Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064459--18244-3083254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT leichtgläubigen Volke gerne einreden möchten, sie sind eine durchaus interkonfessionelle Erscheinung, die sich nur deshalb bei Juden, sofern sie überhaupt diesen Bestrebungen anhangen, in anderer Form zu manifestieren scheint, weil uns Juden oft infolge äußerer Umstände, an denen wir keine Schuld haben, der Sinn für das Natürliche, Lebenswahre, Ursprüngliche und Gefühlsmäßige verloren gegangen ist und ein übermäßiger I ntelektualismus, eine Art geistiger Inzucht, unser Gefühlsleben verarmt, unsere Empfänglichkeit, und Einfühlungsfähigkeit in das Irrationale und Emotionale im Leben der Völker herabgesetzt hat. Dieser Prozeß muß rückgängig gemacht werden, wenn wir die produktiven Energien unseres Glaubens voll entfalten, das seelische Gleichgewicht wiedererlangen und ein harmonisches und verständnisvolles Zusammenleben mit unseren nichtjüdischen Volksgenossen herbeiführen wollen. Der Weg zu diesem Ziele, von dem wir uns leider immer mehr zu entfernen im Begriffe sind, führt über die Scholle. Nicht etwa, daß ich vorschlagen würde, daß wir mit einem Male uns der landwirtschaftlichen Betätigung zuwenden sollten, wohl aber trete ich für eine zweckmäßigere territoriale Verteilung der österreichischen Juden ein, die uns nicht nur mit unseren nichtjüdischen Volksgenossen in innigeren Kontakt bringen, sondern auch den Uebergang zu einer vollkommenen sozialen und beruflichen Angliederung wesentlich erleichtern würde. Daneben aber müßte man auch auf die Förderung der jüdischen Innenkolonisation in Oesterreich den größten Wert legen. Wahrlich, wir hätten viel besser getan, unser Geld diesem Zwecke zuzuwenden, als es in Palästina nutzlos zu verpulvern. Vor ihrer Emanzipation waren die österreichischen Juden wie ihre Glaubensgenossen in allen übrigen europäischen Staaten fast ausschließlich auf den Händler-, Hausierer-, Geldwechsler- und Geldverleiherberuf angewiesen. Der Erwerb von Grund und Boden, die Ausübung eines Handwerkes war ihnen verboten, die Erlangung einer Staatsanstellung unmöglich (einige wenige Ausnahmen bestätigen nur die Regel). Irgendeine besondere Befähigung zu diesen Berufen, wie sie Werner Sombart annimmt, der von dem „kapitalistischen Geist" der Juden spricht, besitzen wir nicht, es sei denn, daß jahrhundertelange berufliche Inzucht und der Zwang der bitteren Not die Juden tüchtiger gemacht hat als es die Nichtjuden sind. Auch heute noch sind mehr als die Hälfte der österreichischen Juden im Handel und Geldverkehr tätig, ungefähr ein Drittel betätigt sich in Gewerbe und Industrie, der Rest in öffentlichen Diensten und freien Berufen, während kaum ein halbes Prozent in der Land- und Forstwirtschaft tätig ist Der jüdische Bauer ist also in Oesterreich so gut wie unbekannt. Hier hat die Emanzipation eine Schranke gefunden, die bisher nicht hinweggeräumt werden konnte. (Fortsetzung folgt.) VORNEHME FAMILIENPENSION vormals Dr. GRUNBERG AM SEMMERING [ HOCHSTRASSE 43 <BEI HOTEL PANHANS; Mäßige Preise (Zimmer m mit Pension von S12.