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Die Wahrheit · 1931-02-13 · Heft 7 (13.2.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 7 (13.2.1931)
Date
1931-02-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Sott» » tragende, war es vor allem deshalb, weil die Herren Rektoren, allen voran Herr Rektor Uebersberger, den jüdischen, Studenten nur zahme Versprechungen gaben, aber nichts unternahmen, um wirklich für ihren Schutz gegen antisemitische Raufbolde zu sorgen. Ein Vorfall der letzten Tage beweist so recht die Schutzlosigkeit, der die jüdische Hörerschaft derzeit an den Wiener Hochschulen ausgesetzt ist. Vor einigen Tagen wurde in einem der vielen antisemitischen Anschlagkasten der Wiener Universität ein Bild angebracht, das — man merke wohl! — das für die Plakatierung notwendige Visum des Rektoiates trug. Die Illustration stellte einen Arm dar, der mit einer Hakenkreuzbinde geschmückt ist. Die geballte Faust saust mit aller Wucht auf einen typischen Judenschädel nieder, den sie zu zerschmettern droht. Es bedurfte erst der Intervention zweier Rechtslehrer der Wiener Universität, um dieses infame Bild, zu dessen Affichierung, wie gesagt, das Rektorat sein Einverständnis gegeben hatte, zu entfernen. Wenn eine derartige Verhetzung in den Räumen, die dem Studium der Wissenschaft dienen sollen, von der zur Führung dieser Stätte des Geistes berufenen Behörde erlaubt wird, wen nimmt es Wunder, daß dann die fi gürlich geballte Faust in Wirklichkeit auf Judenschädel niedersaust? Vor der Universität, iü der Universität, überall die gleiche Schutzlosigkeit! Und Oesterreich nennt sich mit Stolz einen Rechtsstaat! Die Hakenkreuzler glauben eben, daß das Recht auf ihrer Seite ist und -werden in diesem Glauben durch die Energielosigkeit der berufenen Hüter von Recht und Ordnung nur noch bestärkt. Dabei sind, wie die eben abgeführten Wahlen gezeigt haben, die Nationalsozialisten gar nicht in der Mehrheit auf den österreichischen Hochschulen. Wie aus der an anderer Stelle unserer heutigen Nummer wiedergegebenen Statistik hervorgeht, entfielen von den 10.246 Stimmen 3972, also kaum 40 Prozent auf die hakenkreuzlerischen Studenten. Sie stellen wolil an der Universität, an der Technik und an der Hochschule für Welthandel innerhalb der Kammer der „Deutscheu Studentenschaft" die stärkste Gruppe, aber man weiß ja, wie es um das „Wahlrecht" in dieser antisemitischen Körperschaft bestellt ist. Bezeichnend ist es, daß die Wahlerfolge der flakcnkreuzler hauptsächlich auf Kosten der deutsch-katholischen Studenten gegangen sind. Die „Reichspost" hat also Recht damit behalten, als sie schon vor den Wahlen dem Rassengedanken, der „einen Christenmenschen in der Physiologie verenden läßt", einen geharnischten Artikel widmete. In diesem Aufsatze findet sich eine Stelle, die wir vollinhaltlich unterschreiben: „Der Rassengedanke ist ein widerliches zoologisches Moment, das einem strohblonden ostelbischenBauernknecht mehr Daseinsrecht gibt als einem Romano Guardini. Er ist ein zoologisches Moment, welches das geistige Niveau der völkischen Bewegung auf den Standpunkt eines Gestüts, einer Kaninchenzüchterei oder einer Geflügelfarm herabdrückt. Die Kammer der „Deutschen Studentenschaft" — eine Geflügelfarm! Der Hahnenschwanz spielt in dieser Farm eine besonders große Rolle. Die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in Oesterreich. Von Dr. phil. et rer. pol. Franz Josef Weiß. (Fortsetzung.) Es ist eine durch die Wirtschaftskrise erhärtete Tatsache, daß ein Volk Wirtschaftskrisen um so leichter zu ertragen und zu überwinden in der Lage ist, in je höherem Grade sein wirtschaftlicher Organismus sich selbst zu genügen vermag, je weniger er von anderen abhängig ist. Man vergleiche nur das in allen Wirtschaftszweigen gleichmäßig ausgebildete Frankreich mit dem einseitig industrialisierten und daher auf Import von Agrar- und Export von Industrieprodukten angewiesenen England! Das gleiche gilt für eine soziale Gemeinschaft, mag sie auch nur durch religiöse Bande verbunden sein. Auch diese wird innerhalb der Volkswirtschaft eine um so gesündere und widerstandsfähigere Position haben, je vielseitiger sie ist, d. h. je gleichmäßiger sie sich auf die einzelnen Berufszweige verteilt Gerade das Umgekehrte