Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 7 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nicht unerwähnt bleibe der Umstand, der oft >'erag beachtet wird, die große Verantwortung, die auf dem gesprochenen Worte lastet; Die große Ranzel des II. Bezirkes erfordert allein den ganzen Mann, aber Grunwald ist vielseitig, kenntnisreich, redegewandt und -hat sich seinen Aufgaben stets gewachsen gezeigt. Wie viele Gelegenheiten sind in den drei Jahrzehnten abgerollt, die vom dem Redner höchsten Takt, größte Verantwortung und volle Meisterschaft verlangten! Unter diese Bilanz eines Berufslebens wird nun ein Strich gesetzt, der einem Schlußstf ich ver: zweifelt ähnlich sieht. Wir aber wissen, daß es kein Schlußstrich ist, sondern bei Grunwald jetzt erst recht die Arbeit für die Wissenschaft des Judentums voll einsetzt. Nun kann der Strom seinen Lauf nehmen, der Damm, der ihn gestaut hat, ist weggenommen! Qrunwald hat sein Amt zurückgelegt. Seine Hände sind rein, sein Charakter lauter, sein Rücken ungekrümmt. Der bedauerliche Unglücksfall, der ihn vor kurzem betroffen, hat ihn nur äußerlich geschädigt, ungebrochen ist Herz und Seele, Geist und Arbeitskraft dieses Mannes, von -dem wir uns noch viel, vielleicht das Beste erwarten. Jedes Rabbinerleben ist unvollständig gezeichnet, wenn man den Rabbiner ohne die Frau' sieht. Grunwald schrieb 1903 „Die moderne Frauenbewegung und das Judentum" und später eine sehr schöne Artikelserie in der „Wahrheit": „Jüdische Frauenideale". Vielleicht wird sich die Frage, wie Grunwald das alles in seinem Leben schaffen konnte, damit beantworten, weil an seiner Seite seine Gattin Margarethe, die Tochter des-unvergeßlichen Dr. Josef Bloch, waltet. Geistvoll, liebenswürdig, häuslich, mit dem echt jüdischen Herzen auf dem rechten Fleck, hat sie sich ihren Titel j,Fürsorgerat" wahrhaft verdient, denn ihre Fürsorge hat sich nicht nur in Humanitätsvereinen und Werken der Nächstenliebe ausgelebt und voll betätigt, sondern ebenso dem Gatten und den Kindern den Weg des Lebens gangbar gemacht. Wenn ich mich frage, ob man dieses Rabbinerleben — wie es bei mancher Figur eines katholischen oder evangelischen Priesters geschehen ist — poetisch verherrlichen könnte, so weiß ich nur eines: es ist ein „Hohelied der Arbeit" gewesen und so zu feiern. Der Allmächtige gebe dem getreuen Arbeiter, seiner Gattin und seinen Kindern den vollen Lohn — noch" viele, viele glückliche Jahre! Ich begrüße den ehrwürdigen Kollegen und lieben und treuen Freund mit dem Worte des Talmud: Man sage nur einen Teil des Lobes dem Menschen ins Gesicht, das ganze erst wenn er nicht da ist. Dr. Viktor Kur rein, Rabbiner in Linz a.d.D. Die Ergebnisse der Kammerwahlen. Unter vielem Radau und Hepp-Hepp-Geschrei .sind die unterschiedlichen Kammerwahlen an den Wiener Hochschulen beendet. Ihr Ergebnis liegt; hünmehr vor. Die Nationalsozialisten, die lautesten Schreier, haben an der Universität 2278, an der Technik 1164, an der Hochschule für Welthandel 530 Stimmen erhalten. An sich genommen sind sie an jeder dieser Hochschulen die stärkste Gruppe, die absolute Majorität haben sie aber nur an der Hochschule für Welthandel erlangt Die Ziffern bekommen aber sofort ein '.ganz anderes Gesicht, wenn man ihnen die .. tatsächliche