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Die Wahrheit · 1931-02-13 · Heft 7 (13.2.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 7 (13.2.1931)
Date
1931-02-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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p i Sitte 4 DIE WAHRHEIT so kommt es, daß trotz der Absatzverminderung und Kaufkraftverringerung der Bevölkerung zahllose kleine und kleinste Geschäfte wie die Pilze aus dem Boden sprießen. So z. B. hat. die Zahl der Lebensmittelgeschäfte in Wien in den letzten drei Jahren laut amtlicher Statistik um 3000 zugenommen. Mit Rücksicht auf die starke Vertretung der Juden im' Lebensmittdhandel dürften hiervon eine entsprechende Zahl Juden gehören. Hierdurch wird der Konkurrenzkampf im Kleinhandel, der meistens auf dem Wege der Zahlungserleichterungen ausgefochten wird, immer heftiger und zahlreiche jüdische Existenzen bleiben auf der Walstatt dieses furchtbaren Wirtschaftskampfes, nachdem sie den letzten Groschen ihrer Abfertigung oder ihrer Ersparhisse aufgebraucht haben. : Doch noch eine andere Gefahr wird durch diese Entwicklung heraufbeschworen. Die Spanne zwischen den Preisen, welche der Produzent für seine Waren erhalt, und jenen, welche der Konsument hierfür bezahlen muß, wird nicht, wie dies normalerweise durch den Handel geschieht, dessen volkswirtschaftliche Funktion in einer Ausgleichung zwischen Angebot und Nachfrage besteht, verringert, sondern vergrößert Obwohl hieran zum größten Teil die enorme Steigerung des Risikos lind der öffentlichen Lasten die Schuld trägt, macht sich dennoch das Bestreben nach Ausschaltung des Zwischenhandels bemerkbar, das in dem Maße zunehmen muß, als der Handel durch die Wirtschaftskrise ah seiner normalen Tätigkeit verhindert ist. Sieht man nun die furchtbare Gefahr, die in der von mir. aufgezeigten einseitigen Wirtschaftsgliederung gelegen ist, in der beruflichen. Isolierung -und Zusammendrängung auf ein verhältnismäßig kleines und an Erwerbsmöglichkeiten immer ärmer werdendes Wirtschaftsgebiet? Das Gespenst des „weißen Pogroms", der Vernichtung der Juden ohne Blutvergießens, durch wirtschaftliche Abschnürung, durch Beraubung ihrer materiellen Existenzgrundlage tut sich vor uns auf. Der wirtschaftliche Asemitismus schwillt an und feiert auch auf anderen Gebieten des Wirtschaftslebens wahre Orgien. Es handelt sich um nichts weniger als tun die langsame Verdrängung der Juden aus allen bürgerlichen Stellungen und ihre langsame P r o 1 e t ar i s i e r u n g. Nein, „Proletarisierung" ist nicht der richtige Ausdruck für diesen sozialen Vorgang, da der Proletarier von heute nicht mehr das ist, was er ehemals war. Es handelt sich um ihre Herabdrückung zum Lumpenproletariat, zum Pinkeljuden, was uns so recht den Prozeß der Rückbildung in der Emanzipation zeigt Wo immer man hinblickt überall dasselbe Schauspiel. Man sehe sich nur einmal die „Offenen Stellen" und die „Stellengesuche" in den Tages- und Fachzeitschriften an! „Bauingenieur gesucht, Arier wollen sich usw."; „Chemiker, gesucht, Arier mögen usw."; „Arischer Buchhalter-wird aufgenommen."; „Magister der Pharmazie, Arier usw.". Auf der anderen Seite weiß em junger Rechtsanwaltanwärter als Qualifikation nichts anderes für sich ins' Treffen zu führen, als daß ihn arische Eltern geboren haben, und ein absolvierter Diplomkaufmann betont, daß in seinen Adern kein jüdisches Blut rollt. Er wird sicher leichter eine Stellung finden als ein vielleicht sogar, besser qualifizierter Nichtarier, möglicherweise sogar in einem jüdischen Geschäft, und zwar, wie man schamhafterweise sagt, „zum Verkehr mit der arischen Kundschaft". Warum in aller Welt will die arische Kundschaft nicht mit einem jüdischen Kaufmann verkehren, der sie gewiß eben so gut bedienen wird? Warum muß der Bauingenieur durchaus ein Arier sein? Gibt es eine jüdische und eine arische Baumaterialienkunde, eine jüdische und eine arische doppelte Buchhaltung? (Schluß folgt) F^WW^' PPH^^ | ¥OBNEflfflC FANHIEN - PENSION iHtstaBPitlon.HaffBBhBDs täglich 5-Uhr-Tee ISErMERING TELEPHON 11 1 ■B^gBrSäirfdHochstrafle 