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Die Wahrheit · 1931-02-20 · Heft 8 (20.2.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Die soziale and wirtschaftliche Lage der Jaden in Oesterreich, Von Dr. phfl. et rer. poL Franz Josef Weiß. (Schluß.) NACHHILFE Latein, Französisch und Italienisch erteilt billigst geübter Lehrer Anfragen a.d. Administration 1 .Die jahrhundertelange Unterdrückung, die Ueberwucherung des Intellektualismus, die Trennung von den lebendigen Kräften des Bodens und des! Volkes, dessen integrierender Bestandteil wir sind, in jüngster Zeit auch der immer fühlbarer werdende Antisemitismus und die durch den jüdischen Nationalismus bedingte, seelische Zerklüftung haben in vielen von uns einen — ich sage es ganz offen — Minderwertigkeitskomplex hervorgerufen, der teils hereditärer, teils erworbener Art ist, für den jedoch jeder objektive Grund in Hinblick auf die hervorragenden Leistungen unserer Vorfahren, auf die wir stolz sein können, .»fehlt ^Dieser. Minderwertigkeitskomplex offenbart sich in der Regel im Verkehr mit Nichtjuden, denen wir besonders dann, wenn wir in ihnen Antisemiten vermuten, nie ganz unbefangen gegenübertreten. Entweder — und dies ist der häufigere Fall — führt dieser Komplex zu einem Mangel an Stolz, Würde, Gelassenheit und Reserviertheit, und kann zur Selbsterniedrigung und Selbstbesudelung ausarten. Wer hat noch nicht mit Empörung mitansehen müssen, wie sich Juden in eine Gesellschaft eindrängen, wo sie verachtet werden, oder wie sie in Gegenwart von Christen jüdische Witze erzählen, in denen sie sich selbst und ihren Glauben verspotten, daß einem die Schamesröte ins Gesicht steigen muß? Der andere Fall ist der, daß der Minderwertigkeitskomplex "überkompensiert wird. Man macht sich in grenzenloser Ueberheblichkeit über Gebräuche und Einrichtungen lustig, die man achten müßte. " Mit einem Worte: Wir Juden sind zwar gute Logiker, aber sehr, schlechte Psychologien... Uns mangelt in vieler Hinsicht die Einfühlungsgabe in das Gemüt unserer Nebeumenschen. So entsteht allmählich zwischenuns und ihnen ein.'Mißverständnis ohne . besondere Bedeutung, doch die Mißverständnisse häufen sich, es bildet sich eine seelische Scheidewand und schließlich eine tiefe soziale Kluft, welche -nur schwer zu überbrücken ist Wir glauben, auf unsere Rechte pochen zu müssen, und setzen unser Vertrauen in die Verfässungsbestimmungen und gesetzlichen Garantien unserer Gleichberechtigung, wir appellieren an "Gerechtigkeit und Menschlichkeit uns gegenüber. . Gewiß ist es richtig, wenn die „Union" energisch dagegen auftritt, wenn irgendwo ein Jude um seines Glaubens willen in seinen Rechten verletzt wird, und wir müssen ihr dafür dankbar sein. Denn, wer seine Rechte mit Füßen treten läßt, ohne sich zu wehren, ist ehrlos, und ein ehrloser Mensch ist Gegenstand der Verachtung. Aber nicht das formale Recht allein ist im Leben der Staaten und Völker ausschlaggebend — eine Tatsache, die unsere Juristen so gerne übersehen —, sondern Wille und Macht Deshalb kann unsere Gleichberechtigung niemals in Gesetzesbestimmungen verankert sein, sondern einzig und allein in der Sympathie oder doch zumindest in der Achtung unserer nichrjüdischen Volksgenossen. Eine erzwungene