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Die Wahrheit · 1931-02-13 · Heft 7 (13.2.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 7 (13.2.1931)
Date
1931-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ■T' 1 1 DIE WAHRHEH und Maßnahmen dagegen zu treffen. Die Zionisten mögen nur wieder einmal zur Eroberung der Kultusstube rüsten, sie finden die österreichische Judenschaft gewappnet und, da sie es wollen, zum Kampfe bereit. Oskar Hirschfeld. Verfrühte Freude. Durch den zionistischen Blätterwald geht wieder einmal ein Sturm mit der Windrichtung nach London. Diesmal ausnahmsweise kein Entrüstungssturm, dessen Ziel die englische Regierung in ihrer bisherigen Palästina-Politik so oft schon gewesen, sondern ein Beifallssturm; „Sensationelle Wendung in der englischen Palästina-Politik", „Verständigung zwischen der englischen Regierung und der Jewish Agency", „Erringung außerordentlich bedeutsamer Konzessionen", all dies und ähnliches kann man jetzt in den dicksten Lettern in den Zeitungen lesen. Wozu der Lärm, womit ist den Herren gedient worden? Die Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und den Vertretern der Jewish Agency, die sich seit der Herausgabe des englischen Weißbuches so lange Zeit hinzogen und wiederholt unterbrochen wurden, sind angeblich nunmehr zu einem befriedigenden Abschluß gekommen. Den Meldungen zufolge soll die Herausgabe einer neuen Regierungserklärung über die künftige Politik Großbritanniens in Palästina bevorstehen. Dieses neue Statement soll — immer den Zeitungsberichten gemäß — eine Reihe von Konzessionen an die zionistischen Forderungen enthalten, ja sogar verschiedene Bestimmungen des Weißbuches anullieren, gegen die seitens der Jewish Agency Widerspruch erhoben worden ist. ' Diese Nachrichten klingen sicherlich erfreulich, aber sie müssen mit einer gewissen Vorsicht aufgenommen werden. Zu oft schon hat England in seiner bisherigen Palästina- Politik große Versprechungen gegeben, die sich bei näherem Zusehen als sehr belanglos erwiesen und gerade nur jene Grenze erreicht haben, die für Englands Orientinteressen möglich ist. Auch diesmal wird Englands Stellungnahme sicherlich von den gleichen Gesichtspunkten geleitet sein, von dem stets in der englischen Politik beobachteten Prinzip, immer nur das zu tun, was England nützt. Wenn dabei auch zionistischen Interessen gedient wird, so ist dies den englischen Politikern gewiß angenehm, besondere Rücksicht auf diese Interessen kann aber von ihnen nicht verlangt werden. Denn als oberstes Prinzip gilt ihnen: Right or wrong, nry country. Von diesem allgemeinen Bedenken abgesehen, muß die in diesen Tagen wahrscheinlich himmelhoch jauchzende zionistische Freude über die großen „Errungenschaften" durch den Hinweis darauf gedämpft werden, daß, wenn überhaupt von einem Abschluß der Londoner Verhandlungen gesprochen werden kann, sich dies nur auf den ersten Teil dieser Beratungen beziehen kann. Dieser Teil beschränkte sich auf ganz allgemeine Interpretationen des englischen Weißbuches, und es mag sein, daß in diesem oder jenem Punkte — nicht aber in den Hauptlinien — Verbesserungen erzielt worden sind, die den Wünschen der Zionistert entgegenkamen. Das Weißbuch selbst bleibt weiter bestehen. die Herausgabe einer Ergänzung ist nicht geplant, weshalb man eben mit der erwähnten Regierungserklärung sich behelfen wird, die in Form eines Briefes Hendersons an Weizmann die in monatelangem Feilschen erzielten Verbesserungen berücksichtigen wird. Die englische Regierung hat schon so oft Palästina- Erklärungen abgegeben, auf eine mehr oder weniger kommt es ihr wahrlich nicht an, wenn nur die erhitzten Gemüter damit beruhigt werden können. Was in der Regierungserklärung zu lesen sein wird, das steht zur Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht fest. Die Meldungen über irgend welche besondere Konzessionen sind alle noch verfrüht und basieren auf Vermutungen, deren Quelle nicht immer ganz einwandfrei ist. Es scheint wohl sicher, daß das Statement sich vor allem mit der Kolonisationsfrage beschäftigen wird. Wie weit hier Zugeständnisse von der englischen Regierung erreicht wurden, bleibt abzuwarten. Der neue Grundsatz dürfte wahrscheinlich dahingehen, daß die Juden entsprechend ihre eigenen Mitteln in Palästina kolonisieren dürfen und die englische Regierung ihnen hierbei keine