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Die Wahrheit · 1931-02-20 · Heft 8 (20.2.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag lilllM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 Die Wahrheit XLVI1. Jahrgang Wien, 20. Februar 1931 Nummer 8 Kultusgemeinde. Dem freundlichen Entgegenkommen der „Neuen Freien Presse" verdanken wir die Möglichkeit, dieses, prachtvolle Feuilleton ans der Feder Saltens, das am 13. d. M. in dem genannten Blatte erschienen ist, unserem Leserkreise in Stadt und Land zur Beherzigung zu unterbreiten. Wenn auch Felix Saiten seine Zeilen nicht als Aufruf gewertet sehen will, so möchten wir doch an unsere werten Leser den Appell richten, die Lehren aus dieser verständnisvollen Würdigung der Kultusgemeinde zu ziehen und das Ihrige zur Förderung deren Wohlfahrtsinstitutionen zu tun. D. Red. Immer noch und trotz allem: es ist eine Lust zu leben. Heute sogar mehr noch und höhere Lust als je vorher. Weil die Welt nie vorher so interessant, so voll unerhörter Spannungen, so zukunftsträchtig war. Weil man nie vorher solch grundwühlenden Umsturz sah und.niemals noch vor derart gewaltigen Entscheidungen stand. Besonders aber, weil wir durch technischen Finder- und Erfindergeist ganz unermeßlich reich geworden sind, weil wir immer reicher und reicher werden. In dieser Hinsicht. Alle Märchen sind von märchenhaften Wirklichkeiten übertroffen. Die üppigste Phantasie wird von sachlichem Geschehen täglich beschämt. Und daß wir durch die Luft rund um den Erdball fliegen können, das gehört schon zu den gewöhnlichen, zu den ganz gewöhnlichen Dingen. Na ja, es ist so wunderbar, daß man bald vergessen wird, sich zu wundern, obwohl die Fähigkeit des Staunens, beiläufig gesagt, das Wichtigste bleibt. Dennoch haben noch niemals so viele Menschen dieses herrliche und allzu kurze Leben freiwillig weggeworfen, wie eben jetzt. Weder die Melancholie der Werther-Zeit noch die exaltierte Weltschmerzmode hatte in Monatsfrist eine ähnliche Zahl von Selbstmördern aufzuweisen, wie heute die Chronik eines einzigen Tages verzeichnet. Darüber allerdings staunt niemand. Auch liegt keine Ursache vor, sich dessen zu wundern. War der Freitod in den erwähnten früheren Epochen eine Art geistiger Luxusepidemie, eine hysterische Uebertriebenheit nervös gewordener Jugend, so bringen sich heute Jugendliche ebenso um wie Greise, Männer und Frauen in der Fülle ihrer Kraft. Wer heute an sich Hand legt, die Gashähne öffnet, zum Browning greift, Gift schluckt, aus Fenstern oder ins Wasser springt, den treibt die Not, den nötigt die Verzweiflung. Wer hungern muß, kein Obdach besitzt und, schlimmer noch, keine Hoffnung hat, dem verarmt diese Welt, dem wird sie öd und wüst, selbst wenn sie so lockend und reizvoll ist wie heutzutage. Es ist schade, daß es wahr ist und wahr, daß es schade ist. So ungefähr sagt Polonius. Und der weise alte Mann hat auch diesmal recht. Allen Menschen geht es jetzt schlecht. Alle müssen einen bitter harten Daseinskampf bestehen. Sicherlich, die Welt ist nie vorher so fesselnd und ereignisreich gewesen, doch ebenso richtig: es war niemals so schwer, aufrecht zu bleiben. Nach den zahllosen Reden, die freilich mehr als sonst gerade heute zu Phrasen verflüchtigen, die aber manchmal doch ein ernstes Wollen ausdrücken, ist das Gemeinschaftsideal jetzt im Erstarken begriffen, das Streben, irgendein Kollektivum zu errichten, gegen- Von Felix Saiten. seitige Hilfe, wenn auch nicht genau im Sinne Peter Krapotkins, das Empfinden für die Bedrängnisse des Nächsten, die Erkenntnis, wie notwendig es ist, sich zusammenzuschließen, alle diese Strömungen, der verarmten, verwüsteten, verlotterten Gegenwart entsprungen, haben Fortschritte zu verzeichnen. Wirklich? Es wär' ein Ziel, aufs innigste zu wünschen... Aber wenn ich nun inmitten der allgemeinen Schutt- und Trümmerstätte die Wiener Kultusgemeinde herausgreife als das Beispiel einer Gemeinschaft, die ebenso wertvoll ist wie jede andere, nur weit hilfloser, ärmer, erbarmungswürdiger und ihrer Lage nach mehr gefährdet als alle anderen Gemeinschaften, wenn ich hier von der Kultusgemeinde spreche, so tue ich das ohne Anspruch, ja ohne - Hoffnung. Rein aus Pflichtbewußtsein. Einzig aus dem Gefühl meiner Zugehörigkeit, die ich vor keinem Hakenkreuzler zu verleugnen gedenke, noch weniger vor einem der zahllosen Renegaten.' Keinen Aufruf will ich schreiben, ich beabsichtige auch weder einen Appell an das Gewissen derer, die es angeht, und keine Bettelbitte an die Leute, die, heimlich oder offen, freigebig feindselige Organisationen stützen, der nackten Armut jedoch, die von