43 neben Hotel Panhans H Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts g Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser M in jedem Zimmer. s Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer imSm. Rabbiner Dr. Max Granwald. Mit großer Betrübnis hat man sich in weitesten Kreisen mit der- Tatsache abfinden müssen, daß Rabbiner Dr. Grunwald in den Ruhestand getreten ist Es ist geschehen, aber nicht etwa, weil seine Kraft verbraucht ist und er selbst ein ruhebedürftiger Mann, auch nicht deshalb; weil ihn die Wiener Kultusgemeinde nicht mehr brauchen könnte, — nichts von alledem, sondern aus eigenem, freien Willen ist er von seinem im steten Schlaguchte der . Oeffentlichkeit gestellten Platz abgetreten, um sich in die Ruhe der wissenschaftlichen Werkstatt zu begeben. ' -1 - .• ■' '{[['■ Wenn ein Mann von leitender Stelle scheidet so gibt er gewöhnlich eine Art Tätigkeitsbericht, damit man weiß, was er geleistet hat Bei Dr. Grunwald wird es nicht der Fall sein, denn es hegt ihm nicht von seinen Leistungen zu sprechen, außerdem glauben wir und er selbst gewiß, daß seine eigentliche Arbeit erst recht nicht zu Ende, sondern im vollen Gange ist Immerhin ist aber ein so entscheidender Schritt wie er ihn getan hat Anlaß genug, für einen Augenblick Halt zu machen und die zurückgelegte Wegstrecke zu überschauen. Fast ein Sechziger, reicht sein Weg im Amte auf vier Jahrzehnte zurück, denn schon als Zwanzigjähriger lieferte er seine erste wissenschaftliche Arbeit „Das Verhältnis Malebrandies zu Spinoza". Mit 24 Jahren hatte er Universität und Rabbinerseminar in Breslau mit großem Erfolge absolviert liefert eine preisgekrönte Arbeit über „Die Eigennamen des Alten Testamentes" und wird als Rabbiner der Neuen Dammtor-Gemeinde in Hamburg installiert. Schnell erringt er sich da die Liebe und Wertschätzung aller Kreise. Zwei Jahre später hat er eine Arbeit „Spinoza in Deutschland" vollendet die seinen Ruf in der philosophischen Forschung begründet viel gelesen, ausgeschrieben und voll gewertet wird. Gleichzeitig begründet er in Hamburg zwei Institute, die Weltruf erlangen: die Gesellschaft für jüdische Volkskunde und das Jüdische Museum. Der Baum, den er gepflanzt, trägt Jahr um Jahr Frucht Die Gesellschaft gibt 1898 die „Mitteilungen für jüdische Volkskunde" heraus, deren Redakteur und unermüdlicher Mitarbeiter Gruniwald ist Auf dem Gebiete der jüdischen Folklore darf man ihn ohne Einschränkung als bahnbrechend bezeichnen. Wer die fast 70 Hefte Mitteilungen durchblättert wird vor dieser Leistung nicht nur Respekt haben, sondern die Vielseitigkeit dieses Wissensgebietes bewundern müssen. Folgerichtig mußte diese Beschäftigung den Forscher auf das nächstgelegene Gebiet der Geschichtsschreibung und Kulturgeschichte führen. Grunwald leistet historische Forschungen: ,.Portugiesengräber auf deutscher Erde" (1902), „Die Juden als Rheder und Seefahrer" (1902), „Hamburgs deutsche Juden" (1903). t Im Jahre 1903 wurde Grunwald nach Wien berufen und wirkt vorerst im XV. Bezirke, um später das Rabbinat im II. Bezirk zu übernehmen. Schon im Jahre 1904 verfaßte er das Andachtsbuch „Beruria", das eine große Verbreitung findet, seinen Namen populär macht-und bis heute nicht verdrängt ist, sondern sich immer mehr in den jüdischen Häusern einbürgert. Die folgenden Jahre rufen ihn an eine Arbeit die »des Schweißes der Edlen" wert, an seine Forscherkraft hohe Anforderungen stellt aber durch ihren grandiosen Erfolg alle Mühe lohnt. Für das Jahr 1911 ist die große Hygieneäusstellung in Dresden geplant und Grunwald ausersehen, in der historischen Abteilung derselben die Gruppe „Hygiene der Juden" zu übernehmen. Das große Interesse, das gerade diese Gruppe bei allen Besuchern fand, die Beachtung, die die gesamte Publizistik dieser Gruppe zuteil werden ließ, bewiesen — abgesehen von der Auszeichnung, mit der die Ausstellungsleitung sein Werk würdigte —, wie vorzüglich und gelungen war, was Grunwald da geschaffen hatte. Als bleibender Wert blieb Frucht dieser Tätigkeit das für das nämliche Jahr edierte Werk „Die Hygiene