besonderen Hindernisse in den Weg legen, wolle. Das wäre — an den bisherigen Verhältnissen gemessen — immerhin etwas, im Prinzip aber kommt man dem zionistischen Ideal vom „Judenstaät" kaum viel näher, wenn man, soweit es die jetzt recht leer gewordenen jüdischen Brieftaschen erlauben, fein brav nur kolonisieren darf. Ein solches Ziel schwebt den Judenstaatsfanatikern nicht vor Augen, sie wollen mehr, aber das gestrenge England erlaubt es nicht. Und deshalb werden sie wohl mit den „Errungenschaften" unzufrieden sein und Sturm laufen gegen Weizmann, der, ihrer Ansicht nach, Schuld an der jetzigen Situation trägt. Noch mehr aber wird es ihre Unzufriedenheit erregen, daß in der für sie wichtigeren Frage der Schaffung einer gesetzgebenden Körperschaft in Palästina noch immer keine Einigung erzielt worden ist. Alles deutet darauf hin, daß England in dieser Frage, die ebenso wie das Immigrationsproblem dem zweiten Teil der Londoner Beratung vorbehalten ist, unnachgiebig bleiben wird. Es ist die einzige Konzession, die es an die über die neueste Entwicklung gewiß ohnehin stark genug erbosten Araber machen kann. Das Prinzip ist ganz durchsichtig: Die Juden sollen, soweit man sie ins Land läßt, recht fleißig den seit Jahrhunderten brachliegenden Boden kolonisieren, die in der Uebermacht befindlichen Araber werden im künftigen palästinensischen Parlament schon nach dem Rechten sehen und über alldem thront England und seine Palästinaverwaltung, die nichts geschehen lassen wird, was dem englischen Interesse zuwiderläuft. Das ganze heißt: „Jüdisches Nationalheim." Studio hat sich ausgetobt. Die hakenkreuzlerischen Studenten haben sich auf der Rampe der Wiener Universität und bei den letzthin stattgefundenen Kammerwahlen zu Tode gesiegt. Die Exzesse der letzten Woche, bei denen es zu wüsten Ausschreitungen gegen jüdische Studenten gekommen ist, haben in dem Momente ihr Ende gefunden, als die Polizei energischer zu werden drohte. Da haben es die Herren Hakenkreuzler, die geschützt durch die „Heiligkeit" des akademischen Bodens, ihre Greueltaten zu verüben wagten, mit der Furcht zu tun bekommen und sofort jener Vereinbarung zugestimmt, die zwischen den kriegführenden Studentenorganisationen zwecks Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung an den Hochschulen getroffen wurde. Wie bei jedem Krieg, war auch bei dem frisch-fröhlichen Wiener Studentenkampfe der Jude der Leid- Seuitteton Dostojewskis Antisemitismus, Zur 50. Wiederkehr des Todestages des Dichters. Von S. Taubes. War Dostojewski Antisemit? Auf diese Frage läßt sich weder mit einem strikten Ja, noch auch mit einem entschiedenen Nein antworten. Die Weitherzigkeit und der seelische Umfang eines Dostojewski lassen sich nicht in den engen Rahmen einer definitiven Entscheidung pressen, insbesondere wenn mit dieser Entscheidung das Urteil über ein ganzes Volk, eine Nation, kurz, ein Werturteil über Menschen verbunden ist. Darin liegt ja gerade der ungeheure Reiz und gleichzeitig das besondere Element im seelischen Wesen Dostojewskis, daß er von sich aus fast niemals oder nur sehr selten definitiv urteilt, geschweige denn, diese Urteile eindeutig formuliert, sie zum gangbaren Schlagwort umprägt. Die gewaltige uferlose Seele dieses beseeltesten Romanschriftstellers aller Zeiten hat die Fähigkeit, sich in eine Erscheinung, in einen menschlichen Charakter bis zu dem Grade zu vertiefen, daß er sie schließlich völlig auflöst, sie sozusagen zu ihrem Ursprung zurückführt. Aber eben diese Fähigkeit behält er für alle Erscheinungen und für Charaktere jeder Art, aiso auch für solche, die einander diametral entgegengesetzt sind. Damit bewirkt er nun zweifellos einen Ausgleich, eine Versöhnung der Gegensätze, nur greift er damit vor. Denn die Gegensätze müssen sich erst bekriegen, ehe sie sich versöhnender aber versöhnt, durch die auflösende Kraft seiner psychologischen Vertiefung, die sich in der Wirklichkeit bekämpfenden Gegensätze schon im Vorhinein. Er erlöst sozusagen Freund und Feind, indem er sie alle im Spektrum seiner mitleidigen, allumfassenden Seele schaut Spricht ja Dostojewski in einem seiner Romane, in einem ähnlichen Zusammenhang, sogarvon einem besonderen höheren Kulturtypus, der sich einzig in Rußland herausgebildet hätte, vom „Typ des universellen Leidens für alle". Darin liegt eine heroische Tat, ein großartiger