ist bei den österreichischen Juden der Fall. Hier hat seit dem Kriege eine Rückbildung des wirtschaftlichen Emanzipationsprozesses Platz gegriffen, indem immer mehr Juden auf die ursprünglich innegehabten kaufmännischen Berufszweige hingedrängt wurden, jedoch unter wesentlich ungünstigeren Voraussetzungen als vor dem Kriege. Einerseits hat sich der Geschäftsumfang infolg« der wirtschaftlichen Zersplitterung Mitteleuropas, unzu fahnden. Besitzen wir ja tatsächlich so etwas, wie eine programmatische Stellungnahme Dostojewskis zur Judenfrage, nämlich seinen, in dem von ihm herausgegebenen „Tagebuche" veröffentlichten Aufsatz: „Die Judenfrage", eben jenen Aufsatz, der von unverständigen Antisemiten so verständnislos ausgeschrotet wird. Dieser Aufsatz ist im Jahre 1877 erschienen, also etwa vier Jahre vor dem Tode Dostojewskis (er starb am 28. Jänner 1881, 9. Februar unserer Zeitrechnung), als eine öffentliche Stellungnahme auf verschiedene Zuschriften von jüdischer Seite, darunter auf die einer ihm befreundeten jüdischen Dame. Man darf diesem Aufsatz definitiven Wert zuerkennen, da er ja schon in die letzte Periode Dostojewskischen Schaffens fällt und somit gleichsam ein Resümee seiner Anschauungen enthält. Sie bilden, wie der vortreffliche deutsche Uebersetzer Dostojewskis, Herr E. K. Rahsin sagt, den „intellektuellen Rechenschaftsbericht" des genialen Russen. Der unter dem Titel: „Beichte eines Juden in Briefen an Dostojewski"*) herausgegebene Briefwechsel des Juden Abraham U. Kowner mit Dostojewski, enthält im großen und ganzen keine neueren Aspekte Dostojewskis für die Judenfrage, als die schon in den „Politischen Schriften" ausgedrückten. Sie erhärtet nur die Ansicht von den verständnisvollen, vorurteilslosen und sachlichen Bemühungen Dostojewskis um dieses Problem. In den sogenannten politische}! Schriften ist Dostojewski genötigt strenger und strikter als in seinen, sozusagen „auf weite Sicht" geschriebenen Romanen zu den Tagesfragen Stellung zu nehmen und hier entpuppt sich seine sehr aktive, kämpferische, leidenschaftlich politische Natur. Aber auch hier ist seine Stellungnahme himmelweit entfernt von der demagogischen Form engherziger Tagespolitik. Denn er bleibt auch da seiner Idee, seinem Traum von einem Rußland, vom „höchsten russischen Gedanken" einer „Vereinigung aller Ideen" treu. Und wenn er mit der einen Hand zerstören muß, ist er doch immer wieder bemüht, mit der anderen aufzubauen, zu vereinigen, zu versöhnen. Daher haftet auch seinen politischen Aeußerungen jene Aura ewiger Ideen an, die ihnen einen leichten Zug ins Utopische *) Erschienen München 1927, bei R. Piper & Co. verleihen. Anderseits bleibt er in ihnen der gleiche lebensnahe und weltverbundene Realist, der er immer gewesen. Er geht auch in der Politik von keiner vorgefaßten Doktrin, von keinem System aus. Er nimmt zu den gerade auftauchenden Tagesfragen, zu irgend einem politischen Bericht oder sonst einem bemerkenswerten Vorfall unmittelbar Stellung und entwickelt daran, an einem faktischen Vorfall, seine Ideen, die er allerdings dann bis in die äußersten und weitverzweigtesten Konsequenzen durchdenkt. Er reagiert auf die Ereignisse seelisch unmittelbar und daher sind die Resultate seiner Untersuchung manchmal scheinbar widerspruchsvoll, verworren und unsystematisch, wie das seelische Wesen des Menschen eben ist Man wird daher bei Dostojewski vielleicht stets ein streng umschriebenes Programm vermissen, aber dafür statt starrer Doktrin das Gold seelischer Unmittelbarkeit ernten. Aus der Verbindung einer höchsten religiösen Idee und krassestem Realismus ergibt sich die Weltanschauung Dostojewskis. Um so verwunderlicher und merkwürdiger ist seine Stellungnahme zu den Juden. Denn, wenn man sich einesteils vor Augen hält, daß Dostojewski für das russische Volk selbst eine messianische Berufung in Anspruch nahm, daß er aber anderseits als bodenständiger, glühender Russe, der er war. sich mit den Meinungsäußerungen des einfachen Volkes identifizierte, in denen er die tiefsinnigsten Wahrheiten zu erfassen wußte, Wahrheiten, die wertvoller, richtunggebender und fruchtbarer zu sein schienen, als die abgründigsten Theorien irgendwelcher volksfremder Intellektuellen, so muß man auf die Art seiner Stellungnahme sehr