Gleichberechtigung, die nicht im Fühlen und Wollen unserer nichrjüdischen Volksgenossen begründet ist, ist wertlos und kann uns nie ausreichenden Schutz bieten und der Völkerbund ist am allerwenigsten imstande uns diesen zu garantieren, was sich unsere jüdischnationalen Minderheitsrechtler, jene gemeingefährlichen Utopisten, sollen gesagt sein lassen. Diese soziale Kluft, die sich seit dem Kriege leider nicht ganz ohne unsere Schuld bedeutend vergrößert hat, sie ist es, welche das schwerste Hindernis auch der wirtschaftlichen Entfaltung der österreichischen Juden ist Der Kontakt zwischen Juden , und Nichtjuden nimmt in geradezu erschreckendem Maße ab. Schon in der Mittelschule beginnt die Separation der jüdischen von den nichtjüdischen Schülern. Die Zustände an unseren Hochschulen sind hoffnungslos. Bald werden auch die letzten jüdischen Professoren gestorben, pensioniert oder abgewandert sein. Ein wissenschaftlicher Nachwuchs jüdischer Gelehrter ist nicht mehr vorhanden. Im Staatsdienste werden kaum mehr Juden angestellt Das Elend der jüdischen Aerzte ist groß. Infolge der Ausbreitung der Krankenkassen wird der jüdische Arzt immer mehr verdrängt durch den Arztbeamten, dessen Anstellung meist von politischen Verhältnissen abhängt. Relativ groß ist die Zahl der jüdischen Anwälte und Rechtsanwaltsanwärter. Ihre Aussichten jedoch sind keine guten, da die Klienten mit Rücksicht auf den fast ganz arischen Richterstand — ob mit Recht oder mit Unrecht, möge dahingestellt sein — sich von einem juristisch weniger hervorragenden Arier mehr Erfolg versprechen als von einem noch so tüchtigen Juden. Für jüdische Ingenieure ist ein Unterkommen in der österreichischen Industrie mit Rücksicht auf die in industriellen Kreisen herrschende Mentalität fastausgeschlossen und selbst Zeitungen, die doch früher im Verruf standen, eine Domäne der Juden zu sein, nehmen bei Neuanstellungen wohl Bedacht auf die Konfession des Bewerbers, damit es nicht heiße, daß sie „verjudet" sind. Die Zustände bei der Gemeinde Wien und in den Bundesländern sind zu gut bekannt, als daß ich sie besonders erörtern müßte. Alles in allem ein trostloses Bild, ein Zustand der Rückbildung der Errungenschaften der Emanzipation. Durch die furchtbare Wirtschaftskrise, deren Tiefpunkt wir leider noch immer nicht erreicht zu haben scheinen, wird das Bild noch düsterer. Denn auch die große Zahl der jüdischen Handwerker und Arbeiter ist in schwerster Not. Arbeitslosigkeit und Not treffen sie mangels eines Rückhaltes am Lande viel schwerer. Was soll nun geschehen? Die soziale Kluft, die uns von unseren nichtjüdischen Volksgenossen trennt, muß überbrückt werdenl An die Stelle der politischen Aktion hat die systematische individuelle Aktion zu treten. Jeder einzelne von uns soll ein „Israelite", das heißt, ein Streiter für die Ehre Gottes und des Judentums sein. Jeder einzelne von uns muß diesen Kampf durchkämpfen, für sich und zugleich für die ganze Glaubensgemeinschaft und sich bei allen seinen Handlungen, insbesonders im Verkehre mit Nichtjuden, sagen: „Iwri Onauchi", „Ich bin ein Hebräer". Wir befinden uns in schwerstem Sturme auf einsamem Meere.. Da muß jeder mithelfen, damit das Schiff nicht untergehe und wir allesamt dem Untergange geweiht sind. Werfen