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Die Wahrheit · 1931-02-20 · Heft 8 (20.2.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT eine schändliche Alltäglichkeit, die Stunde für Stunde getragen wird. Auch durch die Stunden vieler im schmerzlichsten Kampf verwachter Nächte. Welch ein Schauspiel die Universitäten bieten, von einzelnen Mitgliedern des hohen akademischein Senats angefangen bis herunter zum letzten Fuchs des ersten Semesters, das braucht nicht erst betont, braucht nur erwähnt zu werden. Haben die kleinen Buben, die das Gymnasium besuchen, haben die jungen, gänzlich unreifen Leute auf der Universität solch ein fertiges, wirklich ein so beweiskräftig fundiertes Urteil über die Verfolgten? Haben es die betreffenden Herren Professoren? Uebrigens selbst das diffamierendste Urteil, selbst wenn es sich auf die gültigsten, niederschmetterndsten Argumente ebenso stark stützen könnte, wie es jetzt ganz ohne Beweis, ganz ohne Halt in der Luft schwebt, aus der es immer wieder Völlig willkürlich gegriffen wird, selbst dann wären die Brutalitäten noch lange nicht gerechtfertigt. Selbst dann wäre es niedrig, barbarisch, wäre nicht bloß das Gegenteil von akademischen, sondern von einfach menschlichen Begriffen, daß ihrer zwanzig und fünfzig auf einzelne Wehrlose, auf Mädchen sogar, losstürzen und sie mißhandeln. Niemand mehr in dieser Welt, mag er welcher Nation immer angehören, verschließt sich jetzt noch der Erkenntnis, daß der finstere Ungeist ferner, begrabener Jahrhunderte heute in einem großen Teil des besiegten, verarmten deutschen Volkes aufgewacht ist. Du lieber Gott, er war schon zur Unglückszeit der Schützengräben recht lebendig. Es half nichts, daß der sozialdemokratische Jude „Flügelmann Frank" einer von den ersten gewesen ist, die draußen für die deutsche Heimat verbluteten. Tausende von jüdischen Soldaten mußten zu dem Elend, zur Todesgefahr, zu entsetzlichem Sterben, zu all dem Gräßlichen, das sie mit allen anderen teilten, auch noch das Elend des Schimpfes, den sie von Offizieren und „Kameraden" erfuhren, mußten das Bewußtsein erleiden, ihr Blutopfer angespien zu sehen:. Zuckermann, der die einzigen Kriegsgedichte von volksliedhafter Schönheit, den Schwanengesang der alten österreichischen Armee geschrieben hat, ist am Judenhaß gestorben. Aber nie hat auch nur ein einziger von all den tobsüchtigen Schimpfern sich einfallen lassen, was für eine entsetzliche Tragik solch vergeblicher, solch angespuckter Dienst bedeutet, welche Entsagung, welche Disziplin, welchen Heroismus des Duldens er verlangt. Nachher jedoch, als die Niederlage kam, als Versailles und Samt-Germain über uns alle hereinbrach, da spritzte der gedankenlose, wilde, irrschwatzende, geifernde Haß aus subalternen Instinkten ungehemmt hervor. Weder Berchtold noch der Zar, weder Clemenceau und Churchill noch Wilhelm II. hatten den Krieg entfesselt, sondern die Juden waren seine Veranstalter. Und die Niederlage? Ihre Ursachen lagen nicht bei Ludendorff, nicht bei dem übermütigen Verlangen nach Belgien, nicht bei dem Wunsch, Boulogne in Bohnen, Calais in Kahles zu verwandeln, nicht bei dem frevelhaften U-Boot-Scheinkrieg, sondern die Juden hatten Schuld an der Niederlage, wie sie Schuld hatten am Weltkrieg. Haargenau dasselbe lichtvolle Erwägen machte vor vier, fünf und mehr Jahrhunderten die Juden verantwortlich, wenn Pest und Cholera oder Blattern das Volk dezimierten, wenn Seuchen die Herden der Bauern hinrafften. Man