— §§ aufw.) / Kaffeehaus und g§ Tanzgelegenheit 1mg Hause / Besitzer:^ Beckstein / Telephon: m Semmering Nr. 11 g I Fließendes WarnondKalt- 'wasser in Jedem Zimmer g= WmmaaanmmmmmKmm iifteiil iWMM .ü. --^mSm^i Auf Rohlings Spuren. Ein gewisser Alfons Luzsensky in Budapest hat vor Jahren mit antisemitischer Tendenz einzelne Stellen des Talmud übersetzt und Prospekte verschickt, in denen er erklärte, daß man aus seinem Buche das Streben der Juden nach der Weltmacht und der Niederwerfung der Christen auf der ganzen Linie erkennen werde. Der Talmud erteile genaue Instruktionen dafür, wie man die Christen vernichten solle. Der Verfasser zählte auch eine Reihe von angeblichen R itualmorden auf. Zwei Empfänger dieser Prospekte, Ladislaus Fried und Alexander Bar na, antworteten mit Zuschriften, in denen die Behauptungen Luzsenszky's als unverschämte Lügen bezeichnet werden. Auf die Klage Luzsenszky's wurden die beiden Briefschreiber vom Richter Dr. Neuwirth zu Geldstrafen verurteilt, und zwar wegen formaler Beleidigung. Beweisanträge wies der Richter mit der Begründung ab, daß die Aufstellungen Luzsenszkys absurd seien. Nachdem von beiden Parteien Revision eingelegt wurde, ordnete Richter Dr. Ernst J a c a b die Einholung von Gutachten des Universitätsprofessors Michael Kraosko und des Rektors des Pester Rabbinerseminars Dr. Ludwig Blau an. Kmosko erklärte, er habe 97 Zitate Luzsenszky's geprüft. 54 waren einwandfrei, 15 annähernd richtig, 15 enthalten kleinere und größere In-tümer, eines läßt auf ein Mißverständnis schließen, 8 aber verraten eine polemische Tendenz. Er betone ausdrücklich, daß er sich mit dem System de^ Klägers <--nicht.- identifiziere. Dr. Ludwig Blau weist darauf hin, daß diese Frage eigentlich eine res judica büde, die bereits im Jahre 1883 rechtskräftig entschieden wurde. 1871 gab Univ.-Prof. August Rohling eine Studie „Der Talmudjude" heraus. Die Broschüre Luzsensky's sei aber zum größten Teile aus Rohling's Buche übersetzt. Rohling hatte sich 1883 den ungarischen Gerichten als Sachverständiger im Prozesse von Tisza- Eszlar angeboten und sich erbötig gemacht, die Blutschuld des Judentums aus dem Talmud zu beweisen und mit einem Eid zü bekräftigen. Die Gerichte nahmen den Antrag nicht an. Dr. Bloch bezichtigte Rohling der Fälschung, der Lüge und des Meineids. Rohling klagte. Die vom Rektor der Wiener Universität und von Rohling namhaft gemachten Gelehrten erklärten als Sachverständige vor Gericht, daß Rohling Talmud-Zitate gefälscht hat. Bevor das Gericht sein Urteil sprach, zog Rohling seine Klage zurück und wurde schließlich genötigt, die Professur an der Prager Universität niederzulegen. Da nun1 Luzsenszky aus derselben Quelle schöpfte, könne die Angelegenheit als res s Jüdische ond hebräische i : Grammophonplotfen g ■ in großer Auswahl sowie andere erstklassige ■ Jj elektrisch aufgenommene Platten in klassi- £ ■ scher und moderner Musik, ferner Grammo- ■ ■ phon- und Radioapparate aller führenden ■ 5 Weltmarken und in jeder Preislage auch 5 ■ gegen Monatsraten erhältlich im ■ S Musikhaus LEO TUBLIN B 5 Crausllc-IJnloml 5 g Wien I„ Jasomirgottstraße 6. \ fi' Verzeichnis kostenlos. 