Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 setzt. Rohling verschwand von der Bildfläche. Er lebte eine Zeitlang in Qörz, später in Baden bei Wien und wohnte bis zu seinem Tode in Salzburg, wo er gänzlich vergessen gestorben ist. Erst kürzlich wurde Aug ast Rohlings Name wieder genannt. Professor Theodor Nöldeke. der in hervorragender Weise dazu beigetragen hat, Rohlings antisemitische Blutmärchen zu zerstreuen, ist seinem Widersacher vor ungefähr Monatsfrist im Tode vorangegangen. Damals erschien in einer Wiener Tageszeitung ein ausführliches Gespräch unseres Mitarbeiters Chaim Bloch mit Professor Rohling. Rohling wandte sich in diesem Gespräche sehr scharf gegen den Rassenantisemitismus, erklärte, daß es nie seine Absicht gewesen, Feindschaft gegen die Juden zu verbreiten. ..Nie habe ich die j uden gehaßt, nie gegen sie Feindschaft erregen wollen", rief Rohling mit erhobener Stimme im Laufe des Gespräches aus. Was er gehaßt habe, sei der Irrtum gewesen, dem die Juden seiner Ansicht nach verfallen sind, daß sie nämlich die katholische Lehre nicht anerkennen wollen. Als ihm Chaim Bloch energisch zusetzte, erklärte er verlegen: „Ich habe nie behauptet, daß die Juden den Blutgebrauch üben, sondern daß es eine jüdische Sekte, Chassidim benannt, gibt, die dem Christenmord huldigt." Chaim Bloch widersprach natürlich auch dieser Ansicht des, wie es scheint, irregeleiteten Judenhassers. Rohling hat in seinem Bestreben, dem katholischen Glauben zu dienen, die Rolle eines Großinquisitors angenommen. Er hat diese Verirrung schwer büßen müssen. Nie hätte er in seiner Glanzzeit an ein solch unrühmliches Ende denken können. ■ BehOtdl. autor. HäuseradmiBistration I ADOLF KRALL j IV., Schleifmühlgasse 11 I Talapnon S 28-1-4S | empfiehlt sich zur Ober- : nähme von Verwaltungen j Erstklassige Referenzen Die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in Oesterreich. Von Dr. phil. et rer. pol Wollte ich nach der sozialwissenschaftlichen Methode, wie sie in wissenschaftlichen Darstellungen dieser Art üblich ist, vorgehen, dann müßte ich zunächst das Problem Oesterreich in seiner ganzen nationalen, politischen und wirtschaftlichen Tragweite aufrollen, sodann den Tatsachenkomplex, den wir als Wirtschaftskrise bezeichnen, in seiner ganzen Vielseitigkeit enthüllen und schließlich jenen Berg von Mißverständnissen hinwegräumen, den Antisemiten und Jüdischnationale in gemeinsamer Arbeit zusammengetragen haben, und den man mit dem Schlagwort „Judenfrage" bezeichnet. Was insbesonders den letzten Punkt anbelangt, so will ich kurz meine Stellungnahme hiezu präzisieren: Für mich ist das Judentum weder ein Problem noch überhaupt eine Frage, sondern ein Erlebnistatbestand, eine seelische und geistige Haltung, die in einer besonderen Art der Einstellung zu Gott und den Mitmenschen zum Ausdrucke kommt. Aber auch objektiv gesehen ist das Judentum nur ein Problem für unzivilisierte Völker und innerhalb der zivilisierten für jene Volksteile, deren Zivilisation eine geringe ist. Ich möchte daher alle methodologischen Erörterungen und spitzfindigen Untersuchungen über das, was man unter „Judentum" versteht, beiseite lassen und gleich in media.s res übergehen. Die Republik Oesterreich hat einen Flächenraum von 83.833 Quadratkilometern und eine Bevölkerungszahl von 6,535.363 Menschen. Hievon sind rund 230.000 Seelen, von denen sich rund 200.000 in Wien aufhalten, Angehörige der jüdimüssen unsere eigenen Kräfte anspannen, um jene Höhe zu gewinnen, auf der man Gefährte des lieben Gottes wird. Noch sind die Häuser der unvergessenen Kinderfeste vor äußerster Not geschützt, aber schon pocht die Sorge an Tür und Tor. Wir wollen den Eingang bewachen. Ihr Väter und Mütter, denen die Vorsehung gestattet, die Kinder ihres Herzens daheim zu erziehen, opfert den Schützlingen Gottes eine kleine Gabe! Hart greift nach uns allen die Sorge des Tages, der Jude ist das erste Opfer jeder Krise. Und doch steuern wir den Bedürftigen reicher als die Mehrheit. Eines ist unser Erbe wie das andere, unser ist die Erfahrung schwerster Leiden, steter Verfolgungen und wir haben das Prinzip menschlicher Solidarität in die Welt gebracht. Es soll