klagte die Juden an, sie hätten die Brunnen vergiftet und das Rindvieh verhext. Die deutschen Menschen im Unglück entbrannten vor gerechtem Zorn. Einst und jetzt. Aber sie ließen ihren gerechten Zorn immer sehr wenig gerecht an Unschuldigen, an Wehrlosen ausrasen. Einst und jetzt. Vergeblich dagegen zu polemisieren, vergeblich, der Tollwut den Spiegel der Vernunft vorzuhalten. Es wird und soll hier auch gar nicht versucht werden, das ungeheure, das ungeheuerliche Sündenregister aufrollen^ all die Seelenfoltern und bluttriefenden Greuel herzuzählen, die an Juden begangen werden. Dieses Volk hat von altersher das Gesetz, das Moses (III. Buch, Kapitel 18) aufstellt, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", in seinem Inneren bewahrt. Dieses Volk besitzt von da her eine unendliche Geduld des Leidens, eine unerschöpfliche Gabe des Vergessens wie des Verzeihens, eine niemals wankende Treue zur Heimat, in der es trotz allem wurzelt. Und sein unzerstörbares Menschentum ist erleuchtet von der nie verlöschenden, ewigen und ewig rätselhaften Bereitschaft zum Frieden. Nur die Lage, in der sich die Kultusgemeinde angesichts solcher Zustände befindet, sei hier angedeutet. Nur um die unerhörte Schwierigkeit dieser Lage zu kennzeichnen, wurden diese Zustände, die ja allgemein hinlänglich bekannt sind, ganz flüchtig gestreift. Bedenkt man bloß einen einzigen Augenblick lang, wie ~7 hilflos sie in ihrer Armut ist und wieviel tausendfache Armut zu ihr um Hilfe fleht, dann wird einem nicht bloß die verzweifelte Situation der Gemeinde, sondern der ganzen Wiener Judenschaft erschreckend deutlich. Auch den Heimatlosen muß Rettung, muß Stütze zuteil werden. Durch die Kultusgemeinde, die ihnen Heimat und letzte Zuflucht bedeutet. Die Heimatlosen, das sind die Flüchtlinge aus dem Osten, die Kaftanträger, die Männer mit den Schläfenlocken. Ihre Frauen und Kinder. Heute erinnert sich keiner mehr von denen, die diese Unglücklichen mit Wut verfolgen, keiner von den Wiener Juden, die diese Ausgestoßenen mit Groll betrachten*), daß eben diese Menschen dem Krieg wie der Nachkriegszeit zum Opfer fielen. Preisgegeben von Freund und Feind wurden ihre Häuser ver-' brannt, wurden ihre Habseligkeiten von Freund und Feind geplündert, wurden sie niedergestampft, in alle Winde gejagt, und mit ihrem unausdenkbaren Weh überall wie Lästige, wie Zudringliche empfangen, indessen wir hier zu Wien, von jedem ähnlichen Unheil verschont, in Sicherheit wohnten. Heute geht es ebenso den Heimatberechtigten an den Kragen. Arbeitslos sein ist vom Uebel, aber arbeitslos und Jude sein, ist ein Unglück, dem fast jede Hoffnung schwindet. Jüdische Firmen. Groß- und Kleinbanken stellen keine Juden mehr an. Die Verarmung wächst ins Riesenhafte, gerade unter den Juden. Und alle die Entgleisten, alle die Ueberfahrenen, die im Elend Versinkenden erwarten Beistand von der Kultusgemeinde. Aber, wer steht der Kultusgemeinde bei? Von allen Völkern dieser Erde sind die Juden in Wahrheit am wenigsten gekannt, wie sie in Wahrheit am meisten gehaßt werden. Sie kennen sich selber kaum und sie hassen einander am grimmigsten. So sieht die Sache in Wirklichkeit aus. Ohne Schleier und ohne Schönfärberei. Jetzt aber sind sie im besten Zug, sich selbst im Stiche zu lassen. Es ist freilich eine Lust zu leben. Trotz allem. Doch Dinge ereignen sich, die einem das Atmen schwer machen. Trotz allem. Das mußte als Ergänzung gleichfalls gesagt werden. *) Solche engherzig „grollende" Juden sind wohl nur ganz vereinzelt. (Antn. der Red.) LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖNIX WIEN, 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mitte 1930......... - 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ...... 