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Die Wahrheit · 1931-02-20 · Heft 8 (20.2.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT ■ zu sprechen und für dasselbe, ohne es gefragt zu haben, politisch in einer Weise vorzugehen, mit ■der, .wie auch die zionistische Organisation weiß, 'maßgebende Kreise der Weltjudenheit nicht einverstanden sind. Diese Ablehnung des politischen Staatszionismus besteht auch weiterhin, hat sich sicherlich seit dem idealistischen Taumel der Kriegs- und Nachkriegsjahre noch verschärft Es ist also völlig unmöglich, zu behaupten, daß — ganz abgesehen von allen praktischen Erwägungen, die gegen einen solchen Plan sprechen, — „das jüdische Volk" in seiner Gesamtheit die „Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina" wünscht, und wenn heute der englische Premierminister diesen Wortlaut des 'Mandatstextes wieder zitiert, so weiß er, der ja zum Beispiel die Anschauung der englischen Juden kennt, ganz gut, daß er damit nur eine platonische Verbeugung vor dem politischen Zionismus macht. Mehr ist sie nicht und mehr soll sie auch nicht sein! Dazu kommt noch etwas. Das Mandat enthält, wie in dem Briefe des englischen Premierministers neuerlich betont wird, „eine doppelte Verpflichtung, einerseits dem jüdischen Volke gegenüber, ander- . seits gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung von Palästina". Bezüglich der Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Volke gebraucht der Brief die Wendung: „...Verpflichtungen, wie sie bisher verstanden worden sind." Wie wurden aber bisher diese Verpflichtungen verstanden? Dies sagt deutlich das Weißbuch von Jahre 1922, in dem die englische Palästinapolitik festgelegt wurde und das von Mac Donald in seinem gegenwärtigen Briefe auch ausdrücklich zitiert wird. In diesem, von der zionistischen Organisation akzeptierten Weißbuche heißt es klipp und klar: „Wenn gefragt wird, was unter der Entwicklung des Jüdischen Nationalheims in Palästina zu verstehen ist, so darf darauf geantwortet werden, daß es nicht bedeutet die Aufzwingung einer jüdischen Nationalität gegenüber den Einwohnern Palästinas als eines Ganzen, sondern die Fortentwicklung der bestehenden jüdischen Gemeinschaft (comraunity) mit der Hilfe von Juden in anderen Teilen der Weit" „Fortentwicklung der bestehenden jüdischen Gemeinschaft", das bedeutet für unsere „Judenstaatler" einen schweren Schlag und wenn der Brief Mac Donalds sich abermals auf dieses Weißbuch, das der englischen Palästinapolitik so enge Grenzen zog, beruft, so wiegt diese Tatsache bei weitem die, wie gesagt, rein platonische Feststellung des Briefes auf, daß das Jüdische Nationalheim in Palästina für das gesamte jüdische Volk errichtet werden soll. Aus dem Briefe Mac Donalds erkennt man aber auch, daß die zweite Verpflichtung, die England mit dein Mandate übernommen hat, nämlich die gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung von Palästina sehr ernst, vielfach ernster als die erste Verpflichtung genommen wird. Wie ein roter Faden zieht sich durch den ganzen Brief die Rücksichtnahme auf dieses „Bestehen verschiedener Interessen und Standpunkte". „Diese", meint Mac Donald, „sind an sich nicht unvereinbar, aber sie können nur dann ausgeglichen werden, wenn richtig erkannt wird, daß eine vollkommene Lösung des Problems von einer Verständigung »ron Juden und Arabern abhängt; bis dies jedoch erreicht ist, muß unvermeidlicherweise bei der Festlegung der