gespannt sein. Sind ja doch die Juden selbst ein Volk, das den unbedingtesten Anspruch auf die messianische Sendung macht und war das Verhältnis des russischen Volkes zum Juden stets sehr problematischer Natur. Wie also würde es möglich sein, solche Gegensätze zu vereinigen, noch dazu unter dem Aspekt allmenschlicher Versöhnlichkeit? Das käme ja einer Lösung der Judenfrage gleich. Hier kann gleich gesagt werden, daß Dostojewski es sich gar nicht zumutet, die Judenfrage zu lösen, denn „solch ein Problem geht über meine Kraft . . .". (Schluß folgt.) Vkmflkw 8.bisl4.Märzl951(Rotundebi»15.März) Sonderver ansfaltungen: Reklamemesse mit Sonderschau „Das graphische Gewerbe". Ausstellung „Neuzeitliche Betriebswirtschaft", Möbelmesse, Pelzmode-Salon, Antiquitäten- und Kunstausstellung, Intern. Automobil- und Motorrad-Ausstellung, Eisen- und Patentmöbelmesse, Ausstellung für Nahrungs- und Genußmittel, Bau- und Straßenbaumesse, Technische Neuheiten und Erfindungen, Land- und forstwirtschaftliche Musterschau, Oesterr. Jagd- Ausstellung. Bedeutende FahrpreisermäßigunÄen! Messeausweis (ä S 6.—) bei der Wiener Messe-Akt.- Ges., Wien VII., Messeplatz 1. — Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) ä- S 2.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser. ter der Oesterreich besonders schwer zu leiden hat, absolut verringert, so daß ein viel geringeres Handelsvolumen eine viel größere Anzahl jüdische Familien ernähren muß; anderseits haben die Juden, wie selbst Werner Sombart zugeben muß, ihre gehobenere wirtschaftliche Position, ihren Einfluß und ihre Erfolgsmöglichkeit in der Wirtschaft eingebüßt. Zunächst aus rein sachlichen Gründen, die in der immer stärkeren Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus, dem Prinzip des freien Handels und freier Konkurrenz und der zunehmenden wirtschaftliehen Konzentration, Vertrustung und Vergenossenschaftung gelegen ist. An die Stelle kapitalistischer Unternehmungen treten bureaukratische Verwaltungen — man denke an die I. G. Farbemndustrie oder, um ein österreichisches Beispiel zu nennen, an die Alpine Montangesellschaft! — und der KommerziaHsmus wird durch den Bureaukransmus immer mehr verdrängt. Die maßgebenden Positionen, die Verwältungsrat-, Aufsichtsrat- und Direktorstellen in diesen Mammutbetrieben werden aus politischen oder geschäftlichen Rücksichten von Nichtjuden besetzt, mag auch das anonyme Kapital dieser Gesellschaften zum Teil in jüdischen Händen sein — auch in dieser Hinsicht ist übrigens seit dem Kriege eine Wandlung eingetreten — und für die höheren Beamtenposten kommen Juden immer weniger in Betracht. Findet infolge Fusionen oder Betriebseinschränkungen ein Angestelltenabbau statt, dann muß in erster Linie der jüdische Ingenieur, Disponent und Buchhalter dran glauben. Er wird rücksichtslos auf die Straße geworfen und vermehrt das Heer jener bedauernswerten jüdischen Existenzen ohne jedwede wirtschaftliche Existenzgrundlage, das in geradezu erschreckendem Maße gerade in unserer Vaterstadt anschwillt. Was soll er tun? Frau und Kinder schreien nach Brot! Als Arbeiter in einem Betriebe unterzukommen, ist, abgesehen von der meistens vorhandenen physischen Untauglichkeit hierzu, wegen der allgemein herrschenden Arbeitslosigkeit unmöglich. Also nimmt er das „Neue Wiener Tagblatt" zur Hand und sucht unter der Rubrik „Offene S t e 1-! e n". Da findet er hunderte und aberhunderte freie Stellen, die gar keine freien Stellen sind, wofern man darunter eine Anstellung versteht, sondern vollkommen in der Luft hängende Existenzen: Provisionsvertreter für irgend einen unmöglichen Artikel, Annoncenakquisiteure für irgend eine unmögliche Zeitung und vor allem Versicherungsagenten. Ich schätze die Zahl dieser jüdischen Existenzen auf zirka 10 Prozent der Wiener Judenschaft, das wäre demnach etwa 20.000 Personen, einschließlich ihrer Familienangehörigen. So ist der jüdische „Dorfgeher", jener Aermste der Armen aus der Judengasse der Ghettozeit wieder auferstanden, nur mit dem Unterschied, daß aus dem „Dorfgeher" ein „Stadtgeher" geworden ist. Ein Teil der Abgebauten macht sich selbständig und gründet mit der Abfertigung oder mit geliehenem oder erspartem Kapital ein kleines Geschäft und

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