der Kultusgemeinde vor dem Aeußerstert bewahrt wird, taube Ohren und zugeknöpfte Taschen zeigen. Nur Feststellungen will ich in das Licht der Oeffentlichkeit rücken. Nichts als Feststellungen. Das gesamte Vermögen all der Stiftungen, die von der Kultusgemeinde verwaltet werden, betrug vor dem Krieg, in der jetzigen Währung, rund achtundzwanzig Millionen, die etwa achthunderttausend Schilling an Jahreszinsen ergaben. Nach dem Schaden, den die Kriegsanleihe an allen Gütern ohne Ausnahme, also auch am Gut der Armen, verübt hatte, blieben vom Kapital knapp eine Viertelmillion, von den Zinsen bloß zehntausend Schilling. Private Spenden haben diese kläglichen Reste noch nicht einmal auf eime einzige jMillion. den Ertrag also auf kaum vierzigtausend Schilling gebracht. Dagegen sind die Aufwendungen für die Jugend, für das darbende Alter vom Jahre 1925 an bis zum Jahr 1929 um mehr als eine halbe Million gestiegen und zeigen zuletzt die stattliche Summe von zwei Millionen achthundertfünfzigtausend Schilling. Blindenanstalt, ausgezeichnet geführt, Waisenhäuser, Kindergärten, Erholungsstätten, Ferienkolonien, Spitäler, Altersheime, Asyle für Sieche und Unheilbare, Schulen und Internate, die den Lehrlingen gewidmet sind. Fürsorge, die sich gefährdeten Existenzen zuwendet, Ambulatorien, Mensa academica, Ausspeisungen von Armen ohne Unterschied des Alters... man rechne dieses enorme Hilfswerk und seine Kosten einmal zusammen, man schaue die vielen Wohlfahrtsinstitute, ja nur zwei oder drei davon, einmal persönlich an, und man wird einen Begriff von der ungeheuren Leistung bekommen, die hier verrichtet wird, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Oder, was schneller, was bequemer bleibt, man werfe einen Blick in die Broschüre der Kultusgemeinde „Unser Fürsorgewerk" (erschienen September 1930), dann — Steuern sind freilich nie beliebt — wird man wenigstens wissen, wofür man Kultussteuer zahlt. Eine Kultussteuer, die im Grunde nur geringer Tribut der Aufrechten, zugegeben der mühsam Aufrechten, an die Verunglückten ist. Ein Rettungsgürtei, den Armen, die am Ertrinken sind, zugeworfen von allen, die sich noeb über Wasser halten. Man braucht sich nur vorstellen, was geschehen wird, wenn diese schwächlichen Stützen auch noch zerbrechen und der namenlose Jammer (bis heute halbwegs verborgen und mit Ach und Krach gestillt) auf den, Straßen zum Himmel schreit. Auf den Straßen, die heute kein Erbarmen, sondern nur kalten Haß kennen und nur den schändlich kaltherzigen Ruf: „Verrecke!" Bescheiden und furchtsam bleibt das Maß dieser Kultussteuer gegen ähnliche Abgaben anderer Konfessionen um die Hälfte, um weniger als die Hälfte zurück. Bescheiden, furchtsam und... \n genauer Kenntnis des wahren Sachverhaltes, in behutsam psychologischem Erwägen. Wäre es allen Kennern der wirklichen ZustäF.de nicht längst eine ausgemachte Wahrheit, daß die Solidarität der Juden nur in der Phantasie ihrer Gegner vorhanden ist, nur eine demagogische Lüge ihrer Feinde, man müßte diese Wahrheit mit Händen greifen; an der Indolenz, an dem Widerstand, an dem trägen Zaudern, an dem Kritteln, besondes an dem schnöden Abfall, womit man vielfach das Verlangen nach dieser Steuer beantwortet. Wahrscheinlich bleibt es diesen Leuten gänzlich unbekannt, oder sie werden sich gar nicht klar darüber, welcher mühseligen, in aller Stille heroisch vollbrachten Hilfs- und Rettungsarbeit sie derart ihren materiellen und moralischen Beistand weigern. Aber wenn sie auch davon nichts wissen, manchmal nichts wissen wollen, wenn sie die eigene kostbare Person durch Anbiederung, die sich nicht zu erkennen gibt, durch allzu willig geleistete Spenden vor Schimpf und Flegelei geschützt glauben, der giftige Haß, der das Bibelvolk umtobt, kann ihnen unmöglich entgehen. Damit allein sind sie schon verantwortlich. Mit dieser notgedrungenen Kenntnis, die kein Kind wegleugnen kann, sie sind haftbar. Je mehr sie sich der einfach selbstverständlichen Verantwortlichkeit, der naturgewollten Haftpflicht entziehen, um so tiefer sinkt ihr Menschenwert und ihre Menschenwürde. Die Tragödie des Juden beginnt ja schon im Kindesalter. Schon die frühe Jugend wird ihm verbittert. Was für entsetzliche Dramen sich im Gymnasium, in der Realschule abspielen, läßt sich kaum schildern, wenn man sich kurz fassen muß. Ganze Bände wären mit den Seelenqualen zu füllen, die da junge, ahnungslose, unschuldige Geschöpfe erdulden. Unter den gleichgültigen, oft unter den stillschweigend zustimmenden Augen mancher Lehrer. Es ist eine Alltäglichkeit, doch eine martervolle,

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