H-örer.zahl 'ßjx jeder dieser Hochschulen gegenüberstellt. Im Wintersemester 1930/31 waren inskribiert: An der Universität 11.937 Hörer und Hörerinnen, an der Technik 3310 Hörer und Hörerinnen, an der Hochschule für Welthandel 2270 Hörer und Hörerinnen. Von diesen Hörern gingen aber nur zur Urne, bzw. wurden des Ganges zur Urne für würdig befunden: an der Universität 6605 Hörer und Hörerinnen, an der Technik 2417 Hörer und Hörerinnen, an der Schule für Welthandel 1224 Hörer und Hörerinnen. Das heißt, von 16.916 inskribierten Hörern gaben nur 10,246 ihre Stimmen ab. Von den 10.246 Stimmen entfielen 3972, also kaum 40 Prozent, auf die hakenkreuzlerlschen Studenten radikalster Färbung. Die übrigen; Stimmen entfielen auf die Studentenschaft großdeutscher und christlichsozialer Richtung. Es widerspricht also...Vollkommen den Tatsachen, von emöf'hakerikreuzler is c h e n M e h r h e i t an den Wiener Hochschulen zu sprechen. Der Prozentsatz der hakenkreuzlerischen Stimmen beträgt, die drei größten Wiener Hochschulen zusammengerechnet nicht einmal 25 Prozent der Gesamt hör er schaft und nur etwa 40 Prozent der abgegebenen Stimmen. Gleichwohl kann nicht verkannt werden, daß •der Nationalsozialismus derzeit in Oesterreich rasche Fortschritte macht Das haben auch die sonntägigen Gemeinderatswahlen in Klagenfurt bewiesen. Wendung im karpatho-mssisdien Ritaalprozeß. Strafverfahren gegen den bisherigen Untersuchungsrichter. - nie über seine Nachforschungen. Der Entlastungszeuge Pazucha- Im Ritualprozeß von Velka Berezna ist eine interessante Wendung eingetreten. Die Militärprokuratur von Uzhorod hat auf Grund einer Zeugenaussage der Mutter des Knaben Vasil Kostja ein Strafverfahren gegen den bisherigen Untersuchungsrichter Faltynek und den Kreisgendarmeriehauptmann des Bezirkes Perecin, zu dem Velka Berezna gehört, eingeleitet. Die Mutter Vasil Kostjas hat als Zeugin erklärt, Faltynek habe sie durch die D r o h u n g, sie müsse sonst die Spitalkosten selbst bezahlen, gezwungen, ihre Unterschrift unter die Privatklage zu setzen. Die Fortführung der Untersuchung wurde dem mit der Leitung der Gendarmerieabteilung Uzhorod neu betrauten Stabskapitän Novak übertragen. füiiiM Das Organ der „Liga für Menschenrechte" in der CSR., der „Aufruf", veröffentlicht das Protokoll der Zeugenaussage des Entlastungszeugen Pazuchanic, Direktors der Bürgerschule in Perecin, gegen den, wie vor kurzem gemeldet, ein Verfahren wegen Meineids eingeleitet wurde. In seiner Zeugenaussage machte Pazuchanic u. a. folgende Angaben: „Als sich die Kinder von irgend einer Konfrontation aus Uzhorod nach Hause begaben, hörte ich, wie sie untereinander erzählten, die Verletzungen seien ihnen nicht von Juden beigebracht worden, sondern sie hätten sich dieganzeSachebloß ausgedacht um sich einer besonderen Tat zu rühmen. Ich sprach mit Beka Borka, der Mutter des Kosty, und diese sagte mir, ihr Sohn habe sich die Verletzung selbst an einer FenstermUWEEHlKmER RESIDENZ COLUMBIA FABR. 