Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 7 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen •*v <-» Die Wahrheit » mit den Veröffentlichungen der Union deutscho^terreichischer Juden1 und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kulttisgemeinde Wien « Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 13. Februar 1931 Nummer 7 Kursänderung? Die österreichischen Zionisten haben vergangenen Sonntag einen Beschluß gefaßt, dem oberflächlich Denkende besondere Bedeutung vom innerjüdischen Standpunkt beimessen werden. Der außerordentliche zionistische Deiegiertentag hat nämlich gegen die Stimmen der Radikalen und Revisionisten festgestellt, daß die innerpolitische Betätigung nicht Angelegenheit der zionistischen Organisation sei. Mit diesem Beschlüsse zieht sich die österreichische zionistische Organisation wohl tatsächlich von einem Gebiete zurück, das stets Anlaß zu schwerwiegenden innerjüdischen Differenzen gegeben hat. Die von dieser Organisation bisher betriebene und nunmehr fallengelassene Landespolitik bot den Gegnern der Jüdischnationalen immer die Möglichkeit von Angriffen, deren Berechtigung in weitesten Kreisen der österreichischen Judenschaft, ja sogar bei der Mehrheit derselben restlos anerkannt wurde. Wenn nun die österreichische zionistische Organisation diese dem Judentum schädliche Politik aus ihrem Aufgabenkreis ausschaltet, so müßte eine solche Einsicht eigentlich Grund zur Anerkennung geben. Aber wir sind gewitzigt genug, einen solchen Grund in dem zitierten Beschlüsse nicht finden zu können, denn für ihn waren Gründe maßgebend, die nicht politischem Weitblick, sondern rein taktischen und opportunistischen Erwägungen entsprangen. Betrachten wir einmal die derzeitige Situation der österreichischen zionistischen Organisation. Es ist unleugbar, daß die allgemeine schwere Krise, in der sich der politische Zionismus seit längerer Zeit befindet, auch auf die österreichische Landesorganisation, die — sieht man von den Tagen Herzls ab — nie eine besondere Ruhmesrolle spielte, abgefärbt hat. Die letzten Ereignisse im Zionismus haben die Kluft, die immer zwischen den radikalen und gemäßigten Zionisten Oesterreichs bestanden hat, nur noch mehr vergrößert. Stricker, dem sogar die Politik der radikalen Weltorganisation zu wenig radikal ist und der deshalb vor einiger Zeit aus dieser Organisation ausgetreten ist, macht im österreichischen zionistischen Landeskomitee, dem er jetzt wieder nach manchem Her und Hin angehört, scharfe Opposition. Ihm assistieren die Revisionisten in jeder Beziehung, sogar in der Frage der Landespolitik, die ihnen, deren Sinn nur auf die Eroberung des „Judenstaates" gerichtet ist, eigentlich gleichgültig sein sollte. Diese beiden Oppositionsparteien bilden im zionistischen Landeskomitee derzeit die Minderheit. Die Mehrheit, die sich aus allgemeinen Zionisten und Misrachisten zusammensetzt, hat auf dem außerordentlichen Delegiertentag den innerpolitischen Forderungen der Opposition kein Gehör geschenkt, und sie wußte schon, warum. Denn wenn Stricker da das Verlangen stellte, daß kein organisierter Zionist einer anderen Partei, also auch nicht der sozialdemokratischen, angehören dürfe, so mußte die Mehrheit eine solche Forderung ablehnen. Es ist ja heute hinlänglich bekannt, daß, soweit man überhaupt noch von einer Stärke der zionistischen Organisation sprechen kann, mehr als die Hälfte derselben aus Angehörigen der sozialdemokratischen Partei besteht, die sich zu dieser teils aus weltanschaulichen, teils aus momentanen wirtschaftlichen Gründen bekennen. Denn es gibt Juden, die glauben, österreichisch-politisch einer internationalen sozialdemokratischen Partei und jüdisch-politisch einer national-zionistischen Partei angehören zu können. Daneben gibt es Schekelzahler, die — und das war bezeichnenderweise ein Hauptargument für die Ablehnung der Strickerschen Forderung — der sozialdemokratischen Partei nur aus rein wirtschaftlichem Motive anhängen, die mit ihrer zionistischen Einstellung nicht das geringste zu tun haben. Man kann also nach der Ansicht der derzeitigen Mehrheit der österreichischen zionistischen Organisation ein (mehr oder minder) guter Sozialdemokrat, zugleich aber auch ein guter Zionist sein. Die Kunst zum Verzicht ist eine große Kunst. Von diesem Standpunkt aus* sind die österreichischen Zionisten keine großen Künstler, denn sie haben auf etwas verzichtet, was sie gar nicht mehr besitzen. Wenn die österreichische zionistische Organisation auf ihrem außerordentlichen Delegiertentag festgestellt hat, daß inuerpolitische Betätigung nicht ihre Angelegenheit sei, so hat sie damit vor allem eine zukünftige Beteiligung an den österreichischen Wahlen abgelehnt. Der Grund für diese Zurückhaltung ist ganz klar. Die Schwäche der Organisation, die Erkenntnis, daß eine