Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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maßgebenden Behörden diese Heize dulden, erkennen sie nicht, daß diese Duldung uns um den letzten Rest des Ansehens bringt, das wir in der Kulturwelt noch genießen? Dieser gute Ruf der Universitätsstadt Wien steht auf dem Spiele, an den Behörden liegt es, durch Energie und Tatkraft zu beweisen, daß sie ihn nicht länger gefährden lassen wollen. Es wird den Hakenkreuzlem nicht gelin- Lassen Sie uns heute mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Sorgfalt, fast mit Lupe und Mikroskop das Wesen und die Forderungen des jüdischen Nationalismus betrachten, um zu sehen, ob sie für das Judentum fruchtbar sind, ob ihre Bekämpfer auf dem rechten Wege sind und ihnen nicht Unrecht tun, um objektivst und frei von jeder Voreingenommenheit die Grundsätze festzustellen, auf denen ihre Feinde und Widersacher stehen, und um nachzuweisen, daß diese Bewegung, welche sich als Retterin des Judentums gebärdet und der so viele Jugend folgt, eine falsche und irrige ist, deren Dasein kurzlebig sein muß und soll. Grundlage für unsere Beurteilung ist die Broschüre des Herrn Ing. Robert Stricker: „Der jüdische Nationalismus." Ihr Ausgangspunkt ist die Konstatierung des sich immer mehr verbreitenden Antisemitismus. Dagegen gibt es nach Stricker nureine würdige und wirksame Abwehr, deren Wesen in die Formel zu fassen ist: „Die Juden sind ein Volk und wollen als Volk behandelt werden." Deshalb verlangt der Verfasser: „Jeder Jude muß sich zum jüdischen Volke bekennen und die gesamte Judenschaft muß sich als Volk organisieren. Die auf volkstümlicher Basis geeinigte jüdische Gemeinschaft, welche eine Fülle geistiger, wirtschaftlicher und politischer Machtmittel aufzubringen vermag, wird diesen Kampf bestehen können, gewiß nicht ohne Opfer, aber ohne korrumpiert und zerrieben zu werden. Nur als Volk können die Juden im Völkerbunde eine Vertretung, eine selbständige Vertretung besitzen. Nur so kann die Judenfrage zu einer Weltfrage werden. Das heißt, es soll durch die Völker der ganzen Welt das Anrecht der Juden auf ihre alte Heimat Palästina und die freie Entwicklung In allen Ländern, wo Juden wohnen, in bindender Form anerkannt werden." Setzen wir den Fall, daß die Juden ein Volk sind, setzen wir den Fall, daß sie ein 14-Millionen- Volk sind, wie sollen sich diese 14 Millionen in der ganzen Welt wohnenden Juden als Volk organisieren, das heißt als eine kräftige, gemeinsam wirkende Einheit sich darstellen, betätigen, nach außen zeigen? Und wenn das möglich wäre, weltfeuilteton Echte und unechte Geschichtsforschung. Zum 50. Geburtstage von Emil Ludwig. „Die Logik der Geschichte ist noch genauer als die preußische Oberrechenkammer", dieser Satz Bismarcks gilt auch für den Ablauf geistiger Moden und gilt vor allem haarscharf für den Zeitgeist, der heute, im Jahr 1931* gegen die Bücher von Emil Ludwig gerichtet ist. Es ist populär und bringt viel Beifall von allen Seiten, diese Bücher heute herunterzureißen. Gewiß ist es der fragwürdige Geist von 1919, der aus Emil Ludwig spricht; es ist ebenso gewiß, daß die Historiker von Fach recht haben, die dem gewandten Popularisator die Fadenscheinigkeit und den Kniff seiner Geschichtsklitterung nachgewiesen haben. Aber Haltung und Gesinnung der meisten Gegner sind weder nobel, noch vermögen sie bessere Sachkunde oder überlegenere Gestaltungsgabe als der von ihnen aus trüben Tagesaffekten heraus Befehdete aufzuweisen. Das unbestreitbare Verdienst Emil Ludwigs bleibt, daß er auf plastische und jedermann zugängliche Art öffentliche Charaktere — Napoleon, Bismarck, Lincoln, Wilhelm IL, Goethe, Michelangelo — durchsichtig gemacht hat. Unendlich viel Anregung und Selbstbesinnug ist von diesen weit gen, durch ihre Gewalttätigkeiten an den Hochschulen uns die Ungesetzlichkeit der ganzen „Studentenordnung" vergessen zu machen, mögen sie auch noch so viele „Siege" bei den auf Grund dieser famosen „Ordnung" erfolgten