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In seiner weiteren Aussage wies Pazuchanic darauf hin, daß Helene Bogdan auch vor dem Redakteur H a v a s der halbamtlichen ungarischen Wochenschrift „Uj Közlöny" eingestanden hat, steseivonderLehrerinSzöke zu ihrer unwahren Aussage verleitet worden. Anläßlich einer neuen Konfrontation vor Gericht habe die kleine Bogdan abermals ihr Bf u tmärchen aufgetischt, sei jedoch verstummt, als sie vom Lehrer Pazuchanic auf ihr seinerzeitiges Geständnis aufmerksam gemacht wurde. Die Fragen des Verteidigers, betreffend Person und Verhalten der Lehrerin Szöke, seien nichtzugelassen worden. Niederlage Fricks im deutschen Reichsrat. Unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Dr. Zweiser befaßte sich der deutsche Reichsrat am 6. d. M. in einer öffentlichen Sitzung mit dem ElnspruchThüringens gegen die seitens Preußen und einer Reihe anderer deutscher Bundesstaaten, wie z. B. Baden, Hessen. Anhalt, Bremen. Mecklenburg-Strelitz. vorgenommene Einburgerung von Ausländern. Der thüringische Innenminister Prick hatte seine- Einsprüche, die sich fast nur gegen die jüdischen Ausländer wenden, damit begründet, daß die Einbürgerung von rassenfremden Elementen die Sicherheit des Reiches gefährde. Im ganzen handelt es sich um etwa 400 Einbürgerungsfälle, fn einer der vorigen Reichstagssitzungen waren bereits 62 Fälle gegen Prick entschieden worden. Diesmal standen 120 weitere Fälle zur Entscheidung. Die erste Gruppe umfaßte 73 Fälle meist jüdischer, aus dem Osten eingewanderter Persönlichkeiten.- die über 25 Jahre in Deutschland ansässig sind Die Ausschüsse hätten dem Plenum empfohlen, den Einspruch Thüringens als unbegründet zurückzuweisen. Das Plenum beschloß demgemäß gegen die Stimmen Thüringens und Braunschweigs und bei Stimmenthaltung des preußischen Provinzialvertreters für Ostpreußen. — Es kamen dann 15 Fälle zur Abstimmung, bei denen die Einzubürgernden etwa 20 Jahre in Deutschland ansässig sind. Gemäß der Empfehlung der Ausschüsse wies das Plenum Thüringens Einspruch a b. — In 14 weiteren Fällen, bei denen es sich um Personen bandelt, die etwa 15 Jahre in Deutschland ansässig sind, hatten die Ausschüsse beschlossen, den Einspruch Thüringens als begründet zu erklären. Auf Antrag des preußischen Vertreters, Ministerialdirektors Brecht, wies das Plenum trotzdem den Ein-, spruch Thüringens ab. Mit Preußen stimmten Baden. Hessen, Hamburg, Anhalt, Bremen, Lippe-Detmold. Lübeck, Mecklenburg-Strelitz und Schaumburg- Lippe. — Mit 33 gegen 30 Stimmen bei drei Stimmenthaltungen wies da Plenum schließlich in 18 Fällen, bei denen die Einzubürgernden etwa 12 Jahre in Deutschland lebten, den Einspruch Thüringens zurück. Damit hat Thüringen in allen bisher behandelten Einbürgerungsfällen eine Niederlage erlitten, und der Versuch Fricks, in diesem Falle eine Mehrheit gegen Preußen zusammenzubringen, um Preußen im Reichsrat im allgemeinen zuisolieren, schlug vollkommen fehl. In der der Abstimmung vorangegangenen Debatte führte Ministerialdirektor Brecht u. a. aus, der Einspruch Thüringens sei rechtlich unzulässig und sachlich ungerechtfertigt Man könne nicht alle Fremdstämmigen allgemein als schädlich für das Staatswohl hinstellen, man müsse den Einzelfall prüfen. Günthers Rassenlehre gehe darauf hinaus, daß vier F.flnftel der deutschen Bevölkerung fremdrassig seien; darunter sehr viele oberbayerische Baaent Zur Frage der künftigen Einbürgerungspraxis, faßt» der Reichsrat eine Entschließung, für die Zukunft eine strengere Handhabung Platz greifen zu lassen.