125 Garantiemittel per Ende 1929 300 9 Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 301/, » Feuilleton Dostojewskis Antisemitismus. Zur 50. Wiederkehr des Todestages des Dichters. Von S. T a.u b e s. (Schluß.) Was Dostojewski uns in seinem Aufsatze „Die Judeufrage" bietet, sind nur fragmentarische Erkenntnisse, seiner Intuition entsprossen. Hinweise zu einer möglichen Orientierung, aber kein letztes Wort Diese Unzulänglichkeit aber liegt weniger an ihm selbst, als an dem Fragmentarischen der ganzen Situation. Denn die zu beurteilenden Strömungen und Kräfte sind noch gar nicht in eine endgültige Beziebung getreten. Jedenfalls muß man, wenn ma-. sich di<; historischen Gegebenheiten vor Augen hält und soviel Toleranz aufbringt, um den Glauben und die Weltanschauung Dostojewskis zu respektieren, schon anerkennen, daß er sich ernst aufrichtig und mit größtem Wohlwollen dieses Problems angenommen hat und sich darin so weit eingefühlt hat, als es die prädestinierte Grenze seines Einfühlungsvermögens ihm gestattete. Diese Grenze aber reicht sehr weit So erklärt er vor allem, und das müßten sich alle Rassenschützler merken: „Am meisten wundert mich eins: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden als Volk, als Nation, ja für einen Judenhasser hält?" Und weiterhin: „. . . doch beruht diese Abneigung durchaus nicht auf irgend einen Rassen- oder Religionshaß, sondern auf gewissen Tatsachen . . ." Er äußert also offen eine Abneigung gegen die Juden, aber nur wegen gewisser Tatsachen, wegen gewisser tatsächlicher Geschehnisse und nicht etwa aus einem ausgeklügelten Vorurteil, das niemals zu beheben wäre Denn wenn es sich um Tatsachen, um gewisse zeitliche Erscheinungen handelt, wenn der Jude nicht im Voraus stigmatisiert erscheint sondern wenn es, wie Dostojewski sagt „auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung ausschließen . . .", so bleibt ja noch immer die Hoffnung, daß diese Gründe einmal zu überbrücken sein würden, daß Tatsachen umgeändert und gut gemacht werden können . . . Dostojewski wirft den Juden Eigendünkel und Hochmut, Unbarmherzigkeit Herrschsucht und insbesondere Geldgier vor, also ungefähr alle jene Fehler, die ihm. vom einfachen Volk vorgeworfen werden, das damit bestrebt ist, seinen geheimnisvollen, eingeborenen, dem Judenvolke feindlichen Instinkt vor sich selbst zu motivieren. Dieser Instinkt ist jedoch vom landläufigen, theoretischen Rassen- oder Religionshaß ausdrücklich zu unterscheiden, wenn auch seine tiefsten Wurzeln — unserer Meinung nach — auf einen mystisch-religiösen Grund zurückgeführt werden müssen. Dieser feindliche Instinkt ist wie hier nur andeutungsweise bemerkt werden kann, für die Juden auch durchaus nicht unehrenhaft, da mit ihm die sittliche Berufung des Judenvolkes selbst angefeindet wird. Er ist die natürliche Auflehnung der Menschennahir gegen die in einem Volke personifizierte Idee der Moral, gegen die im Judentum leibhaftig in die Welt getretene Sittlichkeit, die stets angegriffen wurde und werden wird, ohne welche aber die Menschheit überhaupt nicht existieren könnte. Daher mischt sich auch in diese Gegnerschaft ein Element scheuer Anerkennung und widerstrebender Hochschätzung, wie sie von den Menschen