Politik die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes mitbestimmend sein". Diese „Aufrechterhaltuug des Gleichgewichtes wird nun in der „authentischen Interpretation des Weißbuches" in einer Weise versucht, die uns zu dem einleitenden Vergleich mit der Springprozession veranlaßt hat. An jedem einzelnen Passus des Briefes könnte dieses gleichzeitige Geben und Nehmen bewiesen werden, Raummangel verbietet uns dieses lockende Experiment. Für heute sei nur registriert, daß die englische Regierung so schnell wie möglich eine Untersuchung anstellen will, um festzustellen, welche Staats- und andere Ländereien für geschlossene Ansiedlung von Juden verfügbar sind oder verfügbar gemacht werden können. Bis zur Beendigung dieser Untersuchung soll eine zentralisierte Kontrolle für Transaktionen auf dem Gebiete der Erwerbung und Uebertragung von Grund und Boden bestehen. „Die in .Aussicht genommene Kompetenz", versichert der Brief zur Beruhigung aufgeregter Gemüter, „ist eine regulierende und nicht etwa eine prohibitive." Im Nachsatz wird aber — und hier haben wir ein klassisches Beispiel für die englische Springlebendigkeit — sofort erklärt, daß „die Kompetenz das Recht einschließt, solche Transaktionen zu verhindern, die mit dem Tenor des Landentwicklungsplanes nicht zu vereinen sind." Für die Einwanderung soll nach wie vor der Grundsatz gelten, der ebenfalls im Weißbuch von 1922 festgelegt wurde, nämlich: „Es ist wesentlich, daß die Einwanderer der palästinensischen Bevölkerung als einer Gesamtheit nicht zur Last fallen und daß sie nicht irgend einen Teil der gegenwärtigen Bevölkerung seiner Beschäftigung berauben." Demgemäß wird neuerlich „die Notwendigkeit der sorgsamen Anwendung des Prinzips der Aufnahmefähigkeit" betont. Ein besonderes Zugeständnis ist eigentlich nur die Anerkennung des Anspruches jüdischer Arbeiter auf einen gehörigen Anteil; an den vorhandenen öffentlichen Arbeitsgelegenheiten, weil als Richtschnur hierfür die bekanntlich nicht unbeträchtlichen jüdischen Beiträge zu den öffentlichen Einnahmen gelten sollen. Die englische Regierung anerkannt großmütig die Forderung der Jewish Agency, „in allen Arbeiten oder Unternehmungen, die durch die Agency ausgeführt^ odgr^ gefördert. werden, die Arbeit durch Juden-ausführen zu lassen." Aber sie betont natürlich gleichzeitig, daß „wenn als Folge dieser Politik arabische Arbeiter verdrängt wer- ................................... ■ Beraumte jüdische Männer ■ 1 anfl frauen in der Pinsln jj ■ unteranderemAlfredarUnfeld.BronisIavHuber« ■ 2 mann, Fritz Krelsler, Moszkowsky, Rubin- 5 ■ stein, Jascha Hälfe«, Jehudo Menuhlm, Mischa ■ ■ Elmann, Josef Rosenblatt, Sulzer und 5 ■ Duschkln können Sie jederzeit in Ihrem Heim. ■ ■ auf elektrisch aufgenommenen Schallplatten hören. ■ ■ Ausführliche Verzeichnisse auf Wunsch kostenlos im ■ S Musikhaus LEO TUBLIN S ■ Cl*luslh-Union t | J Wien I., Jasomirgottstraße 6. — Tel. U 26-9-84 5 den oder die bestehende Arbeitslosigkeit verschärft wird, dies ein Faktor in der Situation ist, auf den die Mandatarmacht ihr Augenmerk richten muß". Auf diese Weise geht es auf der sozusagen jüdischen Seite des Blattes hin und her, während auf der arabischen Seite eine vollkommene Geradlinigkeit zu verzeichnen ist. Den empörten landlosen Arabern z. B., die von ihren Ländereien infolge des Ueberganges des Bodens in jüdischem Besitz verdrängt wurden und die weder anderen Boden, auf dem sie seßhaft werden konnten, noch