Wahlen verzeichnen können. Wo es keine Widersacher gibt, können diese teutschen Helden leicht „siegen". ches sind denn die gemeinsamen inneren Ideen und Gedanken dieses Volkes von 14 Millionen? Die Behauptung, daß die Juden ein Volk seien und als ein so großes Volk, wenn organisiert und zusammengefaßt, eine wirksame Abwehr des Antisemitismus bilden würden, bleibt eben nur Behauptung, wenn nicht die Form aufgezeigt wird, wie diese Organisierung möglich ist, und was der Inhalt, das Belebende und seelisch Gemeinsame dieses Volkes ist. Setzen wir immerhin, daß die Juden ein Volk bilden; worin zeigt sich dies? Ich kenne den Zionisten Kann aus dem Haag. Hellblond wie nur ein Holländer kommt er uns entgegen. Ich kenne den Zionisten Fränkel aus Kopenhagen. Er ist rotblond. Ich kenne Zionisten aus Italien. Sie unterscheiden sich in ihrem Aeußeren in nichts von den andersgläubigen Italienern. Ich kenne viele russische Juden, die Kalmüken sehr ähneln. Ja, um des Himmels willen, muß man in der Judenfrage denn jede Wissenschaft und Lehre auf den Kopf stellen? Beim Tiere und bei der Pflanze erkennt man den Einfluß der Sonne, des Bodens, der Nahrung als maßgebend für die äußere Entwicklung an; warum nicht bei uns Juden? Aber der Hund Europas und Afrikas haben doch etwas gemeinsam, wenn auch ihre äußere Erscheinung noch so verschieden ist. Das Gemeinsame ist sein inneres Wesen, seine Treue, seine Wachsamkeit, seine Jagdbarkeit. Nun folgere man aus diesem niederen Vergleich auch auf uns. Ja, wir sind, ich wiederhole es abermals, ein Volk, alle Juden, auch Abkömmlinge der Chasaren, auch die Nachkommen der Uebergetretenen; aber was macht uns, den Juden von Kalkutta, von Natal, von Boston, von Basel, von Warschau, von Olmütz und Wien zu einer Einheit? Doch nur das, was unser inneres Wesen, unsere Eigenart ausmacht, was uns Juden vom ersten Auftreten in der Geschichte bis heute beseelt hat; das ist die religiöse Idee, die in der Entwicklung des Gewissens, in der Demut vor einem höheren Zweck und in der Erfüllung alles Besten in der Welt sich manifestiert Soll man denn wiederholen, daß alle jene Völker, die in der Geschichte kulturbringend und gestaltend aufgetreten sind, eine Missionsidee vertraten und eine Kulturidee der Menschheit gaverbreiteten, fesselnd wie spannende Romane geschriebenen Lebensbildern ausgegangen. Millionen von Menschen, die in den berufsmäßigen und geborenen Schicksalslenkern, in Staatsmännern, Fürsten das Gefäß überirdischer Weisheit angebetet haben, sind die Augen geöffnet worden; sie sind nach namenloser Enttäuschung über das Versagen der Führer belehrt worden, sich selbst um die öffentlichen Dinge zu kümmern, offiziellen Geschichtslegenden zu mißtrauen — um neuen Vorurteilen und Mythologien zu verfallen. Die breite Wirkung der Ludwigschen Biographien ist vor allem der großen Geschicklichkeit zuzuschreiben, mit der hier ein ziemlich wahllos zusammengetragenes Material von Urkunden und von VermittlungsUteratur zu Bildern einfacher und lebensnaher Menschlichkeit verarbeitet wird. Aus dem historischen Wachsfigurenkabinett treten einfache Menschen heraus, mit unseren Schwächen und Süchten. Das Geheimnis der Wirkung von Emil Ludwig hat vielleicht am besten jüngst der ausgezeichnete holländische Historiker Huizinga so ausgedrückt: „Die großen Gefühlsergüsse, die Tränenfluten, die überschwenglichen Rührungen sind stets Deichbrüche der Volksseele gewesen, in die dann die höheren Klassen mit hineingerissen wurden." Die „Vermenschlichung" ist nämlich bei Ludwig in Wahrheit eine Art „Verfilmung"; eine Auswalzung des ungesiebten Rohstoffes zu dramatischen oder idyllischen Situationen, zu rührenden und bezaubernden Seelengemälden. Der geistige Antrieb ist rein literarisch und auf den entzaubernden Heroensturz und die effektvolle originelle ben? Die Aegypter gaben uns das Sonnenjahr, die Babylonier die Woche, die Assyrev die Verwaltung, die Griechen das Schöne, die Römer das Recht, die Germanen die individuelle Freiheit, die Juden den