in unserer Gemeinschaft lebendig bleiben. Vor den Toren unserer Anstalten stehen Mütter bangen Herzens und warten, warten und harren der Stunde, da die Gaben reichlicher fließen, die ihren Kindern ein warmes Bett sichern, würdige Kleider, ein wenig Behagen. Helfet den jüdischen Waisenhäusern XIX., Probusgasse und XIX., Ruthgasse! Waisenhaus — das Wort kältet das Herz. Die Kinder dieser Heime jedoch erfahren wärmende Fürsorge weit ins Leben hinaus. Gar manche der Pfleglinge kommen die Feste, die hohen Feiertage mitzufeiern, andere tragen ihre Sorgen in das Haus ihrer Kindheit, wo sie steter Teilnahme froh werden. Das gesteigerte soziale Empfinden unserer Zeit will keine Almosen, es erwartet gerechte Hilfe. Diese Empfindung war in Israel schon vor Jahrtausenden lebendig, unser alter Wortschatz gebraucht die Bezeichnung Almosen nicht. Wohltun wird „Gerechtigkeit" genannt, Zedakah. Wir bitten um Gerechtigkeit für die Waisen in Israel. Wer diese übt, rückt in die Nähe Gottes, er teilt seine Herrlichkeit als Vater aller Waisen. Talpioth-Jerusalem, im Dezember 1930. Heinrich York-Steiner. . Franz Josef Weiß. schenReligionsgemeinschalt. Da Wien einen Flächeninhalt von 278 Quadratkilometern besitzt, so drängen sich 87 Prozent der jüdischen Bevölkerung unserer Republik auf dem schmalen Raum von Vs Prozent des Gesamtflächenraumes Oesterreichs zusammen: Während in Wien 10.80 Prozent Juden leben, sind auf dem flachen Land 0.64 Prozent der Bevölkerung Juden und diese wohnen zum überwiegenden Teil in den Provinzhauptstädten und größeren Provinzorten, wie Wr.-Neustadt, St. Pölten, Linz, Graz etc. Oesterreich ist demnach ein außerordentlich judenarmes Land mit einer Hauptstadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil in gar keinem Verhältnis zu dem jüdischen Bevölkerungsanteil der Gesamtbevölkerung Oesterreichs steht und deren Mißverhältnis zu dem des flachen Landes in die Augen springt. Ja selbst in Wien drängt sich die jüdische Bevölkerung, wie ja bekannt ist, auf wenige Bezirke zusammen, so daß im 1., 2., 9., 20. Bezirk mehr Juden wohnen als in allen übrigen 17 Bezirken zusammen. Aus diesen Zahlen, die die räumliche Verteilung der Juden in Oesterreich zeigen, lassen sich bereits Schlüsse auf ihre soziale Gliederung ziehen. Zunächst muß die außerordentlich ungleichmäßige Durchdringung der Gesamtbevölkerung festgestellt werden, indem das Land und die Landstädte fast keine Juden haben, während in Wien eine Uebersättigung an Juden herrscht. Diese Erscheinung bietet für die jüdische Bevölkerung Oesterreichs mannigfache Gefahren und Uebelstände. Zunächst in bevölkerungspolitischer Hinsicht. Für jede Großstadt ist das flache Land die Quelle der Verjüngung, aus der sie immer wieder frische Kräfte zu schöpfen in der Lage ist, wenn die eigenen infolge der typischen städtischen Degeneration nachlassen. Was für Wien das flache Land bedeutete, das waren für die Wiener Juden die jüdische Dorfbevölkerung Böhmens, Mährens und Ungarns, deren ungebrochene Kraft, Ausdauer, Fleiß, Zähigkeit, Familiensinn und Glaubenstreue vor dem Kriege ein unerschöpfliches Reservoir der körperlichen und seelischen Erneuerung bildete. Der Krieg hatte nicht nur eine plötzliche und große Zuwanderung von Juden aus dem Osten, vor allem aus Galizien und der Bukowina mit sich gebracht, deren organische Eingliederung in die Wiener jüdische Glaubensgemeinschaft viel schwieriger war als die der Juden aus Ungarn und den Sudetenländern, sondern auch den Zustrom aus diesen Ländern fast ganz unterbunden. Die Folge hievon war nicht nur eine zunehmende Inhomogenität, sondern in mancher Hinsicht auch eine Zurückdrängung der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung Wiens durch eine nicht mit dem Boden verwurzelte, aber trotz aller Entbehrungen in ihrer Lebenskraft ungebrochene, in sich mehr oder weniger abgeschlossene jüdische Bevölkerungsschichte, deren außerordentlich bescheidene Lebensansprüche und kulturelle Eigenart im Gegensatz stand zu dem gehobenen Lebensstandard und der vollständigen kulturellen Assimilation der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung Wiens. Die Beraubung ihrer landschaftlichen Grundlage