wir allen unnützen Ballast so rasch als möglich über Bord,; damit wir das Heiligste, das wir besitzen, unseren Glauben, erretten.. Dann wird unser Schiff nicht in den Wogen der Wirtschaftskrise versinken oder an den Klippen des Antisemitismus zerschellen. Die Tätigkeit der Wiener Kultus* gemeinde. Aus dem VerWalfangsberidit für das Jahr 1930. (Amtlich verlautbart von der Israelitischen KuHusgetnelnde Wien.) Durch die in den letzten Jahren getroffenen organisatorischen Maßnahmen im Rahmen des Verwaltungsdienstes der israelitischen Kultusgemeinde Wien ergibt es sich, daß dem Präsidium dieser Gemeinde bereits derzeit der Rechnungsabschluß für das Verwaltungsjahr 1930 und die detailüerten'Ergebnisberichte aus den einzelnen Verwaltungszweigen vorliegen. Auszugsweise werden in folgendem eine Reihe von Daten, die allgemeinem Interesse begegnen dürften, zur Veröffentlichung gebracht: A. Kultus und rituelle Angelegenheiten. In den Gemeindetempeln und in den von der Kultusgemeinde veranstalteten temporären Gottesdiensten standen insgesamt 9995 Betsitze zur Verfügung, welche tarifmäßig eine Jahreseinnahme von S 216.273.— bringen sollten. Der faktische Bareingang im Jahre 1930 hat S 166.114.— betragen. Der Ausfall ergibt sich durch in Anbetracht der Wirtschaftslage vorgenommene Ermäßigungen und unentgeltliche Ueberlassungen, aber auch durch unverkauft gebliebene Betsitze. In den Gemeindebethäusern wurden insgesamt 693 Trauungen vorgenommen gegen 689 im Jahre 1929, ferner 782 Aufgebote gegen 661 des Jahres 1929. An Trauungs- und Aufgebotstaxen sind S 58.086.— eingegangen gegen S 69.045.— des vorangegangenen Jahres. Von 324 im Jahre 1930 vor dem Rabbinate vollzogenen Ehetrennungen haben 81 ohne Entrichtung einer Gebühr stattgefunden, während in 243 Fällen insgesamt S 25.388.— an Gebühren entrichtet wurden. Im rituellen Bade der Israelitischen Kultusgemeinde hat die Zahl der verabfolgten Bäder 52.043 betragen, und zwar 12.816 für Frauen und 39.227 für Männer. Unentgeltlich wurden 11.281 Bäder verabfolgt. Die gesamte Einnahmen haben S 31.658.— betragen, welchen an Betriebsauslagen S 45.313.— gegenüberstanden. Der Betriebszuschuß hat sich gegen das Vorjahr verdoppelt. Im Jahre 1930 wurden insgesamt 14.649 Stück Großvieh, 15.375 Stück Kleinvieh, 96 Schafe rituell geschachtet Der Rückgang gegenüber dem Jahre 1929 beträgt zirka 2000 Stück Großvieh und 2200 Stück Kleinvieh. Demgemäß waren auch die Einnahmen an Schächtgebühren um rund S 30.000.— geringer als im vorangegangenen Jahre. Unter Aufsicht der Kultusgemeinde befanden sich 36 Fleischbänke, von welchen an Aufsichtsgebühren insgesamt S 24.000.— entrichtet wurden. B. Unterrichts- und BIbllotheksangelegenhelten. Im Schuljahre J929/30 hat die Zahl der Schüler und Schülerinnen an Volksschulen 9272. an Hauptschulen 3922 betragen, die Bundes- und Privatmittelschulen verzeichnen 6285, die Bibel- und hebräischen Schulen 1184 und die Privatbibel- und hebräischen Schulen 2391 Schüler. In sechs Gemeinde- und zehn Verelnssyjiagogen hat an 32 Sabbathen Jugendgottesdienst stattgefunden, der von 59.400 Schülern' und Schülerinnen besucht war. Lehranstalten und Vereine wurden aus dem Kapitel „Unterricht" mit insgesamt S 149.914.