5 judica betrachtet werden. Im meritorischen Teil seines Gutachtens zählt Dr. Ludwig Blau die irrigen Stellen der Uebersetzung auf und führt aus, der Talmud bilde kein Gesetzbuch, sondern sei eine Sammlung von Ansichten, Aussprüchen, Legenden, Homilien und Diskussionen. Sie stammen von etwa 4000 Schriftgelehrten, wurden während 600 Jahre gesammelt und umfassen zwölf mächtige Foliobände. Luzsenszky hat den Talmud nie gesehen. Die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen und tendenziös zusammengestellt. Sie sagen oft das Gegenteildes Originals. Die Stellen, m denen es heißt, die Benachteiligung oder Tötung des Andersgläubigen sei gestattet, sind unrichtig zitiert, weil der Nachsatz fehlt, worin der Gelehrte erklärt: »Diese Auffassung ist falsch!" In der letzten Verhandlung erklärte Strafbezirksrichter Dr. Ernst Jacab, er stelle das weitereVerfahren auf Grund des § 125 e i n. Dieser Paragraph räumt dem Richter das Recht ein, einen Prozeß einzustellen, dessen Erledigung weder ein öffentliches, noch ein privates Interesse zu fördern geeignet erscheint. . Seit vielen Jahren das anerkannt beste Jahrzeitlicht tM^-natw Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: V/Ien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33-1-87 Wiener jüdische Bevölkerungsbewegung im Jahre 1930. (Ämtlich mitgeteilt von der Wiener Isr. Kultusgemeinde.) Aus dem vom Matrikenamte der Israelitischen Kultusgemeinde Wien vorgelegten statistischen Ausweisen über die Bevölkerungsbewegung im Jahre 1930 ergeben sich die folgenden Ziffern, bzw. Gegenüberstellungen: 1920 1929 1930 1. Sterbefälle ..... 2886 2709 2597 2. Geburten ..... 2744 1344 1214 3. Trauungen ..... 2955 1246 1244 4. Austritte ..... 1271 893 742 5. Eintritte, bzw. Rücktritte 376 305 286 ad 1. Von den 2597 Sterbefällen des Jahres 1530 entfallen 54 auf Totgeburten, 1356 auf männliche und 1187 auf weibliche Personen. Es entfallen die meisten Todesfälle (473) auf Herzkrankheiten, sodann 424 auf krebsartige Erkrankungen, 400 auf Erkrankungen des Blutes und seiner Bahnen und 336 auf Erkrankungen der Atmungsorgane. Der Tuberkulose sind 164 Personen erlegen. 85 Selbstmorde weist "die Statistik der Todesursachen auf. Dem Alter nach sind die meisten Todesfälle (576) zwischen dem 70. und 80. Lebensjahre, 403 zwischen dem 65. und 70., 305 zwischen dem 60. und 65. Lebensjahre zu verzeichnen. Von 197 im Alter zwischen 80 und 90 Jahren Verstorbenen waren 79 männlichen und 118 weiblichen Geschlechtes, von 23 im Alter zwischen 90 und 100 Jahren Verstorbenen gehörten einer dem männlichen, 22 dem weiblichen Geschlechte an. Es sind schließlich zwei weibliche Personen im Alter über 100 Jahre verstorben. ad 2. Unter den 1214 Geburten des Jahres 1930 sind 14 Zwillinge und ein Drilling zu verzeichnen. Die Zahl der männlichen und der weiblichen Geborenen ist gleich hoch (607). Unter den männlichen sind 19 Totgeborene, unter den weiblichen 11 Totgeborene verzeichnet. ad 3. Gegenüber den 1244 Trauungen, die im Jahre 1930 im Wirkungsbereiche der Israelitischen Kultusgemeinde Wien vorgenommen wurden, verzeichnet die Statistik 324 in diesem Jahre vor dem Rabibnate vollzogene rituelle Ehetrennungen. Von diesen sind 117 im 6. bis 10. Jahre der Ehe erfolgt, 2 nach mehr als 40jähriger Ehe. ad 4. Von den 742 im Jahre 1930 Ausgetretenen waren 369 männlichen und 373 weiblichen