und die großstädtische Isolierung hatte für die Wiener jüdische Bevölkerung recht böse Folgen, insofern als das Gegengewicht gegen die großstädtische Degeneration verloren gegangen war. Bei den Reichen und den Bessersituierten innerhalb der Mittelschicht führte die Sucht nach Wohlleben und Lebensgenuß, die kulturelle Ueberfeinerung und immer stärkere religiöse Gleichgültigkeit zu Abfall, Taufe, Mischehen, sterilen Ehen und Ehelosigkeit, wodurch die Zahl der auf 1000 Seelen entfallenden Geburten von 22,17 im Jahre 1900 auf 13,93 im Jahre 1924 herabsank gegenüber 16,10 der nichtjüdischen Wiener Bevölkerung. Da sich in diesem Zeitraum die Zahl der Todesfälle von 13,4 auf 14,8 vermehrt hat, hat sich der Geburtenüberschuß» von rund 10 pro 1000 jüdische Seelen im Jahre 1900 in ein Geburtenpassivum von 1 im Jahre 1924 verwandelt. Zieht man aber den durchschnittlichen Geburtenüberschuß der ostjüdischen Bevölkerung in Rechnung, dann ist wohl anzunehmen, daß der Grad des Geburtenpassivums der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung Wiens ein noch viel erschreckenderes Ausmaß erreichen dürfte. Bei den minderbemittelten Schichten des jüdischen Mittelstandes, die ebenso wie die. jüdische Arbeiterschaft immer mehr proletarisiert werden, ist es die furchtbare Not der Zeit und die Unmöglichkeit, einen Hausstand zu gründen und Kinder aufzuziehen, welche in viel höherem Maße zu gewollter Geburtenbeschränkung, ja vollständiger Naciikommenlosigkeit führt als bei der weniger Wirtschaftlich denkenden nichtjüdischen Bevölkerung. Das Heiratsalter, besonders aber das der Erstgebärenden ist bei den Juden ein viel höheres, während die „mittlere Lebenserwartung", wie es in der Versicherungsmathematik heißt, eine niedrigere ist als bei den Nichtjuden. Hiezu kommt eine gewisse nervöse Entartung, die eine Folge der ungesunden städtischen Lebensweise und der andauernden wirtschaftlichen Sorgen ist, alles typisch städtische Degenerationserscheinungen. Die Gefahr, welche das Fehlen der landschaftlichen Grundlage für die jüdische Bevölkerung Wiens bedeutet, richtig erkannt zu haben, ist unstreitig ein Verdienst des Zionismus und das Schlagwort „Volk ohne Land", das von ihm geprägt wurde, hat gewiß seine Richtigkeit. Der Weg jedoch, den die Zionisten eingeschlagen haben, ist gerade der verkehrte gewesen. Statt die Juden inniger mit der lebens- und kraftspendenden Scholle zu verwurzeln, haben sie sie entwurzelt, sie ihrer alten Heimat entfremdet, ohne ihnen eine neue hiefür bieten zu können, sie haben sie zu einem Spielball politischer Intrigen gemacht und zu einem Werkzeug der imperialistischen Bestrebungen Englands, das nun gerne die Geister, die es rief, wieder los werden möchte Hiedurch hat der jüdische Nationalismus und der Zionismus unermeßliches Elend über zahlreiche Glaubensgenossen gebracht und das Judentum in seiner Gesamtheit schwer geschädigt. Statt aus der Erkenntnis der Gefahr, welche die Loslösung des Judentums von der Scholle bedeutet, die einzig richtige Konsequenz zu ziehen, die darin besteht, das Werk der Emanzipation geradewegs zu Ende zu führen und den politisch emanzipierten Juden auch Anteil an der Scholle ihres Heimatlandes zu verschaffen, haben sie den umgekehrten Weg gewählt und hiedurch das Werk der Emanzipation, das wir unseren Vätern verdanken, umgebogen und rückgebildet. Wir österreichischen Juden sind kein „Volk ohne Land". Unser Heimatland — das kann nicht oft genug und deutlich genug gesagt werden — ist Oesterreich. Wir lieben dieses schöne Land, wir lieben es genau so wie unsere nichtjüdischen Mitbürger. Wir kennen keine andere Heimat und verabscheuen jenes Spiel mit der doppelten Heimat ebenso wie das mit der doppelten Volkszugehörigkeit, das uns bereits so viel Schaden gebracht hat. Viele unserer Glaubensgenossen haben die Liebe zur Heimat mit dem Heldentode bezahlen müssen, unsere Väter und wir haben mitgearbeitet an dem kulturellen und wirtschaftlichen Aufbau unseres Vaterlandes. Wir haben daher nicht nur ein staatsbürgerlich gewährleistetes, sondern auch ein moralisches Recht auf unser Vaterland und. lassen uns dieses weder durch Zionisten noch durch Antisemiten rauben.