Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 OB DIE WAHRHEIT Wenn wir österreichischen Juden demnach auch eine Heimat besitzen, so mangelt uns dennoch jene innige Verbundenheit mit unserem Vaterlande, welche nur durch Verwurzelung mit der Scholle erworben werden kann. Sind auch die Ghetto- Mauern gefallen, so umgibt uns dennoch vielfach noch ein unsichtbares Ghetto, das Ghetto der großstädtischen Konzentration und der immer fühlbarer werdenden beruflichen und gesellschaftlichen Isolierung. Diese Mauern zu durchbrechen, ist uns bisher nicht gelungen, ja wir müssen sogar gestehen, daß sich "in dieser Hinsicht die Verhältnisse seit dem Kriege, und zwar — wie ich betonen möchte — nicht ganz ohne unsere Schuld wesentlich versclüechtert haben. Darum müssen wir unsere Fehler zu erkennen trachten und das Werk der Emanzipation, dort wo es unterbrochen wurde, wieder aufnehmen und zu Ende führen. (Fortsetzung folgt) j Schulrat Prof. Dr. H. Pollak | Ein Gedenkblatt von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. »■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■maHM Jüdische und hebräische Grammophonplatten in großer Auswahl sowie andere erstklassige elektrisch aufgenommene Platten in klassischer und moderner Musik, ferner Grammophon- und Radioapparate aller führenden Weltmarken und in jeder Preislage auch gegen Monatsraten erhältlich, im Musikhaus LEO TUBLIN fnfnslkDnlo» ) Wien L, Jasomirgottstraße 6. Verzeichnis kostenlos. Eine edle Seele hat heimgefunden und zudem ein Mann, der bei aller ihm innewohnenden Bescheidenheit mit den Worten des Wochenabschnittes von sich sagen durfte, daß er „auf der Höhe stand und den Stab Gottes in der Hand hielt" und daher es als Mensch, Jugendbildner und Kanzelredner verdient, daß die Erinnerung an ihn fürsorglich festgehalten werde. Von seiner persönlichen Herzensgüte, treuen Freundschaft und Gesinnungsreinheit hier zu sprechen, erübrigt sich wohl angesichts all jener, die ihm nahegestanden und von Mund zu Mund jetzt darüber berichten. Als viel notwendiger erweist es sich aber, seinen Werdegang und vor allem die Quellen aufzuweisen, aus denen sein vortreffliches Wirken als Lehrer und Prediger hervorging, um so den richtigen Gesichtspunkt für seine Beurteilung und wenn möglich für die Zeichnung des Vorbildes für die nachstrebenden jungen Kräfte zu finden. Professor Dr. Pollak war mit dem ganzen vielseitigen Rüstzeug ausgestattet, das für seine beiden Berufe als unerläßlich sich erwies. Zunächst war es die Bildung der Mittelschule, die er in Kremsier (mit Auszeichnung) absolvierte. Das war das Primäre. Auf dieser von ihm erworbenen wohlfundierten Grundlage baute er bald an der Wiener Universität sein historisches und philosophisches Wissen auf. Die Vorlesungen von Härtel, Schenkel, Hirschfeld und Gomperz formten den strebsamen Jüngling aus der Provinz zu einem Adepten der humanistischen Bildung. Er stand auf der Höhe. Und wie erst, da sich dazu der Gottesstab gesellte, von seinem Vater erhalten, der zuerst Rabbiner in Holleschau gewesen ist, um sodann Mitglied des Rabbinatskollegiums in Wien zu werden. Professor Pollak hatte als Lehrer, Exhortant und Kanzelredner (in den letzten zwei Jahrzehnten im Gotteshause des III. Bezirkes, Untere Viaduktgasse) eine flüssige, fast übersprudelnde Diktion, die auch schriftstellerisch in der von ihm durchgeführten Bearbeitung der Geschichtsbücher Gerson Wolfs zum Vorschein kam. Seine ars docendi und dicendi war bedeutungsvoll. Das Wort formte sich ihm von selbst auf den Lippen. Und wenn er hiebei trotzdem jener Gefahr der Seichtheit entging, so hatte er dies dem Schwergewichte des Verständnisses der Midraschim — ein väterliches Erbe — zu verdanken, die er zielbewußt zu verwenden wußte. Denn nicht die bloße Anführung des Midrasch — wie nicht selten irrig angenommen wird —, sondern erst das Erfassen und Erschließen des in diesem oft tief verborgenen haggadistischen Sinnes macht den inneren Wert der Kanzelrede aus und ist für diese hauptsächlich entscheidend. Bekanntlich bilden die Midraschim Trümmer unzähliger alter Daraschot, d. h. Predigten. So mancher greift wahllos hinein und holt ungeschliffene Edelsteine heraus, nicht selten taubes Gestein. Heinrich Pollaks geistiges Auge war im väterlichen Hause geschärft worden, und darum glänzten und glitzerten seine Deutungen der Midraschstellen, so daß die Zuhörer immer Verlangen trugen, noch mehr von ihm mit diesen beschenkt zu werden. Ein Ausspruch unserer Weisen lautet: Drei Namen führt jeder Mensch. Den ersten erhält er von den Eltern, den zweiten legen ihm die Mitmenschen bei, den dritten trägt ersieh selber in das Buch ein. Schulrat Dr. Pollak wird mit allen drei Namen fortleben: als würc'iier Rabbinersohn, als herzensguter Jugend- und Menschenfreund, namentlich aber als vorzüglicher Prediger, der rhetorisch wie inhaltlich auf der Höhe stand, und „in dessen Mund die wahre Lehre gewesen ist". Am 22. d. M. fand das Leichenbegängnis des Herrn Schulrates Dr. Heinrich Pollak statt Schon im Trauerhause hatten sich zahlreiche Leidtragende sowie eine Deputation des Tempelvorstandes des III. Bezirkes eingefunden. Kantor Kunstadt rezitierte ergreifend die Trauergesänge und der Bruder des Verewigten, Herr Nathan Pollak, nahm schmerzbewegt von dem teuren Verblichenen Abschied. Hierauf wurde die Leiche in den Tempel, III., Untere Viaduktgasse 13, gebracht, wo Schulrat Prof. Dr. H. P o 11 a k s. A. mehr als ein Jahrzehnt verdienstvoll gewirkt hatte. In dem Tempel war eine ansehnliche Trauergemeinde versammelt Man bemerkte u. a. den Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. J. Ornstein, Herrn Kultusvorsteher Dr. Ehrlich und Herrn Amtsdirektor Reg.-Rat VORNEHME FAMILIENPENSION g vormals Dr. GRÜNBERG g IAM SEMMERINGl! HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) m Mäßige Preise (Zimmer mit Pension von S12.— g aufw.) / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im §§ Hause / Besitzer: ECKSTEIN / Telephon: M Semmering Nr. 11 ü I Fließendes Warm-nnd Kalt- ■wasser in jedem Zimmer iiiiiiiiiiiiöiniiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiuyiiiyiiiiiii ~ ftSgäffl vi^iiiiii^ä. Q. Fuchsgelb in Vertretung der Kultusgemeinde, den Gesamtvörstand des Tempelvereines wie auch Abordnungen zahlreicher anderer Tempel- und Bethausvereine, eine starke Deputation der „Union deutschösterreichischer Juden", der der Verblichene stets nahegestanden war, Rabbiner und Religionsprofessoren und zahlreiche Schüler und Freunde des Verewigten u. v. a. Nach dem ergreifenden Schiwissi des Herrn Oberkantor Lewi, begleitet von einem starken Chor, trat der Obmann des Tempelvereines, Herr Dr. Auerbach, zur Bahre und würdigte in einer vom Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Rede die großen Verdienste des Heimgegangenen. Schulrat Pollak, versicherte der Trauerredner, war das Symbol von Pflichteifer und Herzensgüte und der Bethausverein, dem er so treu zugetan war, wird ihm ein dauerndes, ehrendes Angedenken bewahren. Auch auf dem Friedhofe war die Zahl der Leidtragenden eine sehr große, ein Beweis für die hervorragende Beliebtheit, der sich Schulrat Pollak stets mit Recht erfreuen konnte. Außer vielen, die die Leiche von der Unteren Viaduktgasse bis auf den Friedhof begleitet hatten, war dort noch eine weitere Vertretung der Kultusgemeinde, geführt vom Präsidenten Prof. Dr. A. Pick und Vizepräsidenten Dr. J. Ornstein erschienen, der zahlreiche Gemeindebeamte und Funktionäre des Schulamtes angehörten. Man sah ferner die Rabbiner Dr. J. M. Bach, Dr. M. G. Mehrer, Dr. M. Rosenmann und Dr. J. Taglicht, den Präsidenten des Bethausvorstandes Dr. 12. Münz, zahlreiche Kantoren u. v. a. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. A. Feuchtwang, der die glückliche Natur des Dahingegangenen schilderte, dem auch vom Schicksal ein sanftes Ende zuteil wurde. Nachdem noch Prof. Dr. A. Pick namens der Gemeinde, Prof. Dr. Bronn er namens des Lehrkörpers des Maximilian-Gymnasiums, Prof. Dr. Papo namens des Verbandes jüdischer Religionsprofessoren und Ing. Hugo Koditschek namens der Schüler des Verewigten herzliche Abschiedsreden gehalten hatten, wurde der Sarg zu dem von der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe geleitet wo Herr Oberkantor L e v i, der unter Assistenz des Herrn I. Kantors Leo Funke auch auf dem Friedhof die Funktion innehatte, das El Mole Rachamim ergreifend rezitierte. Tief bewegt verließ die Trauergemeinde den Friedhot auf dem nun ein wahrhaft frommer und guter Mensch bestattet liegt. Ehre seinem Andenken! Litauen bedroht die Existenz tausender Juden. Der Gouverneur von Stadt und Distrikt K o w n o hat folgende Verordnung erlassen: Das Staatsamt für den Schutz der Staatsbürger hat angekündigt, daß vom 1. Jänner 1932 an keinerlei Arbeitsbewilligungen für Ausländer mehr ausgegeben werden. Auf Grund dieser Ankündigung gebe ich allen Ausländern in Stadt und Distrikt Kowno bekannt, daß ich alle Unternehmer dieses Gebietes aufgefordert habe, bis zum 1. Jänner 1932 die in ihren Betrieben beschäftigten Ausländer durch litauische Staatsbürger zu ersetzen. Im Hinblick auf die Gefahr, die diese Verordnung für die jüdische Bevölkerung Litauens bedeutet, haben die Führer des litauischen Judentums einen Hilferuf an die Weltjudenheit gerichtet In dem Aufruf wird darauf hingewiesen, daß tausende jüdische Besitzer von Nansen-Pässen vor der Gefahr stehen, ihre Existenz zu verlieren. In einem Interview erklärte der Leiter des Kownoer Polizeidepartements M. Nawakas, die offizielle Ankündigung sei in der Presse nicht richtig wiedergegeben worden. Es sei die Absicht der ^ata^mm^mmmaBHm^mmm^mBmMmmBmtm^ I JÄTOZIOTLDCIHITI RESIDENZ COLUMBIA MAUNA** FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN ll.t TABORSTJIÄSSE 22 TELEPHON R 40-6-14 GARANTIERT UNUNTERBROCHENE m BRENNDAUER 30 STUNDEN EJ t» Regierung, die Anstellung neu eingewanderter, nicht aber solcher Ausländer zu verhindern, die seit langer Zeit im Lande ansässig sind. Diese Erklärung hat keine Beruhigung innerhalb der jüdischen Bevölkerung bewirkt. In jüdischen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Behörden, falls die Verordnung nicht vollständig zurückgezogen werden sollte, sich bei der Durchführung der Verordnung an den Ausdruck „Ausländer" in seinem weitesten Sinne halten und tausende von Menschen, nur weil diese nicht in der Lage sind, ihren Anspruch auf die litauische Staatsbürgerschaft formal nachzuweisen, ihrer Existenz berauben werden. Die Polizei hat bereits begonnen, ausländischen Juden Reverse darüber abzuverlangen, daß sie sich ab 1. Jänner 1932 um keine Stellung bewerben werden. Der größte Teil der von der Verordnung betroffenen Juden läßt sich in drei Kategorien einteilen: 1. solche, die Wilna mit der litauischen Armee verlasseh haben, als Polen im Jahre 1920 vom Wilnaer Distrikt Besitz ergriff; 2. solche, die während des Krieges von der russischen Armee aus dem Kriegsgebiet, zu dem das jetzige Litauen gehörte, vertrieben worden" waren, und 3. Staatenlose, die während der letzten zehn Jahre in Litauen gelebt haben, aber keinen Nachweis ihrer früheren Staatsbürgerschaft erbringen können. All diese Juden betrachten sich als L i t a u e r, da sie keine andere Heimat besitzen. Maßgebende Persönlichkeiten des litauischen Judentums sind der Ansicht, daß es nur eine Lösung dieses Problems geben kann: Man müßte die Regierung dazu bewegen, allen jüdischen Ausländern, die lange genug in Litauen gelebt haben, um Anspruch auf Naturalisa-