittspreis S 3.— * Kartenvormerkungen im Sekretariat der „Union", g IX., Berggasse 4, Tel. A 19-2-77, in der Redaktion ■ der „Wahrheit", IL, Heinestraße 13, Tel. R 46-2-16, ■ und beim Obmann der Jugendgruppe Erich Wech- S 1er, IL, Josefinengasse 4. Tel. R 41-7-79. Jüdisctkelthrentafel. Kairo. Der König von Italien hat dem Oberrabbiner von Alexandrien. Professor David P r a t o. die Kommandeursklasse des Ordens der. italienischen Krone verliehen. Die Tatsache, daß Oberrabbiner Prato bereits zum zweiten Male während seiner dreijährigen Amtsdauer eine hohe italienische Auszeichnung erhält, ist ein Beweis für die Wertschätzung, der er sich bei Juden und Nichtjuden erfreut. Rom. Der in Gegenwart des Papstes in der Xitta del Vaticatio". dem päpstlichen Staate, stattgefundenen feierlichen Eröffnung der elektrotechnischen Zentralstation wohnte auch der jüdische Ingenieur Bergmann aus Berlin bei. der die Installierung der Moioren für die Zentralstation besorgt hat. London. Dem berühmten Chirurgen und Professor der Ethnologie an der Londoner Universität Charles Gabriel Seligman wurde die Annandale Erinnerungsmedaille für anthropologische Forschungen in Asien verliehen. Professor Seligman steht im 58. Lebensjahr. Er war früher Präsident der Königlichen Gesellschaft für Anthropologie und hat an mehreren anthropologischen Expeditionen in Asien und Afrika teilgenommen. Auch im jüdischen Leben Englands spielt Prof. Seligman eine hervorragende Rolle. Unter anderem ist er Vizepräsident der Jüdischen Gesellschaft für Gesundheitswesen in Großbritannien. Kadio^ Radio, neueste Typen, audi Umbau und Tausch alter Apparate. Schallplatten hervorragendster Künstler und neuester Schlager, auch Tausch.Zahlungserleichferung. Radiohaus „ELPHORA" Dominikanerbastei 22, Tel. R 24-4-16 (I., Kai 7/9) Wahrheiten vom finge Wo bleibt da die Rechtsangleichung? Der preußische Kultusminister Dr. Grimme erklärte im Haushaltsausschuß des Preußischen Landtages zu der von deutschnationaler Seite gestellteil Forderung, wieder ein Studentenrecht zu scharfen, daß es an sich begrüßenswert wäre, die Studentenschaft der einzelnen Hochschulen wieder in einer auf Wahlen beruhenden Vertretung" zusammenzufassen. Selbstverständliche Voraussetzung sei aber die Zugrundelegung des staatsbürgerlichen und nicht etwa die des rassischen oder völkischen Prinzips. Die bayerischen Bischöfe gegen den Nationalsozialismus. Die Verordnungsblätter der acht bayerischen Diözesen veröffentlichen einen längeren Artikel, in dem es u. a. heißt: Der Nationalsozialismus enthält in seinem kulturgeschichtlichen Programm eine Irrlehre, weil er darin wesentliche Lehrpunkte des katholischen Glaubens ablehnt oder schief auffaßt, und weil er nach Erklärung seiner Führer eine neue Weltanschauung an Stelle des christlichen Glaubens setzen will. Führende Vertreter des Nationalsozialismus stellen die Rasse höher als die Religion. Sie lehnen die Offenbarungen des Alten Testaments und sogar die mosaischen Zehn Gebote ab. Sie spielen mit dem Gedanken einer dogmenlosen deutschen Nationalkirche. Was der Nationalsozialismus Christentum nennt, ist nicht mehr Christentum. Den katholischen Geistlichen ist s t r e n g v e r b o t e n, an der nationalsozialistischen Bewegung in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Die Teilnahme von Nationalsozialisten an gottesdienstlichen Veranstaltungen in geschlossenen Kolonnen in Uniform ist und bleibt verboten. Auch ein Erfolg iiidischnationaler Landespolitik? In diesen Tagen gelangte der am 28. Oktober vergangenen Jahres begründete Masaryk-Jub i 1 ä u m s f o n d s in der Höhe von Kc 20,000.000 zur Verteilung. Es fiel allgemein auf, daß zwar die deutsche, ungarische und polnische Minderheit mit Beträgen für ihre sozialen und kulturellen Institutionen bedacht wurden, daß aber die Juden, die zahlenmäßig den Polen überlegen sind, trotz verschiedener für ihre kulturellen und sozialen Institutionen eingebrachten Gesuche an das Kuratorium des Fonds leer ausgingen. Man nimmt an, daß diese Benachteiligung der Juden parteipolitische Hintergründe hat und insbesondere auf agrarischen Einfluß zurückzuführen ist. Zum Masarykfonds haben Juden viel beigetragen, aber ihre Institutionen wurden trotz aller jüdischnationalen Bestrebungen in der Tschechoslowakei nicht berücksichtigt. Schächtverbot in Gotha. Der Gothaer Stadtrat hat einen nationalsozialistischen Antrag auf Erlaß eines Schächtverbotes für Gotha mit 17 gegen 14 Stimmen bei vier Stimmenthaltungen angenommen. Für das Verbot stimmten die Nationalsozialisten, die Deutschnationalen und die Wirtschaftspartei, dagegen stimmten die Sozialdemokraten, die Deutsche demokratische Partei und die Kommunisten. Die Deutsche Volkspartei enthielt sich der Stimme. Scliächtschutz in Estland. Der Kongreß der Tierärzte Estlands beschloß, von der Regierung ein Verbot der jüdischen rituellen Schächtung zu verlangen. Der Oberrabbiner von Reval Dr. Gomer bewog den Landwirtschaftsminister Estlands, K e r e m. und andere führende Persönlichkeiten, eine Resolution gegen ein Schacht verbot zu unterschreiben.

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