der Moral immer entgegengebracht werden. Aus dieser Verbindung widerstrebender Gefühle ergibt sich dann das so unbestimmte, so unsichere Verhalten aller Nichtjuden zum Judentum. Von hier aus sind alle Widersprüche dieser Einstellung und auch der augenscheinliche Widerspruch in der Stellung Dostojewskis abzuleiten, ohne daß durch diese Feststellung das Judentum etwa von allen Vorwürfen rein gewaschen werden sollte. Es kann nicht Sache dieses Aufsatzes sein, der sich nur an gewisse allgemeine Richtlinien des vorgefaßten Themas halten muß, diese Feindschaften im Einzelnen zu untersuchen und vielleicht mit ihnen zu polemisieren. Es kann uns hier nicht darum gehen, Apologetik des Judentums zu treiben und velleicht dem toten Dostojewski ein Privatissimum über die so verwickelte und verzwickte Stellung des Judentums innerhalb der Völker zu erteilen, indem einzelne Fälle zergliedert wurden. Eine Verwicklung, die umso komplizierter erscheint, als der Vertreter der Moral, wie offen zugegeben werden muß, in einzelnen Aeußerungen selbst unmoralisch, wenn der berufene Vertreter der Sittlichkeit in vieler Hinsicht selbst sittlich entwurzelt ist und an der allgemeinen Dekadenz der Sittlichkeit Anteil nimmt, was natürlich noch auffälliger in Erscheinung treten muß. Denn ein Richter, der selbst ein Verbrechen begeht was menschlich wohl begreiflich ist, setzt sich einer schärferen Kritik aus, als der gewöhnliche Sterbliche. Es soll hier nur das Bestehen eines solchen Widerspruches in der Dostojewskischen Konzeption zur Judenfrage nachgewiesen werden, wobei aber die Schuld an diesem Widerspruch in gleichem Maße innerhalb des jüdischen Volkes selbst zu suchen ist, das durch das Verhalten mancher seiner Söhne zu einer solchen Verwirrung der Auffassungen Anlaß gibt. Aus dem Umstände des Hervorragens markanter jüdischer Namen auf dem Gebiete der internationalen Politik und Presse, aus der Tatsache eines umfassenden Anteiles der Juden an Börsengeschäften und aus der Ansicht, daß Habgier ein hervorstechender Charakterzug des jüdischen Menschen sei, kommt Dostojewski zum Schlüsse, daß das materialistische Gepräge der Zeitepoche, die er mit so unauslöschlichem Hasse verfolgt, auf den alleinigen Einfluß des Judentums zurückzuführen sei, meint er, „daß die reichen Juden immer mehr die Herrschaft über die Menschheit erobern und immer eifriger danach streben, der Welt ihr jüdisches Antlitz aufzudrücken und ihr jüdisches Wesen zu verleihen". Dabei erklärt Dostojewski, er spreche nicht von einzelnen Personen (wiewohl er ausdrücklch nur von den reichen Juden spricht, die im Verhältnis zur gewaltigen Masse der Armen eben doch nur Einzelne sind), sondern im allgemeinen „vom Judentum und von der jüdischen Idee, die die ganze Welt ergreift . . ." Nun könnte man ja, wie gesagt, vom jüdisch-apologetischen Standpunkt aus behaupten, es handle sich hierbei doch nur um Einzelne und zumeist gerade um solche, die sich vom wahren Wesen des Judentums innerlich (und sehr oft auch äußerlich) losgesagt hätten. Daß Dostojewski also mit viel mehr Berechtigung eben jene Einzelnen hätte angreifen müssen, statt daß er die Idee des Judentums angriffe, eine Idee, die wie Dostojewski selbst, an anderer Stelle ausführt, noch eine ganz andere — und wie das Judentum fest glaubt — bei weitem überragende Triebkraft besitzt. Wenn man aber dem Russen Dostojewski diesen apologetischen Standpunkt nicht zumuten wollte, da er

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