Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Oi£ WAHRHEIT Seite a Das ist unser, der Nichtnationalen Wunsch und Programm. Solche Märe bei Euch, Gevatter Stricker, zu finden, bringt Freude und Gewinn. Es zeigt aber die ganze Verworrenheit und Unklarheit der jüdischnationalen Lehre, daß bald darauf gefordert wird: „Für die Juden als Nation im Staate Rechte." Wie reimt sich das zur obigen, schon zweimal angeführten Forderung der freien Entwicklung der Juden in allen Ländern? Ist die freie Entwicklung dasselbe wie die Rechte der Juden als Nation im Staate? Kann es dasselbe sein, wenn nationale Selbstverwaltung gewünscht wird, also nationale Autonomie, mit einem eigenen Schul- und Verwaltungsapparat? Daß dabei aber auch die Juden mit den anderen Mitbewohnern um Stellen, Titeln und Posten noch ringen können und dabei noch der Grundsatz „freie Bahn dem Tüchtigsten" auch für die Juden gelten kann und soll, verstehe ich nicht. Es sollen nationale jüdische Schulen errichtet werden, und zwar aus öffentlichen Mitteln unter Wahrung der staatlichen Oberhoheit, aber besorgt von Organen des jüdischen Volkes. Daneben sollen den Juden auch alle Erziehungsinstitute des Staates frei zugänglich gemacht werden und bleiben und die Absolventen jüdischer Schulen dürfen in ihrem Rechte als vollwertige Staatsbürger nicht im geringsten beeinträchtigt werden. Wie dies alles zu machen ist, verschweigt des Sängers Höflichkeit. Eigene, selbständige Verwaltung und doch volle Teilnahme an der staatlichen Verwaltung, eigene Schulen und doch auch volle, ungehinderte Benutzung der Staatsschulen. Jüdischer Kataster zur Einschreibung und Evidenzhaltung der jüdischen Bewohner und freies Bekenntnis zur jüdischen Nation. Der Kernpunkt der antisemitischen Frage ist der Umstand, daß wir eine Minorität sind. Sind wir es nur nach konfessioneller Richtung, so fällt jeder Vorwand, uns in wirtschaftlicher und politischer Richtung zu bekämpfen, weg. Es ist darum nicht hart genug zu bekämpfen, zu geißeln und als Schaden zu erklären, daß Tag für Tag von den Jüdischnationalen verkündet wird: Wir sind eine völkische Minorität. Ist das nicht die Lehre von Chamberlain, die Politik der Hakenkreuzler? Das Wesen des Judentums ist die Religion, das heißt die tiefe Gebundenheit an ein höheres Walten, das im Innern wurzelnde Vertrauen auf ein gütiges und gerechtes Urteil, das stets lebendige Gewissen und Wissen des Guten. Die Riten und Zeremonien sind die Ranken, an denen die Erziehung zur Religiosität anknüpft, sie sind die Mittel, um unseren menschlichen Begierden Hemmungen aufzuerlegen. Sie bewahren uns vor eitlem Materialismus, sie sind auch für den höchst gebildeten Menschen die Hilfsmittel gegen Ueberhebung und Eitelkeit. sich in der Wirklichkeit abgespielt haben. Freilich auch hier die virtuose Technik des Filmstreifens, die Gabe, das Nacheinander des äußeren geschichtlichen Ablaufs darzustellen, ohne die feinfädigen Zusammenhänge auf einen großen, wahrhaft historischen Hintergrund zu beachten. Aber wem gibt dieser Mangel das Recht, dem Namen Emil Ludwig in niedriger, neidischer Gesinnung „alias Emil Cohn" beizusetzen! Es ist der Mangel guten Willens, die mangelnde Bereitschaft, gewissenhaft und ohne Voreingenommenheit die Leistung für sich zu prüfen, die Tagesneigung, jedem der jüdischen Abstammung verdächtigen Dichter und Schriftsteller die Bodenständigkeit und seinem Schaffen die Gültigkeit abzusprechen. Wäre Emil Ludwig nicht Jude, so würde man ihn als großen deutschen Schriftsteller feiern, der dem deutschen Namen im Ausland Ehre gemacht hat. Man mag zu seinen historischen Büchern stehen wie man will, all die künstlerisch und ästhetisch guten Seiten von Emil Ludwig kommen in seinen viel weniger bekannten Dichtungen und Reisebildern zum Vorschein. Die virtuose Art, eine Landschaft und eine Stimmung wieder wirklich zu machen, die Feinsinnigkeit und Unmittelbarkeit der Empfindungen nehmen besonders in den Schilderungen „Am Mittelmeer" gefangen. Auch die Mittelmeerfahrt auf einer hellen Lustjacht in dem Roman „Diana" vergißt man nicht so leicht wie die- Handlung und die Personen, die hier