eine andere gleiche Beschäftigung finden konnten, wird folgende Konzession gemacht, wie sie gleich eindeutig im jüdischen Teile des Briefes nirgends zu finden ist: „Den landlosen Arabern dieser Kategorie gegenüber fühlt die Regierung sich verpflichtet, ihre Ansiedlung auf dem Lande zu fördern." Mac Donalds Brief appelliert am Schluß an „Zusammenarbeit, Vertrauen und Bereitwilligkeit von allen Seiten." Ein schöner Schluß, würdig englischer Djplomatenkunst, die vor allem von den anderen Bereitwilligkeit fordert, ohne selbst diese Bereitwilligkeit restlos zu bekunden. Denn es ist heute wohl allen klar, — und der Brief Mac Donalds verstärkt nur diese Erkenntnis —, was England in seinem ureigensten Interesse in Palästina beabsichtigt. Es will .dort einen. Stützpunkt^seiner Orientpolitik schaffen, "und die Juden sollen ihm hierbei „bereitwillig" helfen. Oskar Hirschfeld. Rektor Hof rat Professor Dr. Adolf Schwarz. Eine Würdigung von Professor Am 13. Februar 1931, das ist, nach jüdischer Zeitrechnung, Sabbat (denn es war abends gegen 11 Uhr) den 27. Schebat 5691, ist Rektor Professor Dr. Adolf (Arjeh) Schwarz in hohem Alter von fast 85 Jahren im Schöße seiner Familie sanft ^entschlafen. Nur eine kurze Krankheit von kaum drei Tagen ließ ihn seine Tätigkeit an der Israelitischen Theologischen Lehranstalt in Wien aussetzen; er starb also mitten im Dienste. Von vielen Helden der alten römischen Geschichte findet man verzeichnet, daß sie „im Dienste"- starben, und das ist jedenfalls als besonderer Ruhmestitel gemeint. Rektor S c h w a r z, der ein Leben geführt hatte, Dr. Seit vielen Jahren das anerkannt beste -J Jahrzeitlicht ös^-nDtw Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. Königslicht" and Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33-1-87 Samuel Krauß. das nach dem alten rabbinischen Worte male mizwoth karimmon war, voll von Tugenden und Erfolgen, hat sich auch noch ein letztes Verdienst erworben: wie ein Held seines*Berufes im Dienste gestorben zu sein. Dieser Mann mit der zierlichen Figur, die gar nicht heroisch aussah, ragte gleichwohl an antike Größe heran, an antike Seelengröße freilich, die aufs schönste den Menschen zieret. Unbeugsam, unbeirrt, nur nach dem Rechten schauend, ging er den Weg, den er sich erkoren und den er nun einmal als den richtigen erkannt hatte. Er, der auf der Wegstrecke des ihm beschiedenen langen Lebens viele Veränderungen und der Zeiten gründlichen Wandel gesehen und erlebt hatte — er blieb der unentwegte, alte Rektor Schwarz, ein Name, der fast zum Begriff geworden ist. Die Umwertung aller Werte, die im Gefolge des Krieges eingetreten ist, hat ihm ebensowenig etwas anzutun vermocht, wie die Sucht nach dem Neuen, die sich innerhalb des jüdischen Wissens bemerkbar macht. Ein geschulter Talmudist, segelte er „auf dem Meere" des Talmuds wie in seinem Element, und da konnte er immer neue Tiefen entdecken, immer neue Perlen hervorholen. In dem Auffinden stets neuer Aspekte in Bibel und Talmud glich" er selbst den rabbinischien Größen, die er teils interpretierte, teils bekämpfte. Aber das Chaotische einer Urwelt konnte und mochte er nicht leiden; ihm war Ausgleich, System und Synthese so notwendig wie das Lernen selbst. Wunderbar ist der Aufstieg dieses Mannes. Geboren 1846 als Sohn eines Rabbiners in dem kleinen Dorfe Tevel bei Papa in Ungarn —ich bin wohl der einzige in Wien, der den Vater

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