Gottesbegriff. Seine Ausbreitung zur höchsten Form einer beseelten Gesellschaft in der Welt ist noch nicht erfüllt. Daher besteht das Judentum, daher lebt es und wird dauern, bis die Erfüllung da ist. Wie ist gegenüber diesem großen, erhabenen Daseinszweck kleinlich, niedrig, was wir vom jüdischen Nationalismus hier und anderwärts lesen und hören? Aber wir, denen das Wesen des Juden ein Hohes und Heiliges ist, müssen es als eigene Sendung ansehen, die Meinungen, die wenig von Wissen und Denken beschwert sind, zu klären und zur richtigen Erkenntnis unserer Zeit zu bringen. Das Vierzehnmillionenvolk der Juden ist ideell in seiner Weltsendung geeint und die Aufgabe ihrer Lehrer und Führer soll es sein, sie über diese Sendung aufzuklären und ihnen diese hohe Sendung beizubringen. Dann wird nicht der Materialismus überwiegen, nicht der Gelderwerb das Lebensziel sein, dann wird nicht der Mann oder die Frau nach ihrem Besitz beurteilt werden, dann werden geistige und moralische Vorzüge den Ausschlag in der Schätzung geben, dann wird wieder das Volk der Juden das Volk der Lehre sein. Freilich nicht abgekehrt vom Weltgetriebe soll es das sein. Kunst und Technik und Handwerk, Handel und Industrie sind auch Betätigungen für den aufrechten Mann und zu Männern soll man unsere Juden erzielen, überall, hier und dort; eingreifen sollen sie in die Weltwirtschaft, in Wissenschaft und Kunst als Kenner und mit Vollendung, aber auch als Juden, die ihrer Weltsendung bewußt sind. Was aber Stricker mit seiner Lehre vom judischen Nationalismus bietet, ist, wie schon seine Grundsätze gezeigt haben, leer und ohne Halt. Das Volk der Juden hat in der Welt keine einheitliche politische Gestaltung, sie ist auch nicht zu erreichen, weil sie von den Staaten, in denen Juden wohnen, nicht gestattet würde. Wie soll dann eine Vertretung im Völkerbunde und vor demselben geschehen? Und die Judenfrage als Weltfrage? Was bedeutet wieder dieses Wort? Die Frage Palästina ist nach unserer Meinung auf Jahrzehnte zumindest gelöst. Solange England erste Weltmacht , ist und das Weltreich, wie es unter Alexander dem Großen und unter den römischen Kaisern bestand, unter seiner Führung oder unter angelsächsischer überhaupt besteht, wird Palästina kein Judenstaat sein, sondern eine Kolonie Englands. Was aber die freie Entwicklung der Juden in allen Ländern als bindendes Völkerrecht bedeutet, das meine Herren Nationalen, das wollen auch wir. Spannung abgestellt, ohne die Zuverlässigkeit und den Ernst eigener, geschulter historischer Forschungsarbeit. Es ist nicht wahr, daß unsere modernen Historiker von Fach nicht künstlerisch und fesselnd schreiben können. Wer das sagt, hat nie Mareks, Oncken, Meinecke gelesen. Die Lektüre von Emil Ludwig war eine typische geistige Mode, die heute schon vorüber ist. Es ist noch fraglich, ob diese rasch außer Mode gekommene historische Belletristik nun zu tieferen Gesellschaftsschichten dringen wird, trotz der billigen Volksausgaben. Ludwig wäre ein glänzender Verfasser für Filmmanuskripte. Denn seine pseudohistorischen Bücher weisen mit zwingender Deutlichkeit auf diese besondere Begabung hin. Niemand besitzt so viel Sinn für die Möglichkeit, das Ungewöhnliche, Grelle, Antikonventionelle aus einer Situation herauszuholen, dabei immer die Tagesaffekte im Hintergrund zu sehen und auf alles, was nicht massivanschaulich vor jedermann aufgebaut werden kann, entschlossen zu verzichten. Die Haltung der deutschen Rechtspresse zu Emil Ludwig gehört zu den unerfreulichsten Erscheinungen des modernen geistigen Deutschland. Wie ehemals Maximilian Harden und Alfred Kerr verdächtigt man ihn ohne jeden zureichenden Grund der antideutschen Gesinnung. Auch wenn für Ludwigs Buch „Juli 1914" in verstärktem Maß all das einzuwenden ist, was eben gegen seine gesamte „historische" Methode gesagt werden mußte, nirgends eine Spur davon, die äußeren Hergänge um einen Schatten anders wiederzugeben, als sie Jüdischnational. Von Reg.-Rat Dr. S. K r e n b e r g e r s. A.