auftreten. Wenn Emil Ludwig seine historische Belletristik einmal beendet hat, darf man von ihm als Dichter noch Schönes und Ursprüngliches erwarten. Dr. Ludwig Feuchtwanger (München). Die Jüdischnationalen sind nicht religiös, haben also nicht das innerste Wesen des Judentums erfaßt. Sie sind nicht religiös, weil sie das nationale Prinzip zum Hauptmotiv ihrer Handlungen machen. National ist ihnen völkische Zugehörigkeit, ist ihnen das physische Band des Volkstums. Sie übersehen die Geschichte und Entwicklung der Juden in den einzelnen Wohnorten, sie übersehen, daß Klima, Boden, Erwerb und die Kultur des Wohnlandes auf die psychische Gestaltung großen Einfluß haben. Darum setzen sie politische Forderungen für die Juden, die für diese nicht passen. Sie sehen alle Juden als eine Einheit an, aber sie fordern für sie verschiedene politische Stellung. .Wollen sie dasselbe Recht für die Juden Argentiniens und Nordamerikas wie für die Juden Oesterreichs? Nein, sie sind also in ihren Folgerungen im Gegensatz zu ihrem Prinzip und sie achten vor allem nicht darauf, daß die Juden eine religiöse Einheit sind. Von dieser Erkenntnis aus ist alles zu formulieren, was für Juden und Judentum von Wert und Ge- Möchte meine Tochter* hübsche, kultivierte und hochmusiltalische Dame, glücklich verheiraten. Sie ist schuldlos geschieden, besitzt ein vornehmes, mit allem Komfort ausgestattetes Wiener Helm und hat nebst KS 100.000.— Barvermögea ein intelligenzberufliches Monatseinkommen von ca. S 1000.—. Nur distinguierte Herren von 50 Jahren in guter Position wollen unter „Väterliche Fürsorge" an die Expedition dieses Blattes ausführlich schreiben. winn ist. Politisch und staatlich sind wir Oesterreicher, wie der amerikanische Jude Amerikaner und der englische Engländer und der argentinische Argentinier. Wer dies nicht anerkennt, ist unser Gegner, mag er Kunschak heißen oder Stricker. Die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in Oesterreich. Von Dr. phil. et rer. pol. Franz Josef Weiß. (Fortsetzung.) Die Emanzipation war die Frucht der allmählichen Durchsetzung liberaler und demokratischer Prinzipien im staatlichen und gesellschaftlichen Leben, wie diese im Verlaufe des vorigen Jahrhunderts vor sich gegangen ist. Nichts ist daher begreiflicher, als daß Juden zu den begeistertsten Vorkämpfern der liberalen und demokratischen Ideen wurden, die ihnen die Befreiung aus jahrhundertelanger Knechtschaft gebracht haben. Diese Entwicklung hat durch die Ausrufung der Republik ihren Höhepunkt erreicht und zur vollkommenen staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden mit ihren nichtjüdischen Staatsbürgern geführt. Was die Juden aber während der ganzen Zeit dieser Entwicklung übersehen zu haben scheinen, ist die Tatsache, daß nicht Gesetze und Verfassungsbestimmungen, mögen sie auch in der demokratischen Republik der Ausdruck des souveränen Volkswillens sein, das Entscheidende im staatlichen und sozialen Leben sind, sondern in letzter Linie jene Machtfaktoren, von denen die Realisierung der abstrakten Rechtsnormen abhängt. Mag zum Beispiel das Staatsgrundgesetz in Artikel 7 alle Vorrechte irgend eines Bekenntnisses ausschließen, so wird dennoch nicht im konkreten Falle dieser oder jener Glaubensgenosse zum Universitätsprofessor, Offizier, Richter oder Postunterbeamten ernannt werden. Natürlich nicht etwa deshalb, weil er Jude ist, sondern aus irgend welchen anderen Gründen, deren Feststellung dem freien Ermessen der betreffenden Vollzugsorgane unterliegt. So kommt es, daß die Minimalgesetze, welche uns ein Minimum an Rechten garantieren sollten, zu Maximalgesetzen geworden sind, deren Durchsetzung im staatlichen Leben für uns ein erstrebenswertes Ziel und keine Selbstverständlichkeit mehr bedeutet. Die Flitterwochen der Demokratie sind längst vorüber, der Liberalismus hat seine Mission nicht zuletzt wegen seiner sozialen Unzulänglichkeit nicht erfüllt und allseits fühlt man das Streben nach Erneuerung der religiösen, nationalen und sozialen Bindungen, was zwar mangels einer entsprechenden politischen Ausdrucksform nicht verfassungsmäßig, dafür aber um