— subventioniert Der Lesesaal der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde war im Berichtsjahre von 9125 Lesern besucht die 20.823 Werke benützten. Von 1249 Personen wurden 1605 Werke entlehnt Die Bibliothek verzeichnet Im Jahre 1930 einen Zuwachs von 997 Bänden. Hiervon gelangten 198 geschenkweise in den Besitz der Bibliothek. : C. Fürsorgewesen. . In der VeTSorgungsaristalt der Israelitischen Kultusgemeinde hat die Zahl der Insassen 111 Männer und 237 Frauen betragen. Hiervon wurden für 121 keinerlei Verpflegskosten entrichtet, für 101 von den nach Wien Zuständigen seitens der Gemeinde Wien Verpflegskostenbeiträge geleistet, während für 42 Insassen die volle normierte Verpflegsgebühr von S 5.— pro Tag einbezahlt wurde. In der Anstalt sind 61 Personen beschäftigt (3 Aerzte. 3 Beamte und 55 Personen Haus¬ und Pflegepersonal). Die Zahl der Verpflegstage der Insassen hat 126.051, die des Personales 22.356, zusammen 148.407, betragen. Den Gesamtausgaben für den Anstaltsbetrieb per S 460.062.— (ohne Generalunkosten der Zentrale) standen Einnahmen an Verpflegsgebühren, Spenden und Stiitungsgebühren von S 325.195.— gegenüber, so daß der Zuschuß für die Anstalt aus Gemeindemitteln S 134.867.— betragen hat. Aus dem Lebensmittelverbrauchsverzeichnisse seien angeführt: Fleisch 13.000 Kilogramm, Butter und Fett 5500 Kilogramm. Milch 52.107 Liter. Eier 62.390 Stück, Mehl 10.326 Kilogramm, Zucker 7550 Kilogramm. Im Jahre 1930 sind In der Anstalt 71 Insassen (35 Männer und 36 Frauen) verstorben, drei Insassen sind ausgetreten. Im Spitale der Israelitischen Kultusgemeinde hat der Krankenstand am 31. Dezember 1930 174 Patienten betragen. Die Zahl der Verpflegstage der Patienten im Jahre 1930 belief sich auf 58.437, des Personales auf 42.769. Durchschnittlich waren in der Anstalt 132 Personen beschäftigt (20 Aerzte, 51 Pflegepersonen, 55 Hauspersonal, 6 Beamte). Die durchschnittliche Verpflegsdauer eines Kranken im Spitale hat 13)4 Tage betragen. Von den Verpflegstagen der Patienten entfallen 15.508 auf unentgeltlich verpflegte Patienten. Die Eigenkosten eines Patienten pro Tag haben S 15.07 betragen, so daß, selbst bei den vollzahlenden Patienten der III. Klasse seitens der Kultusgemeinde ein Zuschuß von S 4.07 zu leisten war. Die Gesamtausgaben für das Spital haben im Jahre 1930 S 917.735.—, die Einnahmen S 617.528.—, sohin der Zuschuß aus Gemeindemitieln S 300.207.— betragen. Aus dem Lebensmittelverhrauchsverzeichnisse sei angeführt: Fleisch 14.370 Kilogramm. Hühner 486 Stück, Butter und Fett 4870 Kilogramm, Müch 55.860 Liter, Eier 143.000 Stück, Mehl 6200 Küogramm, Zucker 7500 Kilogramm. In den Ambulanzen des Spitales wurden 8266 Patienten unentgeltlich behandelt Danksatfunfl. Außerstande, mich bei jedem einzelnen Teilnehmer an dem Leichenbegängnisse meines leider viel zu früh verstorbenen Mannes zu bedanken, spreche ich auf diesem Wege allen Teilnehmern meinen tiefgefühlten Dank aus. Ganz besonders danke ich dem verehrlichen Vorstaride und den Herren Funktionären des Leopoldstädter Tempelvereines „Aeschel Awrohom" für die innige Anteilnahme an dem schweren Schicksalsschlage, der mich getroffen. Nochmals allen herzlicher Dank! Wien, im Februar 1931. Cäcille Oesterreicher. £

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