Wert, ein Strahl aus dem Reiche messianischer Zukunftssonne. Aber darin liegt auch, wie gesagt, ein Nachteil. Denn in der Wirklichkeit bekriegen sich die Gegensätze hart, blutig und unbarmherzig und wo es Kämpfende gibt, muß man sich auf eine Seite schlagen. Da muß man auf einer, auf seiner Seite stehen, die Parole seiner Mitkämpfer teilen. Dostojewski aber gibt keine Parole aus. Er formuliert keine bestimmte moralische Direktiven. Er analysiert wohl die von ihm behandelten Personen in Beziehung zur Moral, ja zu religiöser Moral, aber er formuliert keine direkte moralische Forderung. Er spricht nicht das Wort aus, um das man sich schließlich scharen soll, das Wort, das die Geister bewußt scheiden und zum endgültigen Kampfe aufrufen sollte, zum Kampfe des bewußt Guten gegen das bewußt Böse. Kurz, Dostojewski hat — wenn man so sagen darf — nicht das allerletzte Wort gesprochen! Daher auch konnte es geschehen, daß Rußland, trotz und nach Dostojewski sich wenigstens vorläufig der organisierten Unmoral, dem Bolschewismus unterwarf. Wenn wir hier von dem Thema der uns vorangesetzten Frage anscheinend etwas abgewichen sind, so haben wir damit doch schon einen Hauptteil der Antwort auf diese Frage gegeben. Denn es muß ohne weiteres einleuchten, daß man einen Mann, der die Menschen von einem Aspekt, wie er hier geschildert wurde, beurteilt unter keinen Umständen in die Rubrik eines Judenhassers, eines engherzigen, von Rassen- oder Religionshaß inspirierten, landläufigen Antisemiten einreihen darf. Solches ist aber tatsächlich geschehen und man findet sogar Zitate aus Dostojewski in den berüchtigten pseudowissenschaftlichen Editionen der sogenannten Rassenschützler oder anderer apriorischer Antisemiten. Man kennt diese bequeme Art der Zitation. Man weiß, wie solche übereifrige „Wissenschaftler", während sie die pikanten, schmackhaften Rosinen ausziehen, darüber den ganzen, großen und nahrhaften Kuchen vergessen. Der ganze, der große Dostojewski darf aber, wie gesagt nicht mit dem Etikett eines programmatischen, eines prinzipiellen Judengegners versehen werden. Er selbst verwahrt sich dagegen in der striktesten unzweideutigsten Form, worauf wir noch später zurückkommen. Es bleibt unbestritten wahr: in seinen Romanen kommen einzelne jüdische Personen nicht besonders gut weg. Wenn man sich z. B. des jüdischen Klavierspielers in den „Dämonen" erinnert, oder der Gestalt des „Jüdchens", des jüdischen Roulettespielers und unverschämten Diebes im „Jüngling", so mag man sich vielleicht darüber wundern, daß Dostojewski mit solcher Treffsicherheit die schwarzen Schafe aus dem großen Kreise des Judenvolkes herauszulesen weiß. Demgegenüber muß jedoch gerechterweise erklärt werden, daß diese Gestalten vor allem sehr realistisch gezeichnet sind und daß es solche räudige Schafe innerhalb des Judentums nun einmal gibt Es ist schließlich ureigenste Sache des Künstlers, sich mit jenen Personen zu beschäftigen, die seine künstlerische Gestaltungslust reizen." Zweitens kommt diesen Figuren ausschließlich episodoistischer Wert zu und es wäre ein sehr falsches Verfahren, aus dem Charakter von Episodengesfalten einen Schluß auf das ureigenste Wesen, auf die „Idee" eines ganzen Volkes ziehen zu wollen. Man muß nur erwägen, welche Untiere von Menschen (oft als domi? liierende Gestalten seiner Romane) Dostojewski aus den Reihen seines doch so sehr geliebten und von ihm erhöhten Russenvolkes entnimmt und schildert, ohne daß dieser Vorgang seinem Olauben an das russische Volk, an eine einzigartige, fast messianische Prädestination desselben, an die gewaltige, welterlösende Güte und Liebe des russischen Volkes. Abbruch zu tun vermöchte. Schließlich ist es einfach unwahrscheinlich, daß Dostojewski durch diese Schilderungen über die Juden den Stab brechen wollte, über ein immerhin bemerkenswertes Element der Bevölkerung Rußlands, das „unter seinen Söhnen drei Millionen Juden" zählt, wie Dostojewski sagt. (Es war in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.) Dies wäre mit dem Wesen eines Dostojewski, mit seiner bis zu allumfassender Liebesfähigkeit heraufentwickelten Seele, völlig unvereinbar. Aber es ist gar nicht nötig im gewaltigen Meere Dostojewskischer Erzählungskunst nach Beweisen für seine Ansichten und Gesinnungen in Betreff der Juden

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