der Juden", dessen große Verbreitung, dessen allgemeine Anerkennung dem Judentume ebenso: wie; dem Autor zur Ehre ge- Jüdische und heDrälsche Grammophonplonen in großer Auswahl sowie andere erstklassige elektrisch aufgenommene Platten in klassischer und moderner Musik, ferner Grammophon- und Radioapparate aller führenden Weltmarken und in jeder Preisläge auch gegen Monatsraten erhältlich im Musikhaus LEO TUBLIN (l*luslk-linlon| Wien L, Jasomlrgottstraße 6. Verzeichnis kostenlos. reichte und als Aufklärungswerk vorzüglichen Nutzen stiftete. Kaum zwei Jahre später überrascht er die Oeffentlichkeit mit dem hochinteressanten und von gründiger Sachkenntnis erfüllten Werke „Samuel Oppenheimer" (1913) und der trefflichen Arbeit „Oesterreichs Juden 1624—1740", die in der von der Stadt Wien herausgegebenen „Geschichte der Stadt Wien" den ihrer würdigen Platz fand. Die Kriegsjahre (1914—1918) drängten ihn wie so viele andere zu zeitgemäßer Arbeit. Er rief 1915 die Hilfskommission für Palästina ins Leben und schuf für die österreichischen Juden in Palästina eine Hilfsaktion, die Geld, Lebensmittel und Medikamente den Notleidenden lieferte. Das traurige Kriegsende sah die Wohlfahrtsanstalten im eigenen Lande ganz darnieder und Grunwald stellte sich als Leiter des „Sanierungskomitees zur Unterstützung notleidender Anstalten in Wien" (später Verein „Wohlfahrt") an die Spitze des Werkes und in die vorderste Reihe der Arbeiter. Die Erhaltung der jüdischen Kinderbewahranstalt in Wien ist ihm zu danken. Mit der Bessergestaltung der äußeren Verhältnisse des bürgerlichen Lebens kam auch die Möglichkeit weiteren wissenschaftlichen Schaffens. Vielgelesen und verbreitet sind seine „Monistische Märchen" (1920), zeitgemäß und eine apologetische Notwendigkeit war die Arbeit „Das Judentum bei Spengler" (1925). Als die jüdische Welt das Jubiläum des großen Erklärers Raschi feierte,, lieferte er 1905" die" Arbeit über \&äschis' Einfluß ^aufdie spätere hebräische Literatur" und später 1926 die „Geschichte der Wiener Juden" als Festgabe anläßlich der Jahrhundertfeier des Tempels in der Inneren Stadt. Diese Zusammenstellung der literarischen Tätigkeit Grunwalds erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit ja sie hat nur das Wesentliche herausgegriffen. Es gibt keine jüdisch-wissenschaftliche Zeitschrift, deren Mitarbeiter nicht auch Grunwald wäre, kein enzyklopädisches Werk des Judentums ist innerhalb der letzten drei Jahrzehnte erschienen, das nicht wertvolle Beiträge aus Grunwalds Feder bringt In allerletzter Zeit hat erst sein Artikel über die Trachten der Juden eine besondere Würdigung erfahren. Die jüdischen Zeitungen des In- und Auslandes weisen Artikel von ihm in reicher Fülle auf, insbesondere „Die Wahrheit" zählt ihn mit Stolz zu ihren besten und hervorragendsten Mitarbeitern. Ueberblickt man die . Summe dieser Leistungen auch nur flüchtig, so muß man schon über, diese fabelhafte Produktivität staunen. Man wird ihr Bewunderung zollen, wenn man erst den Polyhistor Grunwald aus seinen Arbeiten immer von Neuem kennen zu lernen sich, die Mühe nimmt. Bedenkt man aber, daß die prominente Stellung als Rabbiner des II. Bezirkes in Wien tagtäglich eine Fülle von Tagespflichten, wie Korrespondenz, Funktionen, Parteieinverkehr, gesellschaftliche Pflichten, Sorge für Gottesdienst und Schule, Sabbathpredigten und Exhorten, Dienst an Vereinen und humanitären Bestrebungen, Verkehr mit Behörden und Aemtern usw. mit sich bringt so muß man sich immer wieder fragen, wo Grunwald die Zeit hernahm, alles zu bewältigen. Hat er doch auch Jahre hindurch in Wien ganze Vortragszyklen über die Geschichte der Juden gehalten, in der „Urania" wiederholt wertvolle Referate über jüdische Heimatsgeschichte erstattet und dabei noch Studienreisen im Dienste seiner wissenschaftlichen Forschungen gemacht oder hilfreich die Werke anderer gefördert, wie etwa , die Hygieneausstellung in Düsseldorf. So darf man. sagen, die 35 Jahre Amtszeit Grunwalds sind ein gerüttelt Maß von Arbeit, Streben und Erfolg. I

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