so deutlicher verwaltungsmäßig zum Ausdruck kommt. Täuschen wir uns nicht! Unter der Arbeiterschaft breitet sich immer deutlicher eine judengegnerische Strömung aus, welcher die Arbeiterführer, wenn man auch nicht gern davon spricht, Rechnung tragen müssen, zumal Not, Elend und Arbeitslosigkeit radikalisierend wirken. Die Landbevölkerung befindet sich in der schwersten Krise, die sie je durchzumachen hatte, und steht den Juden, mit denen sie nur im Kampfe um die Erhaltung der Kaufkraft der Agrarprodukte gegenüber industriellen und gewerblichen Erzeugnissen zu tun hat, gewiß nicht freundlich gegenüber. Und die Gebildeten, die führenden Schichten in Staat und Gesellschaft? Sie sind nicht antisemitisch, nein, noch viel ärger, sie sind asemitisch orientiert. Von äußeren Feindseligkeiten ist kaum mehr zu spüren als in früheren Zeiten. Man hat es auch nicht notwendig, die Juden durch Gewaltakte am Leben und Eigentum zu bedrohen. Man hält sich sie vom Leibe, man steht ihnen ablehnend gegenüber, man verkehrt ganz einfach nicht mit ihnen. Als gebildeter Mensch ist man kühl, höflich und zurückhaltend, man beleidigt den Juden nicht, sondern man wendet ihm den Rücken. Soll es so weit kommen, daß wir ähnlich behandelt werden wie die Neger in Amerika? Denn nichts anderes ist das Ziel der Rassentheoretiker und Rassenfanatiker, denen unsere Jüdischnationalen in ihrer grenzenlosen Verblendung noch Zuträgerdienste leisten. Und das Argument jener Gebildeten, denen aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen die Rassentheorie nicht zusagt? Es ist das immer wieder gebrauchte Schlagwort von den „zersetzenden Eigenschaften des Judentums". Wie man den Krankheitskeim ferne hält, so hält man Staat und Gesellschaft frei von den „alles zersetzenden" Juden. Wie kommt es, daß wir Juden, deren Konservativismus und Traditionstreue durch ihr jahrtausendelanges unverbrüchliches Festhalten an ihrem Glauben und ihrer heiligen Ueberlieferung in der Weltgeschichte einzig dasteht und .die auch im staatlichen Leben ein durchaus aufbauendes, ja geradezu konservatives Element sind, da sie alle Ursache haben, allen umstürzlerischen Bestrebungen entgegenzutreten und eine ruhige Fortentwickelung von Staat und Gesellschaft anzustreben, daß wir Juden dennoch in den — wie immer wieder betont werden muß — ganz und gar unberechtigten Verruf gekommen sind, ein „zersetzendes Element" zu sein? Das scheint mir daher zu kommen, daß einige wenige, jedoch an hervorragender Stelle wirkende Literaten und Politiker, Schriftsteller und Journalisten jüdischer Abkunft, die nur einen verschwindenden Bruchteil der jüdischen Bevölkerung bilden, sich durch die Konsequenz und den Radikalismus, mit dem sie sich über die nationalen und religiösen Empfindungen weiter Schichten der Bevölkerung hinwegsetzen, sich im Gegensatz zu den Anschauungen ihrer christlichen Mitbürger stellen. Besonders dann, wenn sich das Volk in seinen religiösen Empfindungen durch Aeußerungen oder Bestrebungen von Menschen verletzt fühlt, die einem anderen Glauben angehören, ist es doppelt empfindlich und ist nur allzu leicht geneigt, die aus dieser durchaus verständlichen Empfindlichkeit entspringende Mißstimmung auf alle Angehörigen der Glaubensgemeinschaft zu übertragen, der die Verletzer ihrer Empfindungen meist innerlich gar nicht mehr verbunden sind. Demgegenüber muß betont werden, daß die überwiegende Mehrheit der österreichischen Juden ebenso wie der Großteil der christlichen Bevölkerung unseres Landes nicht nur nichts mit diesen „zersetzenden Elementen", die sie auch als Schädlinge ihres eigenen Glaubens ansieht, gemein hat oder gemein haben will, sondern auch den festen Willen hat, gemeinsam mit der christlichen Bevölkerung gegen alle derartigen auflösenden und zersetzenden Bestrebungen mit aller Macht anzukämpfen, da sie der Ueberzeugung ist, daß Gottesfurcht und Glaubenstreue die unverrückbaren Fundamente der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung sind. Die Bestrebungen, von denen wir sprachen, sind jedoch durchaus nicht auf jüdische Literaten und Politiker beschränkt, wie dies die Antisemiten dem