jüdische Kandidatur auf den entschiedenen Widerstand der überwiegenden Mehrheit der österreichischen jüdischen Bevölkerung stößt, und nicht zuletzt der Konflikt in der Seele vieler sozialistisch und zionistisch organisierter Juden haben die Zionisten zu ihrer neuesten Stellungnahme veranlaßt. Aber wir erinnern uns, daß diese nunmehr theoretisch festgelegte Stellung in der Praxis schon bei den letzten Nationalratswahlen bezogen wurde. Damals hat es sich das österreichische zionistische Landeskomitee sehr, einfach gemacht, in dieser kritischen Zeit hat das Landeskomitee es für richtig gefunden, für seine Anhänger — gar keine Wahlparole auszugeben. Stricker selbst ist mit seiner Trutzkandidatur mit Pauken und Trompeten durchgefallen und das hat wohl dem Faß den Boden ausgeschlagen. Eine ähnliche Blamage wollte sich das Landeskomitee für die Zukunft ersparen und deshalb beschloß es, sich fürderhin nicht mehr innerpolitisch zu betätigen. Damit scheint ein wichtiges Postulat der Gegner jüdischnationaler Politik erfüllt. Dennoch besteht bei denen, die immer wieder die Aufgabe der zionistischen Landespolitik gefordert haben, kein Grund zu reiner Freude. Vor allem dürfte eine der Folgen des nunmehr in der österreichischen zionistischen Organisation eklatant gewordenen Konfliktes zwischen Mehrheit und Opposition, eines Konfliktes, der immer mehr auch persönliche Formen anzunehmen beginnt, die Gründung eines jüdischen Nationalverbandes durch Stricker und seinen radikalen und revisionistischen Anhang sein. Eine solche Körperschaft, die in Oesterreich in der Vorkriegszeit schon ohne besondere Erfolge eine Zeitlang bestand, hat ihr Muster in ähnlichen Organisationen, wie sie in der Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und anderen Oststaaten seit dem Umstürze neben den zionistischen Organisationen dieser Länder tätig sind. Die zionistischen Organisationen besorgen dort die zionistischen Geschäfte, die jüdischen Nationalverbände die landespolitischen. Dieses Nebeneinander, das gewöhnlich ein Miteinander ist, hat sich, wie die Zionisten glauben, im Osten sehr gut bewährt, warum soll nicht auch in Oesterreich ein solcher Versuch — wenn auch mit untauglichen Mitteln — gemacht werden, warum soll nicht auch hier das Falschspiel auf zwei Klavieren probiert werden? Wenn das Strickersche Klavier des Nationalverbandes fortissimo spielen wird, wird das Klavier der zionistischen Landesorganisation pianissimo klingen. Es wird manches nicht betont werden, dessen Betonung zu Unstimmigkeiten Anlaß geben könnte. Der Beschluß der zionistischen Landesorganisation spricht nicht davon, daß. die altbekannte Forderung der Zionisten nach Durchsetzung jüdischer Minderheitsrechte aufgegeben werden soll. Dieses Verschweigen macht uns nicht stutzig. Der leicht mögliche Heroismus der Zionisten bei ihrem Verzicht auf innerpolitische Betätigung kann nicht so weit gehen, daß sie auf ein Postulat verzichten, das Um und Auf ihres ganzen Wesens ist. Majoritätsrechte in Palästina und Minoritätsrechte in der Diaspora! Das ist die Grundforderung der Jüdischnationalen, von der sie nicht abgehen können, wenn sie nicht ihre Daseinsberechtigung aufgeben wollen, die sie aber auch nicht abzuschwächen gewillt sind, trotz aller Fehlschläge, die sie bisher bei ihrer zionistischen und landespolitischen Arbeit erlitten haben. Der außerordentliche Delegiertentag der österreichischen zionistischen Organisation hat aber noch einen wichtigen Beschluß gefaßt, der auch für das nichtnationale Wiener Judentum von besonderem Interesse ist. Die Arbeit in der Kultusgemeinde als der eigentlichen Stätte der Interessenvertretung der Judenschaft soll nach Aufgabe der innerpolitischen Betätigung um so intensiver betrieben werden. Man kann sich vorstellen, was unter einem solchen Beschlüsse zu verstehen ist. Wenn nicht österreichischer Nationalrat, so doch wenigstens jüdischer Kultusrat, das ist der Wunsch unserer Jüdischnationalen. Diesem Wunsche werden sie nunmehr, da sie nicht mehr durch die Anstoß erregende innerpolitische Betätigung gehemmt zu sein glauben, gehörigen Nachdruck zu verleihen trachten. Der Kultusgemeinde stehen also ernste Zeiten bevor und die Wiener Judenschaft möge es wissen, welche Gefahren ihr von der neuerlich versuchten Aktivität der Jüdischnationalen drohen. Was schon längst in die politische Rumpelkammer geworfen schien, wird zu neuem Leben erblühen, die Zionisten werden wieder ihr gefährliches Verlangen nach der „V o I k s g e m e i n d e" aufstellen und alle jetzt frei gewordenen Kräfte in den Dienst dieser Aktion stellen. Unsere altehrwürdige Kultusgegemeinde als „Volksgemeinde"! Man weiß, was das gerade heute in Oesterreich für Konsequenzen hätte. Es ist die Pflicht der österreichischen Judenschaft, diese bedrohliche Entwicklung der Dinge rechtzeitig zu erkennen